Werden – Vergehen

„Die Meisterin des Lebens – nicht zu fassen und dennoch immer da!“ Schießt es durch meinen Kopf.
Kraftvoll sprießt das Grün, ein heller, weicher Flaum umhüllt eben noch karge Äste. Leuchtend blüht der Kirschbaum, den ich vor 17 Jahren gepflanzt habe. Die japanische Kirsche um die Ecke schüttelt die welken Reste der jetzt schon vergangenen Pracht ab. Sanft sinkt sie in den feuchten Boden. Braun und verschrumpelt löst sich das vorab so prächtig strahlende hellrosa auf. Frischer Humus. Kleine Blättchen sprießen zaghaft an den erneut kahlen Ästen. Wachsen, gedeihen. Werden und Vergehen im gleichen Moment. Die Kraft der Natur.
Ein Mann schiebt geduldig seine Frau in das wohlige Heim. Sie ist seit kurzem an den Rollstuhl gebannt. Ich denke: „Welch ein Glück, dass ich aufstehen kann“ – noch. Mein Atem kommt und geht, meine Beine tun ihren Dienst. Werden und Vergehen, das ist die Welt. Wir können diesem Fortschreiten der Zeit nichts entgegensetzen. Wozu? Der Moment zählt. Morgen wird der Kirschbaum erneut in sattem Grün in der Frühjahrssonne erstrahlen. Frischer als in der abendlich-heimeligen grauen Dämmerung. Dann bin ich wieder einen Tag älter. Die Sonne wärmt zaghaft.

„No Future“ – Now!

In meinem Inneren gefangen schleiche ich müde aus der U-Bahn. Dem Tross der arbeitsträgen und konsumverbrauchten Menschen folgend. Im Rhythmus der Wohlstandsmaschine. Wieder und wieder dreht sich das leere Rad. Dennoch… ich halte mich aufrecht, um nicht völlig vom Moloch des stetig ratternden Produktionsbandes absorbiert zu werden.
Dann, mein Blick schweift offen umher; ein Plakat. Es drängt sich unvermittelt auf. Zerreißt den träge gleitenden Gedankenstrom. Paul Weller. Es durchblitzt meine watteweich träumenden Gedanken. „Mann ist der alt geworden“. Wild assoziierend rattern weitere Bilder wie eine Diashow über die Leinwand meines inneren Auges. Iggy Pop. Hugh Cornwell, Tony Iommy, Nick Mason… Alte Heroen mit zerlebten Gesichtern. Dennoch voller Kraft.
Mein Geist ist klar. Ich falle aus der Masse, bin bei mir. Die Zeit bleibt einen Moment stehen. Sie oszilliert zwischen dem Jetzt auf der Rolltreppe und unscharfen Eindrücken aus der Jugend. Nach wie vor gefangen, ummantelt, eingekesselt von träge vor sich hin hetzenden Menschen. Erinnerungen. Wie oft habe ich „In the City“ gehört. In jungen Jahren, mit mehr Haaren und weniger Falten. Wild aufbrechender Sound der „No Future“, welcher uns aus allen Boxen der Welt scheppernd entgegen dröhnte. Ja, wir sind trotzdem in die Zukunft geglitten, sie ist da. Einige der Heroen zum Teil schon lange nicht mehr. Sie leben durch ihre Musik, im Soundtrack meines Lebens fort. Der innere Walkman. Solange bis ich gehe. Klaus Schulze, Göttsching, Joe Strummer, Lou Reed, David Byron, Richard Wright… Namen, Bilder, Töne bombardieren im Stakkato-Ryhthmus eines Schlagzeugs meine Synapsen. Ich bin da. Habe eine „Future“, sei sie noch so begrenzt.
Zuhause angekommen wühle ich in alten, abgenutzten Platten mit ihren zum Teil welken, rissigen und abgegriffenen Covern. Voller Spuren der verwehten Jahre. Im Jetzt spürt und erlebt mein Herz verflossene Momente. Ich sehe, fühle, rieche und höre sie. Ich genieße das Knacken der Kratzer. Ich bin da. „Future Now!“.

Sonnenliebe

Ist es die wärmende Sonne, die weiche Luft, sind es die sprießenden Knospen, die zarten Blättchen, der Geruch nach Aufbruch und Entwicklung? Ich sitze. Voller Kraft durchzieht meinen Körper dies wohliges Gefühl. Wie ein sanfter, warmer Windhauch. Es ist kaum zu benennen. Später, ich denke darüber nach, schwirren etliche Namen durch den erwärmten Geist. Platon nannte es „agape“ (ἀγάπη), dass gerne mit wohlwollender Liebe übersetzt wird. Ist es das? Ist es die Allverbundenheit der „liebenden Güte“ (maitri oder metta), wie sie der Buddhismus bezeichnet, die ich gespürt habe? Wie ein im Sonnenlicht seidenglänzend, verwundener Strang aus schimmernden Fäden durchflutete sie mich. Verknüpfte mich über unendlich viele fein leuchtende Pfade mit der Welt. Das Allganze strahlte freundschaftlich, vertraut. Verdrängte den Winter grauer oder gar dunkler Gefühle und Gedanken. Die Präsenz, das Sein in seiner heimeligen Ganzheit, ist einfach nur da. Wie herrlich.
Aus einer derartigen Empfindung wächst wahre Verbundenheit mit allen Wesenheiten und Dingen. Das funkelnde wohlige Leuchten einer verquirlt-verwobenen Welt. Am stärksten im Energiezentrum unter dem Nabel präsent. Es lässt wärmendes Ki strömen, verteilt es bin in die letzte Faser des Körpers. Diese indifferente, nicht fassbare Stimmung lässt Frieden, das Schöne, das Gute im einfachsten Da-Sein gedeihen, sich verbinden, ganz werden. Beziehung.
Dieses Gefühl kann sich, Platon erneut folgend, zu freundschaftlicher Liebe, philia (φιλία) oder gar zur erotischer Liebe (éρως) mit ihrer erhebenden und zugleich blendenden „Verknalltheit“ entwickeln. Doch sowohl Philia als auch Eros tragen, desto mehr sie sich von der liebenden Güte, Agape entfernen, eine dunkle Schwere in sich. Sie fokussieren auf das Objekt der Begierde und zerschneiden das allumfassende Geflecht „wahrlich seiender“ Beziehungen. Sie sind Anhaftung in sich. Besitzen und konsumieren wollen, melden sich zu Wort, Gerade der Eros sticht mit seinem Pfeil, verdunkelt den Verstand auf wunderbare weise. Der Stich des Gottes vergiftet die Liebenden mit der Droge der Seinsvergessenheit. Nur das angebetet Wesen wird gesehen, all das Leuchten der Ganzheit ist da. Bis hin zur Selbstvergessenheit, der Selbstverlorenheit des Narziss. Verlorenheit bis in den Tod
Die Philia, wahre Freundschaft ist ein tiefes Gefühl, eine starke Verbindung. Sie gibt Geborgenheit ebenso wie Konfrontation. Speziell mit uns selber. Freunde sind ein Spiegel für uns und unseren Weg, wie es Nietzsche im Zarathustra so treffend formulierte: „In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben“. Freundschaft mit sich, den wahren Freunden und zu allen Wesen, ist die Brücke zwischen der Verlorenheit des Eros und der tiefen Allverbundenheit mit der Welt. Aus der Freundschaft zu sich selber und zu allen Wesen kann bei rechter Anstrengung, Konzentration und Willenskraft wahre Liebe erwachsen, die allumfassende Liebe, die liebende Güte, die eine tiefe Zufriedenheit in uns wachsen lässt. Einen Frieden, der in die Welt ausstrahlt und diese ein kleines Stück schöner macht.

(1) Nietzsche, F. (1883/1885) Also sprach Zarathustra: Vom Freunde