Driften

„Une ou plusieurs personnes se livrant à la dérive renoncent, pour une durée plus ou moins longue, aux raisons de se déplacer et d’agir qu’elles se connaissent généralement, aux relations, aux travaux et aux loisirs qui leur sont propres, pour se laisser aller aux sollicitations du terrain et des rencontres qui y correspondent“
(Eine oder mehrere abdriftende Personen verzichten für mehr oder weniger lange Zeit auf die Gründe für ihren Umzug und ihr Handeln, die sie im Allgemeinen kennen, auf Beziehungen, Arbeit und Hobbys, die für sie spezifisch sind, um die Aufforderungen des Feldes loszulassen und die Begegnungen, die ihm entsprechen.)
Debord, G. (1959) Théorie de la dérive (Internetquelle)

Das Wort „driften“ schreit danach genauer untersucht zu werden, nachdem ich mich auf meinem letzten Spaziergang habe treiben lassen. Einfach nur so voran. Zugleich „drifteten“ meine Gedanken. Zuerst zu den Situationisten, die das „driften“ als künstlerische Praxis, dem „dérive“ funden haben. Dabei ist die Übersetzung unscharf. Dies stammt vom lateinischen derivo ab. Hierzu erzählt das Schulwörterbuch, der „Kleine Stowasser“, dass es etwas mit „wegleiten“ zu tun hat – „de rivus“ – vom Fluss weg. Wir driften durch die Sprache, treiben durch Worte. Im reinen driften, Treiben ganz ohne Ziel. Eine schlaue Begriffsoperation von Herrn Debord. Ein Konzept gegen das geplante, teleologische Denken der Moderne mit ihren Regeln und Gesetzen, die oft wider jeglicher („natürlichen“) Natur operieren, sie gar vernichten, zerstören.
Nach Varela und Maturana entwickelt sich auch das Leben an sich ohne Ziel. Ohne Plan. Nicht-teleologisch. Es driftet, Stammbäume ergeben sich. Strukturelle Koppelungen beeinflussen die innere Entwicklung und die des Systems. Nichts lenkt und nichts steuert.
Was ein Konzept hinter diesem Wort. Was für eine Pool, um zu erkennen. Zu tun. Sich treiben lassen, aus sich heraus schöpfen…

Zahl und Tod

„10. November 2020. Claus ist kaum mehr bei Bewusstsein. Die Ärzte schreiben in die Akte: „Verschlechterung Allgemeinzustand. Patient somnolent. Fieber 39,1. Sättigung 84% bei Raumluft. TAA bis 140“. Zahlen. Zahlen. Zahlen.
Ein Krankenhaus funktioniert manchmal wie ein Rechenzentrum. Menschen werden zur komplexen Gleichung. Jedes Organ, jede Bewegung, jeder körperliche Zustand steht hier auf piepsenden Monitoren. Und wenn ein Mensch nur noch aus Werten und Zahlen besteht, braucht es andere Menschen, die mit ihnen rechnen. Ärzte. Das ist, was besonders Intensivmediziner lernen. Ausrechnen. Aufschreiben. Auswerten. Interpretieren. Und mit dem Ergebnis Entscheidungen treffen.“ (https://www.zeit.de/gesundheit/2022-05/corona-intensivpatient-krankenhaus-aerzte-behandlung)

Desto mehr ich über Zahlen lese, desto mehr fällt mir der Wahnsinn unserer Welt auf. Der Mensch, Natur, Tätigkeiten, Beziehungen… alles wird auf die Zahl gestellt. Mit brutalen Konsequenzen. Es gibt nur eine Alternative: Die Lücken im System finden, Regeln aushebeln. Für die Menschen, für die Natur, für eine menschliche Arbeit, für ein menschliches Lernen und Forschen Einsatz zu zeigen. Emanzipation für etwas, keine Partizipation, kein Bekämpfen! Gerade durch nichts tun, das weit über die „0“ hinausgeht, schreiten wir voran. Denn aus dem Nichtstun erwächst das Sein, erwächst das Neue, das Frische, das Lebendige. Autopoiesis. Aus sich selber heraus wachsen. Wie die altgriechische Physis, die das Potenzial, die Kraft beschreibt, die aus fast nichts alles heraustreiben kann. Das Wunder des Samens, aus dem ein Baum wächst. Alle großen Dinge fangen im Nichts und somit ganz klein an. Auch wenn der Mensch den Ast absägt auf dem er sitzt. Die Natur treibt immer wieder aus. Ohne Berechnung. Einfach so – wie im Bild.

Verfall: Strategische Perspektiven

Ich blicke ich aus der Ferne auf die Welt der Arbeit. Kafkaeske Schnipsel erreichen mich über die elektronische Post. Mein Körper signalisiert, sie haben nichts mit Glück zu tun. Er kommentiert mit Unwohlsein die („Finanz-“) Not des Systems. Einer Not, welche die freudige Tätigkeit in meinem „Traumjob“ in Teilen zu stupider, hirnloser Arbeit degradiert.
Wie immer, wenn es einem an Glück mangelt, man mit dem Jetzt hadert, lässt man sich beraten. So auch die Institutionen. Unternehmensberatungen oder „Coaches“, was das Gleiche ist, sollen helfen, die Probleme zu beheben. Hier offenbart sich der Irrwitz unserer Zeit. Augenfällig ist nicht nur ihre Fixation auf Zahlen und Tabellen. Über Inhalte wird nicht geredet. Die Sprache dieser Expert*Innen, die nichts anderes sind als armselige Wichtigtuer, die das immer gleiche Vokabular der Beratungsinstitutionen herunterbeten, sagt alles. Ein Satz fällt mir ins Auge: „Strukturen sind „gewachsen“ – nicht strategisch entwickelt.“ – Mein systemzernagtes Lehrerherz ruft aus: „Note 6, setzen“ (auch numerisch ;o)).

Wer so denkt, hat die Welt nicht begriffen, möchte alles rastern und betonieren. Die Apologeten des Untergangs. Es gibt zu viele davon und sie nähren sich gegenseitig. „Strategie!“ Sind wir im Krieg? Im Krieg gegen die Welt? Gegen die Menschen? Clausewitz muss her, ein Plan, schweres Geschütz wird aufgefahren. Verbale Schrapnelle gegen das, aus sich heraus Wachsende. Das sich organisch Entwickelnde. Die Natur. Die Unterstellung inklusive, dass die Lernenden und Lehrenden nicht wissen, was sie tun. Zum Beispiel wenn sie neue Stellen besetzen oder Studiengänge verändern. Generale brauchen Strategie. Wozu benötigen wir diese blinden Generale? Sie bringen nur Unglück und Leid. Wie im wirklichen Krieg. Diktiert aus ihren Befehlszentralen. Da hilft auch kein Anstrich durch Worte wie „Transparenz“. Ihre leeren Worte verschleiern nur.

Noch so ein Satz, den ich lese, dass das Studium den Anforderungen des Arbeitsmarktes der Zukunft genügen soll – als strategisches Ziel, vermute ich – unterstreicht dieses lächerliche Denken. Wer weiß denn, wie diese Anforderungen aussehen. Gibt es die eine? Ist sie generalisierbar? Wie schnell ändern sich die Anforderungen? … Hier sprechen Schreibtischtäter, die weg von der Realität nicht mal fähig sind, die wirklichen wichtigen Fragen zu entdecken. Bringt das Lernen Spaß? Herrscht ein fruchtbares, offenes, tolerantes Klima voller Neugierde und Faszination? Finden die jungen Menschen ihre Lebensaufgabe? Haben die Lehrenden sie gefunden? Ihren Lebenssinn? Gibt es und entstehen warme Verbindungen, die durch das Leben leiten? Sind sie am richtigen Platz?…

Kein Wort zu ihnen selbst. Sie können nur andere hinterfragen. Blinde Beobachter mit dicken Mäulern. Keine Frage zu Sinn oder Unsinn der Existenz und Vorgehensweise der Verwaltungen. Meine Frage wäre, wenn es denn nun darum geht zu sparen, ob wir nicht einfach den ganzen Wust überteuerter Verwalter und Papiertiger abschaffen sollten. Mit ihren tollen Abteilungen, die von ihrem Versagen zeugen? Sie hocken in ihren Verwaltungstürmen, fern ab der Realität. Sie haben kein sinnvolles, alltägliches Tun. Sie schweben im wichtigen Nichts. Irgendwo in der Pyramide, die hinauf bis zu EU und OSZE-Direktiven („Jawohl, auf Befehl“) reichen. Oh, wenn sie gingen – wie viele Ressourcen (Personal, Räume, Material) wären freigesetzt. Was für ein luxuriöses Lernen wäre dann möglich! Dann gäbe es Raum zum Wachsen und Wuchern. Zum Experimentieren, zum Emanzipieren. Dann entstände wirklich Neues. Jenseits der Tretmühle mit ihrer Scheinpartizipation.

Wobei anzumerken ist, dass der Begriff „Partizipation“ eigentlich alles ausdrückt. Das Wort bedeutet Teilhaben. Die Onkel oben in der Machtpyramide speisen mit Krümeln ab. Noch schlimmer ist, sie versuchen, Wissen zu stehlen, dass sie nicht haben, um so zu tun, als wenn sie Studium verständen.

Die Zahl

„Anfangs dachte ich, es gäbe bei den Pirahã die Zahlen eins, zwei und »viele«, ein System, das man weltweit an zahlreichen Orten findet. Aber dann wurde mir klar, dass das, was frühere Wissenschaftler und ich für Zahlen gehalten hatten, in Wirklichkeit nur relative Mengenangaben waren.“
Everett, D. (2010) Das glücklichste Volk – Sieben Jahre bei den Pirahã-Indianern am Amazonas. München, DVA

Yeah, ich habe ein neues Feindbild. Nein, keines, das direkt mit Menschen zu tun hat. Etwas eigentlich extrem abstraktes, weit weg von unserer Lebenswelt. Die Zahl. Ja, sicherlich, sie ist nützlich und kann Sinn machen. Manche Menschen lieben sie sogar. Bis hinein in die Wirren ihrer Unendlich- und Unbestimmbarkeiten in der Mathematik. Doch um diese Zahlenspiele geht es nicht. Es geht um die, die uns alltäglich fordern und leiten. Die Zahlen, die wir so verinnerlicht haben, dass sie tief in uns viele – fast alle Momente – des Lebens steuern. Dies gefühlt zunehmend. Spätestens seitdem die Rechner mit ihren Tabellen und Datenbanken das Regime übernommen haben.
Kochen fand vor der Zahl nach Überlieferung und Gefühl statt. Mit der Zahl wird so getan, als ob genaue Angaben nutzbringend sind. Doch die Dinge schmecken intuitiv kombiniert und gewürzt oft besser, als es in jeder numerischen Anweisung eines Rezepts vorgegeben werden kann. Was nützt uns die genaue Angabe der Wahrscheinlichkeit in x Stellen nach dem Komma, dass es blitzt? Nichts, wenn unser Haus in Flammen steht. Auch Preise sagen nichts darüber aus, ob etwas uns guttut oder wir es brauchen. Ob es wertvoll ist; wie gut es uns tut. Alles Intuition.
Dennoch hat sich die Zahl in all unsere Lebensbereiche eingeschlichen. Sie hat die eigenste Dauer der Tätigkeiten in der Zeit, die genaue Beobachtung und das gefühlvolle Experimentieren unerbittlich zurückgedrängt. Heute bewegen wir uns nach exakten Stundenplänen, Fahrplänen, richten uns an Kontoständen aus. Willkürliche Preise und Aktienkurse forcieren Spekulation. Unsere Tätigkeiten werden am Einkommen gemessen, das in exakter Relation zu einem Durchschnitt bestimmt werden kann. Zahlen versuchen, die Welt berechenbar und bestimmbar zu machen. Schüren die Illusion von Wahrheiten. Am schlimmsten in den Datenbanken und Tabellenkalkulationen. Der Mensch, die Arbeit, die Natur (1,5% Ziel), die Lebensabschnitte (Die Zahl sagt, jetzt bin ich alt), ja der Blick auf die Welt und unsere Beziehungen (x Likes) werden von der Zahl be- und durchherrscht. Zur Illusion der Wahrheit gesellt sich gerne die Illusion der Effizienz.
Die Zahl schreit „Es stimmt“. Nein! Da stimmt gar nichts. Dinge, die auf Zahlen beruhen, sind nicht stimmig. Nur Summen und komische Ketten von Zeichen, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Doch leider wirken sie sich auf unser Denken, unser Innerstes, unseren Alltag massiv aus. In jeder gezählten Sekunde, in jeder Planung in jeder Abrechnung mit der Vergangenheit.
Verdammt, wie komme ich von den Zahlen los. Weg von allem, was über das „ich hätte gerne einen Apfel, der sieht so schön aus“ hinausgeht. Ich muss mich trainieren zu sagen: „Ich hätte gerne diesen schönen Apfel“. Schon ist die Zahl vernichtet, sie löst sich in leckerer Präsenz auf. Wie die Konzentration auf das Jetzt, der Dauer eines Prozesses. Schwer, wo doch so viel Kommunikation auf die Zahl gestellt ist, dass wir meinen, wir kommen um sie nicht herum. Wir verabreden uns heutzutage über die Zahl. Doch dann, im schönsten Gespräch, in gemütlichster Atmosphäre blickt das Gegenüber auf das tickende Smartphone und muss los. Die Zahlen des Ziffernblatts schreien laut: „Zeit, ins Bett zu gehen“. Sind wir wirklich schon müde? Zahl behauptet Effizienz. Effizienz, ein Wert, der an sich keinen Wert hat. Abstrakt, wie die Zahlen – oder habt Ihr auf den Äpfeln schonmal Zahlen gesehen. Oder auf Sandkörnern?
Viel Stoff, über den es sich zu kontemplieren lohnt. Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens. Wu Wei.

Einfach gehen

Sich treiben lassen. Nach innen schauen. Nach außen schauen. Sich verbinden. Auf den Atem achten. Auf das Rauschen des Lebens achten. Die Stadt ist voll. Voll von Dingen, voll von Menschen. Der Bräutigam, der seine Braut im Cargo Bike-Vorlader zur Trauung fährt. Gefolgt von der Hochzeitsgesellschaft. Alle auf Fahrrädern, in Anzug und schönen Kleidern. Der Obdachlose, der neben dem Portugiesen, bei dem ich meinen Galao schlürfe, auf der Palette hockt; döst. Auch seine zerknautschte Alditüte wird von der Sonne beschienen. Wovon träumt er? Vom Gestern, von besseren Zeiten, von der Zukunft? Hat er noch Träume? Hat er noch Wünsche? Wunschlos weitertreiben. Die Briten und ihr Pie-Stand. Einfach nur nett und witzig. So viel Freude. Mitten in der Betonwüste. Mitten im Leid. Mitten in der hektischen Betriebsamkeit. Mitten im Moloch.
Ich denke an Thich Nhat Hanhs „Einfach gehen“. Ein paar Schritte einatmen – ich bin ruhig. Ein paar Schritte ausatmen, ein halbes Lächeln zaubert sich in mein Gesicht. Es ist egal, wo ich bin, solange ich bin.