Bewegen

Ich gehe. Nur so. Meine Sohlen spüren den warmen Boden – oder kühlere Stellen; kleinen Steinchen, das weiche Gras, den nachgiebigen Sand. Ich bin nur da. Jetzt ist immer. Tausendfach beschrieben. Selten bewusst wahrgenommen. Die meiste Zeit rennen wir, die Umgebung löst sich in rauschende Streifen auf. Wie bei einer Langzeitbelichtung, nichts ist da, alles im Rauschen verschwommen.
Zivilisation. Die Füße sind abgeschirmt. Da ist der Beton, darunter Kabel, Schotter. Irgendwann kommt das, so vermute ich, was mal die Erde war. Versiegelt, zernagt, durchwühlt, verdreckt, befleckt… Auf den kalten, glatten und quadratisch angeordneten Betonplatten die Plastiksohlen. Den Sohlen folgt das Fußbett, die Einlagen, die Socken. Fast eingemauert der Fuß in seinem genormten Industriebett.
Bewegungslos rast das Bewusstsein durch den Raum. Drüber, drunter, hindurch, omnipräsent. Bewegung, die nur so tut,, als ob sie Bewegung ist. Virilio schrieb mal vom rasenden Stillstand. Dem rasenden Stillstand der Technologie. Kalte Oberflächen, rasante Bildwechsel, Töne, Texte. Der Körper spielt keine Rolle, der Geist isoliert im apathischen Taumel. Rausch, Datenrausch, Kaufrausch.
Ich lese den Artikel über den Jakobsweg. Von den Beschwerden der Bewohner einst beschaulicher Dörfer, in denen die Pilger nach vollendeter Tagesstrecke Party machen. Laut und verloren. Sie werden sich nie finden, auch wenn sie meinen einem Weg zu folgen. Erstarrt im Rausch.
Es beschleicht mich das Gefühl, dass das Einfache nur noch einfach, sprich banal geworden ist. Durchschnittlich. Das elende „man“ von Heidegger („man macht das so oder so…“) Eindimensional ist die Sklavenmoral der letzten Menschen (Nietzsche). Wer durchschnittlich durch diese Plastikwelt rauscht, kann nicht da sein. Kommt nie bei sich selbst an. Kreuzfahrten, Shoppingtrip, Karierre, Menschen konsumieren, Befreiungstrip, Yogaworkshop, Pilgerpfad, Geplapper und Geschwätz, gestopftes Wissen. Wo ist das Studium? Das Verweilen in der Bewegung? Das Sein? Nichts scheint mehr es selbst zu sein. Wer erkennt sie noch? Die Einfachheit, das reduzierte sinnliche Sein des da. So einfach und doch so schwer zu ergründen.

Aggression und Leiden

Dunkle Gefühlswolken strömten mir vor ein paar Tagen auf der Arbeit entgegen. Wie ein kalter Herbstwind, hinter dem ein Sturmtief lauert und die Haut zittern lässt. In den Augen meines Gegenübers blitzt es. Der Blick verkniffen, trübe, verregnet. Ich atme ein, atme aus; versuche die Welle dunkelnebelig-aggressiver Energie an mir abprallen zu lassen. Welch ein Damm ist da gebrochen, wurde vom Rinnsal zur Welle?
Ja, dort sitzt er wie ein nassgeregneter Hund. Er schüttelt, windet sich, um die an ihm haftende klebriger Feuchte in die Welt zu spritzen. Ein Hund, der sich nicht traut laut zu bellen, dennoch nicht loslassen kann. Mich erreicht ein schon fast ängstliches knurren. Ich versuche, klar zu bleiben, zu beschwichtigen. Meine Worte versagen. Wiederholte Sätze vermögen es nicht den düster giftigen Odem aufzulösen. Das knurrende Gewinsel schiebt sich immer wieder, kreisförmig drehend in den engen Raum zwischen uns. Verpesteter Atem. Sätze, die sachlich klingen und dennoch nichts anderes sprechen als Frustration, Angst. Sie gerinnen immer wieder zu verstohlener Wut. Persönliche Angriffe, die nichts mit der Sache zu tun haben. In mir entsteht neben Betroffenheit das Gefühl der „Peinlichkeit“.
Was knurrt er mich an? Es sind nicht meine Frustrationen, meine Aggressionen. Was mir bleibt, ist eine Mauer zu errichten, zu versuchen, das Tosen zu ignorieren. Die Wellen, die bei mir ankommen im Zaum zu halten, meinen Geist liebevoll zu umfassen. Ich versuche die schwarze Energie, die an mir vorbeiströmt, ins Leere fließen zu lassen. Es gelingt zum Teil, nicht gänzlich. Es kostet Willenskraft und Anstrengung, den dunklen Wolken zu begegnen.
Es rettet der Atem, mein Atem. Sanft umwiegt er mit jedem Schritt den Geist. Auf dem Heimweg von der Arbeit brauche ich ein wenig, um wieder ein Lächeln auf mein Gesicht zu zaubern. Ein Lächeln, das Mitgefühl für diesen Menschen zu empfinden versucht. Diesem Menschen, der es nicht schafft, in sich selber Ruhe und Frieden zu finden. Wie so viele.
Was eine Menge Wut ist da in der Welt. Hervorgerufen durch Neid, Selbstsucht, Kontrollzwang, dem besitzen wolle von Dingen. All dem, das nicht glücklich macht. Nicht sich selber, nicht die Menschen um sich herum. Ach, denke ich, soll er alles haben, was er begehrt. Mich interessiert nichts davon (was als Besitz von „Nicht wollen“ ausgelegt wird). Woher kommt sein Gefühl der Ungerechtigkeit? Was zeigt sich in dem Moment, in dem die oft kindlich, verspielt-freundliche Fassade dieses Menschen bröckelt? Er ist ein stechender Schmerz, verdrängter, schwerer Verletzungen, die an die Oberfläche treiben.
All das Geknurre und aggressive Gesabber hat nichts mit mir zu tun. Ich suche das Auge des Hurrikans. Das einzige Rezept welches hier hilft, ist loslassen, verlassen. Ich freue mich darauf, diesen Menschen nicht mehr sehen zu müssen. Möge er sich finden und in sich glücklich werden. Ich atme ein. Beim Ausatmen zaubere ich ein Lächeln in mein Gesicht.

Freiheit im Fluss

Wie Treibholz werden wir alltäglich vom Fluss der Zeit vorangezogen. Mal schneller, mal langsamer. Dieser Strom zernagt alles fest geglaubte. Aus Felsen wird Sediment, wird Felsen. Immer anders, immer neu. Frei fließt der Fluss, in sein Bett eingezwängt. Doch immer wieder sprengt er die Grenzen seines Laufes, versickert oder braust nicht geahnte Wege. Unaufhaltsam verändert er seinen Pfade. Freiheit ist zuallererst die Freiheit etwas zu ändern. Schon ein aktiver Schritt zur Seite öffnet neue Horizonte.
Das einengende Bett der Menschen sind die Gedanken, sind die Schemata, die gewohnten Denkbahnen. Woher immer sie kommen. Familie, Ereignisse, Beziehungen, Staat, Kultur, Religion… die Ursachen für sich egal. Vergangen, versandet. Es geht darum, die Verhaltensweisen zu entdecken, zu benennen, die Dämonen hinter sich zu lassen. Ja, manche sind kraftvoll, erscheinen fest, unüberwindlich wie ein betonierter Kanal. Andere hingegen sind porös und flexibel wie ein weiches in Sand und Schotter gegrabenes Bett. Ein aktiver Fluss findet immer seinen Weg. Sickernde Feuchtigkeit, hauchfeine Rinnsale schreiten langsam und geduldig voran. Manchmal drängt der Strom stürmisch und unaufhaltbar über die Ufer. Selbst, wenn die Tropfen versickern, versanden – immer neues Wasser sucht unbekannte Wege. Dann, überraschend stürmt die Flut heran und keine Barriere verstellt den Weg. Alles ist neu.