Kraft

„Ich werde argumentieren, daß es möglich ist, von Kontroversen gewissermaßen zu zehren und zu lernen, wie wir gute Relativisten werden können – sicherlich eine unerläßliche Vorbereitung, um uns in ein neues Gebiet hineinzuwagen.“
Latour, Bruno (2010) eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt a.M. S. 36


Der Frühling bricht mit aller Macht seinen Weg. Innere Kraft lässt die Natur förmlich explodieren. Die „physis“ treibt Knospen, Blüten, Blätter sowie das Licht aus den verborgenen Tiefen heraus in die Welt. Alle Körpersäfte setzen sich nach einer Zeit der Langsamkeit in Bewegung. Selbst mein Denken scheint Fahrt aufzunehmen. Die Physis ist die Kraft, „force“, „pauvoir“. Es ist die allmächtige Power der Natur; sie macht Macht. Wir krabbelnden Säugetiere sind nur ein kleiner Teil dieses ewigen Werdens. Kraft ist eine Potenz, ein Vermögen, eine Möglichkeit, die sich in ihrer unendlichen Vielfältigkeit potenzieren kann.
Wie die Knospen der Bäume und Blüten das Potenzial zum Aufgehen, zur Entwicklung (und zum Vergehen) in sich tragen, so tun es die Gedanken, die von ihnen inspiriert werden. Während die Frühlingssonne strahlt, lese ich über den geheimnisvollen Begriff der Macht. Die „Mikrophysik der Macht“ nach Foucault erweckt meine Gedanken, macht sie warm und sonnig, lässt verstehen. Was eine Motivation, die kleinen, feinen „Kräfte“ zu beobachten, die in jedem komplexen Gewebe wirken. Was ein Angriff auf den massiven Beton-Diskurs der Moderne, der so starr wirkt. Mikrophysik bewegt nicht nur negativ, sondern operiert produktiv. Macht, als Kraft verstanden, schafft. Solche Gedanken mögen Habermas und andere Apologeten der Moderne nicht leiden.
In ihren Wälzern voller verstaubter Wahrheiten und Universalismen folgen sie hehren Idealen. Blinzeln fokussieren sie geblendet die Sonne. Verschwommen erblicken sie den einen Baum mit seinem festen Stamm. Blind für Knospen und Blüten, blind für den Humus, der sich aus vergangenen Zyklen gebildet hat und den neuen Aufbruch aus dem wirren Geflecht der Wurzeln nährt. Ich betrachte das Netzwerk des Lebens. Es drängt aus sich selbst heraus in seiner unendlichen Vielfältigkeit und Allverbundenheit zum vergehenden Erscheinen.
Ja, genießen gehört zum Frühling wie zur Philosophie. Ohne den freudigen, lebendigen Blick auf die kräftigen Farben, deren Machtkraft den Geist umnebelt wäre jedes Empfinden, auch das intelligibele, eine sinnlose Verschwendung der den Dingen innewohnenden Energie. Ach, liebe ich es wirr Diskurse durcheinander zu wirben, zu verbinden, zu zerreißen. Nur aus diesem „zerstören“ bildet sich in mir der Humus, aus dem neues erblühen kann.

Teleologie

Heute habe ich mit den Krokussen geatmet. Zart sind ihre ersten Blüten, die sich zwischen den vertrockneten Überresten des letzten Herbsts, in der frischwürzigen Luft des Frühlings, den weichen Sonnenstrahlen entgegenstrecken. Jeder Aufbruch lässt uns nur zu gerne ein großes Ziel vermuten. Die feingefärbten, vergänglichen Blüten zeigen hingegen, dass jegliche Ziele Illusionen darstellen. Das Aufblühen von heute stellt das Welken von morgen dar. Genährt vom zersetzten Erblühen und vergangenem Verfall des letzten Jahres. Ein ewiges Werden und Vergehen, ein unablässiger Kreislauf. Nie werden wir wissen, wann, wie oder ob überhaupt etwas jemals endet.
Die Teleologie wiederum, das Denken in Zielen, ist trotz dieser simplen Erkenntnis unendlich mächtig. Er hat sich in die dunkle Erde, speziell das okzidentale Denken eingegraben wie die mächtigsten Wurzeln. Diese dunkel verdeckten Hölzer wuchern in unserem Geist, haben sich im scheinbar festen Mutterboden verankert. Wie ein Evangelium wird es uns modernen Menschen eingebläut. Es predigt davon, etwas zu werden (was bitte?), etwas zu sein (was bitte?). Es flüster davon, Dinge haben zu wollen, zu besitzen (wieso?), zu gewinnen oder zu den Gewinnenden zu gehören (warum?)…; kurzum immer weiter voranzustreben. In der Hoffnung ein mächtiger, ewigbeständiger Baum zu sein.
Wie tief diese Subjekt-Objekt-Ideologie unser Gehirn, unseren Geist durchdrungen und zersetzt hat, lässt sich unschwer in der Meditation erkennen. Es bedarf konzentrierter Anstrengung und Übung, den ein- und ausgehenden Atem in seinem vergänglichen Sein wahrnehmend zu genießen. Zudem fokussierte, unwillentliche Willenskraft, um den unendlichen Strom von zielgerichteten Gedanken sich verflüchtigen zu lassen. Gedanken, sie sich zumeist um zu lösende oder zu erreichende Dinge drehen. Seinen sie noch so klein, noch so groß. Mit ihren Bildern und Imperativen kommen und gehen die mit ihnen verbundenen Sorgen, Ängste, Wünsche, Hoffnungen.
Doch was ein Genuss, wenn der Geist in der Leere verweilen darf. Frei von allen Ansprüchen und Anrufungen, die uns täglich vorgaukeln, was wir alles Benötigen; wer wir sind. Bei der Freude, in der Betrachtung der Krokusse löse ich mich auf. Im Jetzt. Bis sich die Ziele erneut drohend melden. Es ist ein langer Weg, dessen Ende nie erreicht werden wird. Nicht in diesem, endlichen Leben, das alsbald vergehen wird.