Land

Altehrwürdige Balken mit güldenen, verschnörkelten Lettern. Jahreszahlen erzählen von vergangenen Geschlechtern, die mit der Scholle zutiefst verbunden waren. Alles ist fest in den Boden verankert, wie die Buchen und Eichen, die sich seit Jahrhunderten im Wind wiegen. Wir fahren über baumgesäumte Landstraßen, entlang von frisch gepflügten Feldern. Am Steuer ein 88-jähriger Bauernsohn: „Sie haben zu tief gepflügt, das ist nicht gut.“, sagt er. Wäre mir nie aufgefallen. Die Verbundenheit mit dem Boden, der Natur, den Zyklen, den Tieren spricht aus fast jedem seiner Worte. Er berichtet von der Zeit seines Vaters, dem Pflug und den Pferden, den Bauern, die beim Pflügen eingenickt sind; sie erwachten, als der Trecker über die Rüben des Nachbarn rumpelte. Manche sind wohl übermüdet in diesen oder jenen Bach geeiert. Nicht zu tief waren die alten Pflugspuren dann, sondern gebogen, ausbrechend.
Im Krieg wurde meine Mutter und ihre Geschwister auf den Geburtshof meiner Großmutter „verschickt“, damit die hungernden Stadtkinder aus dem Bombenhagel mal wieder „was ordentliches zu essen bekommen.“. Diese Gastfreundschaft und Herzlichkeit strahlt aus den Herzen der beiden Alten, deren Kraft aus der Scholle zu wachsen scheint. Aus jeder Pore spürt man die Verbundenheit mit der Natur. Konservatismus fühlt sich schön an, wenn sie über die moderne naturvergessende Agrarindustrie sprechen. Konservatismus, der zutiefst progressiv, welterhaltend klingt. Ich erinnere mich an den „Feldweg“ von Martin Heidegger. Sehe alte Eichen, die sich um Gehöfte, umgeben von knickbesäumten Wiesen und Ackerflächen scharen.
Im Dorf grüßt jeder jeden. Kurzer, knapper Augenkontakt, manchmal ein leichtes neugieriges Lächeln. Offen-reserviert. Der kläffende Hund hinter der Hecke wird zurückgerufen. Der dunkle Fleck auf der Wiese entpuppt sich als Bulle, als sich aus seinem Fell der breite Schädel erhebt. Myriaden von Vögeln zwitschern, schwatzen und krakelen in den alten Bäumen. Alles ist ein wenig heruntergekommen, bis auf den gepflegten Kirchplatz.
Im lärmenden Gedränge es Hauptbahnhofs hat mich die Stadt wieder…ein Teil meines Herzen ist reif fürs Land.

Glitzern

Menschen rennen in Geschäfte, folgen goldenem Glimmern und Glitzern in ihren Köpfen. Wozu. Ich schreite langsam durch den stetig vor sich hin rieselnden Schnee. Bei Minusgraden, die zu beharren scheinen. Dann schimmert es, blitzelt in meinen Augen. Feine, lange Kristalle, die sich mir entgegenwölben, die frisch durchgebrochene Sonne einfangen, zurückstrahlen lassen. Doppelbelichtung durch das vermisste Gestirn, den Hort des Lichts, des Lebens.
Ihr wärmendes Feuer dringt durch die kalte Luft . Es wird die kleinen Gebilde, die sich in alle Richtungen strecken, langsam in sich zusammenfallen lassen. Genauso wie der Winter, der über eine ungewöhnlich langen Zeit die Welt zudeckte, dahinschmelzen wird. Doch jetzt zählt dieser eine, kühlfreudige Moment, diese Augenweide, weitab jeder Ablenkung.

Weißes Intermezzo

Die zweite Nacht rieselt es nun, deckt alles zu. Selbst meinen Beitrag über Zufriedenheit. Zugeschneit, eingefroren; muss erst wieder auftauen. Es rieselt im Kopf. Sanft, langsam, entschleunigend. Doch es erscheint nur so, dass alles gedämpft ist. Schon gellen freudige Rufe und Schrei der Kinder um die Ecke. Fett plustert sich die Taube auf der Birke, während Schneemänner, noch runder als der Vogel, gebaut werden. Mal mit Ästen mit Burtonesquen Armen, ab und zu sogar mit einer Mohrrübe. Sie mag später als Futter für die Vögel dienen, die ohne Nest im Gebüsch kauern oder sich an Futterstellen tummeln. Selten ein Piepsen in der winterlichen Ruhe. Eine Drossel lässt sich auf dem zugeschneiten Telefonkabel nieder. Vor mir prasselt der von den Schwingungen gelöste Schnee nieder.
Ich bin froh um jede entspannte Sekunde, die mein Blick über die Landschaft schweifen darf. Wärme umschlingt mich von innen und außen, Deleuze erhitzt gar meinen Kopf. Sinn, der Problembegriff, Nachdenken über das Denken werden über viele Seiten diskutiert und definiert. Schneetreiben im Kopf, ab und zu eine Böe, die sicher Gewusstes erneut durcheinanderwirbelt, bis es sich setzt. Manches wird schmelzen, muss dann erneut erschlossen werden. Auf den nächsten Schauer warten. Genussvoll.

Herbstgrenze

Bei jedem Schritt ein trockenfeuchtes Rascheln. Immer anders. Rechts gluckert der Bach; schäumelt um die Steine herum, dann und wann ein gelblich-braunes Blatt tragend. Mal sanft dümpelnd, mal kurz beschleunigend. Von oben melodiöser Gesang eines Vogels. Ich vermute eine Meise. Was erzählt sie? Von grenzenlosen Wanderungen? Wie denen des Bächleins, dass sich etwas weiter unter in einen größeren Bach, dann in ein kleines Flüsschen und in der Folge in die große Elbe ergießen wird? Zuletzt wird es sich in der jetzt kalten Nordsee auflösen. Ja, was mag der Vogel erzählen? Fragt er sich, warum die Anderen hoch oben im grauen Himmel wandern? Wohin der Treck über ihn zieht? Hin zu unbekannten Gestaden? Eine alte Metapher. Sei erinnert an die Liedzeile „über den Wolken mag die Freiheit wohl grenzenlos sein“ erinnert. Oder ruft er laut, „das ist mein Revier, meine Beeren, meine Zone – hier will ich bleiben!“?
Ich folge sinnierend dem Weg, verlasse kaum die Begrenzung rechts und links. Ab und an wagt mein Körper einen Schritt zur Seite. Kurzer Ausbruch, gehen auf welkem Gras, im Rascheln vergehender Blättern. Auf dem Weg hier und da eine Pfütze, welche die Gradlinigkeit der Schritte durchbricht. Überall sind Grenzen. Die Gewohnten so verinnerlicht, vergessen, dass sie kaum stören. Erst kommt der Wegrand, dann der Graben, in dem der Bach gurgelt, die Hecke, durchlässiges Heim der Vögel, der Zaun, der vom menschlichen Besitztum zeugt. Mein Blick schweift frei umher, während ich fortschreite. Die einzige Freiheit befindet sich in Kopf, den Gedanken und Träumen. Wohin vermögen sie mich zu tragen? Weiter als die Zugvögel, die ab und an im weiten Himmel quäken und quaken? Wann fällt die Grenze der Zeit über mich herab? Wann werde ich verwelken, verwesen, wie die fallenden Blätter?
Ruhig lächele ich in mich hinein; genieße die unendliche Freiheit des Moments. Vergessen sind die Grenzen, die räumlichen als auch die zeitlichen. Erneut dringt das Gurgeln des Baches in meinen Ohren. Ich bin fließendes Wasser. Im Gesicht der sanfte, feuchte Herbstwind. Die Augen schweifen durch die nebeligen Wolken. Kurz glimmt die fahle Sonne zwischen den zunehmend kahlen Ästen. In deren Gabelungen zerfällt hier und da die verlassene Wohnung eines Vogels.

Wer spricht?

Die Wellen reden mit mir. Sie grollen und rufen, gurgeln und blubbern, donnern und schmatzen…ich lausche. Meist Geist verbindet sich, formuliert Wortblasen. Der Wind redet mit mir, mit meinem ganzen Körper. Er antwortet oft automatisch, mal mit Freude, mal weicht er aus. Ich bin Natur. Vergänglich wie die sanft rollenden, plätschernden Wogen, die den Fels zum warmen Sand zermahlen. In Bewegung, sich ewig wiederholend, immer anders.
Mein Geist spricht immer dasselbe, wird von der Welt angesprochen…wird. Sanfte Bewegung der sich auflösenden Gedankenwellen. Doch am Horizont droht die Hektik. Rasend werde ich über die Berge und das Meer getragen, in wimmelndes Geplapper hektische Betriebsamkeit. Es hat so gar nichts mit den Rhythmen der Natur gemein. Welscher Rhythmus ist der meine? Sicher nicht der fremder Maschinenrhythmus, der bedrängt, in eckig-gerasterte Bewegung treibt. Ein Rhythmus, der nicht spricht, sondern nur stößt, drängt, zieht
Desto mehr Natur meine Gedanken über die Wolken hinaus mit in die Stadt nehmen, desto schneller werde ich in der Heimat wieder geerdet sein. Dort werde ich mich erinnern. Daran, dass mein Atem den frischen Hauch ersehnt. Meine Füße sprechen am liebsten mit dem Boden… Ziel ist es Welt mit mir zu verbinden. Ich bin Natur. Wasser fließt gurgelnd durch mich, der Atem pfeift, Licht wärmt sanft. Welt spricht eine einfache, meist leise Sprache. Das Rauschen der Blätter im Herbst schwillt oder raschelt – sanft wie die Wellen am Meeressaum.

Bewegung?

Der Himmel hat sich beruhigt. Das Meer drängt nach wie vor, getränkt von der Energie des Sturms, die es aufgenommen hat, an die Küste. Schwer schleichen die Wellen an den Strand. Zuerst unsichtbar nähern sie sich dem Ufer, treten aus dem Wasser heraus, schäumen auf, brechen, rumoren und klatschen, spritzen und donnern. Saugend zieht sich das hochgedrückte Wasser zurück; erfrischendes Schaumbad. In den geglätteten Spuren ihres Auslaufens der Nacht am Strand zeichnen sich die Fußabdrücke der an den Meeressaum zurückgekehrten TouristInnen ab.
Ich gehe; auf dem Atem; nehme die frischwarme Luft an. Der Wind hat sich gelegt, bis auf einen verblassenden Südhauch. Ilios kitzelt südlich wärmend meine Haut. Die Spuren, an denen ich entlang schreite drücken die un vollzogene Verlangsamung der Urlauberinnen aus. Von Zehen geworfener Sand, hektisch eingedrückte Schritte des städtischen Schlendergangs zeugen von der Dynamis des Arbeits- und Shoppingrhythmus, der an die erhabene Küste mitgenommen wurde. Geplapper zieht dann und wann an mir vorbei. Zwischendrin Kinderjauchzen. Playfulness.
Ich bin langsam geworden, bin da, verbunden mit Felsen, Sand, Wasser, Luft, Sonne und meinem eigensten Pneuma. Bis der nächste Herbststurm am Horizont heraufzieht.

Vergessen

Nahrhafte Energie für Insekten, Mikroben, Würmer und Pilze. Langsam wird verdaut, zersetzt, dann von der feuchten Herbsterde aufgesogen. All die erdigen Düfte der welkenden Verwesung deuten im warmfeuchten Spätsommer auf das Vergehen hin. Ewiges neuschaffen, anders Werden. Unendliches verwandeln, transformieren. Ein Übergang, ein Dazwischen. Der Apfel macht Rhizom mit Myriaden von Organismen, dem Humus, der Luft, mir. Vernetztes Werden – und schon wieder Deterritorialisierung. Vielleicht überlebt ein Apfelkern. Dann wurzelt und entsprießt alsbald ein neuer Baum dem Boden. Genährt von den Zerfallsprodukten der Frucht.
Ich lese zu viel Deleuze. Frische Sätze und Gedanken drängen in meinen Kopf. Zugleich beschleicht mich das Gefühl, zu viel vergesse zu haben. Es fühlt sich an, als ob Wissen sich, wie das Apfel-Organismus-Erdeteil, langsam auflöst. Vergessen gehört zum ewigen Kreislauf des Werdens wie die Wiederholung, die ewige Wiederkehr – des Gleichen; nur in anderem, mutiertem Gewand (Nietzsche). Und noch ein Gedanke: In der Lektüre vergesse ich mich, verliere mich in Gedankengeflechten. Dann hier und dort eine Lücke. Ein Geistesblitz, der fordernd fragt: Was war das noch? Ist es mir entfallen (wie der verlorene Apfel)? Wie konnte mir das entgleiten? Hab ich doch schon zweimal gelesen! Beruhigt schreit ich zum Regal. Das exterritorialisierte Gedächtnis; schaue nach, blättere suche, finde – oder eben nicht. Ja, dort eine Notiz, ja, ich erinnere mich! Der exterritoriale Speicher verbindet sich mit dem Jetzt meines Ich. Lässt wie einen Sprössling im Frühjahr neues entstehen. Neue Verbindungen im Gleichen.
Doch manchmal will es nicht kommen, das Loch wabert im Netz der Assoziationen. Tief in mir spüre ich so etwas wie Ärger darüber, dass es für immer verschwunden scheint. Manchmal kann ich mich nicht einmal mehr an ein „wo“ oder an ein „wann“ erinnern. Nur eine Leere, eine Lücke. Doch es hilft nichts, dem Loch hinterherzulaufen. Freuen wir uns über den frischen Freiraum, in die Neues hineinwachsen kann. Meinetwegen nur die ruhende Leere voller Zufriedenheit. Schön ist sie, die vergehende Frucht…

Früchte

Langsam knirscht sich ein Schritt nach dem Anderen über den sandigen Boden. Durch die Sohlen machen sich Steinchen und Bodenwellen bemerkbar. Synchron mit dem fließenden, gleichmäßigen, sanft gleitenden Atem. Der Hauch der Welt bläst im gelassenen Einklang und erzeugt einen Soundtrack raschelnder Blätter. Hier und dort der Ruf eines Vogels. Kurz und knapp. Pointierter als im Frühjahr, wo sich eine melodiöse Arie an die Andere reihte. Zwischen den Blättern die Früchte. Eicheln, Äpfel, Birnen, Rosskastanien…jede in ihrer eigenen wunderbaren Erscheinung. Mit jedem Schritt schreitet die Zeit, verliert sich der Ort um ein neuer zu werden. Deterritorialisierung – Reterritorialisierung.

Dann schweift der Geist, verliert sich, wie von Wechselwinden getrieben, im hier nach dort. Mein Körpergeist bemüht sich, das Denken durch den Rhythmus von Schritt und Atem einzufangen, zu beruhigen. Ein Satzbild gleitet mächtig in den Vordergrund, voller Zweifel: Schreite ich wirklich fort? Der dumpfe Ruf nach Fortschritt im Sinne eines Ziels. Ich erinnere mich an die Metapher des Buddha, der darauf verwies, dass der Fortschritt oft nicht zu bemerken ist. Wie bei der Abnutzung eines oft benutzten Werkzeugs aus Holz. Erst wenn es sich durch die unendlichen vielen, kleinen Berührungen abgenutzt hat, bemerken wir, dass es fast geschwunden ist. Kurz davor zu brechen, sich endgültig aufzulösen. Wie der Stumpf eines Baums, der erst morsch wird, sich dann in tausende immer kleinere Teile auflöst; Erde wird. Was eine eingängige Metapher, die, wie der Wind die Wolken, den zweifelnden Gedanken davontreiben. Fortschritt schleicht sich, solange man tut, übt, egal was, zumeist unbemerkt ein. Nur der Kopf mit seinen springenden Gedanken hadert und zweifelt: Will festhalten. Doch dann, plötzlich wird eine Veränderung sichtbar, bemerkbar. Manchmal disruptiv, manchmal langsam und sanft

Da war die Hand, die sich fast unmerklich, ich stehe auf einer Rolltreppe, auf meinen Rücken legte. Ich, konzentriert im Hier und Jetzt, ohne es bemerkt zu haben. Sachte, verwundertwurde ich aus meiner Präsenz aufgeweckt. Langsam drehe ich mich um; blicke in die braunen Augen einer Frau mittleren Alters. Sie lächelt mich an. Dann spricht sie mit leiser Stimme: „thank you for your presence in the train“. Ein wenig verwirrt danke ich ihr. Kehre in mich zurück, verliere sie aus den Augen.
Verwundert setzte ich meine Fahrt mit dem Anschlusszug fort. Setze mich auf einen der freien Sitze, gleite sinnierend auf den Atem, wie so oft in der U-Bahn. Konzentriere mich auf das Jetzt. Das Gemurmel und Geratter verliert sich. Mein Geist denkt die Gedanken bewusst. Eine Haltung, die ich anscheinend verinnerlicht habe. Ich bemerke es kaum noch. Dennoch scheint es vorhanden zu sein, sogar auszustrahlen. Ich bin auf meinem Weg. Die permanente Übung scheint Früchte zu tragen. Wohin werden sie fallen?

Schatten

„Mein Schatten ruft mich? Was liegt an meinem Schatten! Mag er mir nachlaufen! ich – laufe ihm davon.“ (1)

Ich laufe ihm nicht davon. Ich bin ganz bei ihm. Jetzt schreitet, nein schwebt mir voraus. Manchmal schleicht er verstohlen, mein Blickfeld meidend, hinter mir her. Oft begleitet er mich; halbverborgen an meiner Seite; halb versteckt. Bei fahlem Licht verschwimmt er, tarnt sich im Alltagsgrau. Heute jedoch zeigt er sich. Getrieben von der Spätsommersonne, die wärmend meinen Körper umstreift. Dann und wann verschmilzt das, über den Weg, die Gräser gleitende Abbild mit den unscharfen Formen der Bäume und Sträucher. Ein ephemeres Sein bemächtigt sich des Bewusstseins. Kaum hörbare Rufe, wie die eines nebelhaften Geistes, hallen in meinem Inneren wieder. Erinnerungsschatten machen sich als flüchtige Gedanken bemerkbar. Sie kristallisieren sich, formen sanft Begriffe. Zwei Namen: Nietzsche, Zarathustra. Ich erinnere, er wurde von seinem Schatten verfolgt, der ihn ansprach, wie meiner jetzt. Wo las ich es? Wirklich im Zarathustra? Die Erinnerung ist so unscharf wie mein lichtgeborenes Abbild in seinen unendlich variablen Grau- und Dunkelfarbtönen. Malerei der Sonne, des Lichts, schöner als jedes Leuchten. Stellt der Schatten nicht eine verwunschene Idee meiner selbst dar? Oder nur eine Metapher? Er steht, nein, schwebt liegend, sich der Welt anpassend: Für Vergänglichkeit; das Ungefähre, die Unschärfe. Das fest Verbundene, dennoch immer Verlorene? Etwas, das einen nicht loslässt, solange irgendetwas scheint?
Ja, das graufarbige Abbild verfolgt mich wie den alten Philosophen, jedes Wesen und Ding. Wenn er vor meinem Angesicht dahingleitet, spiegelt er jede Bewegung. Ich, verdoppelt. Zudem verkleben sich die Körper flexibel direkt mit der Umgebung. Gewohnte Grenzen verschwimmen, werden unscharf – wie beim Blinzelblick. Mein Schatten wird eins mit denen der Blätter und die der Blätter mit ihm. Schatten, Körper, Welt – unauflösbar im Jetzt verwoben. Was eine wunderbare Metapher, was ein sanftes Sein in Zufriedenheit. Sie wird durch den warmen Lufthauch, der den Körper umstreicht noch gegenwärtiger. Schon bald wird sich mein ewiger Begleiter im Nebel, der Gräue des Herbstes auflösen.
Zu Hause angekommen greife ich mir einen Stapel gedruckter und gebundener Papiere, suche und lese bei Nietzsche nach. Nicht nur im Zarathustra, in „Menschliches, Allzu Menschliches“ werde ich fündig. Unkonkrete Erinnerungen werden zu schwebenden Worten; schönen Worten, die mich lächeln lassen: „Der Wanderer: Ich merke erst, wie unartig ich gegen dich bin, mein geliebter Schatten: ich habe noch mit keinem Worte gesagt, wie sehr ich mich f r e u e, dich zu hören und nicht bloß zu sehen. Du wirst es wissen, ich liebe den Schatten, wie ich das Licht liebe. Damit es Schönheit des Gesichts, Deutlichkeit der Rede, Güte und Festigkeit des Charakters gebe, ist der Schatten so nötig wie das Licht. Es sind nicht Gegner: sie halten sich vielmehr liebevoll an den Händen, und wenn das Licht verschwindet, schlüpft ihm der Schatten nach.
Der Schatten: Und ich hasse dasselbe, was du hassest, die Nacht; ich liebe die Menschen, weil sie Lichtjünger sind und freue mich des Leuchtens, das in ihrem Auge ist, wenn sie erkennen und entdecken, die unermüdlichen Erkenner und Entdecker. Jener Schatten, welchen alle Dinge zeigen, wenn der Sonnenschein der Erkenntnis auf sie fällt, – jener Schatten bin ich auch.“ (2)

(1) Nietzsche, F. (1818) Also sprach Zarathustra 4. Teil in Montinari, M., Colli, G (1999) kritische Studienausgabe. DTP, München. Bd, 4 S. 338

(2) Nietzsche, F. (1818) Menschliches Allzumenschliches in Montinari, M., Colli, G (1999) kritische Studienausgabe. DTP, München. Bd 2. S. 538

Mitte

Die Natur sprießt und entfaltet sich in alle Richtungen; auf den ersten Blick chaotisch. In ihrer asymmetrischen Harmonie kreist sie immer um eine sich in Bewegung befindliche Mitte. Wie ein Fluss fließt der Naturprozess endlos voran und bleibt dennoch er selber. Wie die Kuh, die büschelweise Gras ausreißt, zermalmt es verdaut. Später wird der Fladen die grünende Wiese düngen, frischgrünes Kraut, neues Futter wachsen lassen. Käfer zerfressen irgendwann ihren Leib, wie auch den alterskranken Baum, der langsam zerfällt und zur Nahrung für neues Sprießen wird. Wie jeder Körper.
Der Mensch hingegen… – hat seine Balance verloren. Im Kleinen wie im Großen. Die Welt – und damit ist die der Humanoiden gemeint – scheint ihr Gleichgewicht verloren zu haben. So raunt es alle Tage durch Medien und Köpfe. Kaum sind solche finsteren Gedanken gedacht, versanden sie im Rausch der betriebsamen Verdrängung. Nicht die Welt, die Natur sind aus dem Gleichgewicht – die Menschheit ist es. Die verblendeten und arroganten Affen sind die einzigen Wesen, die laut der chinesischen Philosophie ihre Mitte verlassen bzw. verloren haben – ihr Sein in der Natur. Ihr Sein in und mit sich selber: „Zong 中 – die Mitte – ist die große Wurzel aller Dinge unter dem Himmel; He 和 – die Harmonie – ist der Zielgerichtete Weg aller Dinge unter dem Himmel. Wenn Zong und He erreicht werden, so sind Himmel und Erde in Ordnung und alle Dinge gedeihen.“ (1) Wir Menschen scheinen blind für solche banalen Erkenntnisse. Aus der Mitte gefallen, vergessen wir das Einfachste – und Wichtigste. Es ist „zunächst die Aufforderung, die Dinge und Lagen richtig zu erkennen und zu durchschauen, und das brachte Shun 舜 wohl durch sein Nachfragen zustande, dann aber »dem Volk gegenüber« aus der Mitte her handeln, kann nur »sachgerechtes« Handeln ohne Rücksicht auf eigenen und fremden Vor- und Nachteilen sein.“ (2).
Wie maßlos ungleichgewichtig krakelen die Menschen unserer Zeit. Blubbern und Plappern über mannigfaltige Kanäle. Führen kleine Kriege in den Haushalten, auf den glatten Displays ihrer Smartphones, auf den Straßen – große zwischen Staaten. Sie haben ihre eigene Mitte verloren, ihren Ort, ihren Platz, ihren Frieden. Geist und Verstand werden mit Freude in den Trubel des Meinens geschleudert, der dunkler, wilder und hektischer daherkommt als jeder Hurrikan. Wo ist ihr inneres Gleichgewicht? Wir haben uns aus der Mitte in eine ungesunde, unharmonische Haltung gebracht. Die Konsequenz dieser Rückgratlosigkeit sind Unsicherheit, Angst und Hass.
Die Mitte suchen, Harmonie erstreben hat nichts mit Neutralität zu tun. Die Mitte ist nicht fest. Wie die Rosenblütenblätter, die sich chaotisch in blendender Schönheit entfalten, bevor sie herabfallen und vergehen. Permanent schwingt sich die Welt um ihre bewegte Mitte ein, wie ein im Wind wiegender Grashalm oder das unsichtbare Wanken des mächtigen Stamms einer Eiche. Selbst der massive Berg bewegt sich. Meist langsam, manchmal schnell, wie es jüngst in der Schweiz zu beobachten war. Neutral bedeutet nicht nur das Schwingen hin zur Harmonie. Es zeigt auf den Weg zu einem „in sich zufrieden sein“. Nur aus dieser Zufriedenheit im Inneren kann Frieden entstehen. Nur aus diesem inneren Frieden heraus können wir über wirklichen Frieden reden. Ich denke an das freundlich versunkene Lächeln von orange berobten Mönchen, die gelassenen Worte eines Meister Eckardts, eines Rumi oder Theresa von Avilas „Seelenburg“.
Ich spüre, wie Menschen aller Weltkulturen diese Erkenntnis auf so unterschiedliche Weise gedacht und gelebt haben. Das innere Gleichgewicht ist, wie das Körperliche, die Basis für einen festen, klaren Halt, für eine klare und kräftige Haltung. Nur diese mag vor den dunklen Gewittern der Ideologie schützen, die mit ihren verbrennenden Gedankenblitzen die Gehirne zerschmelzen. „Die ersten „-ismen“-Bezeichnungen wie etwa „Fanatismus“, „Materialismus“, „Spinozismus“ u.ä. sind in der Regel medizinischen Krankheitsbezeichnungen (vgl. Rheumatismus u.a.) nachgebildet und sollten krankhaften Überschwang, Exaltation und eben aus der Mittellage „verrücktes“ Denken zeigen.“ (3)
Strengen wir uns an, stabil und harmonisch nah an der Mitte zu kreisen, uns beweglich zu halten. In festem Stand. Die energetische Mitte des Körpers ist im fernöstlichen Denken das Herz.

(1) Kaiser Shun „Mitte und Maß“ zitiert nach Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (162)

(2) Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (160)

(3) Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (165)