Altehrwürdige Balken mit güldenen, verschnörkelten Lettern. Jahreszahlen erzählen von vergangenen Geschlechtern, die mit der Scholle zutiefst verbunden waren. Alles ist fest in den Boden verankert, wie die Buchen und Eichen, die sich seit Jahrhunderten im Wind wiegen. Wir fahren über baumgesäumte Landstraßen, entlang von frisch gepflügten Feldern. Am Steuer ein 88-jähriger Bauernsohn: „Sie haben zu tief gepflügt, das ist nicht gut.“, sagt er. Wäre mir nie aufgefallen. Die Verbundenheit mit dem Boden, der Natur, den Zyklen, den Tieren spricht aus fast jedem seiner Worte. Er berichtet von der Zeit seines Vaters, dem Pflug und den Pferden, den Bauern, die beim Pflügen eingenickt sind; sie erwachten, als der Trecker über die Rüben des Nachbarn rumpelte. Manche sind wohl übermüdet in diesen oder jenen Bach geeiert. Nicht zu tief waren die alten Pflugspuren dann, sondern gebogen, ausbrechend.
Im Krieg wurde meine Mutter und ihre Geschwister auf den Geburtshof meiner Großmutter „verschickt“, damit die hungernden Stadtkinder aus dem Bombenhagel mal wieder „was ordentliches zu essen bekommen.“. Diese Gastfreundschaft und Herzlichkeit strahlt aus den Herzen der beiden Alten, deren Kraft aus der Scholle zu wachsen scheint. Aus jeder Pore spürt man die Verbundenheit mit der Natur. Konservatismus fühlt sich schön an, wenn sie über die moderne naturvergessende Agrarindustrie sprechen. Konservatismus, der zutiefst progressiv, welterhaltend klingt. Ich erinnere mich an den „Feldweg“ von Martin Heidegger. Sehe alte Eichen, die sich um Gehöfte, umgeben von knickbesäumten Wiesen und Ackerflächen scharen.
Im Dorf grüßt jeder jeden. Kurzer, knapper Augenkontakt, manchmal ein leichtes neugieriges Lächeln. Offen-reserviert. Der kläffende Hund hinter der Hecke wird zurückgerufen. Der dunkle Fleck auf der Wiese entpuppt sich als Bulle, als sich aus seinem Fell der breite Schädel erhebt. Myriaden von Vögeln zwitschern, schwatzen und krakelen in den alten Bäumen. Alles ist ein wenig heruntergekommen, bis auf den gepflegten Kirchplatz.
Im lärmenden Gedränge es Hauptbahnhofs hat mich die Stadt wieder…ein Teil meines Herzen ist reif fürs Land.
Monat: April 2026
Visionen
„Das Umgekehrte ist jedoch die Wahrheit. Wenn wir die geschlossenen Systeme beiseite lassen, die den mathematischen Gesetzen unterworfen sind, und die isolierbar sind, weil die Dauer nicht an ihnen nagt, wenn wir das Ganze der konkreten Realtität oder ganz einfach der Welt des Lebens und mit noch mehr Grund die Welt des Bewußtseins ins Auge fassen, dann finden wir in der Möglichkeit eines jeden der aufeinanderfolgenden Zustände nicht ein weniger, sondern ein Mehr als in ihrer Verwirklichung, denn das Mögliche ist nur das Wirkliche mit einem zusätzlichen Geistesakt, der dieses Wirkliche, wenn es einmal da ist, in die Vergangenheit zurückwirft. Aber die Denkgewohnheiten hindern uns daran, dies zu bemerken.“ (1)
Spekulieren wir über das Morgen. Wie immer, wie jeden Tag, der neu beginnt; sonnig oder verregnet. Unendliche Visionen über die Zukunft quellen aus den Köpfen – sowie tausenden von Seiten der Science-Fiction Literatur. Fragen, Ängste, Hoffnungen und Problemstellungen, welche die Menschen bewegen. In jedem Werk dieser Literaturgattung wird zumeist eines der sich aus dem Jetzt aufdrängenden „Probleme“ behandelt; es werden „mögliche“ Szenarien diskutiert. Viele dieser „Visionäre“ gehen von einem Denkraum aus, der an sich der Gegenwart ist. Sie verknüpfen vorhandene Einzelteile und kombinieren diese, um sie in den neuen „Leerraum“ der Zukunft hinein zu projizieren. Doch kann daraus etwas „Neues“ entstehen? Sicher nur im Sinne, wie dieses Wort im Alltag gebraucht wird. Der Möglichkeitshorizont ist so unberechenbar wie die Wettervorhersage.
Möglichkeiten sind nichts als Einschränkungen, wie Bergson und in der Folge Deleuze feststellten. Sie verweisen auf den Bestand des Beständigen, den wir in unserem Besitz zu glauben meinen. Fest ist unser sicher zementiertes Wissen; bis in die Untiefen unseres Unbewussten. Es schränkt die „Virtualitäten“, die im Untergrund des Werdens brodelnden Kräfte ein. Das pulsierende Magma, von dem niemand weiß wann, wie und wo es als Vulkan, Erdbeben oder als Austritt aus einer tektonischen Spalte realisiert. Ebenso wie der spekulative Blick auf die geheimnisvollen Welten des Weltenraums oder der Tiefsee. Spekulationen im Möglichkeitsraum sind wie der Stein des Sisyphos. Kann man über den Horizont der möglichen Dinge hinauszudenken?, das Denken in die Virtualität verschieben? Über den Denkhorizont hinaus, diese unstabile dünne Linie in der Weite, oft verstellt von Bäumen, Bergen oder Gebäuden, an dem unsere begrenzte Weltsicht endet. Ihn erreichen können wir nur, wenn wir uns auf den Weg machen. Doch auch dieser ist geprägt von Voreingenommenheiten und Scheuklappen. Visionäre wie William Gibson (2) erdachten sich vor der Zeit des Internets den „Cyberspace“. Aber das Kabel, das in das „Simstim“ am Nacken zur Datenverbindung „eingejackt“ wird, war fest wie ein Fels in der Buchse wie auch in seinem Möglichkeitshorizont verankert. Die Idee drahtloser Übertragung, wie sie heute Gang und Gäbe ist, war eine Virtualität, die sich abzeichnete, aber im Rahmen des Möglichen nicht gedacht wurde – werden konnte?
Hier sieht man, dass die Erfindung neuer Begriffe oft Hand in Hand mit dem alten Ballast verstaubter Worte einhergeht. Die Virtualitäten als wirkende Kräfte werden vernebelt. Im Alltag kein Problem. Ist doch egal, ob wir uns den Raum als abstraktes Etwas vorstellen, hinter oder vor dem (Urknall) ein „Nichts“ ist – das Raum-nichts (ein Raum?). Was nutzt das Konzept, dass wir hingegen „on the run“ immer wieder, handelnd, unseren eigenen Raum konstruieren im Alltag? Die Feststellung, dass wir uns immer wieder verräumlichen und somit verzeitigen? Kant fragte nach der „Bedingung möglicher Erfahrung“. (2) doch darum geht es nicht. Es geht um das Reale, das sich aus den Virtualitäten aktualisiert.
Kurz gesagt: Science Fiction sind das Paradebeispiel für ein tiefes Denken, das neue Horizonte eröffnen kann; zugleich aber im Möglichkeitshorizont verweilt, oder gar rückwärts gewandt ist. Es ist leider sehr eingeschränkt. Nur auf dem Pfad der Möglichkeiten verharrend, lesen wir im Raumschiff, das mit Lichtgeschwindigkeit durch die unendlichen Weiten gleitet, Zeitungen, Druckerzeugnisse…
Fordert das Unmögliche, oder um mit den Situationisten zu sprechen „Unter dem Pflaster liegt der Strand“! Handelt, grabt!
(1) Bergson, H., Denken und schöpferisches Werden (2000) Rotbuch Verlag, Hamburg S. 119
(2) vgl. Gibson, William (1984) Neuromancer
(3) „D i e M ö g l i c h k e i t d e r E r f a h r u n g ist also das, was allen unseren Erkenntnissen a priori objektive Realität gibt.“ Kant, I., Kritik der reinen Vernunft (1978) Reclam, Hamburg S. 230 [B 194/A 155-B 195/ A 156 (14401)]