Naturglück

Das Leben wuchert in vollsten Farben. Grün, grün und nochmal grün. Durchsetzt mit bunten Farbklecksen. Am meisten knallt das Ultramarinblau des Rittersporns. Dem Blau der Tiefe und Weite des Meeres. Nicht einmal Yves Klein hätte es so hinbekommen. Da hilft aller Verstand, welcher den Menschen gegeben sein soll, nichts. Die Natur ist das Glück in sich selber. Was hat angesichts dessen all das Werkeln, Tun und Schaffen für einen Sinn? Welt, Natur bahnt sich immer wieder einen Weg. An den verwunderlichsten Orten, auf die verwunderlichsten Weisen. Wie die Fledermäuse, die in einer lauen Junidämmerung in waghalsigen Manövern lautlos und geheimisvoll durch den Himmel gleiten.

Natur wuchert überall. Sie benötigt keine Menschen.


Dem Homo Sapiens, der immer so schlau tut, hat nur eine Möglichkeit: Sich seiner Naturhaftigkeit zu besinnen, dieser gewahr zu werden. Demütig realisieren, dass alles wunderbar vergänglich ist. Sicherlich, ein Individuum überlebt mit hoher Sicherheit die Blüte des Rittersporns, der schon im Spätsommer verblüht sein wird. Ein Vergehen im Werden. Wunderbare Welt. Jedes Einzelding, jedes Wesen zählt und zugleich nicht. Nur der Mensch sieht sich gerne einzigartig, individuell. Gefangen in seinem verzerrten Selbstbild, durchdrungen von Nöten und Ängsten. Natur ist. Sie wird auch sein, wenn wir alle wieder zu Erde geworden sind.
Die Welt, unsere Existenz ist Krise und Hoffnung zugleich. Ich wünsche all den Soldaten in den Schützengräben, all den Hungernden, all den gepeinigten und auch all den fettgefressenen Menschen in ihren Villen und Jachten, dass sie das Glück und die Fähigkeit haben das Blau des Rittersporn betrachten zu können. Im Moment.

Wut und Utopie

In einem Gespräch habe ich viel Wut gespürt. In den Worten, Gesten und Blicken versuchte sie zu mir herüberzukriechen. Sie war nicht laut, aber vorhanden. Es ging um Politik.
Ich bemerkte, dass ich den meisten Ärger empfinde, wenn sich ebendiese Wut ihren Weg durch die Eingeweide zum Hirn bahnt. Laute Wut um einen herum ist zumeist recht einfach zu vermeiden. Weg gehen, ausschalten, ignorieren oder ruhig atmen. Wenn mir diese, zumeist politische, militante Wut, die oft ruhig daherkommt begegnet, hilft neutrales Betrachten. Bevor die dunklen, aufsteigenden Wolken drohen zu Hass zu werden. Es ist nicht schwer ruhige Position dagegen beziehen, gestützt – vom Atem. Begreifen, dass diese Wut aus Leid entsteht, schlechten Erfahrungen und anderen Ungleichgewichten in den Menschen. Reden hilft auch. Ruhig bleiben, zuhören, die Wut aufnehmen, einmal kreisen lassen, spalten. So besteht zumindest die momentane Möglichkeit, sie im Jetzt verpuffen zu lassen. Eine schwere Übung, eine gute Übung. Fällt mit zunehmender Praxis immer leichter.
Auch die Wut in mir ist an sich recht einfach zu besiegen. Speziell, wenn der Körper nervt. Ich muss sie nur erkennen. Am besten in ihren Ursprüngen. Diese Wut ist wie ein Schnupfen. Desto leichter und unscheinbarer sie sich einschleicht, desto besser zu kurieren. Vielleicht spontan in einem kontrollierten Schrei. Konzentrierter Atem, der die Spannung bricht, dem Entspannung folgt. Totale Entspannung ist jedoch Illusion. Es geht darum, in einen guten Rhythmus einzutreten, im Jetzt zufrieden zu sein.
Kern ist, die Herkunft jeglichen Unwohlseins zu ergründen. Dies bedarf viel Übung, Konzentration und Willenskraft. Auch Musik machen, Schreiben, Sport etc. sind Möglichkeiten Emotionen, speziell die Negativen zu untersuchen; sie abzuladen, durch sie hindurch zu gehen. Wie schön ist es im Jetzt zu sein, einfach zu gehen, zu schauen, da zu sein. Utopia Now. Ohne Wut, Hass, Neid, Begehren und all dem Plumquatsch dunkler Wolken im Geist. Wenn ich dies schaffe, lebe ich in einer realen Utopie. Wo auch immer ich bin.
Mit Wut und Hass – gerade der Wütenden und Militanten – wird jede Utopie dunkel und trübe. Das zeigt leider die Geschichte – gerade der emanzipatorischen Bewegungen.

Einfach tun

Pflanzen wachsen einfach… Erneut driften meine Gedanken durch die Welt der Worte. Tun – ohne zu tun, während das Auge über das sommerlich satte Grün schweift. Dann die Frage. Was ist der Unterschied zwischen Handeln und Tun?
Tun ist das ältere Wort, kommt aus dem Mittelhochdeutschen. Es bedeutet laut Kluges etymologischen Lexikon „setze, tue“. Benennt also alles, inklusive „nix tun“. Alle Tuwörter, also Verben. Im 14. Jahrhundert wurde es zunehmend vom Wort „machen“ abgelöst, das sich viel aktiver und mächtiger anfühlt. „Tun“ lebte aber weiter. Im Englischen „to do“ stärker als im Deutschen.
Auch das Tuwort „handeln“ hat einen mittelhochdeutschen Ursprung und bedeutet ursprünglich, wie sollte es anders sein, „mit Händen fassen, bearbeiten“. Ein sinnlicher Ursprung. Etwas selber tun, sich durch die Tätigkeit feststellen. Im Tun versinken. Im Handeln zu versinken ist da schon schwieriger. Denn mit dem „Machen“ dringt das Zielgerichtete noch brutaler in den Begriff ein, als es schon vorhanden war. Und die Macht. Weit weg, vom einfachen setzen und – nichts tun. Es sei denn, ich ziehe mich in mein eigenstes, nicht zielgerichtetes tun ohne zu tun zurück.
Noch schlimmer im Kontext ist das mitschwingende Ökonomische, das Handeln in wirtschaftlichen Beziehungen. Es will unser heutiges „Tun“ bestimmen. Durchdrungen von den Machtstrukturen und ihren Zielen.
Beide treffen sich im Begriff „to act“, was ein aktives Tun oder Handeln bezeichnet. Eine Aktion, die aus dem „Inneren“ kommt. Eine Aktion die Handlungsbefähigung, also „agency“ benötigt.
Die Gedanken driften weiter. Tun, was sie tun. Die Augen warten auf die Sonne.