Schatten

„Mein Schatten ruft mich? Was liegt an meinem Schatten! Mag er mir nachlaufen! ich – laufe ihm davon.“ (1)

Ich laufe ihm nicht davon. Ich bin ganz bei ihm. Jetzt schreitet, nein schwebt mir voraus. Manchmal schleicht er verstohlen, mein Blickfeld meidend, hinter mir her. Oft begleitet er mich; halbverborgen an meiner Seite; halb versteckt. Bei fahlem Licht verschwimmt er, tarnt sich im Alltagsgrau. Heute jedoch zeigt er sich. Getrieben von der Spätsommersonne, die wärmend meinen Körper umstreift. Dann und wann verschmilzt das, über den Weg, die Gräser gleitende Abbild mit den unscharfen Formen der Bäume und Sträucher. Ein ephemeres Sein bemächtigt sich des Bewusstseins. Kaum hörbare Rufe, wie die eines nebelhaften Geistes, hallen in meinem Inneren wieder. Erinnerungsschatten machen sich als flüchtige Gedanken bemerkbar. Sie kristallisieren sich, formen sanft Begriffe. Zwei Namen: Nietzsche, Zarathustra. Ich erinnere, er wurde von seinem Schatten verfolgt, der ihn ansprach, wie meiner jetzt. Wo las ich es? Wirklich im Zarathustra? Die Erinnerung ist so unscharf wie mein lichtgeborenes Abbild in seinen unendlich variablen Grau- und Dunkelfarbtönen. Malerei der Sonne, des Lichts, schöner als jedes Leuchten. Stellt der Schatten nicht eine verwunschene Idee meiner selbst dar? Oder nur eine Metapher? Er steht, nein, schwebt liegend, sich der Welt anpassend: Für Vergänglichkeit; das Ungefähre, die Unschärfe. Das fest Verbundene, dennoch immer Verlorene? Etwas, das einen nicht loslässt, solange irgendetwas scheint?
Ja, das graufarbige Abbild verfolgt mich wie den alten Philosophen, jedes Wesen und Ding. Wenn er vor meinem Angesicht dahingleitet, spiegelt er jede Bewegung. Ich, verdoppelt. Zudem verkleben sich die Körper flexibel direkt mit der Umgebung. Gewohnte Grenzen verschwimmen, werden unscharf – wie beim Blinzelblick. Mein Schatten wird eins mit denen der Blätter und die der Blätter mit ihm. Schatten, Körper, Welt – unauflösbar im Jetzt verwoben. Was eine wunderbare Metapher, was ein sanftes Sein in Zufriedenheit. Sie wird durch den warmen Lufthauch, der den Körper umstreicht noch gegenwärtiger. Schon bald wird sich mein ewiger Begleiter im Nebel, der Gräue des Herbstes auflösen.
Zu Hause angekommen greife ich mir einen Stapel gedruckter und gebundener Papiere, suche und lese bei Nietzsche nach. Nicht nur im Zarathustra, in „Menschliches, Allzu Menschliches“ werde ich fündig. Unkonkrete Erinnerungen werden zu schwebenden Worten; schönen Worten, die mich lächeln lassen: „Der Wanderer: Ich merke erst, wie unartig ich gegen dich bin, mein geliebter Schatten: ich habe noch mit keinem Worte gesagt, wie sehr ich mich f r e u e, dich zu hören und nicht bloß zu sehen. Du wirst es wissen, ich liebe den Schatten, wie ich das Licht liebe. Damit es Schönheit des Gesichts, Deutlichkeit der Rede, Güte und Festigkeit des Charakters gebe, ist der Schatten so nötig wie das Licht. Es sind nicht Gegner: sie halten sich vielmehr liebevoll an den Händen, und wenn das Licht verschwindet, schlüpft ihm der Schatten nach.
Der Schatten: Und ich hasse dasselbe, was du hassest, die Nacht; ich liebe die Menschen, weil sie Lichtjünger sind und freue mich des Leuchtens, das in ihrem Auge ist, wenn sie erkennen und entdecken, die unermüdlichen Erkenner und Entdecker. Jener Schatten, welchen alle Dinge zeigen, wenn der Sonnenschein der Erkenntnis auf sie fällt, – jener Schatten bin ich auch.“ (2)

(1) Nietzsche, F. (1818) Also sprach Zarathustra 4. Teil in Montinari, M., Colli, G (1999) kritische Studienausgabe. DTP, München. Bd, 4 S. 338

(2) Nietzsche, F. (1818) Menschliches Allzumenschliches in Montinari, M., Colli, G (1999) kritische Studienausgabe. DTP, München. Bd 2. S. 538