Materialisten

Eine vielversprechende Diskussion über Grenzen lockt uns ins Internet. Das Zoom-Fenster öffnet sich; ein Text leitet ein. Dann, im Rahmen der Einleitung fällt mein Blick auf das Wort „materialistisch“ (1). Ich bemerke, wie ideologische Kälte meinen Magen zusammenzieht. Die Begriffsauslegung, die mir hier entgegenstrahlt, ist mir allzu bekannt. Es riecht nach verstaubtem „orthodox marxistischen“ Kontext. Er verweist, wie eine metallene, starre Leitplanke auf den ideologischen Überbau des Denkansatzes, der den Diskurs von Vortrag und Diskussion leiten wird. Meine Zehennägel rollen sich hoch. Ich spüre ein leichtes, emotionales Gruseln; das kann nicht gut werden. Die Denkautobahn ist, bevor das erste Wort fällt, asphaltiert.
Mein ganzer Körper spürt den mentalen Beton. Betonmarxisten. Ein in beton gegossener Begriff, der auch anders gedacht werden kann. Die Gespenster, die nach wie vor umgehen. Ideologiezombies. Fremdschäme ich mich für die, in diesen ausgefahrenen Gleisen argumentierenden Menschen, die sich vor prall gefüllten Bücherregalen präsentieren? Ideologen, deren Gehirn so erstarrt sind, wie eben dieses Baumaterial, dass metaphorisch für Vorstadt-Ghettos, Autobahnen, AKW-Kühltürme, Bunker und all den Wachstumswahn steht.
In einer Vision sehe ich den Materialisten, wie er auf einem mittelalterlichen Turm verzweifelt eine festgehauene Zinne umgreift. Den kalten Stein förmlich knutscht. Wie er sich mit letzter Anstrengung an ihn klammert. An das entgleitende Objekt seines Begehrens gebunden – während ein Erdbeben nach dem Anderen die Geisteswelt erschüttert. Argumentative Steine und Staub stürzen durcheinander. Sammel sich als Schutt auf dem Boden. Nichts bleibt, wo es vorher war. Dennoch, er vermag es nicht loszulassen, klammert sich frenetisch fest, wo ein anders Bewegen doch so einfach wäre. Er stürzt mit ab, wird von Staub bedeckt. Freudig und blind wie Scrat aus Ice Age, der als philobatisches Objekt seine Eichel umklammernd ins Verderben gerissen wird. Comic relief…
Durch ihre verschrobene Maske aus Wortbeton hindurch merken sie nichts. Haben nie erfahren, wie sanft und glatt, sperrig und fließend, rauschend und vieldeutig Begriffe und Sprache sind. Klammern sich an festgegossene Erklärungsschemata, welche die Zeit als Ruinen überdauert zu haben scheinen. Ich seufze innerlich. Denke an meine eigenen Ruinen. Wie schwer es war, sie abzureißen und in fruchtbares Diskursland umzuwandeln. Immer wieder. Doch ich habe erfahren wie erbaulich, lustvoll es ist, sich Werdend anderen Denkhorizonten zu öffnen. Ein geistiger Nomade zu bleiben. Der Welt in ihrer Vielheit – und Fremdheit – bis hin zur Befremdlichkeit zu lauschen. Ich danke dem „Materialisten“, dass er mich an diese, nicht leichte Aufgabe erinnert hat. Vielleicht hat sein Ruinendenken doch einen Sinn.

(1) Heidegger schreibt in seinem Aufsatz „Über den Humanismus“ ((2000) Frankfurt am Main, Klostermann) folgendes; „Das Wesen des Materialismus besteht nicht in der Behauptung, alles sei nur Stoff, vielmehr in einer metaphysischen Bestimmung, der gemäß alles Seiende als das Material der Arbeit erscheint.“ (S. 32)

Jugendbashing

Die Stimmung im Land scheint schattig bis düster. Wie im Novembernebel, der sich schwer über die kühlfeuchte Erde legt. Alle Wege gleichen einem Parkour von Pfützen, in denen einst strahlendes Herbstlaub langsam vermatscht und verwest. Zertrampelt von geduckt dahineilenden Menschen. Aus dem Nebel haucht eine gehässige Stimme „mit der Jugend ist nichts mehr los“. Sie sei unpolitisch, untätig, motivationslos, unstrebsam, unkonzentriert, reduziert auf ein zombiehaftes Anhängsel des elektronischen Smogs, der die Gehirne mit Meinungsdunst vernebelt. So echot es aus den speckigen Mündern der Alten, die im Herbst ihres Lebens, im warmen Ohrensessel, die Pfründe ihres maschinenhaften Schaffens genießen. Wohlstandsgehirne mokieren sich, jammern und hadern mit einer meinungslosen Generation. Sie fragen, wo ist das Engagement, die Begeisterung? Das politische Interesse?
Fraglos, ich vermeine ebenfalls zu spüren, dass die Tiefe von Diskursen verflacht, das klare Argument sich in beliebigen Geplapper aufgelöst haben. Nur bei der Jugend? Stimmt das? – Wird die „Jugend“ zu Recht gebashed? Wer bashed sie? Die trägen, im sicheren Nest hockenden Alten, wie ich? Die, die seit Jahrzehnten die Erde verkonsumieren? Ein lautes Nein hallt durch meinen Kopf. Ihr Alten, haltet Euren Mund! Es ist nicht „die“ Jugend, die das Klima vergiftet, dunkle Wolken über den Äther sendet. Es sind die schwadronierenden Köpfe der zum Teil schon früh Wohlstandsvergreisten, die mit angefetteten Konsumbäuchen über die Jungen herziehen. Ach, wie viele, selbst in meinem Umfeld, nähren ihre hohl gewordenen Köpfe in den Filterblasen des Netzes und der öffentlichen Medien, Haben sich verloren; „meinen“ zu oft, handeln selten, außer wenn sie Shoppen, Essen oder vor der Glotze vegetieren. Ich spüre dies, trotz manchem Lichtscheins, wie die „Omas gegen Rechts“, die heute mal wieder aktiv waren und mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben. War es je anders?
Derartige Ausbrüche aus den Mündern der Gesetzten, Trägen sind beim Zustand der Welt kein Wunder. Ein Zustand den meine Generation mit zu verantworten hat. Oder besser die „Mächtigen“ dieser Welt und ihre Brut? Diejenigen, die den ungezügelten Konsum predigen, Kriege von Zaum brechen und die einzige Freiheit im Besitz eines stinkenden SUVs sehen? Die, die sich für den wohlverdienten Ruhestand obendrauf noch ein wuchtiges Wohnmobil zulegen. Gerne könnt Ihr über die Jugendlichen herziehen, die Eurer dümmlichen Konsumideologie folgen, in Ion Musk ein Idol sehen, Eure materialistische Maggi-Tütensuppenideologie, die sich hinter einer Feinschmeckerfassade verbirgt, aufgesogen haben. Ich seufze über alle die Menschen, die von euren Wachstums-, Wohlstands- und neoliberalen Demokratieidealen hirnamputiert wurden. Wie so viele Generationen davor. Wer von Euch hat in seiner Jugend für eine bessere Welt, Gerechtigkeit, Frieden, eine lebenswerte Umwelt gekämpft? Kontinuierlich dafür gearbeitet? Wer ist dabei geblieben, meintswegen, wie ich, mit Pausen? Ich sehe nur wenige. Fasst Euch an Eure Nase, wie ich es hier tue, und denkt darüber nach, was wir „Alten“ machen können. Gemeinsam. Auf Augenhöhe mit den Jungen. Wie wir der motivierten Jugend helfen können, die verkrustete Machtpolitik zu bekämpfen, die deren Lebensgrundlage zerstört, sie in soziale Unsicherheit treibt. Gebt der Jugend eine Chance.
Nicht für die Alten. Ich lehne mich in meinen Ohrensessel zurück, genieße die Wärme angesichts der durchbrechenden Novembersonne. Bilder tauchen auf. Ich erinnere mich, wie ich früh am Morgen am Bahnhof mit eiskalten Füßen und Händen Flugblätter für Demos gegen Brokdorf oder für die Hafenstraße verteilte. Aus gebückt huschenden Gesichtern wurden mir faschistoide Sprüche wie „geh doch nach Drüben“ oder „Früher hätte man so etwas wie Euch vergast“ entgegen gehaucht. Ich war vielen ideologischen Irrtümern erlegen, wie ich mit der Zeit feststellte. Solche Irrtümer sind das Recht der Jugend, ihrer Kraft. Bekräftigen wir sie in ihren Kämpfen. Ermutigen wir sie. Unterstützen wir sie. Denn unser Leben neigt sich dem Ende. Geben wir Ihnen die Chance, die sie verdienen. Es gibt so viele Themenfelder, in denen Generationen von PolitikerInnen schlichtweg versagt haben. Ich mag keine Zahlen, aber bei der Lektüre der Shell-Jugendstudie (1) regt sich in mir ein wenig Hoffnung.
Ich lese in einem Auszug, dass Bildung und soziale Gerechtigkeit neben dem Klimaschutz eines der wichtigsten Themen den Jungen sind. Hoffnung macht, dass selbst bei den Jugendlichen mit geringem sozialen Status, ein nicht unerheblicher Teil zum Verzicht bereit ist. Hier ein Zitat zur Notwendigkeit zu verzichten (Auch wenn Zahlen nicht mein Lieblingsargument sind, besser ist Zuhören): (S. 15) „Umstrittener ist die Frage nach den Konsequenzen. 57 % sind der Meinung, dass alle ihren bisherigen Lebensstandard zugunsten von Klima und Umwelt einschränken sollten, 22 % sind unsicher oder geteilter Meinung (»teils, teils«) und 19 % lehnen dies ab. Differenziert nach Bildungsposition, zeigen sich Unterschiede: Knapp zwei Drittel (63 %) der Jugendlichen mit Abitur oder Fachhochschulreife sprechen sich für Einschränkungen aus, aber nur knapp die Hälfte (48 %) derjenigen mit Mittlerer Reife und vier von zehn mit Hauptschulabschluss (42 %).“ Und S. 17.: „86 % vertrauen darauf, dass eine bessere Welt möglich ist, und 70 % sind sich sicher, dass die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse durch eigenes Engagement beeinflussbar sind. Mehr als der Hälfte (56 %) fehlt allerdings das Vertrauen in die Einsicht ihrer Mitmenschen.“ (1)

(1) Shell Jugendstudie 2024

Positiv denken

Generell ist die Stimmung zu dieser Jahreszeit im Norden dunkel und regnerisch. Dazu das mental ungesunde Klima, die alltägliche Bombardierung durch düstere Wolken, welche die Medien nur zu gerne verbreiten und verstärken. Ich lese. Lieben wir es von Agonie umhüllt zu werden? Uns treiben zu lassen, nur den grauen(haften) Wolken zu folgen? All den trüben Überschriften, durch die ich diesen Morgen scrollte? Dann, wie der erhellende Durchbruch einiger sonniger Strahlen teilte sich der herbstliche News-Himmel. Ein Lächeln breitet sich sanft in meinem Gesicht aus. Ja! Ich freue ich mich über jede positive Nachricht, jeden Blick der Hoffnung und innere Freude verbreitet, das Herz erwärmt.
Meine geliebten konservativen Freunde von der NZZ (1), die gerne einen eiskalten Neoliberalismus predigen, veröffentlichten diese Tage ein Interview, dass mich mehr entspannte, als der gelassene Blick in den Himmel bei einer warmen Tasse Ersatzkaffee. Am Ende einer endlose Liste von Meldungen über Kriege und Katastrophen, durch die ich gescrollt hatte, war weit unten versteckt; so wie wir gerne die positiven Dinge zu vergessen und zu verdrängen scheinen, um die negativen zu genießen. Ein Artikel über den Krieg und die Menschen.
Tenor: Der Mensch als Gattung ist im Allgemeinen gut. Er ist ein kooperatives, soziales, kein an sich kriegerisches Wesen. Sicher, Konflikte gehören, speziell, wenn es zu existentiellen Krisen mit Konkurrenz durch Knappheit von lebenswichtigen Ressourcen geht, seit Anbeginn zu unserer Geschichte. Nicht zu vergessen die vom Besitzdenken angetriebenen Verbrechen aus Leidenschaft – nicht nur in Bezug zu materiellen Gütern, sondern auch auf Menschen. Wie Bregeman schon schrieb, schweißen Katastrophen die Betroffenen jedoch eher zusammen (2). Kriege und brutale Konflikte sind überwindbar, wenn man den Autoren glauben darf.
Zuversichtlich schaue ich gelassen in den Tag. Es gibt immer ein Licht am Ende des Tunnels, selbst wenn die Sonne mit ihrer Wärme im wolkig-nebligen Himmel kaum zu erahnen ist.

Zum Schluss ein Zitat: „Van Schaik: Trotz den gegenwärtigen Kriegen können wir festhalten, dass wir bereits den richtigen Weg eingeschlagen haben. Wir werden wenigstens sozial und ethisch mehr wieder zu Jägern und Sammlern. Zumindest im Westen leben wir immer egalitärer und demokratischer. Die Sklaverei wurde abgeschafft, dasselbe ist mit Krieg möglich.“ (1)

Es leben die Nomaden!

(1) Aus NZZ-Online vom 18.11.2024, Interview mit Anthropologen Carel van Schaik und Kai Michel.
Es unterstreicht die Thesen aus Rutger Bregmans schönem Buch „Im Grunde Gut“, das ich für sehr lesenswert halte.

(2) Bregman, Rutger (2021) im Grunde Gut, Rowohlt

Herbstgedanken: Haltung vs. Ideologie

Da pöbeln sie wieder. Mit Bildern, die aus dem Zusammenhang gerissen wurden, feisten Parolen, erstaunlichen Zahlenbergen. Wie ein durchtriebener Schwindler gaukeln sie Wissen vor. Zusammengestückelte Montagen, Symbole und schreierische Imperative sollen belegen, dass diese oder jene Sache die Richtige ist; dieser oder jene Ansicht die pure Wahrheit darstellt. Sie geben vor heller zu strahlen als das Leuchten platonischer Ideen. Da werden die Kämpfer, Mörder, Opfer und Geschändeten auf der „richtigen“ Seite bejubelt oder beweint. Die von der „Falschen“ Seite werden mit Hass überzogen, egal ob sie Täter sind oder leiden.
Was da aus den schwarzumwölken Seelen der Poster zu leuchten vorgibt, ist für mich das hasserfülltes Strahlen eines fahlen, düsterschmutzigen Glimmens. Das kalte Monitorlicht aus den Tiefen des Web. Oh, ihr armen Wichte an den Tastaturen! Stellt Euch Eurer Angst. Denn sie ist die Mutter der Wut, sie gebiert den Hass! Ist es so schwer zu erkennen, dass, wenn Ihr Unrecht erblickt, es schlauer sein könnte bedenkend anzuklagen? Ist dies nicht der menschlichere Weg? Wann habt ihr zum letzten mal anstatt auf die fahle Scheibe des Bildschirms in die warmen Augen eines Menschen geblickt? Einen fairen Diskurs, ein tiefes Gespräch gewagt?
Manchmal ist Schweigen durchdringender als das tosende Gezeter. Schmerzensgeschrei. Gebrüll und Wutgegrunze sähen nur mehr Widerwillen, Angst und Hass. Schaut in Euch, reflektiert, geht in ein inneres Zwiegespräch, fragt Euch, woher diese dunklen Gedanken kommen. Wovor fürchtet ihr Euch? Welcher Dämon hat von Eurem Geist Besitz ergriffen?
Psychologische Philosophen wie Lacan oder Sizek sprechen von den Anrufungen, denen wir durch unsere Ideologien ausgesetzt sind. Einem Konglomerat von Handlungsanweisungen, die jeder Mensch zutiefst verinnerlicht hat und reflexartig ausführt. Wie die Programme eines Computers, eines Betriebssystems. Durch ewige Wiederholung haben sich die Befehlssätze in den tiefsten Tiefen unseres Geistes verankert, als wären es die Eigenen. Daher handeln wir nicht selten wie dumme Prozessoren in den Computern, reagieren auf einen Input: Reflexartig folgen wir brav Schlüsselwörtern und -symbolen. Programmiert zu Gefolgsmenschen einer Nation, die beim Bild der Flagge, beim Ruf „zu den Fahnen für Nation und Rasse“, quasi „aus sich selber heraus“ fröhlich das Gewehr schultern, um unhinterfragt in den Tod zu marschieren. Genauso wie all die Konsumzombies, die voller Werbeversprechen grunzend nach dem nächsten Kaufopfer gieren. Hirntot!
Ideologien definieren das Verhalten in unseren Beziehungen, formen unsere Vorstellung. Egal ob es die bunte Schönheit der Konsumwelt ist oder die viele andere Dinge und Ideen, von denen wir denken, sie seinen unsere Eigensten. Sie kneten unser Hirn, durchsetzen es quasi heimlich mit brutalen Machtstrukturen. Werbung, Kapital und Politik nutzen diese Gedankenkrake immer wieder zu ihrem Vorteil. Wir reagieren auf ihre verrätselten, in uns eingebrannten Zeichen. Ihre Beliebigkeit verweist auf Sinnloses und arbiträres. Fragt Euch, wenn neben Grusel-Hetzbildern Werbeanzeigen flimmern, wer diese Reflexe bedient. Je nachdem wie wer ruft, werden Gefühle, Utopien und Wünsche getriggert. Das weltbekannte Porträt Che Guevaras kann zum Befreiungskampf aufrufen oder Zigaretten verkaufen.
Eine Haltung (kor. Jase 자세) hingegen kommt aus sich selbst heraus. Gerade, fest, ruhig, voller Vertrauen auf sich selber stehen ist die einzige Möglichkeit den Anrufungen der Ideologien zu widerstehen. Fest stehend, mit klarem Blick, schweigend die Welt enträtselnd. Das Gewohnte hinterfragen, sei es noch so plausibel. Dann dem ruhigen Atem folgend bedacht handeln.

Ernstl und Mozart im Touristengedrängl

Wenn ich nicht auf Reisen gegangen – oder besser mit der Bahn gefahren wäre, hätte ich nie von Ernstl gehört. Ein Prolet, der bei Peter, einem Mitglied der Wandergruppe, im Haus lebt. In Wien. Ernstl kriecht jeden Morgen die Stiege hinab um sich dann auf eine Bank vor dem Haus zu setzen. Dort trinkt er schon in der Frühe ein Glaserl. In das Glas sinnierend geht er dunklem, rechten Gedankengut nach. Bis zum Glaserl, dass seinen Tag so beendet, wie er begann. Im Wiener dialekt vorgetragen, sehe ich den Ernstl förmlich vor mir. Höre, was und wie er redet. Die Frage, die Peter sich stellt, als wir über Weltanschauungen reden, ist eine, die mich schon lange bewegt. Ist Ernstl durch sein Glas hindurch durch freundliche Argumente erreichbar? Wie all die verpeielten Ernstls der Welt. Wo doch seine Ignoranz, seine Wut auf alles Fremde mit dem Preis für die Alkoholika steigt. Ich habe keine Antwort.
Ein weiteres Erlebnis trug sich in der von Touristen zugequetschten Mozartstadt Salzburg zu. Ab vom schweigsamen und leidvollen Kreuzweg hoch zum Kapuzinerkloster. Da folgte uns das japanische Paar, dass, wie so viele, zu den Festspielen in die Stadt gepilgert war. Nein, sie rannten nicht in im wunderschönen Ensemble hochherrschaftlicher Gebäude in Zweierreihen dem in die Luft gereckten Stab eines Führers hinterher, wie eine gehorsame Schulklasse. Oder ließen sich von traurigen Pferden und noch trauriger dreinschauenden DroschkerInnen durch die Gassen der verschnörkelte Stadt an der Salzau kutschieren. Geräuschvoll tauchten sie vor der opulenten barocken Kirche hinter unserem Rücken auf. Dumpfe Mozartgeigen drangen quäkend aus der armseligen Bluetoothbox, die sie im Rucksack verstaut hatten. Absurderweise folgten sie uns durch die Passagen, die an sich zum Flanieren einladen würden. Die ich schnellstens, voller Touriparanoia, hinter mir lassen wollte. Es war zuviel. Zuviel von allem. Touristen, Barock… Wie mittlerweile in jeder Stadt. Folklore, Mode, Schmuck, überteuerte Fressstände, Wiener Küche in schlechter Qualität, drängelnden Menschen auf Reisen – wie wir.
Die Geschichte von Ernstl hat mich zum Flanieren, Wandern und ja, auch zum Reisen motiviert. Die von Mozart aus dem Rucksack zeigt mir auf, dass es doch besser sein könnte, zu Hause zu bleiben. Dort den Reisehorden aus dem Weg gehend. Leider gibt es in meiner Umgebung nur wenige Angebote für philosophische Wanderungen. Ohne diese Reise wäre ich nicht motiviert worden noch einmal tiefer in die Philosophie der Stoa einzutauchen. In die ich mich bald am Mittelmeer vertiefen werde. Ohne anzukommen, weiter meinen Weg suchend und in der Gegenwart genießend.

P.S. Heute las ich in der NZZ einen Artikel über Ernstls Brüder im Osten. Sehr interessant.

Angstokraten

Ostern, und ja, mein letztes Semester stehen vor der Tür. Der März als April macht, was er will. Mal Sonnenschein und Wärme, mal trübe Wolken und Nieselregen. Ebenso sieht es in meinem Kopf aus. Vorfreude auf den Sommer, nette Diskurse mit den Studierenden; spazieren mit dem Blick auf knospende Blüten und Bäume, in der Sonne tanzen… Doch wie kalter, peitschender Regen schießen wirre Nachrichten durch die toten, digitalen Nachrichtenkanäle der Uni. Studierende sollen keine Chipkarten mehr bekommen. Somit können sie die Labore und Arbeitsräume nur mit „Gastkarten“ selbständig betreten. Ich fürchte dafür müssen viele Formular ausgefüllt und Unterschriften eingefordert wurden. Der Kopf schweift nicht mehr, die Gedanken erstarren. Sie werden weit hinter den kommenden Sommer katapultiert. Weg vom Moment der Vorfreude, weg aus dem Präsens, dem Jetzt. Hinein in den eiskalten Winter der Verwaltung.
Wieder einmal hat die bürokratisch verseuchte Hochschulleitung bewiesen, dass sie keine Ahnung vom Studium hat. Diesen wichtigen Begriff und entsprechendes Handel nicht versteht oder gar verstehen will. Es bestätig sich das Gefühl, dass sie nur aus ihrer mechanischen Perspektive voller Bedenkenträgerei auf die Welt blicken, ohne jegliche Praxis in der Lehre gehabt zu haben; ohne Feuer und Begeisterung fürs Lernen und Lehren. Sie starren blind auf ihr System aus Paragraphen und Ängsten. Gefesselt durch Stapel von Papieren, Tabellen, Geboten, Anweisungen und monetarischen „Zwängen“. Eine Ansammlung symbolischer Ansprüche, Anrufungen, die aus diesem selbstreferentiellen System erwachsen sind; groß „A“ würde Lacan sie benennen. Weg von der Realität meinen diese Personen, getrieben von ihrer angstbesessenen Seele, die „ideale“ Lösung gefunden zu haben, die ihnen ihr verzerrtes Selbstbild („Ideal-Ich“) als Herz der Hochschule vorgaukelt. Was eine kalte, tote Fratze.
Der Unterschied ist – ein Körper, der leben soll, benötigt ein bewegliches und schlagendes Herz, bewegt durch den Atem. Studium braucht Herzblut. Wille zum Wissen und Wille zum Lernen. Freiraum, um wachsen zu können. Offenheit, offene Türen. Die versteinerten Herzen, festgenagelt in ihrem falschen Selbstbild meinen irgend einen Wert zu verkörpern, wichtig zu sein. Doch permanent rühren sie den Beton, der in jede Lücke quillt, alle Türen, ja jede Spalte verschließt. Freie Bewegung wird verunmöglicht. Geblendet von der Illusion ihrer Notwendigkeit verfestigt sich ihr Zement einer illusionären Freiheit zwischen den Sätzen und Verordnungen, deren Gift sie in die Welt kotzen.
Klar, jedes angstbesetzte Wesen sehnt sich nach Halt. Einem Leit- oder Selbstbild, einen leeren Begriff an das es sich klammern kann. Es versucht sein Dasein, sein So-Sein und Handeln zu legitimieren. Diese Schreibtischtäter agieren aus verdrängter Angst. Ich vermute, sie fürchten, zu bemerken überflüssig zu sein. Entsprechend entscheiden sie weiter auf Kosten derjenigen, für die sie da sein sollten. Ist es an einer Hochschule nicht ihre Aufgabe, zum Beispiel freies Lernen zu ermöglichen? Offene (Denk-)Räume zu schaffen?
Wie schon Kafka es im „Prozess“ so schönbitter beschrieb – machen sie sich un(an)greifbar. Unfassbar aber grausam spürbar sind sie nur für sich da. Sie klagen ihre „Untertanen“ an, ohne, dass je klar wird, weswegen Anklage erhoben wurde. Warum wird den Studierenden durch diese Anklage der freie Zugang zu Räumen, die für die Studies, die Lehre da sind, unterbunden. Ich denke, die Antwort klingt wie folgt: „Wir vertrauen Euch nicht, Ihr dürft Euch nicht frei bewegen, weil wir Angst haben“. Anders gesprochen – sie handeln gegen ihren eigentlichen Auftrag, ohne es zu bemerken. Sie kämen nie auf die Idee, die Frage zu stellen, warum ihre Entscheidungen dazu führen, das Studium nicht mehr Studium sein darf. Warum die Freiheit Jahr für Jahr, Semester für Semester zunehmend aus der Lehre hinausgedrängt wird. Sie müssen den Inhalt „Studium“ verdrängen, ignorieren, gar bekämpfen. Bis nur noch Verwaltung, Verwaltete, genormte Lehrende und Studierende übrig bleiben. Dann fühlen sie sich sicher.
Vielen dieser Entscheider würde ich raten ihren Job zu kündigen und eine Therapie zu beginnen. Sie würden damit all die mitdenkenden, kreativen Kolleginnen und Kollegen sowie die Studierenden befreien. Die tollen Menschen in der studiumsnahen Verwaltung, die sich kollegial mit den Lehrenden für das Studium einsetzen. Die Lehrenden, die für die Studierenden da sind. Ach was, eine Therapie nutzt nichts mehr. Das ganze Netz aus Verwaltungs-Psychopathen muss auf den Prüfstand. Stellt Euch der Halluzination, in der Ihr meint der Nabel der Lehre zu sein! Erkennt, dass durch Papierberge, inhaltsleere Workshops und Beratungsschwachsinn keine Lehre praktiziert wird. Ihr habt keine Ahnung. Doch dazu seid Ihr zu feige. Ihr seid die Hasen, das Studium ist die Schlange, auf die ihr starrt. Eure Köpfe sind eckig. Euer Denken ist eingepfercht, unbeweglich, erstarrt.
Ich freue mich dennoch auf den Sommer, und speziell den Moment, wo ich viele von diesen angstbesessenen Wichtigtuern hinter mir lassen kann. Zum Glück erinnern sich immer wieder Menschen an Picabias tollen Ausspruch, dass der Kopf rund ist, damit das Denken seine Richtung ändern kann – und handeln danach. Betreten frei neue Räume…studieren.

Kompetenzfeld „Worthülsen“

Das neue Jahr ist da, es hat geschneit. Ein wunderbarer Anblick. Erholung für das Auge. Glitzernde Kristalle verdecken den grauen Alltag. Erholung vom ewig gleichen Geschwätz auf dem Bildschirm. Zeile um Zeile Langeweile, unproduktive Leere…
„Reformprozess“ lese ich. „Kompetenzstukturmodell“ lese ich. „Learning Outcome“ lese ich. „Kompetenzfelder“ lese ich. Dann sind da, im verteilten Verzeichnis, die beiden Ordner für die Ergebnisse des Reformprozesses. So leer wie die bürokratischen Floskeln, die mich triggern: „Prozess“, „Reform“ , „Kompetenz“. Sie formulieren die institutionelle Luftnummer, die (nicht nur) an den Hochschulen wie ein wuchernder, schleimiger Giftpilz um sich greifen. Er zersetzt seit Jahren jegliches humanistisches Bildungsideal. Übrig bleibt die effiziente Wichtigtuerei von ausgehöhlten Institutionen und deren „Spezialisten“ für hohle Begriffe, Euphemismen, Präsentationen und Geplapper bei Bürokeksen und Kaffee. Spezialisten ohne explizite Praxis in Lehre und Studium, was heutzutage in den Verwaltungen (wie in der Politik) die Regel zu sein scheint.
Die Folge sind leergelaufene Köpfe in den Seminarräumen. Schon in jungen Jahren funktionieren sie, beginnend mit dem Kindergarten, in dem sie verwahrt werden. Im Takt der Ausbildungsindustrie tickt die Schuluhr. Kein Wunder, dass sie nicht selten scheitern, psychisch erkranken, orientierungslos umherirren… Die Verwalter der Misere retten sich in kalte Tabellen, (Pisa) Studien und Zahlen sowie die… leeren Begriffe.
Was bedeutet „Kompetenz“? Manchmal sind die banalsten Fragen die wichtigsten. Der Duden sagt, es handelt sich um „Fertigeiten“ und den daraus sich ergebenden „Zuständigkeiten“. Werden diese „studiert“? Wie studiert man? Sprechen wir hier von Können, Wissen, Vermögen, Erkenntnis- und Handlungsbefähigung? Wie wird das gemessen? Wann und wo wird gemessen? Ein Kriterium scheint über allem zu schweben. Das der Effizienz. Doch was wiederum bedeutet Effizienz? Heute lesen wir es als „Output“, als „Produkt“, das möglichst günstig die Produktionsanlage verlässt. Geradlinig, genormt, ohne Umwege und ohne Verschwendung von Ressourcen. Es geht um Ausbeute im Rahmen einer Kosten-Nutzen-Relation. Das war nicht immer so.
Seit den alten Griechen ist der Begriff der Effizienz mit qualitativen Fähigkeiten verbunden. Er wurde somit anders, wesentlich klarer und umfänglicher gedacht als heute in den quantifizierenden Amtsstuben. Bei Aristoteles lesen wir von der causa efficiens, altgriechisch der κίνησις „kinesis“ (1). Zu Deutsch: Der Ursache, die bewirkt, dass etwas in die Welt, in Bewegung kommt. Die Ursache, die bewirkt das etwas gewirkt wird. Gemeint sind zum Beispiel die schöpfenden HandwerkerInnen, IngenieurInnen oder MusikerInnen, die einen Tisch, eine Brücke oder ein Musikstück hervorbringen. Doch was sind Handwerkende, Ingenieurende, Musizierende, die nach der heutigen Lesart „effizient“ rein quantifizierend und funktional vorgehen. Nichts. Sie sind leer. Ersetzbar. Zum Beispiel durch Algorithmen. KI oder was auch immer. Aristoteles hingegen dachte die causa efficiens ganzheitlich, in einem Zusammenspiel mit drei weiteren Ursachen: Der causa finalis (das was es werden soll wie ein Tisch oder Musikstück) der causa materialis (aus was es beschaffen sein soll, aus Tönen oder Beton) und der causa formalis (was ist das Wesen, das „wesentliche“ des zu Schaffenden ist). Ziel ist es zum Beispiel, dass Musik wohl klingen soll, die Brücken Menschen sicher über einen Fluss führen müssen.
In diesem Prozess des bewegenden Schaffens ist die causa efficiens das Bewirkende, der verbindende Knoten. Sie versammelt sich selber sowie die drei anderen Ursachen (Was kann ich? Will ich es versuchen? Was brauche ich an Wissen, Material…). Dieses Studium der Vermögen setzt jegliche Schöpfung in Bewegung. Dafür muss die personifizierte causa efficiens mit Leib und Körper spüren, was sie bewirken kann; wo ihre Limitationen liegen, welche Fähigkeiten benötigt werden. Dies bedeutet noch lange nicht, dass es gelingt, das Vorgestellte so in die Welt zu bringen, wie gewünscht und vorgestellt. Planende würden sagen, die causa efficiens benötigt „Kompetenz“, in Sinne einer Eignung. Doch wo kommt diese Befähigung her? Wer definiert sie? Wohl keine Exceltabellen und wirr herbeigeredete Kompetenzfelder. Keine Titel oder Noten. Eignung können die potenziell Schaffenden nur aus sich selber heraus an“eignen“, zu „Eigen“ machen. Vermittelt durch Zuhören, Betrachten, Beobachten. Studieren als Gleichklang von Neugierde, Übung, Geduld, Konzentration; durch Versuch und Irrtum. Gepaart mit einer substanziellen Dosis kritischer Selbsteinschätzung. Wenn dann gehandelt, etwas bewegt wird, gewinnt das handelnde Wesen Selbstwirksamkeitserfahrung, Sicherheit und somit ein Wissen um sein Können und seine Einschränkungen. Essentiell ist, dass im Studium der Welt auf die Dinge und Menschen gehört wird, die ein Werk kritisch spiegeln.
Kern ist demnach das Begreifen, was nichts anderes heißt als körperlich ausprobieren, machen, tun, aktiv sein. Selbst im metaphorischen Sinne am Computer (im Computer gibt es strenggenommen nichts mit den Händen „begreifbares“, nur immer gleiche Oberflächen und Symbole). Tun, aktiv sein bedeutet in einer Sache aufgehen, sie durchdringen. Ihr mit Lust zu begegnen, mit Neugierde, Konzentration und Willenskraft. Zum Lernen, zum Studium (lat. „nach etwas streben, sich bemühen“) gehört Übung und Scheitern. Wenn diese Dinge gegeben sind, besteht die Chance, dass jemand etwas schafft, schöpft, gestaltet; etwas her-, in die Welt stellen kann.
Begeben sie sich auf den Weg der Schaffenden werden die Machenden aus sich heraus merken, ob sie geeignet sind; die Fähigkeit besitzen Dinge zu schöpfen. Alleine ist es schwer, etwas zu bewerkstelligen. Dies gelingt zumeist nur äußerst Begabten Tüftlern und Denkern, die oft als Genies bezeichnet werden. Menschen als soziale Tiere lernen und schaffen am besten gemeinsam, in Gruppen. Hier können sie ihre Fähigkeiten einbringen, sich austauschen, korrigieren und suchen – voneinander lernen. Dafür hingegen bedarf es freier Räume, voller Herausforderungen und Fragen, Aufgaben und Vorstellungen, die geteilt werden. Lehrer, Coaches und Meister vermögen es, wenn sie offen sind, als mentale „causa efficiens“ die Lernenden und Suchenden zu unterstützen, sie auf den Weg zu bringen und helfen Fehler zu vermeiden, die schon gemacht wurden. Dazu gehört es, diese zu wiederholen – oder zu begehen, um aus ihnen zu lernen.
Jedes Individuum sollte aus sich heraus eine Beziehung zur Welt und sich selber erschließen. Bekanntlich begreifen wir alle auf unterschiedliche Art und Weise. Hier helfen neben den richtigen Zielen, Materialien und Werkzeugen die richtigen Fragen: Bin ich eher künstlerisch oder technisch orientiert? Bringt mir dies oder das Spaß, so dass ich hierfür Konzentration und Willenskraft aufwenden kann und will? Kann ich das? Fällt es mir leicht oder schwer? Was brauche ich? … Alles Dinge, die nicht „objektivierbar“ sind; nur grob Feldern zugeordnet werden können, wenn diese Helfen die Komplexität unserer Umwelt zu reduzieren. Das, was im Allgemeinen Kompetenz genannt wird, entwickelt sich, wenn die richtigen Spielplätze eingerichtet, die richtigen Beziehungen zwischen den Menschen angeboten werden – alleine, aus sich selber heraus. Dafür brauch es keine Reformen oder leeren Begriffe wie Kompetenzfelder. Dafür braucht es eben: Freiräume und Spielfelder. Aus solchen heraus hat jedes Kind die ersten Schritte getan. Ist ausgezogen die Welt zu begreifen, seine Wirksamkeit zu spüren. Unter der sanft leitenden Hand von Geschwistern, Eltern, Freunden, später Mentoren. Das Meiste, was heute in Prozessen und Kompetenzfeldern vorformuliert wird, spricht von der Verwertbarkeit und entmenschlichten, quantitativ zerlegte Maschinenhaftigkeit des Lernens. Von nichts Anderem.
Niemand muss akzeptieren, dass die Spielwiese von „Planerinnen“ und „Coaches“, der Institutionen weitab der Praxis stattfindet, in Prozessdokumenten bei Kaffegeschwätz voller Worthülsen und unreflektierten Präsentationen. Kein Wunder, dass die Bürokraten Begriffe, die Dinge um die es im Kern geht, oft schlicht vergessen oder ignorieren. Sie vermögen es zum Beispiel an den Hochschulen nicht mehr Worte wie „Studium“ oder „lernen“ zu denken, da sie nie in einem Seminarraum sitzen oder eine Gruppe junger Menschen geholfen haben Schaffende zu werden. An ihren Monitoren eiern ihre Mäuse wichtig durch Tabellen, Evaluationsbögen etc. die so leer sind wie die Begriffe die sie in die Welt husten, uns aufzwingen wollen. Ignorieren wir sie, sie sind nutzlos. Es ist an uns das, was wichtig ist zu leben, vor ihnen zu retten. Dies vermögen nur die, die in der Praxis handeln. Das ist „efficiens“. Nur im Handlungsraum von Menschen in praktischen Beziehungen (zur Welt) kann „Kompetenz“ sichtbar werden. Nicht in Papierstapeln.

(1) Aristoteles, Physik, II Buch, III Kapitel Hier zusammengefasst

Love and Hate

Zwei von vielen Seuchen, die schlachtend und mordend eine unfassbar blutige Spur durch die Geschichte der Menschheit ziehen, lassen mich immer wieder erschauern. Grausamer und brutaler als fast jeder tödliche Virus, jedes giftende Bakterium es vermag. Das schlimmste ist, es scheint kaum eine Medizin gegen sie zu geben. Keinen Impfstoff, kaum Schutzmaßnahmen. Sie schlagen immer wieder zu, nachdem sie manchmal jahrelang in ihren verwirrten Wirten schlummernd ihr tödliches Spiel vorbereitet haben. Sie sind klar zu benennen und es gibt nur einen umfassenden Schutz gegen sie: Bedingungslose Liebe zu jedem Wesen, jedem Geschöpf. Liebe voller Vertrauen, Zärtlichkeit und Zufriedenheit. Denn sie infizieren mit dunkler Lust die unzufriedenen, die armen und Hilflosen, die Verlassenen und Ungeliebten. Menschen die sich in einer kalten Welt nach Wärme, Anerkennung, Macht und Stärke sehnen. Menschen die ihre eigene Stärke, Liebe zu sich selber, die nur in ihrem Innersten ruhen kann, nicht gefunden haben. Die unfähig sind, sich aus sich heraus zu ermächtigen. Oft haben die mordenden Seuchen die Liebe zu sich und allen Wesen zersetzt. Sie verängstigt, ihnen die Liebsten oder das Heim geraubt.
Die beiden Seuchen, die meine Gedanken immer wieder zernagen, nennen sich Nationalismus und ideologische Religion (1). Wie Würmer kriechen sie durch die Völker, oft versteckt, dann wieder offen ihre Parolen schreiend. Wenn, wie nicht selten, beide zusammen auftreten, werden infizierte Wesen zu laut brüllenden Monstern. Nationalismus und Religion haken sich gerne unter, verstärken sich gegenseitig, schwellen wie ein schleimiges Geschwür und zerdrücken alles warme, schöne, ruhige. Schnell wird aus dem göttlich gehauchten Wort ein Befehl, aus dem verletzten nationalen Stolz ein Massaker. So wie jüngst in Israel, der Ukraine, Somalia…die Liste ist unendlich.
Diese Seuchen töten selbst die schönsten Blumen der Sprache, vergiften jeden Boden, auf welchem die erhabensten Gedanken gedeihen könnten. Ja, sie nehmen Worte wie Liebe oder Vertrauen in ihren Mund. Sprechen von Gemeinschaft und Solidarität. Kurz sie töten nicht nur, sondern verseuchen das Haus, in dem das Denken wohnt, unsere Sprache.
Daher ist es umso wichtiger mit wirklicher Liebe für jedes Geschöpf in dieser wunderbaren Welt jener geheuchelten, beschmutzten Liebe entgegenzutreten. Wozu bedürfen wir allmächtiger oder zürnender Gottheiten, Priester, Führer, Nationen? Nichts und niemand darf über dem liebenden Leben stehen. Nur eine Liebe zu allen Wesen, von denen ein jedes das Recht hat, auf dieser Welt ihr Glück und ihre Zufriedenheit zu finden, kann wirkliche Liebe sein. Egal was diese Menschen glauben oder wo sie leben. Selbst die armseligen Hetzer im Namen „großer Ideen“, die in Wirklichkeit kleiner und wurmhafter sind als jedes Bakterium, das im Schlamm brütet, wollen geliebt sein.
Ach wie viele Male ist der Weg zu bedingungsloser Liebe von den großen spirituellen Lehrerinnen und Lehrern wie Meister Eckard, Siddhartha Gautama, Rumi und vielen mehr beschworen worden; über Jahrtausende. Warum finden so wenige ihren Weg, geben ihren freien Geist an giftige Ideen und vergiftende Herrscher ab? Ist es so schwer, in sich zu suchen, den Kern des eigensten Seins zu erspüren? Die wärmende Sonne der Zufriedenheit in uns zu spüren. Uns gewahr zu werden, dass alles endlich ist? Die Zeit, die wir auf dieser Erde wandeln, zu nutzen?

(1) Ich unterscheide immer stark zwischen Religion und Spiritualität. Erstere vernebelt die Sinne, zweite ist das Gefühl der liebenden Allverbundenheit mit etwas, das als Welt, Alles, das Ganze bezeichnet werden könnte. Es ist für jeden individuell und anders. Religion sind für mich Machtstrukturen, die den „Geist“ vernebel und unter dem Deckmäntelchen des Glaubens/Wissens eine natürliche Verbundenheit mit Welt überlagern.

Sprachlos – Vom Ärger zur Ruhe

„Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten. »Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln.“ (Nietzsche, F. (1884) Also sprach Zarathustra, Vorrede Kap. 5)

Beim WWF Fußabdruck Rechner komme ich, weil ich z.B. kein Auto fahre, energetisch saniert wohne, Gemüse über die Biokiste bekomme, wenig in Klamotten und Möbel investiere, einen kurzen Arbeitsweg habe, max. einmal im Jahr in den Urlaub fliege, versuche Fleisch zu reduzieren, und wenn dann nur Bio, etc. auf einen recht passablen Wert. Unter dem deutschen Durchschnitt, jedoch über dem der Weltbevölkerung, was kein Wunder ist. Sicher, ich habe hier und dort meinen Luxus und konsumiere sinnlose Dinge. Dies und das könnte ich weiterhin verbessern. Nach dem Motto, „Jeder Mensch sollte versuchen die Welt ein wenig besser zu machen“. Dies gilt umso mehr in Anbetracht der nahenden Katastrophe, welche speziell die Generation unsere Kinder bedroht.

Als ich mein Ergebnis eines ähnlichen Rechners von Brot für die Welt betrachtete, fiel mir der folgende Satz ins Auge: „Zu Deinem persönlich beeinflussbaren Fußabdruck wird ein Sockelbetrag von 0,9 globalen Hektar (gha) addiert. Dieser kollektive Fußabdruck steht für die Infrastruktur in Deutschland (z.B. Straßen und Krankenhäuser).“ Gefühlt bedeutet dies, dass ich auf vieles keinen direkten Einfluss habe. So wenig wie auf das Wachsen eines Berges durch tektonische Plattenverschiebungen. Doch welche Möglichkeiten gibt es, ein wenig mit einem Löffel an diesem Gebirge des Wahnsinns zu kratzen? Dem Gebirge, dass den Abgrund formt, über dessen Klippen die nächste Generation zu stürzen droht? Für mich bedeutet es, die Klima-Aktivist:Innen ohne Wenn und Aber zu unterstützen. Die, die sich aktiv, mit allen ihnen gegebenen Mitteln der Klimakatastrophe entgegenstellen. Bis hin zum Einsatz ihres Körpers. Nur so lässt sich vielleicht gerade noch der Abgrund vermeiden, in den wir stürzen werden. Es geht für alle darum, aktiv zu werden. Ruhig und in dem Maß, das uns möglich ist. Gegen unseren inneren Schweinehund und der leider (aus meiner Sicht) trägen, Bildzeitungsverdummten, Auto- und Konsumversessenen Bevölkerung. Sowie deren Volksvertreter:Innen und Meinungsmaschine.

Diese Gedanken sind der Hintergrund, vor dem mir gestern ein kalter, versengender Blitz durch die Eingeweide zuckte. Brennende Wallungen wie ein überhitzter Saharawind, durchtosten und erregten meinen Leib. Wie die Schockwellen eines Steins, der voller Kraft in den still da liegenden Teich am Fuß des Abgrunds geschleudert wurde. Die emotionale Attacke riss meinen ganzen Körper mit. Zum Glück meldete sich sich dann mein Geist. Auch wenn er durch die, über den Bildschirm flimmernde, Nachricht entgeistert war. Einatmen, ausatmen. Den wilden Gefühlscocktail Wahrnehmen, erkennen, annehmen, umarmen. Die ersten drei Schritte, um mit aufkommendem Ärger umzugehen. Ich fasse es nicht. Kaum habe ich den hitzigen Angriff der Gefühle ein wenig umarmt, ein wenig beruhigt, rutsche ich unvermittelt in die vierte Phase. Tief schauen.

Klar, was da los ist, kann ich in den Worten lesen, die mich so getroffen haben: Die Staatsgewalt hat sich blind agierend über junge, verzweifelte Menschen hergemacht: Wie ein zerfleischendes Raubtier über ein graziles Opfer, das sich zu behaupten versucht. Ein Opfer, dass aus der Verzweiflung heraus einen umstrittenen Pfad gewählt hat. Den Pfad des Widerstandes. Ich denke, wenn sie so fühlen, aus gutem Grund. Friedvoll, kraftvoll, überlegt wurden Grenzen überschritten. Doch was sind das für lächerliche Regelbrüche angesichts der nahenden Katastrophe. Der Klimakatastrophe, vor der eine große Mehrheit der Wissenschaft warnt. Vor dieser Katastrophe gibt es keine Flucht.

Was ein Fehlgriff, was eine armselige Hilflosigkeit (oder gar Berechnung) einer von stinkenden Automotoren angetriebenen Politik. Bilder schießen durch meine Gedanken. Grüne haben schon immer die größten Dreckschleudern gefahren. Deren Abgase haben deren einst idealistisches, kämpferisches Hirn abgetötet. Heute sind sie Teil der Weltvernichtungsmaschine. Weitaus schlimmer fühle ich die Arroganz der Autoknutscher aus der SPD, deren nicht handelnder Oberguru die letzte Generation zuletzt als „völlig bekloppt“ diffamiert hat. Mir fällt die Liste seines Versagens ein. Elbphilharmonie, Olympia, G20, Warburg und jetzt in der Klimapolitik… Über die Wölfe im Schafspelz der FDP, denen unter dem Banner der Freiheit des Geldes, die Schönheit der Welt, das Leben nebensächlich und egal zu sein scheint. Über die Konservativen, die schon lange nur noch destruktiv daherkommen und nichts mehr bewahren, rede ich garnicht erst.

Was eine Dummheit, diese mutigen Kinder, die in ihrer Verzweiflung über die Stränge schlagen, als kriminelle – äh, war ein Fehler der Staatsanwaltschaft (wohl aus Berechnung?) Vereinigung zu diffamieren. Sie auf Geheiß der Auto- und anderer CO2 Lobbies, der (auf-)gehetzten SUV-Bürger in eine kriminelle Ecke drängen zu wollen. Es ist so, als ob man jungen Menschen, die das Leben vor sich haben und genießen sollten, erst den Boden unter den Füßen wegzieht und diese dann für den Sturz bestraft.

Es ist nicht die „letzte Generation“, die kein Rückgrat hat. Ich fürchte der Rechtsstaat, die „letzen Menschen“, die „Heerdenthiere“ (Nietzsche), personifiziert von den gekauften Volksvertreter:Innen, hat es schon lange verloren. Ein wahrscheinliche tödliches Konglomerat aus Politik und Industrie, welche dem dummen Volk die heilige Kuh in Form des Automobils seit Jahrzehnten als Heils- und Freiheitsbringer angepriesen hat. Diese kleinen Hochgeschwindigkeitsgefängnisse, die unsere Erde jede Sekunde milliardenfach überfahren und verpesten. All dies hab ich verstanden.
Ich werde und muss mich für diesen jungen Menschen, die sich überwunden haben aktiv zu werden, einsetzen, mit ihnen gegen die Mikropartikel-verstaubten dunklen Mächte auf die Straße gehen. Klar gehört dazu, zu versuchen weiterhin mein (Konsum-) Verhalten zu ändern. Ich muss noch mehr für die Zukunft meiner und unserer Kinder tun. Nach dem Motte, es bringt nichts, wenn wenige alles tun, sondern viel mehr, wenn viele ein wenig tun. In kleinen Schritten. Geradeaus. Mit Rückgrat und ohne Rücksicht auf die lobbyverpesteten Volksvertreter:Innen.

Ich gehe in die Badewanne. Luxus. Ich verschwende Energie. Der Sturm legt sich weiter, die sanften Wellen beruhigen sich. Nach dem Verstehen kommt die Ruhe. Dann muss die Aktion folgen. Ich gehöre zur (vor-)letzten Generation. Für die Kinder kämpfen.

Euphemismus

Ich lese die verzweifelte Mail eines Mitarbeiters, der seit Monaten nicht weiß, ob er in wenigen Wochen weiter beschäftigt sein wird. Ein von seiner Aufgabe begeisterter Mensch, einer der warmen Motoren der Lehre, für die er sein Herzblut einsetzt. Er war maßgeblich am Aufbau des Labors beteiligt. Er hat geholfen, nicht unerhebliche Drittmittel einzuwerben und vieles mehr. Am wichtigsten ist jedoch seine engagierte Unterstützung der Studies und derer Projekte. Solche Menschen sind der Puls der Lehre.
Ein durch Euphemismen übertünchter Infarkt bringt das zum Bildungsfließband verkommene System Hochschule innovativ und zukunftsorientiert zum Stottern. Ohne jede Resilienz stirbt das „Studium“. „Lehre“ oder was davon nach Jahren schleichender, neoliberalen Vergiftung übrig geblieben ist funktioniert nur noch im Takt oberflächlichen Marketing-Geblubbers.
Ich gleite durch die Slides der glatten, langweiligen Powerpointpräsentation mit ihren nichtssagenden Stockfotos. Leere Texte springen wabernd in mein Auge. Ein Konglomerat von Worten, die dunkle Dinge aussprechen, ohne etwas zu sagen. In seidig glänzende Watte gehüllt kommen sie bösartig daher. Das ist kein freundliches Geheul von Wölfen in Schafspelzen. Für mich klingen sie wie das Stöhnen und Grunzen von blutzerfledderten Zombies in überteuerten Designerklamotten. Untoten, die jedem Bezug zur lebendigen Welt verloren haben.
Ich lese „Strategie, Prozess, nachhaltige Transformation Herausforderungen, Innovationen der Zukunft, gesamtgesellschaftliche Verantwortung, ganzheitliches Verständnis, verantwortlicher Fortschritt, Wissenstransfer, Resilienz, Transformation, Vielfalt, Kooperation, Raum, Strukturen, Prozesse, Zielerklärung, Leistungsbereiche…“. Mein Magen zieht sich zusammen. Was soll das sein? Ein neuer Aufbruch? Nein, es ist der Weg in den Glanz einer goldenen Zukunft strahlender Kälte, aufgezeigt durch einen eisigen Pfad. König Midas…
Nicht einmal lese ich Worte wie „Menschen“, „Studierende“, „Lehrende“…All die Dinge, die für mich die den Kern dieser Institution ausmachen, sind im schmatzenden, trüben Sumpf der Euphemismen kläglich untergegangen. Ich sehe vor meinem inneren Auge die todbringenden und stählernen strategischen Panzerwortmaschinen der neoliberalen Transformation. Sie walzen alles menschliche, alle Lust zu studieren, zu lehren, alle Vielfalt nieder. All das, was Menschen mit Herz und Liebe aufgebaut haben, taumelt, schwankt, versinkt. All das, was neugieriges Studium und fröhliches Miteinander ausmacht, ist dabei zu vermodern, unterzugehen.
Kalt klingt der technokratische Marketing-Wortschwall des Unternehmen Hochschule in meinen Ohren. Nach Papierbergen, Stempeln, Stahl und Maschinen. Menschen sind nur noch Produkte. In meinen Ohren hallen Orwells Mahnungen nach. Mahnungen eines Leidenden, der für warme Ideale am Schreibtisch und sogar im Schützengraben gekämpft hat. Voller Liebe für die Anliegen der Bewohner:Innen Kataloniens im Angesichts der Faschistischen Mordmaschine (1). Der uns in „1984“ das Wort „Neusprech“ geschenkt hat. Es lässt alleine durch seinen Klang das Herz gefrieren, zerspringen. Ich denke an das Buch „Erwachsenensprache“ des Psychologen und Philosophen Robert Pfaller (2), der in Linz lehrt. Dessen schneidende Analyse der Euphemismen neoliberaler Rhetorik so treffend sind. In meinen Ohren hallt „We don’t need no education, we don’t need no thought control“ aus „The Wall“ von „Pink Floyd“ (3). Die Euphemismen von Heute sind das, was gestern der Rohrstock war…
Ich fürchte, es ist sinnlos meine schwach gehauchten Worte gegen diese Euphemismen in den Ring zu werfen. Ich fürchte es gibt kaum Begriffe, welche die warme Erhabenheit ausdrücken können, die für mich in „Studium“ und „lernen“ mitschwingen. Ich versuche es; sie sind kaum zu greifen. Ich spüre sie, finde sie schwer. Studium kann nur von Menschen in vertrauensvoller Gemeinsamkeit gemacht werden: begleitend, beobachtend, schweigend, genießend. Voller freudiger, heimeliger Aufmerksamkeit, Konzentration, Willenskraft. Angefüllt von der Lust auf Faszinierendes. Sich begeistern und anstecken lassen, sich gegenseitig ins Feuer werfen. Liebe zum Gegenstand, Liebe zur gemeinsam schaffenden Tätigkeit. Liebe zur kämpferischen Auseinandersetzung. Achtung voreinander. Auf Augenhöhe.

(1) Orwell, G. (1964) Mein Katalonien

(2) Pfaller, R. (2017) Erwachsenensprache. Fischer

(3) Pink Floyd, Another Brick in the Wall (1979)