Universalismus – lieber nicht

Eine Freundin machte mich auf einen Podcast aufmerksam. Es handelte sich um ein Gespräch mit dem Philosophen Omri Boehm zu seinem neuen Buch über den „radikalen Universalismus“. Er scheint unter anderem den Humanismus gegen Strömungen „identitären“, fragmentierenden Denkens in Partikularinteressen verteidigen zu wollen. Dies soll hier nicht mein Punkt sein.
Unter Spannung setzte mich die Diskussion in Bezug zur „Universal Declaration of Human Rights“ (UDHR). Speziell der Aspekt, dass in dieser „universellen“ Erklärung explizit von Rechten gesprochen wird – und nicht von Pflichten (duties). Mir schießen sofort all die religiösen Regeln durch den Kopf, wie die zehn Gebote, die ja verpflichtend, ja sogar fordernd sind. Rechte hingegen werden zumeist vom Individuum, oder einer identifizierbaren „Identät“ (z.B. einer Gruppe) her gedacht. Diese gilt es zum Beispiel durch die UDHR zu schützen. Vor Unterdrückung, Sklaverei, Missbrauch, Ausbeutung. Den Menschen wird zudem das Recht auf Unversehrtheit, Familie, sogar Freizeit und – was einiges aussagt – Eigentum zugestanden. Zumeist scheinen diese Rechte passiv daher zu kommen. Sie sollen in Anspruch genommen werden können, wenn ein Ereignis diese Rechte einschränkt. An sich schon mal gerecht (was immer das heißt), denke ich. Allerdings ein zarter Schritt in die falsche Richtung, wenn man Kants Aufruf, sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien, folgen möchte.
Pflichten hingegen fordern auf, etwas zu tun; direkt, aktiv zu handeln oder Handlungen zu unterlassen. Es soll nicht getötet, der Gott angebetet werden; man soll dem Partner treu ergeben sein und keine Nachbarn belästigen etc. In allen Auflistungen von Tugenden findet sich nirgends eine Pflicht – oder gar das Recht – Besitz anzuhäufen. In der UDHR hingegen lesen wir von diesem Recht auf Eigentum (§17). Hat ein solches Recht etwas mit „Mündigkeit“, aktivem selbstbewusstem Streiten für ein gleichberechtigtes, faires, liebevolles, respektvolles etc. Zusammenleben zu tun?
Ein derartiges Denken von Rechten oder Pflichten aus, sobald diese als universell angesehen werden, vermittelt auf den ersten Blick ein offenes, diverses und positives Menschenbild. Doch beide klammern einen Faktor aus. Den der Macht. Sofort fällt mir die Allmacht Gottes ein, der die Pflichten gebietet. Sie formuliert sich nicht nur in Geboten, denen die Gläubigen zu folgen haben. Viel zu oft setzen religiöse Führer mit waffengewaltiger und strafbewehrter Macht brutal ihre Interpretationen der göttlich gegebenen Regeln durch.
Dann ist da die Macht der Staaten und (ökomomischen) Institutionen, des Kapitalismus. Jedes mit den von ihnen eingesetzten, oft als universell behaupteten Strafsystemen und Armeen. Vor diesen sollen in der UNHR (offensichtlich) die Menschen beschützt werden. Doch gelingt dies? Eher nicht, wie ich es sehe. Es stellt sich für mich die Frage, ob ein Denken von Pflichten her besser funktioniert, als ein Denken von Rechten aus?
Ich meine weder das eine noch das Andere kann die Lösung sein. Beides, Rechte und Pflichten sind zwei Seiten einer Gold glänzenden Medaille. Ihr brutaler Glanz stahlt Gier, Neid, Eifersucht, Unterwerfung etc. aus. All diese Regeln und „moralischen“ Normen wurden von der besitzgeilen Knute der Herrschenden formuliert, mit deren Macht durchgesetzt. Nicht selten werden sie in der Folge von den Unterdrückten angenommen, sogar verinnerlicht und verteidigt. Universalismus ist ein Denken von allgemeinen Begriffen und Normen, sprich Moralen, die über das besondere, die individuellen Wesen gestülpt werden. Von der herrschenden Agenda, den herrschenden Moralen hin zu den einzelnen Menschen. Ein Denken von oben nach unten.
Sicher, schützende Regeln können den Schwachen helfen, sie in seltenen Fällen sogar ermutigen oder ermächtigen. Im letzter Konsequenz unterliegen sie immer der Auslegung durch mächtige Gruppen oder Individuen; ihren Ausbeutern und Unterdrückern. Eben jene, welche die Rechte bzw. Pflichtenkataloge im Bewusstsein ihrer Macht installiert haben. Sie kommen nie von den Ohnmächtigen. Aus meiner Sicht bleibt angesichts dieser Situation nur der Weg die Problematik von den Ohnmächtigen her zu denken. Wie kann das Konzept eines machtbasierten Universalismus überwunden werden?
Wäre nicht ein Ansatz, der das Ganze in den Teilen und die Teile im Ganzen zu verordnen hilfreich; kein neues Denken. Wir finden ihn in den alten fernöstlichen Schriften, von den Upanischaden bis hin zum Daodejing. Man denke nur an die Symbolik des Dao-Zeichens (Taji). Weiß in Schwarz und umgekehrt, miteinander umwunden im ewigen Kreislauf. Insbesondere fällt mir hierzu die buddhistische Lehre ein, der von Vertrauen, Achtsamkeit und Respekt spricht. In den Unterweisungen des Buddha geht es darum, einen „mittleren Weg“ zu beschreiten, um Leiden (dukkha) zu vermindern. Sich der Vergänglichkeit (anicca) ebenso zu versichern wie dem Fakt, dass alles mit- und untereinander (nicht-selbst, anatta) verbunden ist.
Ein Beispiel hierfür ist der sogenannte achtfache Pfad. Er fordern uns Menschen auf aktiv „rechte Rede“, „rechte Begrenzung des Handelns“ (unser achtsames Verhalten gegenüber anderen) und „rechten Lebenserweb“ (Soldat zu sein ist kein rechter Lebenserwerb) zu üben. Wie schon die Weisen dieser Tradition erkannten, ist der Weg, eine derartige Lebensweise zu erreichen, voller Hindernisse. Es bedarf der „rechten Bemühung“, „rechter Erkenntnis“ und „rechter Konzentration“. Ein Pfad voller Stolpersteine. Solch ein Verhalten muss nicht nur zu jeder Zeit geübt und aktiv praktiziert werden. In alltäglicher Kontemplation ist es angebracht all seine Handlungen zu reflektieren, den kein Mensch ist perfekt. Es geht parallel darum, unsere „Unwissenheit“, nicht zuletzt gegenüber uns selbst zu überwinden. Der Buddha sagt, dass wir im Rahmen der „rechten Rede“ zum Beispiel versuchen sollten, nicht zu lügen, keine entzweiende Rede zu führen, nicht grob zu reden; und was mir in der heutigen Zeit als sehr wichtig erscheint: Wir sollten Anstreben, kein sinnloses Geschwätz von uns zu geben. Eine Aufgabe, der Werbung, Medien und Politik nicht gewachsen zu sein scheinen.
Die fernöstliche Lehre betont zudem den Aspekt der Übung. Einzelne Wesen schaffen es nicht immer ein tugendhaftes Leben durchzuhalten. Wie auch, wenn wir alle permanent von der herrschenden Propaganda „verführt“ und viele in Unwissen gehalten werden – oder sich selber im Unwissen halten (siehe Kant). Würden alle fühlenden Wesen solchen spirituellen Regeln in jedem Moment folgen, sie sich, weise, fair, und Leidensvermindernd durch die Welt bewegen, wären die Menschen und auch die Menschheit erleuchtet. Doch darum geht es nicht. Es geht um den Weg. Einen Weg, den jedes Wesen nur für sich selber finden kann. Sind Menschen in sich stark, geübt und klar können sie andere Wesen auf dem Weg zu einem tugendhaften Leben begleiten.
Handlungsanweisungen finden wir als „Gebote“ oder „Tugenden“ in fast allen Religionen. Punkt ist, wir müssen bei den Individuen, oder besser die Individuen müssen bei sich anfangen. Nur dann können „allgemeine“, um nicht zu sagen „unvierselle“ Werte durchgesetzt werden. Nur durch sich selbst ermächtigende, starke Menschen mit Haltung wird Leiden vermindert werden. Nicht durch abstrakte Gesetze und Regeln.
Es wäre ein Traum, wenn die Mehrheit auf dieses Art und Weise fühlen, denken und handeln könnte. Keine Unterdrückung, kein Krieg, kein Kapitalismus hätten eine Chance, wenn Gemeinschaften gemeinsam und respektvoll miteinander und untereinander auf Basis solcher Setzungen umgehen würden. Wenn jedes „Atom“ sie immer wieder übt, sein Verhalten gegenüber sich selber in Frage stellt. Schlichtweg „recht“ handelt. So easy and so Hard. Wu Wei.

Schon wieder Glück – εὐδαιμονία

Die Sonne strahlt über dem Raureif. Der hellblaue Himmel ruft strahlend den Frühling. Die weißlich, kristallin überzogenen Pflanzen zeugen von der nach wie vor vorherrschenden kalten Frische des Winters. In der Wärme, mit Blick in die Natur, lese ich einen wundervoll wärmenden Artikel. Er erzählt vom Glück und Beziehungen.
Eine über Jahrzehnte laufend Studie mit tausenden von Menschen, die teilnahmen, bestätigt etwas so banales, dass ich freudig aufschreien möchte. Am glücklichsten werden die Menschen, die möglichst warme Beziehungen pflegen. Die kalten Dinge, die wir horten, die Waren und Besitztümer, Geldberge und stinkenden Autos spielen nur eine untergeordnete Rolle. All dieser „wertvolle“ Popanz mag sich glitzernd über ein Leben legen, hier und dort Bequemlichkeit und Wärme versprechen. Doch er ist belanglos, solange wir nicht frieren, der Bauch zur Genüge gefüllt ist und ein warmer Blick das Herz sanft umspielt.
Dinge, die über diese Grundbedürfnisse hinausgehen, von den geldgierigen, kalten Mündern der Werbung in Superlativen groß geredet werden, können keine warmen Beziehungen ersetzen. Schon garnicht die Beziehung zu uns selber, die zu üben ist. Wer kann anderen Gutes spenden oder mit ihnen Glück erleben, wenn die Person nicht in sich ruht. Mit sich zu“frieden“ oder besser im Frieden ist? Die Beziehung zu mir, ist die erste Beziehung.
Glück – ein eudaimonisches Axiom schon seit Aristoteles – bezieht sich nicht nur auf uns selbst, wie so oft gedacht wird. Es hat immer etwas mit gemeinsamer Aktivität und Handeln zu tun. Rechtes und gutes Handeln, nach bestem Wissen und Gewissen. Voller vertrauen. Oder schlicht gesagt: Wer für sich selber Wärme empfindet, kann diese geben. Wer Wärme empfängt, dem wird warm ums Herz. Wie simpel klingen die drei Wote: Füreinander da sein. Warm handeln, liebe- und vertrauensvoll handeln. In ihrer Umarmung streichelt mich die wonnigen Strahlen der Sonne. Jeder Raureif im Herzen schmilzt. Der strahlende Kreis der Frühlingssonne vertreibt die Kälte. Wie schön. Da. Dasein.
Mit Freude lese ich, dass der Leiter der Studie Zen Meister ist. Kein Wunder, dass seine Augen angefüllt von Liebe sind. Was für ein Glück für ihn und uns.