Alleine, mit mir

Zum Sonnenaufgang hin verbinde ich mich mit den Elementen. Ich rieche die Luft, höre das Meer, spüre Wind, Stein und Sand. Kleine Fliegen verwechseln mich mit einem Haufen verwesenden Tangs und kitzeln. Sie helfen mir, mich in Konzentration und Willenskraft zu üben. Manchmal streife ich mir sanft über Arme und Beine, um die Horde für kurze Zeit zu vertreiben.
Mächtig und schwer stehen die Berge da. Tag für Tag, aber nicht für die Ewigkeit. Wie Kolosse, die aus den Tiefen des Meeres aufragen. Am Abend sind die schroffen, hinteren Gipfel wolkenumzogen. Trotz ihrer massiven Beständigkeit erscheinen sie wie schwebende Schatten, die sich mit dem nebeligen Firmament am Horizont vermischen. Himmel und Erde vereinigen sich mit der leicht kräuselnden See. Poseidon trifft Zeus, der in einer Höhle unweit von hier vor seinem Vater verborgen war.

Sanft senkt sich die Sonne genau zwischen den beiden stoischen Felsen von Nisi Paximadia in die Wolken herab. Das wunderbare Licht hebt das Eiland vor dem Horizont hervor. Wie in einem Schattenspiel. Es wird Herbst, die Schatten länger.
Auf mich geworfen sitze ich in der Taverne, nehme das friedliche Schauspiel in mir auf. Wohlgenährt von dem, was die Erde uns spendet. Die Gedanken sind leer. Ich bin alleine; bei mir; als Teil des Ganzen nicht einsam. Einsam sein, bedeutet mit sich sein. Mit sich selber sprechen können. Neben mir das junge Paar – schweigt sich an. Ein Mann telefoniert, mit laut gestelltem Handy. Das Meer löscht die blecherne Stimme aus. Für mich zu sein ist eine Qualität. Die Gedanken beruhigen sich, bekommen die Chance, sich der Weite der Natur aufzulösen. Wie durch eine sanfte Brise der Nebel werden sie, verbunden mit meinem Atem, bis hinter den Horizont verteilt.
Ich frage mich, ob das schweigende Paar gemeinsam einsam ist. Ob der Mann sinnlose Dinge in das quäkende Gerät geblubbert hat. Waren sie mit etwas verbunden? Mit jemandem? Mit sich selber? Ich spüre in mir die Liebsten, mit denen ich ohne Worte diesen herrlichen Moment teile. Sie sind wie mein Schatten: immer bei mir; geliebte Geister. Bald sehe ich Euch wieder und berichte.

Brandung

Das beruhigende Branden der sich ewig bemühenden Wellen nimmt kein Ende. Sie begleitet mich vom Aufstehen, dem ersten Strandgang, dem Bad. Bis ihr rollender Rhythmus mich sanft in den Schlaf sinken lässt. Es scheint so, als takten sie selbst die Worte, die ich schreibe.
Langsam erheben die Wellen sich aus der Weite des Meeres. Sie begegnen still und sanft dem Blick. Dann, ein anderes mal, türmen sie sich zu kleinen Bergen auf, sobald die innere Kraft der See sie zum Ufer hin treibt. Oft donnern sie schmetternd an die Felsen. Bald treffe sie wieder sanft wiegend und gluckernd an den flachen Sandstrand. Die unsichtbare Energie, die sie antreibt, die unheimliche Physis kommt aus den Tiefen des Ozeans. Ein unendliches Potenzial. Es wird ewig so weitergehen, solange die Erde sich dreht. Egal ob ich mich von ihnen sanft schwebend tragen lasse oder nicht mehr da bin. Die in ihrem Rhythmus dahingleitende Zeit zernagt die Felsen, spült den Sand, die zersplitterten Schalen der Meerestiere hin und her. Stetig, beständig, immer anders.
Nicht mehr da zu sein, kann vieles bedeuten. Wie in der Metapher von der Uhr ohne Zeiger in Murakamis „Die Stadt mit ihrer ungewissen Maurer“ zeitigt sich Zeit aus sich selber. Wenn ich die Wellen nicht mehr höre, weil ich ins Binnenland fahre, mich auf den Heimweg in den Norden begeben habe oder gestorben bin, wird ihr Orchester weiterspielen. Werde ich dann Wellenenergie? Treibe meine Myriaden Einzelteilen mal hier, mal dorthin? Von den Wellen lernen heißt leben lernen.

Ende und Anfang

Die Kraft der See verbindet sich mit den Wolken, den beharrlichen Felsen und dem Leben spendenen Licht der Sonne. Ich bin – da.
War es vor drei Jahren eine leichte Gischt, die auf der Insel von der Freiheit kündigte, ist es heute ein warmer Sturm. Die brausenden Wellen fegen den Kopf frei. Zeit zeitigt sich, als wenn die Uhr auf der letzten Strecke kurz verharrt, um dann wie die rollenden Wellen auf ein unbestimmtes Ziel zuzulaufen. Als wenn ich ungezielt durch die Welt driften würde, deren Gischt, deren Nebel mal dichter, mal weniger dicht sind. Alles trifft sich in einer endlosen Ruhe.
Neue Rhythmen werden sich mit den Alten vermählen. Ohne die Fixpunkte, die mich im Arbeitsleben immer wieder auf den Rasterpunkten der Zeit, in fremdbestimmten Kalendern und zu sinnlosen Ereignissen zwangen. Ein eigener Rhythmus tut sich auf und tut dem müde-frischen Kopf gut. Driften ist aktiv, tätig sein. Sei es durch den sich leerenden Blick in die Weiten des Ozeans, die konzentrierte Fokussierung auf ein würdevolles, sinnstiftendes Gespräch, die Lektüre… oder die gefühlt sinnlose Tätigkeit, die nichts zu schaffen scheint. Wu Wei.