„Anfangs dachte ich, es gäbe bei den Pirahã die Zahlen eins, zwei und »viele«, ein System, das man weltweit an zahlreichen Orten findet. Aber dann wurde mir klar, dass das, was frühere Wissenschaftler und ich für Zahlen gehalten hatten, in Wirklichkeit nur relative Mengenangaben waren.“
Everett, D. (2010) Das glücklichste Volk – Sieben Jahre bei den Pirahã-Indianern am Amazonas. München, DVA
Yeah, ich habe ein neues Feindbild. Nein, keines, das direkt mit Menschen zu tun hat. Etwas eigentlich extrem abstraktes, weit weg von unserer Lebenswelt. Die Zahl. Ja, sicherlich, sie ist nützlich und kann Sinn machen. Manche Menschen lieben sie sogar. Bis hinein in die Wirren ihrer Unendlich- und Unbestimmbarkeiten in der Mathematik. Doch um diese Zahlenspiele geht es nicht. Es geht um die, die uns alltäglich fordern und leiten. Die Zahlen, die wir so verinnerlicht haben, dass sie tief in uns viele – fast alle Momente – des Lebens steuern. Dies gefühlt zunehmend. Spätestens seitdem die Rechner mit ihren Tabellen und Datenbanken das Regime übernommen haben.
Kochen fand vor der Zahl nach Überlieferung und Gefühl statt. Mit der Zahl wird so getan, als ob genaue Angaben nutzbringend sind. Doch die Dinge schmecken intuitiv kombiniert und gewürzt oft besser, als es in jeder numerischen Anweisung eines Rezepts vorgegeben werden kann. Was nützt uns die genaue Angabe der Wahrscheinlichkeit in x Stellen nach dem Komma, dass es blitzt? Nichts, wenn unser Haus in Flammen steht. Auch Preise sagen nichts darüber aus, ob etwas uns guttut oder wir es brauchen. Ob es wertvoll ist; wie gut es uns tut. Alles Intuition.
Dennoch hat sich die Zahl in all unsere Lebensbereiche eingeschlichen. Sie hat die eigenste Dauer der Tätigkeiten in der Zeit, die genaue Beobachtung und das gefühlvolle Experimentieren unerbittlich zurückgedrängt. Heute bewegen wir uns nach exakten Stundenplänen, Fahrplänen, richten uns an Kontoständen aus. Willkürliche Preise und Aktienkurse forcieren Spekulation. Unsere Tätigkeiten werden am Einkommen gemessen, das in exakter Relation zu einem Durchschnitt bestimmt werden kann. Zahlen versuchen, die Welt berechenbar und bestimmbar zu machen. Schüren die Illusion von Wahrheiten. Am schlimmsten in den Datenbanken und Tabellenkalkulationen. Der Mensch, die Arbeit, die Natur (1,5% Ziel), die Lebensabschnitte (Die Zahl sagt, jetzt bin ich alt), ja der Blick auf die Welt und unsere Beziehungen (x Likes) werden von der Zahl be- und durchherrscht. Zur Illusion der Wahrheit gesellt sich gerne die Illusion der Effizienz.
Die Zahl schreit „Es stimmt“. Nein! Da stimmt gar nichts. Dinge, die auf Zahlen beruhen, sind nicht stimmig. Nur Summen und komische Ketten von Zeichen, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Doch leider wirken sie sich auf unser Denken, unser Innerstes, unseren Alltag massiv aus. In jeder gezählten Sekunde, in jeder Planung in jeder Abrechnung mit der Vergangenheit.
Verdammt, wie komme ich von den Zahlen los. Weg von allem, was über das „ich hätte gerne einen Apfel, der sieht so schön aus“ hinausgeht. Ich muss mich trainieren zu sagen: „Ich hätte gerne diesen schönen Apfel“. Schon ist die Zahl vernichtet, sie löst sich in leckerer Präsenz auf. Wie die Konzentration auf das Jetzt, der Dauer eines Prozesses. Schwer, wo doch so viel Kommunikation auf die Zahl gestellt ist, dass wir meinen, wir kommen um sie nicht herum. Wir verabreden uns heutzutage über die Zahl. Doch dann, im schönsten Gespräch, in gemütlichster Atmosphäre blickt das Gegenüber auf das tickende Smartphone und muss los. Die Zahlen des Ziffernblatts schreien laut: „Zeit, ins Bett zu gehen“. Sind wir wirklich schon müde? Zahl behauptet Effizienz. Effizienz, ein Wert, der an sich keinen Wert hat. Abstrakt, wie die Zahlen – oder habt Ihr auf den Äpfeln schonmal Zahlen gesehen. Oder auf Sandkörnern?
Viel Stoff, über den es sich zu kontemplieren lohnt. Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens. Wu Wei.