Lernen verlernt

Die Ruhe der langen Weile lässt Raum zum Sinnieren, Lesen und nicht Handeln. Frei denken, wie die wilden Strömungen der Luft, ist anders Tun. In ihm findet sich kein zielgerichtetes, teleologisches, effizientes Schaffen. Es bewegt sich jenseits der Betriebsamkeit einer seinsverlorenen Lohnarbeit; wozu ich meine Lehrtätigkeit zähle. Lang Weile ist bewegende Nicht-Bewegung für den Kopf. Am besten, nachdem der Körper ihn im wahrsten Sinne des Wortes freigeschwommen und leer geatmet hat. Ich meditiere über das wundervolle Buch „Grundlagen der chinesischen Philosophie“, dass mir ein Meiser nahelegte. Welch eine Wonne, welch ein schönes Denken gegen das produktorientierte Ziel- und Gedankengehetze des Alltags. Das vermeintliche Wissen und Expertentum der Arbeitswelt.
Tausendjährige Worte zweier Kuluren treffen aufeinander, heute genauso aktuell wie damals. Kein Staub hat sich an die Zeichen gelegt, die mir glänzend unter der Mittelmeersonne aus den Seiten entgegenspringen: „Fast wie Sokrates die Sophisten rügt er [Zhuang Zi] die zeitgenössischen Experten und beschwört das Ideal: »In den alten Zeiten lernte man, um sich selbst zu vervollkommnen. Heute lernt man, um sich bei den Mitmenschen zu profilieren«. Das muß zuerst wiedergewonnen werden, dieses Wei Ji Zhi Xue (…) – das Lernen, um sich selbst zu vervollkommnen – es ist Xiu Ji (…) – Selbstbildung“ (S. 29)
So wie das Studium aus den Hochschulen verschwunden ist um dümmlichem Gepauke, genormt nach Exceltabellen zu weichen, erwürgt eben dies Expertentum die Lust am Wissen, die Selbstbildung. Eine Vorstellung und Ahnung dessen, was Weisheit sein könnte, wird kaum gedacht. Wie auch, wenn der Denkraum durch Effizienz, nunerische Ziele, lineares Ausgerichtetsein etc. in den dunklen Keller des Vergessens entsorgt wurde.
Für mich ist der Begriff Selbst-Studium genauso wenig vergessen und verstaubt wie die alten Texte. Eher leuchtet er wie der helle Schein des Seins am Horizont. Bei Kong Zi ist dieser Schein die Menschlichkeit „Ren“, im chinesischen immer in Verbindung mit der Sittlichkeit gedacht: „»Yan Yuan (…) fragte nach Ren {…) Der Meister sprach: ‚Sich selbst überwinden und sich nach den Sitten (Li (…)) richten, dadurch schafft man Ren (…). Einen Tag (schon) sich selbst überwinden und sich nach den Sitten richten, und schon würe die ganze Welt menschlich Ren (…). Ren zu bewirken, das hängt von einem selber ab. Sollen es (immer nur) die anderen Menschen bringen?“ (S. 32)
Die Sittlichkeit, Tugenden finden sich nie in den Horten der heutigen Betriebsamkeit, den Schulen, Universitäten und Institutionen; den heutigen Technologien, der heutigen Selbstvergessenheit. Hier herrschen Gesetze zur Profitmaximierung, der Effizienz. Tugenden sollten wir in uns selber finden, gewichten und verwirklichen. Alte und neue Meister sowie eine Gemeinschaft mit Haltung mögen uns auf diesem Pfad geleiten. Zudem die lange Weile, die heute kaum noch jemand erträgt. Was ein Verlust.

Geldsetzer L., Han-ding H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart

Ankommen – immer wieder

Deja Vu wird es oft genannt. Gleicher Ort, gleiche Person, gleiches Ereignis treffen aufeinander. Nur nicht in der gleichen Zeit. Doch was spielt das für eine Rolle? Was zählt ist das „Jetzt“. Das Jetzt ist in Allem, ist immer da und doch nie. Unendlich klein, wie schon Augustinus es beschrieb – zugleich unendlich umfassend. Darum ist es immer neu. Bezogen auf das Ding, das wir „Ich“ nennen. Ein Ding, dass sich in jeder Nanosekunde neu findet, erfindet, konfiguriert. Sich und Welt. Ein huschender Scheinwerfer, der wild zuckend umherstreift. Hier zeigt sich etwas, dort nur fast, hier ein Schatten, dort eine klare Kontur. Kaum erfasst, schon verflüchtigt. Nichts kann er festhalten, nichts kann er zur Gänze ergründen. Immer fehlt etwas – am „Ding an sich“. Doch für uns ist in diesem und jenem Moment voll da, präsent. Die Illusion unseres Ich.
Was solls, ich freue mich. Die Mittelmeersonne strahlt, das Salz prickelt auf der Haut, der weiche Sand und der harte Fels streicheln meine Füße. Die Grillen zirpen, der Geist schweift. Philosophierend lasse ich die Idealisten, Hegel, die alethaia, die ewige Wiederkehr, was immer „da sein mag“ hinter mir und genieße. Den weiten Blick, der sich in der Unendlichkeit verliert, der sich mich verlieren lässt. Dasein, dass wie die heiße Sonne die Glieder und den Geist wärmt. Ich lese über das Denken der chinesischen Meister. Cho-Jie-In. Himmel – Mensch – Erde. In drei Tagen wird der Körper bewegt. Wie vor zwei Jahren und dennoch anders.

Weite


Schweifen. Die Wolken ziehen, der Wind rauscht, alles in Bewegung. Satte Meeresluft in kühler sommerlicher Stimmung, die Sonne versteckt. Die Seele fließt in die Weite, gleitet unbewegt wandernd zu sich selber. Ein Teil von Allem.
Dem Rastlosen entkommen, für einen Moment der trägt. unendliche Verbundenheit mit mir und der Allverbundenheit, dem All, das mich ungibt, in mir ist. Wellen kommen und gehen, werden und lösen sich in der Weite des Meeres auf. Zerfließen, verschwinden hinter dem Horizont. Jetzt schäumen sie sanft auf und tragen den salzigen Geruch in meine Nase. In mein Innerstes. Das Meer bin ich, ich bin das Meer. Der Himmel bin ich, ich bin der Himmel. Die würzige Luft bin ich, ich bin die würzige Luft. Ich bin, ich bin nicht. Einssein.


Masse: Das Kontrastprogramm und doch so gleich. Ich ein Teil der Masse. Wimmelnd angezogen vom Meer. Ich fürchte, dass es genossen wird wie ein Fischbrötchen. Die Schlange an den Fressständen, der Treck entlang des hölzernes Pfades über die sanft schwankenden Gräser. Das geplapper im rauschen des Windes. Die Masse weckt mich, läßt mich wieder zu dem Werden, was ich in der durchschnittlichen Verfallenheit meine zu sein. Einatmen, ausatmen. Bei mir sein, in mich schweifen, Teil der Weite ders Universums. Anatta.