Das neue Jahr ist da, es hat geschneit. Ein wunderbarer Anblick. Erholung für das Auge. Glitzernde Kristalle verdecken den grauen Alltag. Erholung vom ewig gleichen Geschwätz auf dem Bildschirm. Zeile um Zeile Langeweile, unproduktive Leere…
„Reformprozess“ lese ich. „Kompetenzstukturmodell“ lese ich. „Learning Outcome“ lese ich. „Kompetenzfelder“ lese ich. Dann sind da, im verteilten Verzeichnis, die beiden Ordner für die Ergebnisse des Reformprozesses. So leer wie die bürokratischen Floskeln, die mich triggern: „Prozess“, „Reform“ , „Kompetenz“. Sie formulieren die institutionelle Luftnummer, die (nicht nur) an den Hochschulen wie ein wuchernder, schleimiger Giftpilz um sich greifen. Er zersetzt seit Jahren jegliches humanistisches Bildungsideal. Übrig bleibt die effiziente Wichtigtuerei von ausgehöhlten Institutionen und deren „Spezialisten“ für hohle Begriffe, Euphemismen, Präsentationen und Geplapper bei Bürokeksen und Kaffee. Spezialisten ohne explizite Praxis in Lehre und Studium, was heutzutage in den Verwaltungen (wie in der Politik) die Regel zu sein scheint.
Die Folge sind leergelaufene Köpfe in den Seminarräumen. Schon in jungen Jahren funktionieren sie, beginnend mit dem Kindergarten, in dem sie verwahrt werden. Im Takt der Ausbildungsindustrie tickt die Schuluhr. Kein Wunder, dass sie nicht selten scheitern, psychisch erkranken, orientierungslos umherirren… Die Verwalter der Misere retten sich in kalte Tabellen, (Pisa) Studien und Zahlen sowie die… leeren Begriffe.
Was bedeutet „Kompetenz“? Manchmal sind die banalsten Fragen die wichtigsten. Der Duden sagt, es handelt sich um „Fertigeiten“ und den daraus sich ergebenden „Zuständigkeiten“. Werden diese „studiert“? Wie studiert man? Sprechen wir hier von Können, Wissen, Vermögen, Erkenntnis- und Handlungsbefähigung? Wie wird das gemessen? Wann und wo wird gemessen? Ein Kriterium scheint über allem zu schweben. Das der Effizienz. Doch was wiederum bedeutet Effizienz? Heute lesen wir es als „Output“, als „Produkt“, das möglichst günstig die Produktionsanlage verlässt. Geradlinig, genormt, ohne Umwege und ohne Verschwendung von Ressourcen. Es geht um Ausbeute im Rahmen einer Kosten-Nutzen-Relation. Das war nicht immer so.
Seit den alten Griechen ist der Begriff der Effizienz mit qualitativen Fähigkeiten verbunden. Er wurde somit anders, wesentlich klarer und umfänglicher gedacht als heute in den quantifizierenden Amtsstuben. Bei Aristoteles lesen wir von der causa efficiens, altgriechisch der κίνησις „kinesis“ (1). Zu Deutsch: Der Ursache, die bewirkt, dass etwas in die Welt, in Bewegung kommt. Die Ursache, die bewirkt das etwas gewirkt wird. Gemeint sind zum Beispiel die schöpfenden HandwerkerInnen, IngenieurInnen oder MusikerInnen, die einen Tisch, eine Brücke oder ein Musikstück hervorbringen. Doch was sind Handwerkende, Ingenieurende, Musizierende, die nach der heutigen Lesart „effizient“ rein quantifizierend und funktional vorgehen. Nichts. Sie sind leer. Ersetzbar. Zum Beispiel durch Algorithmen. KI oder was auch immer. Aristoteles hingegen dachte die causa efficiens ganzheitlich, in einem Zusammenspiel mit drei weiteren Ursachen: Der causa finalis (das was es werden soll wie ein Tisch oder Musikstück) der causa materialis (aus was es beschaffen sein soll, aus Tönen oder Beton) und der causa formalis (was ist das Wesen, das „wesentliche“ des zu Schaffenden ist). Ziel ist es zum Beispiel, dass Musik wohl klingen soll, die Brücken Menschen sicher über einen Fluss führen müssen.
In diesem Prozess des bewegenden Schaffens ist die causa efficiens das Bewirkende, der verbindende Knoten. Sie versammelt sich selber sowie die drei anderen Ursachen (Was kann ich? Will ich es versuchen? Was brauche ich an Wissen, Material…). Dieses Studium der Vermögen setzt jegliche Schöpfung in Bewegung. Dafür muss die personifizierte causa efficiens mit Leib und Körper spüren, was sie bewirken kann; wo ihre Limitationen liegen, welche Fähigkeiten benötigt werden. Dies bedeutet noch lange nicht, dass es gelingt, das Vorgestellte so in die Welt zu bringen, wie gewünscht und vorgestellt. Planende würden sagen, die causa efficiens benötigt „Kompetenz“, in Sinne einer Eignung. Doch wo kommt diese Befähigung her? Wer definiert sie? Wohl keine Exceltabellen und wirr herbeigeredete Kompetenzfelder. Keine Titel oder Noten. Eignung können die potenziell Schaffenden nur aus sich selber heraus an“eignen“, zu „Eigen“ machen. Vermittelt durch Zuhören, Betrachten, Beobachten. Studieren als Gleichklang von Neugierde, Übung, Geduld, Konzentration; durch Versuch und Irrtum. Gepaart mit einer substanziellen Dosis kritischer Selbsteinschätzung. Wenn dann gehandelt, etwas bewegt wird, gewinnt das handelnde Wesen Selbstwirksamkeitserfahrung, Sicherheit und somit ein Wissen um sein Können und seine Einschränkungen. Essentiell ist, dass im Studium der Welt auf die Dinge und Menschen gehört wird, die ein Werk kritisch spiegeln.
Kern ist demnach das Begreifen, was nichts anderes heißt als körperlich ausprobieren, machen, tun, aktiv sein. Selbst im metaphorischen Sinne am Computer (im Computer gibt es strenggenommen nichts mit den Händen „begreifbares“, nur immer gleiche Oberflächen und Symbole). Tun, aktiv sein bedeutet in einer Sache aufgehen, sie durchdringen. Ihr mit Lust zu begegnen, mit Neugierde, Konzentration und Willenskraft. Zum Lernen, zum Studium (lat. „nach etwas streben, sich bemühen“) gehört Übung und Scheitern. Wenn diese Dinge gegeben sind, besteht die Chance, dass jemand etwas schafft, schöpft, gestaltet; etwas her-, in die Welt stellen kann.
Begeben sie sich auf den Weg der Schaffenden werden die Machenden aus sich heraus merken, ob sie geeignet sind; die Fähigkeit besitzen Dinge zu schöpfen. Alleine ist es schwer, etwas zu bewerkstelligen. Dies gelingt zumeist nur äußerst Begabten Tüftlern und Denkern, die oft als Genies bezeichnet werden. Menschen als soziale Tiere lernen und schaffen am besten gemeinsam, in Gruppen. Hier können sie ihre Fähigkeiten einbringen, sich austauschen, korrigieren und suchen – voneinander lernen. Dafür hingegen bedarf es freier Räume, voller Herausforderungen und Fragen, Aufgaben und Vorstellungen, die geteilt werden. Lehrer, Coaches und Meister vermögen es, wenn sie offen sind, als mentale „causa efficiens“ die Lernenden und Suchenden zu unterstützen, sie auf den Weg zu bringen und helfen Fehler zu vermeiden, die schon gemacht wurden. Dazu gehört es, diese zu wiederholen – oder zu begehen, um aus ihnen zu lernen.
Jedes Individuum sollte aus sich heraus eine Beziehung zur Welt und sich selber erschließen. Bekanntlich begreifen wir alle auf unterschiedliche Art und Weise. Hier helfen neben den richtigen Zielen, Materialien und Werkzeugen die richtigen Fragen: Bin ich eher künstlerisch oder technisch orientiert? Bringt mir dies oder das Spaß, so dass ich hierfür Konzentration und Willenskraft aufwenden kann und will? Kann ich das? Fällt es mir leicht oder schwer? Was brauche ich? … Alles Dinge, die nicht „objektivierbar“ sind; nur grob Feldern zugeordnet werden können, wenn diese Helfen die Komplexität unserer Umwelt zu reduzieren. Das, was im Allgemeinen Kompetenz genannt wird, entwickelt sich, wenn die richtigen Spielplätze eingerichtet, die richtigen Beziehungen zwischen den Menschen angeboten werden – alleine, aus sich selber heraus. Dafür brauch es keine Reformen oder leeren Begriffe wie Kompetenzfelder. Dafür braucht es eben: Freiräume und Spielfelder. Aus solchen heraus hat jedes Kind die ersten Schritte getan. Ist ausgezogen die Welt zu begreifen, seine Wirksamkeit zu spüren. Unter der sanft leitenden Hand von Geschwistern, Eltern, Freunden, später Mentoren. Das Meiste, was heute in Prozessen und Kompetenzfeldern vorformuliert wird, spricht von der Verwertbarkeit und entmenschlichten, quantitativ zerlegte Maschinenhaftigkeit des Lernens. Von nichts Anderem.
Niemand muss akzeptieren, dass die Spielwiese von „Planerinnen“ und „Coaches“, der Institutionen weitab der Praxis stattfindet, in Prozessdokumenten bei Kaffegeschwätz voller Worthülsen und unreflektierten Präsentationen. Kein Wunder, dass die Bürokraten Begriffe, die Dinge um die es im Kern geht, oft schlicht vergessen oder ignorieren. Sie vermögen es zum Beispiel an den Hochschulen nicht mehr Worte wie „Studium“ oder „lernen“ zu denken, da sie nie in einem Seminarraum sitzen oder eine Gruppe junger Menschen geholfen haben Schaffende zu werden. An ihren Monitoren eiern ihre Mäuse wichtig durch Tabellen, Evaluationsbögen etc. die so leer sind wie die Begriffe die sie in die Welt husten, uns aufzwingen wollen. Ignorieren wir sie, sie sind nutzlos. Es ist an uns das, was wichtig ist zu leben, vor ihnen zu retten. Dies vermögen nur die, die in der Praxis handeln. Das ist „efficiens“. Nur im Handlungsraum von Menschen in praktischen Beziehungen (zur Welt) kann „Kompetenz“ sichtbar werden. Nicht in Papierstapeln.
(1) Aristoteles, Physik, II Buch, III Kapitel – Hier zusammengefasst