Ich stehe am Ufer und studiere. Fühle den nachgiebigen Sand unter den Füßen. Das nördliche Meer riecht anders, der Wind bläst anders, das Licht strahlt anders und auch das Rauschen der Wellen ist anders – als im Süden. Irgendwie fühlt es sich schärfer, härter, wilder an. Die Kraft des Nordens, die bewegt. Auch hier ist die Natur ohne Ziel. In ihrem eigenen Rhythmus, in der eigenen Dauer.
Ja, die Dauer, die Henri Bergson untersuchte. Das zeitlose Sein, das in seiner Bewegung braucht, so lange es braucht. Der Volksmund spricht: „Jedes Ding will Weile haben“. Die Welle hat ihre eigene Dauer ohne Ziel. Wie der Windstoß oder der Geruchseindruck. Auch das Studium benötigt seine Dauer; wie jeder Moment und jedes Ereignis, das wir eräugen. Man kommt nicht umhin sich der Ruhe und Leere zu ergeben, um die Qualitäten der Dauern zu erfassen und zu begreifen. Auch wenn es uns in dieser getakteten Welt schwerfällt. Nur hieraus kann eine „Qualität ohne Namen“ (Christopher Alexander) entstehen, die etwas wirklich entwickeln lässt. Zulässt. Leider vergessen viele Menschen dieses Wissen, das ihn ihnen – in uns allen steckt.. Eine Frage nach dem „Warum“ etwas so oder so ist, erübrigt sich im Moment der Dauer, der Präsenz. Eine Gesellschaft, die nicht mehr studiert, sondern nur noch zerlegt, zerteilt, bewertet und somit quantifiziert kann kaum noch aus dieser Falle herausgeraten. Einer Falle, die immerfort nach Fortschritt ruft und nach messbaren Zielen verlangt.
Im Takt des Blicks auf das Ziel, den Zeitpunkt verlieren die Menschen die Perspektive, den offenen Blick der Weite. Fokussiert scheitern sie an den Forderungen der Zahlen, der Stunden und Minuten: Du musst bis dann das sein, dies geschafft, soviel verdient, die Klausuren bestanden haben… Gewäsch! Wir steigen 2038 aus der Kohle aus, 2030 oder 2070. Egal! Es muss jetzt geschehen, konsequent angegangen werden! Nur wer mindestens eine 4,0 geschrieben hat, darf weiter studieren. Didaktischer Blödsinn! Im getakteten Moloch wird nicht studiert. Dort gibt es keine natürliche Dauer (mehr). Denn die Dauer eines Studiums ist für jeden Menschen unterschiedlich. Sie hängt von Ereignissen, Situationen, den Studierenden, Lehrenden und vielem Anderen ab. Immer mehr. Doch dazu habe ich ja schon Worte verloren (1) (2).
Die einzige Möglichkeit besteht darin, sich zu befreien. Den eigenen Rhythmus studieren zu lernen. Die Momente erkennen, sich gleiten lassen. In heiterer Gelassenheit kann es gelingen. Die Dauer kann Glück bringen. Zufriedenheit, Frieden. Man muss die Dauer nur Dauer sein lassen. Dann entdeckt man den Geruch des Meeres, weiß um den Wind, die Wellen, die Wolken und das Sein in seiner Endlichkeit. Dinge müssen reifen. Denn alle Dauer endet – irgendwann. Das ist Qualität.
Monat: November 2021
architékton
Der Architekt, den ich auf die Fassade und den Blick aus dem Zimmer ansprach, kannte Christopher Alexander nicht. Er scheint nur den Blick von Außen zu kennen. Die schicke Fassade. Doch was nützt sie, wenn innen eine „Qualität ohne Namen“ entstehen sollte? Viele Architekten scheinen wie Designer zu denken. Sie denken in Oberflächen. Oberflächen, die ihr Image spiegeln, ihr Ego erhöhen. Was haben sie geschaffen? Wie die Werber: Nichts! Sie vermögen nicht einmal die Qualität der Leere zu finden oder ihn in seiner gelassenen Ruhe greifbar zu machen. Kein Wunder, dass die HafenCity so kalt, so monoton, so gewollt künstlerisch, so leer und tot daherkommt.
Das Problem ist die Arbeitsteilung, sagt ein Freund. Architekten sind für die Oberfläche, InnendesignerInnen für die Innenräume, StadtplanerInnen für den Stadtraum zuständig. Wenn in Schubladen, vom Ego, vom nur eigenen Standpunkt aus gedacht wird, kann nichts wachsen. Wachsen ist organisch. Doch das Diktat der (Konsum-) Maschine schreit: Wenn mal etwas wächst, muss das Krumme ausgemerzt werden. Es passt nicht in das Raster der Produktion. Ich sehne mich nach Wabi-Sabi, der Störung, dem Bruch.
Bei den „ersten Baumeistern“ ist nichts „tektonisches“ mehr zu finden. Nichts Natürliches, nichts das bewegt. So wie die Erdkruste es von sich her tut, immer in Bewegung. Dies fällt umso mehr auf, wenn man die gewachsenen Reste der Orte im Süden betrachtet, die es früher auch bei uns und eigentlich überall in ihrer natürlicher Form gab. Sie verschwinden zunehmend… Ich möchte schreien:
„Tod dem „Rechten Winkel“! Tod der Oberfläche! Tod dem Tabellen-Raster!“