Gesundheit

Da und dort schwatzen die Vögel, gurren, piepsen, pfeifen Melodien, flattern. Vom Bolzplatz das ballige „Plopp, Pong“; Rufe und Anweisungen. Dezent, – all dies gehört zur sonnigen Feiertagsruhe. Auf den Atem konzentriert, bin ich Teil von Welt. Leises Schlurfen im Gras. Erneute Ruhe. Wieder Schlurfen, eine Begrüßung, mit dunkelruhiger Stimme gesprochen. Zwei treffen sich neben mir, in der Frühsommersonne. Wunderbares Wetter.
Ich konzentriere mich auf den Atem. Dennoch, immer wieder schweben Gesprächsfetzen in meine Ohren. Es geht um Gesundheit. Untersuchungen, Screenings und Krankheiten im Umfeld. Ich atme tief ein, bleibe auf dem Atem, bei den Vögeln. Es lenkt mich ab. Bilder vom letzten Gespräch mit einem Freund kommen mir in den Kopf. Da ging es die erste viertel Stunde ebenfalls um dieses und jenes Zipperlein, nicht nur bei uns. Scheint am Alter zu liegen. Ich blicke verstohlen unter meiner Sonnenbrille hindurch zur Nebenbank. Ja, ein älteres Pärchen plauscht über Hautkrebsscreening, Vorsorge vor dem Urlaub und all diese Dinge. Zurück zum Atem. Wäre ich doch einer dieser Vögel, die die grüne Natur und den blauen Himmel mit ihrer wundersamen Atmosphäre tränken. Die Vögel erzählen von Revieren, PartnerInnen, Hunger und was weiß ich. Dann, irgendwann, fallen sie vom Ast und sind tot. So einfach, so gut. Ich finde den Atem wieder. Am Anfang war nichts, danach ist auch nichts.

Identität

„Da, der Baum, da, der Ahorn, wie er in seinem hellgrünen, zarten Frühlingskleid in der Sonne strahlt!“ Ruft mein Geist. Der Baum, mein Geist, die Sonne, der Frühling – Identitäten. Im Moment klar und eindeutig identifizierbar. Eine Sekunde später schiebt sich eine Wolke über die Sonne. Ein neuer Gedanke formiert sich aus den Strömen der Wort- und Bilderwolken im Kopf; wird klar, verpufft, formt sich neu. Trotz des Waberns erscheint es leicht und simpel zu philosophieren. In einem Zug die alltägliche, nutzbringende Verfallenheit zu erfahren und im Gleichen zu erkennen, dass nichts so ist, oder besser bleibt, wie wir so gerne annehmen.
Pulsierend breitet sich die Welt von mir, dem Subjekt aus. Der Singularität, die ich bin. Sie verbindet, verteilt, saugt auf; kommt, erkennt, vergeht. Mal klarer, mal eher unscharf, ahnend. Klare Worte, deren Bedeutung nie vollständig fassbar ist. Verbunden mit schwebenden Atmosphären, Stimmungen, die wie ein sanfter, sonniger oder kalter Nebel durch mich hindurchziehen. Ich betrachte das Foto. Ja, das war ich einmal. Im Kopf habe ich ein anderes Bild, als das, was im Spiegel auftaucht. Scharf und dennoch verschwommen, als wenn der heiße Wasserdampf auf dem reflektierenden Glas alle Konturen zu verwischen meint.
Identitäten sind Vergänglichkeiten und Strohhalme zugleich. Wir klammern uns an sie. Saugen aus ihnen unsere Existenz. Vergehen mit ihnen. Die Plastikstrohhalme brauchen dazu länger als mein Leben währen wird.
Ich bin im Beat. Ich bin pulsierender Rhythmus, schwebende Sphäre. Ganz da und doch nirgends.
Ich fasse das Buch, blättere, Gedanken werden aus Buchstaben, Zeilen, Worten aufgesogen. Ich gleite durch den Text. Meine Interpretation vermischt sich mit dem Fluss der Sätze. Später verstaubt das Buch, genauso wie die gelesenen Inhalte. Irgendetwas bleibt hängen, verwurstet sich mit meinem ich, verschiebt, verstärkt, vermindert meine Sichten auf die sich drehende Welt. Sie dreht sich um mich, ich drehe mich mit ihr. Was habe ich gerade gelesen? Wie hat sich der Beat angefühlt? Was war das für ein schöner Blick? Was war das für eine wundervolle Begegnung, Berührung? Was ist jetzt?
Ich schreibe, währenddessen löse ich mich auf. Worte formen sich im Kopf, fließen in den Text, verknoten sich, die parallele Idee – verflüchtigt. Wo wollte ich hin? Was ein imaginäres Ziel, ein Ziel zu haben. Was für eine Illusion, etwas Festes zu sein. Seid! Der schwere Bass von Massive Attack löst die Gedanken ab. Die Platte, der Text sind da, aber verstummen zugleich. Die wärmende Maisonne scheint. Anders als eben.

Visionen

„Das Umgekehrte ist jedoch die Wahrheit. Wenn wir die geschlossenen Systeme beiseite lassen, die den mathematischen Gesetzen unterworfen sind, und die isolierbar sind, weil die Dauer nicht an ihnen nagt, wenn wir das Ganze der konkreten Realtität oder ganz einfach der Welt des Lebens und mit noch mehr Grund die Welt des Bewußtseins ins Auge fassen, dann finden wir in der Möglichkeit eines jeden der aufeinanderfolgenden Zustände nicht ein weniger, sondern ein Mehr als in ihrer Verwirklichung, denn das Mögliche ist nur das Wirkliche mit einem zusätzlichen Geistesakt, der dieses Wirkliche, wenn es einmal da ist, in die Vergangenheit zurückwirft. Aber die Denkgewohnheiten hindern uns daran, dies zu bemerken.“ (1)

Spekulieren wir über das Morgen. Wie immer, wie jeden Tag, der neu beginnt; sonnig oder verregnet. Unendliche Visionen über die Zukunft quellen aus den Köpfen – sowie tausenden von Seiten der Science-Fiction Literatur. Fragen, Ängste, Hoffnungen und Problemstellungen, welche die Menschen bewegen. In jedem Werk dieser Literaturgattung wird zumeist eines der sich aus dem Jetzt aufdrängenden „Probleme“ behandelt; es werden „mögliche“ Szenarien diskutiert. Viele dieser „Visionäre“ gehen von einem Denkraum aus, der an sich der Gegenwart ist. Sie verknüpfen vorhandene Einzelteile und kombinieren diese, um sie in den neuen „Leerraum“ der Zukunft hinein zu projizieren. Doch kann daraus etwas „Neues“ entstehen? Sicher nur im Sinne, wie dieses Wort im Alltag gebraucht wird. Der Möglichkeitshorizont ist so unberechenbar wie die Wettervorhersage.


Möglichkeiten sind nichts als Einschränkungen, wie Bergson und in der Folge Deleuze feststellten. Sie verweisen auf den Bestand des Beständigen, den wir in unserem Besitz zu glauben meinen. Fest ist unser sicher zementiertes Wissen; bis in die Untiefen unseres Unbewussten. Es schränkt die „Virtualitäten“, die im Untergrund des Werdens brodelnden Kräfte ein. Das pulsierende Magma, von dem niemand weiß wann, wie und wo es als Vulkan, Erdbeben oder als Austritt aus einer tektonischen Spalte realisiert. Ebenso wie der spekulative Blick auf die geheimnisvollen Welten des Weltenraums oder der Tiefsee. Spekulationen im Möglichkeitsraum sind wie der Stein des Sisyphos. Kann man über den Horizont der möglichen Dinge hinauszudenken?, das Denken in die Virtualität verschieben? Über den Denkhorizont hinaus, diese unstabile dünne Linie in der Weite, oft verstellt von Bäumen, Bergen oder Gebäuden, an dem unsere begrenzte Weltsicht endet. Ihn erreichen können wir nur, wenn wir uns auf den Weg machen. Doch auch dieser ist geprägt von Voreingenommenheiten und Scheuklappen. Visionäre wie William Gibson (2) erdachten sich vor der Zeit des Internets den „Cyberspace“. Aber das Kabel, das in das „Simstim“ am Nacken zur Datenverbindung „eingejackt“ wird, war fest wie ein Fels in der Buchse wie auch in seinem Möglichkeitshorizont verankert. Die Idee drahtloser Übertragung, wie sie heute Gang und Gäbe ist, war eine Virtualität, die sich abzeichnete, aber im Rahmen des Möglichen nicht gedacht wurde – werden konnte?


Hier sieht man, dass die Erfindung neuer Begriffe oft Hand in Hand mit dem alten Ballast verstaubter Worte einhergeht. Die Virtualitäten als wirkende Kräfte werden vernebelt. Im Alltag kein Problem. Ist doch egal, ob wir uns den Raum als abstraktes Etwas vorstellen, hinter oder vor dem (Urknall) ein „Nichts“ ist – das Raum-nichts (ein Raum?). Was nutzt das Konzept, dass wir hingegen „on the run“ immer wieder, handelnd, unseren eigenen Raum konstruieren im Alltag? Die Feststellung, dass wir uns immer wieder verräumlichen und somit verzeitigen? Kant fragte nach der „Bedingung möglicher Erfahrung“. (2) doch darum geht es nicht. Es geht um das Reale, das sich aus den Virtualitäten aktualisiert.
Kurz gesagt: Science Fiction sind das Paradebeispiel für ein tiefes Denken, das neue Horizonte eröffnen kann; zugleich aber im Möglichkeitshorizont verweilt, oder gar rückwärts gewandt ist. Es ist leider sehr eingeschränkt. Nur auf dem Pfad der Möglichkeiten verharrend, lesen wir im Raumschiff, das mit Lichtgeschwindigkeit durch die unendlichen Weiten gleitet, Zeitungen, Druckerzeugnisse…
Fordert das Unmögliche, oder um mit den Situationisten zu sprechen „Unter dem Pflaster liegt der Strand“! Handelt, grabt!

(1) Bergson, H., Denken und schöpferisches Werden (2000) Rotbuch Verlag, Hamburg S. 119

(2) vgl. Gibson, William (1984) Neuromancer

(3) „D i e M ö g l i c h k e i t d e r E r f a h r u n g ist also das, was allen unseren Erkenntnissen a priori objektive Realität gibt.“ Kant, I., Kritik der reinen Vernunft (1978) Reclam, Hamburg S. 230 [B 194/A 155-B 195/ A 156 (14401)]

Glitzern

Menschen rennen in Geschäfte, folgen goldenem Glimmern und Glitzern in ihren Köpfen. Wozu. Ich schreite langsam durch den stetig vor sich hin rieselnden Schnee. Bei Minusgraden, die zu beharren scheinen. Dann schimmert es, blitzelt in meinen Augen. Feine, lange Kristalle, die sich mir entgegenwölben, die frisch durchgebrochene Sonne einfangen, zurückstrahlen lassen. Doppelbelichtung durch das vermisste Gestirn, den Hort des Lichts, des Lebens.
Ihr wärmendes Feuer dringt durch die kalte Luft . Es wird die kleinen Gebilde, die sich in alle Richtungen strecken, langsam in sich zusammenfallen lassen. Genauso wie der Winter, der über eine ungewöhnlich langen Zeit die Welt zudeckte, dahinschmelzen wird. Doch jetzt zählt dieser eine, kühlfreudige Moment, diese Augenweide, weitab jeder Ablenkung.

Weißes Intermezzo

Die zweite Nacht rieselt es nun, deckt alles zu. Selbst meinen Beitrag über Zufriedenheit. Zugeschneit, eingefroren; muss erst wieder auftauen. Es rieselt im Kopf. Sanft, langsam, entschleunigend. Doch es erscheint nur so, dass alles gedämpft ist. Schon gellen freudige Rufe und Schrei der Kinder um die Ecke. Fett plustert sich die Taube auf der Birke, während Schneemänner, noch runder als der Vogel, gebaut werden. Mal mit Ästen mit Burtonesquen Armen, ab und zu sogar mit einer Mohrrübe. Sie mag später als Futter für die Vögel dienen, die ohne Nest im Gebüsch kauern oder sich an Futterstellen tummeln. Selten ein Piepsen in der winterlichen Ruhe. Eine Drossel lässt sich auf dem zugeschneiten Telefonkabel nieder. Vor mir prasselt der von den Schwingungen gelöste Schnee nieder.
Ich bin froh um jede entspannte Sekunde, die mein Blick über die Landschaft schweifen darf. Wärme umschlingt mich von innen und außen, Deleuze erhitzt gar meinen Kopf. Sinn, der Problembegriff, Nachdenken über das Denken werden über viele Seiten diskutiert und definiert. Schneetreiben im Kopf, ab und zu eine Böe, die sicher Gewusstes erneut durcheinanderwirbelt, bis es sich setzt. Manches wird schmelzen, muss dann erneut erschlossen werden. Auf den nächsten Schauer warten. Genussvoll.

Zufriedenheit

„Alles spricht den Verzicht in das Selbe. Der Verzicht nimmt nicht, der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen. Der Zuspruch mach heimisch in einer langen Herkunft.“ (1)

Banal klingt das Wort in meinen Ohren. Hallt sanft nach. Begleitet vom Bild einer Katze, die zusammengerollt und fellgewärmt an einem kuscheligen Ort vor sich hindöst. Ihr Maul scheint leicht entspannt zu lächeln. Langsame, erste, zaghafte Bewegungen in den Pfoten; der Kopf hebt sich; ein herzhaftes Gähnen. Sie streckt ihren Körper in die Länge. Zufriedenheit. Ich habe oft das Gefühl, dass dieses Wort bei uns Menschen wenn, dann als Worthülse zirkuliert. Gerade um die Weihnachtszeit. Im Gerenne und Herumwimmeln, den hektischen Umtrieben im Namen der Stille ist nichts von ihr zu spüren. Alles erscheint als ein ausgelaugtes Hinterherhecheln auf der Suche nach der, durch blendende Plakate und Spots propagierten „Besinnlichkeit“. Sie scheint sich hinter buntem Geglitzer und Geklingel zu verstecken. Zufriedenheit.
Eine ruhige, „sinnliche“ Einkehr in sich selbst und die Gemeinschaft sind die Voraussetzungen dafür, im Frieden mit sich und der Welt sein zu können. Doch das verlorene, nach außen gerichtete Rasen, gibt keinen Raum, keine Zeit. Es materialisiert sich in bunten Haufen, genannt Geschenke. Sie harren im Gedrängel gekauft oder bestellt unter dem Weihnachtsbaum. Zwischen Kochtopf und Glühwein drehen sich einmal im Jahr viele Menschen um sich selbst wie durchgeknallte Kreisel. Sie strömen ungläubig in die Kirche, um dann von einer Völlerei zur nächsten zu hetzen. Selten ist „Besinnlichkeit“, „Frieden“ oder gar „Zufriedenheit“ zu spüren. Die erstrebte „Zufriedenheit“, mit Ruhe, tiefer, innerer Ruhe verbunden, ist kaum zu vernehmen. Wo sind Stillstand und angenehme Leere? Wu Wei…
Ein Zustand, der nur aufkommen kann, wenn die Grundbedürfnisse nach existentieller Wärme, Nahrung und Liebe erfüllt sind. Jeder Schritt über das nötige Maß des Genusses hinaus triggert statt Zufriedenheit Leiden, vertreibt den Frieden. Wie beim rumorenden Gedärm, dass durch zu viel und zu fettiges Essen einen unruhigen Schlaf hervorruft. Sicher, vollgefressen, dauergetrieben und überinformiert zu sein wird erlernt. Bilder der Völlerei und des Konsums bombardieren uns nicht nur durch die Werbung. Alles spricht zu uns: „das braucht man.“ Schon ab September kommen wir nicht an den sich uns aufdrängenden Weihnachtsartikeln, die jeden Weg im Supermarkt quasi versperren, vorbei. Es ist kaum möglich damit umzugehen (sie zu umgehen). Unzufrieden fühlt man sich wie eine an sich satte Maus beim Blick auf den verlockenden Käse. Nicht selten treib einen die Gier, begleitet vom reflexartigen Herdendenken in die Falle. Der Verstand sucht das Weite, verdrängt, baut fragile Begründungen aus, betrügt sich mit Ausreden. Umso schwerer fällt der Verzicht, wenn wir, entfernt von uns selbst, nicht gut drauf, unzufrieden sind. Wenn innerer Frieden durch Krisen, Überforderung durch die Glitzerwelt, Sparzwänge und andere medial vermittelte Ängste, von denen wir meinen sie entstehen nur in uns, wie das natürliche Hungergefühl, bedroht wird.
Schon meldet sich ein dumpfes Gefühl. Es suggeriert, dass Verzicht „ertragen“ werden muss, da er ja Leiden erzeugt. Ein Nachdenken oder gar verzichtendes Handeln wird schnell als lästig oder zu schmerzvoll, als die wirkliche Last empfunden. Kein Wunder, dass „Resilienz“, (das Aushalten, Ertragen) eines der aktuellen Modewörter ist. Wenn man auf Bestsellerlisten in den Bereichen Philosophie und Beratung schaut, stehen die Stoiker wie Marc Aurel (2) als deren prominentester Vertreter, weit oben. Doch all diese Ratgeber und Werke, Konsumprodukte und Konsumersatz zugleich, verstauben ungelesenes, totes Papier in den Regalen. Beiseitegelegt als Metapher für Verdrängung und Ablenkung. Der Stoa-Ratgeber unter dem Weihnachtsbaum ist demnach eine ebenso sinnlose, konsumierbare Kuriosität wie die nächste Fressattacke.
Es mag ja helfen, Tagebuch zu führen, wie Marc Aurel, um die Apathie, das große Ziel der Stoa zu erreichen; sich dadurch seiner Gier zu vergewissern, um diese im Zaum zu halten. Eine Bewegung hin zur Askese. Doch stellt diese zufrieden? Reicht es, heute ein bisschen weniger Wurst zu essen, dort auf ein Aperölchen zu verzichten? Um dann nach einer anstrengenden Runde Joggen am 2. Januar alle Vorsätze zu vergessen und die Laufschuhe sowie den Stoa-Ratgeber im Regal verschwinden zu lassen? Mit dem Gedanken, ich habe ja etwas getan? In dem Bewusstsein, sich selber betrogen zu haben? Schnell folgt der Frustschluck, das Frustshoppen oder das Frustessen. „Bedürfnisse“, die im rasenden Stillstand hektisch erfüllt werden müssen. Das Tagebuch verstaubt neben dem Ratgeber.
Epikurs Konzept der Ataraxie scheint mir da näher an dem Weg zu sein, der einen Pfad zur inneren Zufriedenheit weist. Nicht Selbstkasteiung und Selbstbetrug sind hier das Ziel, sondern Gelassenheit gegenüber dem Unbill des Lebens und der geistigen Verwirrungen, die sich aus ihnen ergeben. Letztere sind so unvermeidlich wie der Einbruch der Nacht. Zufriedenheit bedeutet, die Nacht zu akzeptieren, besser noch, bewusst wahrzunehmen. In dem Wissen, dass der nächste Morgen wunderbar dämmern wird – ein neuer Tag um sich in Gelassenheit zu üben, all den An-Sprüchen den Rücken zu kehren, und friedlich in sich selber zu ruhen.

(1) Heidegger, M. (2010) Der Feldweg. Klostermann, Frankfurt

(2) „Der Stoiker dagegen übt sich, Steine und Gewürm, Glassplitter und Skorpionen zu verschlucken und ohne Ekel zu sein; sein Magen soll endlich gleichgültig gegen Alles werden, was der Zufall des Daseins in ihn schüttet:…“ Nietzsche, F. (1889) Die fröhliche Wissenschaft 306 in In: Colli, G., Montinari, M. (1999) kritische Studienausgabe. DTV, München

Kopfhygiene

Ich putze meine Zähne, mache mich frisch, wechsele die Klamotten. Als das kühle Nass mein Gesicht erweckt, öffnen sich endlich die Augen. Frisch blicke ich in die Welt. Programm. In lockere Kleidung geworfen, mit klaren, subtil gedämpften Gedanken, verlasse ich das Zimmer. Schweigend konzentriert gehe ich die Treppe hinunter, trete unter den morgendlichen Sonnenaufgangs-Himmel. Frische Seeluft umfängt mich. Im Hintergrund das Rauschen des Meeres. Vor dem Übungsraum wartet eine Anzahl abgestellter Strandschlappen. Ich geselle die Meinigen hinzu. In gesammelter Gehmeditationshaltung betrete ich den Raum, verneige mich. Verhaltenes Geplapper dringt in die Ruhe ein. Ignorieren! Atmen! Mit einem inneren Lächeln schreite ich lockerruhig zu meiner Matte, richte die Kissen und setze mich. Dann eine Ansage: Endlich erstirbt das Getuschel.
Kurz ist sie, die Meditation. Die Gedanken kommen kaum zur Ruhe, der Geist atmet kaum auf. Es folgen langsame Bewegungsübungen, die in eine Entspannung im Liegen übergeleitet werden. Diesmal ohne Geflüster, jedoch begleitet von Ambientmusik mit Gesang… Wie sollen sich bei abstrus-esoterischen Texten über Wellen und Licht die Gedanken beruhigen? Wie im Warenhaus. Ich sinniere über Yoga-Muzak nach; konzentriere mich auf meinen Atem. Es fällt mir schwer, die Verschmutzung durch belangloses Soundgeplätscher mit sinnentleerten Versen wegzuatmen. Schwerer als eine Gehmeditation auf dem Hauptbahnhof. Ich sehne mich nach meinem Stein am Strand. Ja, das echte Plätschern, Blubbern und Grollen der Wellen; das gestreichelt werden durch den Wind, der sich mit dem Atem verbindet; den Körper mit der Natur. Esoteric-Magazine Yoga und Meditation ist für mich genauso wenig wegführend wie ein Aperol-Spritz am Strand. Ablenkung, Verfallenheit… Erneut konzentriere ich mich auf meinen Atem. Die Gedanken beruhigen sich – trotz all dieser Sinnesreize und Widrigkeiten. Zum Glück übe ich seit langer Zeit…
Oft werde ich gefragt, warum ich meditiere. Ayya Khema brachte es einmal auf den Punkt. Sie antwortete auf diese Frage sinngemäß und rhetorisch in etwa so: Die meisten Menschen stecken viel Energie in ihre körperliche Hygiene. Waschen, putzen, einkleiden, Sport treiben, den Arzt konsultieren, Diäten etc. – aber was tun sie für die Reinigung, die Gesundheit des Geistes? Auch aus meiner Sicht zu wenig. Warum nur? Wohl, weil es anstrengend, schwer ist und in unserer Kultur nicht geübt wird.
Zu Beginn braucht es, wie der „Edle 8-fache Pfad“ darstellt die Einsicht, dass der Geist gepflegt werden sollte. Dann die Absicht, sich zu ändern, einen neuen Weg einzuschlagen. Was bedeutet täglich zu Üben, um auf dem neuen Weg zu bleiben. Die uns immerzu berieselnden Ablenkungen und Anhaftungen zu erkennen und dann abschütteln zu wollen. Den Ausknopf am Handy, dem TV, der Arbeit, dem Workout oder dem Soundsystem zu drücken. Vielen erscheint es schwer, sich eben mal hinzusetzen, nur auf den Atem zu achten. Eine Aktion, die bei all den schreienden „Ein“-Knöpfen, bestellbaren Drinks, verlockenden Ablenkungen, dem Geschrei des Marktes und fordernden Gedanken zu dem anstrengendsten gehört. Die banalsten Sachverhalte zu erkennen und dann in Handlungen zu übersetzen, scheint eine der herausfordernsten Dinge in unserer Welt voller dunkler Anreize zu sein. Wie ein Wald voller künstlicher Bäume, welche die natürlichen Gewächse zu überstrahlen scheinen. Das Plastikgeflecht der Haben-Gesellschaft überwuchert jeden natürlichen Weg. Speziell den, den wir in uns tragen.
Wie kann man ob all dieser Ablenkungen zur Einsicht kommen? Der Weg dorthin ist voller Fallen und mentaler Stolpersteine. Besonders behindernd sind die alten Gewohnheiten. Fest in unserem Kopf verankert, kleben sie an uns wie glitzernder Schleim. Gehen wir nicht zumeist den geübten Weg? Den, der uns reflexartig zwingt den Arbeitshektik-Alltagsknopf aus-, und dann den Esoteric-Ablenkungs-Entspannungsknopf anzuschalten? Diese Strategie mag wirken – doch verändert sie etwas? Selbst wenn wir spüren, merken, dass etwas anders werden sollte? Wenn wir leiden? Um den dunklen, verstellenden Waldweg zu verlassen, neue Pfade der Veränderung aufzutun, brauchen wir Kraft. Wie beim Lernen benötigt es eine neue Einstellung, Offenheit und Neugierde; und Kraft. Da ist die „rechte Anstrengung oder Willenskraft“, „rechte Achtsamkeit oder Klarheit“ und die „rechte Sammlung oder Konzentration“… so sagt es der „edle achtfache Pfad“. In Bezug auf Geisteshygiene hatte der Buddha schon recht, denke ich. Er zeigte einen klaren Weg auf, ein „Dao“ (oder „Do“) – was sowohl Weg als auch Lehrmethode und Prinzip bedeuten kann. Lang ist der Weg zur Geisteshygiene. Die Zutaten sind nicht in der Drogerie zu beschaffen, schon garnicht im Supermarkt der Esoterik-Angebote. Wir müssen sie in uns finden und anwenden.
Lauschen wir dem Rhythmus, der Musik des Lebens, den Wellen und unserem Herzschlag. Tanzen wir uns frei.

Vergessen

Nahrhafte Energie für Insekten, Mikroben, Würmer und Pilze. Langsam wird verdaut, zersetzt, dann von der feuchten Herbsterde aufgesogen. All die erdigen Düfte der welkenden Verwesung deuten im warmfeuchten Spätsommer auf das Vergehen hin. Ewiges neuschaffen, anders Werden. Unendliches verwandeln, transformieren. Ein Übergang, ein Dazwischen. Der Apfel macht Rhizom mit Myriaden von Organismen, dem Humus, der Luft, mir. Vernetztes Werden – und schon wieder Deterritorialisierung. Vielleicht überlebt ein Apfelkern. Dann wurzelt und entsprießt alsbald ein neuer Baum dem Boden. Genährt von den Zerfallsprodukten der Frucht.
Ich lese zu viel Deleuze. Frische Sätze und Gedanken drängen in meinen Kopf. Zugleich beschleicht mich das Gefühl, zu viel vergesse zu haben. Es fühlt sich an, als ob Wissen sich, wie das Apfel-Organismus-Erdeteil, langsam auflöst. Vergessen gehört zum ewigen Kreislauf des Werdens wie die Wiederholung, die ewige Wiederkehr – des Gleichen; nur in anderem, mutiertem Gewand (Nietzsche). Und noch ein Gedanke: In der Lektüre vergesse ich mich, verliere mich in Gedankengeflechten. Dann hier und dort eine Lücke. Ein Geistesblitz, der fordernd fragt: Was war das noch? Ist es mir entfallen (wie der verlorene Apfel)? Wie konnte mir das entgleiten? Hab ich doch schon zweimal gelesen! Beruhigt schreit ich zum Regal. Das exterritorialisierte Gedächtnis; schaue nach, blättere suche, finde – oder eben nicht. Ja, dort eine Notiz, ja, ich erinnere mich! Der exterritoriale Speicher verbindet sich mit dem Jetzt meines Ich. Lässt wie einen Sprössling im Frühjahr neues entstehen. Neue Verbindungen im Gleichen.
Doch manchmal will es nicht kommen, das Loch wabert im Netz der Assoziationen. Tief in mir spüre ich so etwas wie Ärger darüber, dass es für immer verschwunden scheint. Manchmal kann ich mich nicht einmal mehr an ein „wo“ oder an ein „wann“ erinnern. Nur eine Leere, eine Lücke. Doch es hilft nichts, dem Loch hinterherzulaufen. Freuen wir uns über den frischen Freiraum, in die Neues hineinwachsen kann. Meinetwegen nur die ruhende Leere voller Zufriedenheit. Schön ist sie, die vergehende Frucht…

Früchte

Langsam knirscht sich ein Schritt nach dem Anderen über den sandigen Boden. Durch die Sohlen machen sich Steinchen und Bodenwellen bemerkbar. Synchron mit dem fließenden, gleichmäßigen, sanft gleitenden Atem. Der Hauch der Welt bläst im gelassenen Einklang und erzeugt einen Soundtrack raschelnder Blätter. Hier und dort der Ruf eines Vogels. Kurz und knapp. Pointierter als im Frühjahr, wo sich eine melodiöse Arie an die Andere reihte. Zwischen den Blättern die Früchte. Eicheln, Äpfel, Birnen, Rosskastanien…jede in ihrer eigenen wunderbaren Erscheinung. Mit jedem Schritt schreitet die Zeit, verliert sich der Ort um ein neuer zu werden. Deterritorialisierung – Reterritorialisierung.

Dann schweift der Geist, verliert sich, wie von Wechselwinden getrieben, im hier nach dort. Mein Körpergeist bemüht sich, das Denken durch den Rhythmus von Schritt und Atem einzufangen, zu beruhigen. Ein Satzbild gleitet mächtig in den Vordergrund, voller Zweifel: Schreite ich wirklich fort? Der dumpfe Ruf nach Fortschritt im Sinne eines Ziels. Ich erinnere mich an die Metapher des Buddha, der darauf verwies, dass der Fortschritt oft nicht zu bemerken ist. Wie bei der Abnutzung eines oft benutzten Werkzeugs aus Holz. Erst wenn es sich durch die unendlichen vielen, kleinen Berührungen abgenutzt hat, bemerken wir, dass es fast geschwunden ist. Kurz davor zu brechen, sich endgültig aufzulösen. Wie der Stumpf eines Baums, der erst morsch wird, sich dann in tausende immer kleinere Teile auflöst; Erde wird. Was eine eingängige Metapher, die, wie der Wind die Wolken, den zweifelnden Gedanken davontreiben. Fortschritt schleicht sich, solange man tut, übt, egal was, zumeist unbemerkt ein. Nur der Kopf mit seinen springenden Gedanken hadert und zweifelt: Will festhalten. Doch dann, plötzlich wird eine Veränderung sichtbar, bemerkbar. Manchmal disruptiv, manchmal langsam und sanft

Da war die Hand, die sich fast unmerklich, ich stehe auf einer Rolltreppe, auf meinen Rücken legte. Ich, konzentriert im Hier und Jetzt, ohne es bemerkt zu haben. Sachte, verwundertwurde ich aus meiner Präsenz aufgeweckt. Langsam drehe ich mich um; blicke in die braunen Augen einer Frau mittleren Alters. Sie lächelt mich an. Dann spricht sie mit leiser Stimme: „thank you for your presence in the train“. Ein wenig verwirrt danke ich ihr. Kehre in mich zurück, verliere sie aus den Augen.
Verwundert setzte ich meine Fahrt mit dem Anschlusszug fort. Setze mich auf einen der freien Sitze, gleite sinnierend auf den Atem, wie so oft in der U-Bahn. Konzentriere mich auf das Jetzt. Das Gemurmel und Geratter verliert sich. Mein Geist denkt die Gedanken bewusst. Eine Haltung, die ich anscheinend verinnerlicht habe. Ich bemerke es kaum noch. Dennoch scheint es vorhanden zu sein, sogar auszustrahlen. Ich bin auf meinem Weg. Die permanente Übung scheint Früchte zu tragen. Wohin werden sie fallen?

Schatten

„Mein Schatten ruft mich? Was liegt an meinem Schatten! Mag er mir nachlaufen! ich – laufe ihm davon.“ (1)

Ich laufe ihm nicht davon. Ich bin ganz bei ihm. Jetzt schreitet, nein schwebt mir voraus. Manchmal schleicht er verstohlen, mein Blickfeld meidend, hinter mir her. Oft begleitet er mich; halbverborgen an meiner Seite; halb versteckt. Bei fahlem Licht verschwimmt er, tarnt sich im Alltagsgrau. Heute jedoch zeigt er sich. Getrieben von der Spätsommersonne, die wärmend meinen Körper umstreift. Dann und wann verschmilzt das, über den Weg, die Gräser gleitende Abbild mit den unscharfen Formen der Bäume und Sträucher. Ein ephemeres Sein bemächtigt sich des Bewusstseins. Kaum hörbare Rufe, wie die eines nebelhaften Geistes, hallen in meinem Inneren wieder. Erinnerungsschatten machen sich als flüchtige Gedanken bemerkbar. Sie kristallisieren sich, formen sanft Begriffe. Zwei Namen: Nietzsche, Zarathustra. Ich erinnere, er wurde von seinem Schatten verfolgt, der ihn ansprach, wie meiner jetzt. Wo las ich es? Wirklich im Zarathustra? Die Erinnerung ist so unscharf wie mein lichtgeborenes Abbild in seinen unendlich variablen Grau- und Dunkelfarbtönen. Malerei der Sonne, des Lichts, schöner als jedes Leuchten. Stellt der Schatten nicht eine verwunschene Idee meiner selbst dar? Oder nur eine Metapher? Er steht, nein, schwebt liegend, sich der Welt anpassend: Für Vergänglichkeit; das Ungefähre, die Unschärfe. Das fest Verbundene, dennoch immer Verlorene? Etwas, das einen nicht loslässt, solange irgendetwas scheint?
Ja, das graufarbige Abbild verfolgt mich wie den alten Philosophen, jedes Wesen und Ding. Wenn er vor meinem Angesicht dahingleitet, spiegelt er jede Bewegung. Ich, verdoppelt. Zudem verkleben sich die Körper flexibel direkt mit der Umgebung. Gewohnte Grenzen verschwimmen, werden unscharf – wie beim Blinzelblick. Mein Schatten wird eins mit denen der Blätter und die der Blätter mit ihm. Schatten, Körper, Welt – unauflösbar im Jetzt verwoben. Was eine wunderbare Metapher, was ein sanftes Sein in Zufriedenheit. Sie wird durch den warmen Lufthauch, der den Körper umstreicht noch gegenwärtiger. Schon bald wird sich mein ewiger Begleiter im Nebel, der Gräue des Herbstes auflösen.
Zu Hause angekommen greife ich mir einen Stapel gedruckter und gebundener Papiere, suche und lese bei Nietzsche nach. Nicht nur im Zarathustra, in „Menschliches, Allzu Menschliches“ werde ich fündig. Unkonkrete Erinnerungen werden zu schwebenden Worten; schönen Worten, die mich lächeln lassen: „Der Wanderer: Ich merke erst, wie unartig ich gegen dich bin, mein geliebter Schatten: ich habe noch mit keinem Worte gesagt, wie sehr ich mich f r e u e, dich zu hören und nicht bloß zu sehen. Du wirst es wissen, ich liebe den Schatten, wie ich das Licht liebe. Damit es Schönheit des Gesichts, Deutlichkeit der Rede, Güte und Festigkeit des Charakters gebe, ist der Schatten so nötig wie das Licht. Es sind nicht Gegner: sie halten sich vielmehr liebevoll an den Händen, und wenn das Licht verschwindet, schlüpft ihm der Schatten nach.
Der Schatten: Und ich hasse dasselbe, was du hassest, die Nacht; ich liebe die Menschen, weil sie Lichtjünger sind und freue mich des Leuchtens, das in ihrem Auge ist, wenn sie erkennen und entdecken, die unermüdlichen Erkenner und Entdecker. Jener Schatten, welchen alle Dinge zeigen, wenn der Sonnenschein der Erkenntnis auf sie fällt, – jener Schatten bin ich auch.“ (2)

(1) Nietzsche, F. (1818) Also sprach Zarathustra 4. Teil in Montinari, M., Colli, G (1999) kritische Studienausgabe. DTP, München. Bd, 4 S. 338

(2) Nietzsche, F. (1818) Menschliches Allzumenschliches in Montinari, M., Colli, G (1999) kritische Studienausgabe. DTP, München. Bd 2. S. 538