Ende und Anfang

Die Wellen rauschen rhythmisch. Mal im Gleichmaß, selten ein dumpfer, knallender Bass, wenn sie in Felslöchern brechen. Dann die sanften Phasen, das gurgelnde Plätschern des Rückflusses; es klingt wie ein Bach. Unvermittelt trägt der leichte, warme Wind menschliches Geplapper an mein Ohr. Zwischen den Klängen des Meeres und der Luft kaum wahrnehmbar, aber dennoch vorhanden. Wie ein dunkles Zeichen frisst sich die Banalität sinnloser Wortfetzen in die da-seiende, geräuschvolle Kulisse des Meeressaumes, die dem Ohr schmeichelt, die Beruhigung meines ewig schnatternden Geistes fördert.
Wie von Bürokraten in Papier und Tabellen gebrannte Regeln und Gesetzte wird Unnötiges vor sich hingesagt, nur um etwas zu sagen. Es fühlt sich an, als falle der Alltag wie eine Horde gefräßig quiekender Ratten über die bewegte Stille her. Ich nutze den Atem, dem Hin und Her der Wellen folgend. Dann bin ich wieder „da“. Letzte Fragen verdampfen in die Leere. Was interessieren sie mich? Was haben sie mit mir, was mit der Erde, was mit der Welt zu tun? Sie verklingen, ob sie da sind oder nicht.
Ein Jahr Wu Wei, ein Jahr anders tun, ein Jahr nachdenken, ein Jahr in die Präsenz kommen. Ein Jahr ohne Excel-Tabellen, Bürokratie, Labermeetings und Sachzwänge. Mit nur wenig sinnlosem Geplapper. Was eine wunderbare Zeit der Erdung, voller Nähe zur Natur, voller Ruhe und zu-sich-kommen. Nicht denken, einfach denken, konzentriert denken. Nicht nachdenken, jetztdenken. Beziehungen pflegen, Verbundenheit zu lieben Menschen spüren. Welch ein Privileg, dies genießen zu dürfen, ohne wirklichen Verzicht, der dennoch geübt wurde. So voll, so vieles, so viel Leere, für die sonst zu wenig Raum ist.
Jetzt wird dieser Weg für zwei Jahre unterbrochen oder zumindest abgeschwächt. Ich nehme mir vor, ihn dennoch mit Haltung zu beschreiten. 道, – Do. Dazu gehört es, für die Menschen da zu sein, ihnen in ihrer jugendlichen Suche als verlässlicher Partner zur Seite zu stehen. Ich werde versuchen, ein aufmerksam präsenter hin-weisender zu sein, der den eigenen Weg zu finden hilft. Auch meinen – von ihnen lernen. Mehr will ich nicht. Mehr werde ich nicht tun. Wozu auch? Für die Politiker und Bürokraten, die Geldmacher und Spekulanten? Sie verdienen nichts, selbst wenn sie mit Bergen materieller Zeugs gestopft sind. Alles Illusion. Keine Werte. Banal wie das Geplapper am Strand, das nicht „da“ zu sein vermochte. Nur die Leere, das „Nicht“ bleibt. Wir sollten beides üben.
Nicht-Ziel ist es, so wenig wie möglich Teil der Raster und Berechnungen, unter denen Menschen und Natur leiden, zu sein!
Das große „Nein“, das zugleich ein großes „Ja!“ ist: Nein zu den leeren Worten und gedroschenen Phrasen neoliberaler Gesinnung. Das narzisstische Geplapper, welches letztlich nur der ökonomischen Verwertbarkeit dient; die Welt in den Abgrund reißt, Kriege führt…
Das große Ja dazu, wirklichem Sein und Denken Raum zu geben. Zeit leben. Zufrieden zu sein.
Wenn ich über die auf mich zukommenden Hohlheiten nachsinne, wird mir ganz schwummerig. Ich möchte die Insel am liebsten nie mehr verlassen. Trotz des Wissens, dass dieses würgende Netz, welches sich um Welt und Gedanken gelegt zu haben scheint, auch hier seine feinen, scharfen Fäden spinnt.
Nicht die Stellung ist wichtig, es ist die Haltung, die ich ein Jahr üben, entdecken und vertiefen durfte. Ich werde fortfahren und allen, die es hören wollen, gerne mitteilen, was dies für mich bedeutet.

Fest

Nach dem Kloster hört die asphaltierte Straße auf. Der vierradgetriebene Geländewagen, der sonst Weinkisten, Oliven und Material auf und von den Feldern transportiert, steuert souverän über die enge, sandige, steinige Piste. In dieser und jener Serpentine hat so mancher Sturzregen seine Spuren hinterlassen. Durch Kurven, mit kurzem Gruß und ein paar Worten zum gelassenen Schäfer an der improvisierten Hütte vorbei, geht es hinunter in das tiefe Tal. Hier und dort klettern Ziegen in den steilen Hängen oder chillen im Schatten. Am Gebäude mit Unterstand, das aus rohen Steinen zusammengefügt wurde, werden die Stühle, Getränke, das Gemüse für den Salat und vom Dorfschlachter erstandenes, lokales Fleisch ausgeladen. Dann wird der Grill aus umliegenden Steinen improvisiert. Feiern mit einheimischen und deutschen Freunden, auf kretische Art. die Kinder tollen herum, hüpfen in der kaum bevölkerten Bucht ins Wasser, klettern auf Felsen oder inspizieren die schattige Höhle weiter oben an der Steilwand.


Katzen oder sanft bimmelnde Ziegen schauen vorbei und machen sich über die Gemüsereste her. Ich sitze auf einem Fels. Wellen lassen die Steine am Ufer immer wieder leise klackern. Gen Horizont am Felsen brechen sich ihre großen Brüder des offenen Meeres. Nach dem morgendlichen kurzen Regenguss mit Regenbogen brennt die Sonne erneut auf die trockene Landschaft. Ich genieße das Tief, die entspannte Gemeinschaft, den „greek talk“ und das auf den Punkt gebrachte Dasein.

Weinlese

Trinken, trinken, trinken. Der Körper stößt jeden Milliliter Wasser bei 36 Grad und körperlicher Arbeit sofort aus. Die Frische des frühen Morgen ist gewichen. Jetzt, nach vier Stunden, brennt die Sonne. Die nächste Traube glitzert dunkelrot durch das Grün, verwickelt im Stock. Ihr kleiner Ansatz verborgen im Gewirr der Blätter und Reben. Klack, sie fällt in die freie Hand, wird sanft zu den schon geernteten in die Kiste geworfen. Daneben die Nächste. Ein paar Meter weiter – klack, klack, klack. Eine Reihe nach der Anderen lassen wir hinter uns. Wir, die Hilfsarbeiter und Freunde des Besitzers. Hier und dort ein Gespräch, gut gelaunte Tätigkeit. Trotz der Anstrengung. Zwischendrin, im Schatten, Pause nehmen. Trinken, trinken, trinken.
Die un- oder falsch trainierten Muskeln im Rücken rumoren. Sie Halten durch, versehen ihren Dienst. Ich fühle mich geerdet. Spüre Demut, den Respekt vor den Menschen, die Tag aus und Tag ein die Flur bestellen, säen, Brunnen bohren, Bewässerungen legen, pflegen, ernten…. Ein rauer Alltag, so widerborstig wie das hakige Gras, dass sich im schwarzen Stoff meiner Schuhe festbeißt. Hier ist nichts glatt wie die spiegelnde, knisternde Plastikverpackung im Supermarkt. Keine Ware. Ein Produkt, das Mühe und Arbeit in sich trägt.
Eine große Anstrengung, die wie jeder Kraftakt dem man sich stellt, mit einer tiefen Freude und Erfahrung belohnt. Dabei tritt das Tun, das fließt, bis es erledigt ist, in den Hintergrund. Es geht um das Miteinander, die Beziehungen zwischen den Menschen zur Natur, zu sich selbst.
Ein Lächeln huscht über mein Gesicht, als wir am Nachmittag völlig erschöpft „chillen“.

Götzen-Dämmerung

Tanzen, spielen, lernen. Diese Dinge leben durch Wiederholung, Rhythmus, dem ewig werdenden „Vor“ und „Zurück“. Es ist ein Naturprinzip, wie die Wellen, die an den Strand tanzen. Sie sind weg und wieder da. Kommen und gehen. Wie das „Hin“ und „Her“ im Spiel. Einfach so. Genauso der Mensch, der sich im Tun verliert; versunken aufgeht. Fließend im Rhythmus von Herz und Atem. Die banalsten Dinge zu lernen – wie zu spielen oder zu tanzen – selbst wenn diese spontan daherkommen, bedarf der Übung. Stehen ist für das Kleinkind schwierig. Immer wider fällt es und steht wieder auf. Übung bedeutet Wiederholung. Hinzu kommen Konzentration und Willenskraft. Ohne Durchhaltevermögen kommen Menschen nicht voran.
Ich spüre, dass dieses Üben, welches den Weg zur Meisterschaft ebnet, nicht mehr ausreichend trainiert wird. Nicht im Kindergarten, nicht in der Schule und schon gar nicht in den Universitäten. Das wahre Lernen und Studieren verbirgt sich hinter genormten Zielen, Tabellen, Noten. Wie soll sich in einem solchen Rahmen etwas entwickeln. Wo ist hier Raum für sinnierende Neugierde und langfristiges Betrachten? Wo soll im rasenden Vollgeballere mit „Stoff“ Durchhaltevermögen gebildet werden? Wo ist der Prozess, der entgegen dem Rhythmus von Semester zu Semester, von Klausur zu Klausur ruhiges Verweilen zulässt? Das entspannte Fehlermachen, das sich korrigieren? Das Finden und Erfahren von kleinen Zielen? Der Raum Freude am erreichten Fortschritt zu genießen? Etwas zu erreichen oder aus dem Fehler gelernt zu haben? Es noch einmal, ohne Druck zu probieren? Immer wieder? Die Freude über die Korrektur durch die Mitlernenden oder die Lehrenden (die auch mitlernen sollten).
Das nicht nur ich so denke, dass dieses Problem schon sehr lange existiert, entdeckte ich freudig beim Lesen. Durch entspannte Lektüre unter mediterranem Himmel wurde ich durch Robert Pfaller in die Götzendämmerung geworfen.
Warum habe ich dieses Spätwerk des zunehmend giftiger werdenden Nietzsches nie gelesen? Nicht so explosiv wie Ecce Homo, aber klar, hart, voller Wahrheiten. Auch, wenn einige seiner Ergüsse im 19. Jahrhundert stecken geblieben sind, dort bleiben sollten. Ich zitiere den Denk-Meister, der an seiner Gesundheit und vielem Anderen gescheitert ist: „Denken lernen: man hat auf unsren Schulen keinen Begriff mehr davon. Selbst auf den Universitäten, sogar unter den eigentlichen Gelehrten der Philosophie beginnt Logik als Theorie, als Praktik, als Handwerk, auszusterben. Man lese deutsche Bücher: nicht mehr die entfernteste Erinnerung daran, dass es zum Denken einer Technik, eines Lehrplans, eines Willens zur Meisterschaft bedarf, – dass Denken gelernt sein will, wie Tanzen gelernt sein will, als eine Art Tanzen…“
Ich beobachte die Felsen am Meer. Das „Hin“ und „Her“ der Wellen zermahlt den Stein; mit immenser Geduld. Kleine Steine wirken reibend Löcher. Einfach so. Wieder und wieder. Als wenn sie üben. Voller Konzentration, Willenskraft und stürmischer Ruhe.

Pfaller, Robert (2013) wofür es sich zu leben lohnt. Fischer, Frankfurt am Main
Nietzsche, Friedrich. Götzen-Dämmerung (1889) (S.41-42).

Verweht und fest

Jeder Tag ist anders, neu, erfrischend. Die Angler haben Pause. Nichts tun? Anders tun? Doch zu früher Stunde schattige, morgendliche Strand, die Sonne erwartend, ist überraschenderweise nicht verwaist. Eine Gruppe griechischer Mädchen sitzt entspannt und fröhlich im Kreis. Ich bemerke zuerst den kleinen „großen“ Hund, der mich mit interessiertem Blick mustert. Dann fallen mir die Welpen auf, die in ihrer behüteten Mitte erste zögerliche Schritte in der Weite der Natur wagen.
Am Kraftplatz, eng an den Felsen gekauert ein Bündel, ein kleines Knäuel aus Schlafsäcken. Ich nähere mich. Zwei Schlafsäcke, Rucksäcke, eng verschlungen. Während der Gymnastik schält sich eine Frau oder ein Mädchen langsam erwachend, in die über den Horizont steigende, kühlwarme Sonne, blinzelnd aus ihrer Umhüllung. Als ich mich setze träumt sie müde in die Weite des Meeres , die gesetzten Berge hinaus. Jugendliche Nomaden, die kein steinernes Dach über dem Kopf benötigen. Ich nehme behütete Freiheit und zugleich Verbundenheit mit der Natur war. Wie bei der Hundegruppe.
Ich versinke in klarer Präsenz zwischen Himmel, Bergen, Meer. Fest mit der vergänglichen Erde verankert. Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.

Angler

Ruhig stehen sie da, blicken fernverloren an der Schnur entlang, die im leicht welligen Meer verschwindet. Ruhig, gelassen, wartend. Eine Übung in Geduld. Seit gestern haben zwei Angler in der frühen Dämmerung den Kraftplatz besetzt. Ihr Werkzeug, eine einfache Fadenrolle mit Schnur und Haken. In ihrer Nachbarschaft fällt mir sofort ein neuer Ort ins Auge; wir stören uns nicht, beobachten uns höchstens in stiller Neugierde.
Angeln scheint mir auch eine Form der Meditation zu sein. In sich ruhend, beobachtend, konzentriert-verträumt, ausdauernd. Vielleicht kurz durch den Moment unterbrochen, wenn die Schnur zittert, ein Fisch anbeißt; ein Moment, den ich nicht erlebt habe. Ich glaube nicht, dass es ums Fischen geht. Es geht ums Tun. Ums da sein. Darum am Meer zu sein, im leichten Wind stehen, den Sonnenaufgang spüren. Angler und der ursprünglich die Scholle bearbeitende Landwirt sind geerdet. Im Kontakt mit dem Boden, von dem ich in der Stadt in vielen Schichten getrennt bin. Schuhwerk mit Sohlen, Gehwegplatten, Asphalt, Sandbett und Fundament, Rohre und was noch alles mich von der Erde, von „Welt“ trennt.
Vielleicht treffe ich sie morgen wieder. Dann erden wir uns erneut gemeinsam, gehen barfuß den feuchten Sand spürend, nicht-handelnd in der Welt auf. Kommen zu uns, verbinden uns mit allem. Werden zu Sandkörnern, die sich wie Felsen fühlen.

Nichts

Ich sitze hier und tue nichts. Nur mein Körper schaut in die Weite, schweift gedankenverloren über das Meer, verliert sich in der Dünung, spürt den Wind, ahnt die vergängliche Solidität der Berge. Die Zikaden schreien sich in Wellen die Seele aus dem Leib. Ihnen ist egal, auf welchem Busch sie hocken. Hauptsache einfach mal rufen und hören, wer noch so da ist. Die Sonne brennt angenehm. Nur in solchen Momenten können Gedanken entstehen, die sich tief, schwer, zugleich hingegen ach so leicht anfühlen. Sie kommen und gehen. Wischen durch die Welt. Einfach so. Präsente Gedanken. Kein schweres hängen am Gestern und Morgen. Keine Ziele, Aufgaben und Termine.
Wozu braucht man sie? Das tätige Denken der heutigen Zeit ist verschwunden. Taugt es etwas, wenn es keine Kriege verhindert, diese wunderbare Welt in den Abgrund zieht? Das Leben nicht leben lassen? Dieses Denken hat Dinge wie Sesshaftigkeit, Arbeit, Lohn, Excel und Besitz erfunden. Dieses Denken behauptet ein Oben und ein Unten. Hierarchien und systemische Abhängigkeiten. Am besten durch Zahlen, die in kleinen eckigen Kästchen eingesperrt sind. Nur die Summe Zählt. Es lebe die Technologie. Alles wird nach Formeln formuliert. Einfach gesprochen: nachgeplappert. Nichts Neues, kein Werden. Starre. Früher Tod in jedem Moment.
Eine Böe und diese Gedanken des kalten Nordens sind vertrieben. Nun tanzen sie wieder, ganz für sich alleine. Im eigensten Rhythmus.