Sandsturm

Der feine Dunst war weit über das Meer gereist; wie wir. In der Sahara aufgewirbelt, trieb er über die Insel. Als wir an gutbekannten Gestaden landeten, begrüßte er uns. In Form eines geheimnisvollen, gelbroten Himmels, durch den die Sonne zwischen verschwommenen Wolkenformationen verwunschen schimmerte. Die seefrische Luft umwehte uns feucht-trocken. Philosophisch gesprochen war es wie immer und doch anders. Das Meer, die Weite, alles schillerte in fremden Farben. Befand ich mich auf dem Mars? Eine apokalyptische Atmosphäre, in die wir eingetaucht waren. Vereinzelte Regentropfen, die sich ihren langen Weg gebahnt hatten, versammelten die feinen Partikel. Kleine braunrote Kreise musterten sich auf allen Oberflächen.
Natura naturans at its best. Natur schöpft sich aus sich selber. Sie gebiert in ihrem Sein Momente, die uns staunen lassen. Ein Staunen, hinter dem all die geschaffenen Dinge verblassen. Einkehr und Ankommen in einen Moment, der bedenklich zum denkenden Verweilen ruft. Aus der Hektik der Reise heraus kehrt beschauliche Ruhe ein. Die Wellen glitzern in einem fremden Türkis, gluckern und rauschen dennoch in ewiger Stete vor sich hin. Der Fluss der Welt, des Lebens.
Am folgenden Tag wird überall geputzt und gewaschen, der Staub, das erhabene Erlebnis weggekehrt. Nur die besinnliche Erinnerung bleibt. Momente gerinnen zu Geschichten.

Sanft

Schwebend driftend, ohne Hast, voller Ruhe. Leicht, fast schwerelos, sanft sich drehend. Ein unmerklicher Hauch reicht. Das fedrige Gespinst torkelt vor meinem Gesicht. Ich atme; ein, dann aus. Wie ein flüchtiger Gedanke verweht das den Lungen entstömende Pneuma den Samen, der sich weder für eine Richtung, ein Oben oder Unten zu entscheiden vermag. Ein wager Hauch streicht von nirgendwoher durch die saftige ergrünende Vegetation. Strahlend blickt der Frühlingshimmel auf uns herab. Der Samen beschleunigt leicht, um dann seine Reise mal hier, mal dorthin fortzusetzen. Erneute Windstille. Langsam beginn das leichte, hellweiße Bällchen abzusteigen. Der sattfeuchten erde entgegen. Ein Lächeln steigt in mir auf. Eine tiefe Zufriedenheit, während mein schweifender Blick dem wolligen Punkt folgt.
Ich frage mich, was aus dem kleinen schwarzen Kern werden wird. Kann sein Grün sich dem Himmel entgegenstrecken? Schafft er es, inmitten all der Konkurrenz, die um uns herum tanzt, sein Ziel zu erreichen? Mit all den Myriaden taumelnden Wattebäuschchen, durchschwirrt von der hektischen Betriebsamkeit der Insekten, zieht er seines Weges. Langsam, schweigend, bedächtig. Wie auch ich. Verbunden mit der Welt in ihrem steten Werden auf immer gleichen Pfaden

Teleologie

Heute habe ich mit den Krokussen geatmet. Zart sind ihre ersten Blüten, die sich zwischen den vertrockneten Überresten des letzten Herbsts, in der frischwürzigen Luft des Frühlings, den weichen Sonnenstrahlen entgegenstrecken. Jeder Aufbruch lässt uns nur zu gerne ein großes Ziel vermuten. Die feingefärbten, vergänglichen Blüten zeigen hingegen, dass jegliche Ziele Illusionen darstellen. Das Aufblühen von heute stellt das Welken von morgen dar. Genährt vom zersetzten Erblühen und vergangenem Verfall des letzten Jahres. Ein ewiges Werden und Vergehen, ein unablässiger Kreislauf. Nie werden wir wissen, wann, wie oder ob überhaupt etwas jemals endet.
Die Teleologie wiederum, das Denken in Zielen, ist trotz dieser simplen Erkenntnis unendlich mächtig. Er hat sich in die dunkle Erde, speziell das okzidentale Denken eingegraben wie die mächtigsten Wurzeln. Diese dunkel verdeckten Hölzer wuchern in unserem Geist, haben sich im scheinbar festen Mutterboden verankert. Wie ein Evangelium wird es uns modernen Menschen eingebläut. Es predigt davon, etwas zu werden (was bitte?), etwas zu sein (was bitte?). Es flüster davon, Dinge haben zu wollen, zu besitzen (wieso?), zu gewinnen oder zu den Gewinnenden zu gehören (warum?)…; kurzum immer weiter voranzustreben. In der Hoffnung ein mächtiger, ewigbeständiger Baum zu sein.
Wie tief diese Subjekt-Objekt-Ideologie unser Gehirn, unseren Geist durchdrungen und zersetzt hat, lässt sich unschwer in der Meditation erkennen. Es bedarf konzentrierter Anstrengung und Übung, den ein- und ausgehenden Atem in seinem vergänglichen Sein wahrnehmend zu genießen. Zudem fokussierte, unwillentliche Willenskraft, um den unendlichen Strom von zielgerichteten Gedanken sich verflüchtigen zu lassen. Gedanken, sie sich zumeist um zu lösende oder zu erreichende Dinge drehen. Seinen sie noch so klein, noch so groß. Mit ihren Bildern und Imperativen kommen und gehen die mit ihnen verbundenen Sorgen, Ängste, Wünsche, Hoffnungen.
Doch was ein Genuss, wenn der Geist in der Leere verweilen darf. Frei von allen Ansprüchen und Anrufungen, die uns täglich vorgaukeln, was wir alles Benötigen; wer wir sind. Bei der Freude, in der Betrachtung der Krokusse löse ich mich auf. Im Jetzt. Bis sich die Ziele erneut drohend melden. Es ist ein langer Weg, dessen Ende nie erreicht werden wird. Nicht in diesem, endlichen Leben, das alsbald vergehen wird.

Schnee und Hegel

„Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist er nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen, dies ist nichts oder falsch, und nun, damit fertig, davon weg zu irgend etwas anderem übergehen; sondern er ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Angesicht schaut, bei ihm verweilt. Dieses Verweilen ist die Zauberkraft, die es in das Sein umkehrt. –“ (1)

Sanft stürmen rauschen flauschige, weiße Bällchen vom Himmel, bedecken alles. Sammeln sich in Astgabeln, lassen den Himmel in ihrem Getaumel verschwinden. Eine rastlose Ruhe, ebenso erhaben wie die Lektüre Hegels. Sinnierend, schauend, klar und verwirrt zugleich. Meine Aufmerksamkeit schwankt von der Naturschönheit zum Text und zurück. Taumelt, wird, wie Hegel es formuliert, zerrissen. Begriffe bilden sich und vergehen, ebenso wie die Sinneseindrücke. Sie sagen nichts, als das, was ist. Im ewigen Werden, dem Hin und Her der spielerischen Entwicklung. Zug für Zug in immer neuen Runden. Ich denke an Nietzsches „Ewige Wiederkunft“, die ihm im Hochgebirge am Stein beim See zufiel. Mein Geist arbeitet, Begriffe formen sich und vergehen, manchmal bringe ich ihn zur Ruhe. Entspannt schaue ich auf das wilde Treiben der Schneeflocken und atme langsam die wohlige Wärme des Schweigens.

(1) G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, aus der Vorrede

Jahreswechsel

Verstrichen, ein Jahr. Ich denke an Heideggers Feldweg. An den Baum, unter dem er sinnierte. Die Zeit zeitigt sich auf die immer gleiche Weise, ohne dasselbe zu wiederholen. Mannigfaltiges hat sich gelichtet, ist in meine Augen, meine Sinne, meinen Geist gefallen; hat ihn vorangetrieben, in der Änderung noch mehr Änderung bewirkt. Die Gedanken bewegen sich immer. Nehmen den neuen Geist der Freiheit wahr. Beweglicher ohne das Korsett der Lohnarbeit. Es gibt so viel zu tun, so viel zu denken, so viele Gedanken zum Schweigen zu bringen.
In sich ruhen, im Auge der um mich herumwirbelnden Luft. Der Winterwind treibt den Nebel von einer Ecke in die Andere, die Welt verschleiert sich, um sich erneut zu entbergen; zu verbergen. Baumgedanken werden entwurzelt und öffnen den Boden für neues Sinnen – ohne zu denken. Als der Baum stürzte flohen die Affen. Lasst sie schweigen, wie die Exceltabellen, die Rufe der Getriebenen, die in blinder Betriebsamkeit versuchten auf das morschen Gehölz zu klettern. Treiben lassen, driften, entleeren, träumen. Die Liebsten genießen, deren Wärme spüren und Wärme geben. Bis zum ewigen, kalten Schlaf, der in seiner Unerbittlichkeit heranschleicht. Jeden Moment auskosten, wie immer er sich zu präsentieren mag. Eine der schwersten Übungen für das nächste Jahr.

Mystisch

An einem dämmerig feuchten Dezembersonntag leere ich meinen aufmerksamen Geist in der Gehmeditation. Fast alleine in meinem Atem und der Welt. Nur ein paar Joggerinnen und Jogger hasten wie programmiert an mir vorbei. Rhythmisch, in schickem Outfit, Fitnessgetracked, mit Kopfhörern. Sie ertüchtigen und formen ihren Leib. Weichen den Pfützen aus. Übersehen die matschigen Kunstwerke, in denen sich die Welt spiegelt. Sind sie auf dem richtigen Weg? In der richtigen Geschwindigkeit?
Dann dampft der Tee heiß in der Tasse. Mein Blick schweift von kahlem Geäst zum dichten Netz der Buchstaben. Von den ersten Seiten der „Seelenburg“ der Kirchenmystikerin Theresa von Avila (1515-1582) gleiten folgende Zeilen in mein Bewusstsein: „Unsere Unvernunft, wenn wir nicht zu erfahren suchen, wer wir sind; wenn wir nur von unserem lieblichen Dasein Kunde haben, und zwar nur im Allgemeinen vom Hörensagen und, weil es Glaubenslehre ist, Wissen, dass wir eine Seele haben, aber nicht nach dem Wesen, den Eigenschaften, dem Wert, der Bestimmung dieser Seele fragen und ihrer nur selten gedenken. Während wir ihre Schönheit zu bewahren, eifrig bemüht sein sollten, sorgen wir nur für den Leib. Wir arbeiten einzig an den Außenwerken der herrlichen Burg.“ (1) So alt der Text sein mag, so zutreffend er mir erscheint, so passt er in unsere heutige Zeit.
Klar, der Begriff Seele, der hier gemeint ist, ist ein anderer, als der meine. Dennoch bin ich mir sicher, dass ich mich mit ihr verständigen könne, wenn „Seele“ als die Essenz unseres (Da-)seins gelesen wird. Etwas, dass für den „Geist“, „spirit“ steht. Das, was uns ausmacht und über ein Bewusstsein hinausgeht.
Doch was beschreibt die mittelalterliche Mystikerin? Etwas, das ich aus allen buddhistischen Lehren, manchem tief denkenden philosophischen Text und meinem Welterleben herauslese. Die alltägliche, daseinsverfallene Sichtweise auf Körper und Geist in unserer materiellen Welt. Ein „nur“ Dasein, das an der Oberfläche klebend, den sinnlichen Dingen und Begierden hinterherhechelt. Wie ein Hund seinem Herrn und Meister. Ein Sein, dass nicht einmal im Kleinsten versucht, zu dem durchzudringen, was und wie es ist. Ein Dasein, das nicht fragt, was uns, das Leben ausmacht. Erschrocken reagiert der vernachlässigte Geist zumeist nur in den Situationen, in welchen das Materielle zerfällt, sich entzieht. Sei es durch Armut, Hunger oder Krieg. In Momenten, in denen die Seele sich in seiner Existenz bedroht fühlt. In Krisen, wenn die ach so objektive, körperliche (leibliche) Welt zusammenzubrechen droht, Beziehungen sich auflösen, Einsamkeit uns umnachtet; wenn Lebenskrisen Menschen aus der Kauf-Autobahn werfen.


Zu uns zu kommen, bedarf der forschenden Arbeit einer Geistestätigkeit, die anstrengender erscheint, als die Pflege und das Verwöhnen des „Leibes“. Bei dieser „Suche“ hilft kein Shoppen in einer Drogerie oder das Hüpfen in einem Fitness-Studio, um wohlig zu stinken oder den Körper an Maschinen zu Quälen. Sicher, durchdachtes Training des Körpers ist unumgänglich um den Geist gesund und frisch zu erhalten. Zur Pflegen der Seele hingegen müssen wir lernen, materielle und immaterielle Begierden hinter uns zu lassen – soweit wir es vermögen. In vielen kleinen, mühseligen Schritten. Zeit nehmen. Den Blick aus der Welt auf das Innerste richtend zu uns selber kommen. Konzentration und Disziplin. Ankommen. Den unablässigen Gedankenstrom betrachten, den hektischen Geist in einen wachen Schlaf streicheln. Eine innere Leere erzeugen, in der wir, unsere Gedanken, Ruhe finden. Aus einer tiefen Klarheit heraus die Nebel der körperlichen Begierden durchschreitend in Zufriedenheit und Freiheit erwachen. Wenn der Pfad sich zögernd, Stück für Stück erhellt, lichtet sich wer und was wir sind. Kontemplation, Meditation, tiefes Nachdenken wird uns zeigen, was der Geist benötigt; was wir zum Erhalt des instabilen Fleisches wirklich brauchen.
Mögen uns die Dinge anrufen, die das Leben zum Leben macht. Unsere Beziehung zu uns selbst, zu den Menschen, die wir lieben, zur ganzen Welt. Als vergänglicher Teil von all dem. Ein leerer Punkt in einem unendlichen, sich immer wieder erneuernden Netz. Reiner Geist, Spirit, Seele – reines, verbundenes Sein. Welch ein Glück.

(1) Theresa von Avila (1515-1582) von Avila, T. (2022) die Seelenburg; Anaconda, München (Kursivierung vom Autor)

Alleine, mit mir

Zum Sonnenaufgang hin verbinde ich mich mit den Elementen. Ich rieche die Luft, höre das Meer, spüre Wind, Stein und Sand. Kleine Fliegen verwechseln mich mit einem Haufen verwesenden Tangs und kitzeln. Sie helfen mir, mich in Konzentration und Willenskraft zu üben. Manchmal streife ich mir sanft über Arme und Beine, um die Horde für kurze Zeit zu vertreiben.
Mächtig und schwer stehen die Berge da. Tag für Tag, aber nicht für die Ewigkeit. Wie Kolosse, die aus den Tiefen des Meeres aufragen. Am Abend sind die schroffen, hinteren Gipfel wolkenumzogen. Trotz ihrer massiven Beständigkeit erscheinen sie wie schwebende Schatten, die sich mit dem nebeligen Firmament am Horizont vermischen. Himmel und Erde vereinigen sich mit der leicht kräuselnden See. Poseidon trifft Zeus, der in einer Höhle unweit von hier vor seinem Vater verborgen war.

Sanft senkt sich die Sonne genau zwischen den beiden stoischen Felsen von Nisi Paximadia in die Wolken herab. Das wunderbare Licht hebt das Eiland vor dem Horizont hervor. Wie in einem Schattenspiel. Es wird Herbst, die Schatten länger.
Auf mich geworfen sitze ich in der Taverne, nehme das friedliche Schauspiel in mir auf. Wohlgenährt von dem, was die Erde uns spendet. Die Gedanken sind leer. Ich bin alleine; bei mir; als Teil des Ganzen nicht einsam. Einsam sein, bedeutet mit sich sein. Mit sich selber sprechen können. Neben mir das junge Paar – schweigt sich an. Ein Mann telefoniert, mit laut gestelltem Handy. Das Meer löscht die blecherne Stimme aus. Für mich zu sein ist eine Qualität. Die Gedanken beruhigen sich, bekommen die Chance, sich der Weite der Natur aufzulösen. Wie durch eine sanfte Brise der Nebel werden sie, verbunden mit meinem Atem, bis hinter den Horizont verteilt.
Ich frage mich, ob das schweigende Paar gemeinsam einsam ist. Ob der Mann sinnlose Dinge in das quäkende Gerät geblubbert hat. Waren sie mit etwas verbunden? Mit jemandem? Mit sich selber? Ich spüre in mir die Liebsten, mit denen ich ohne Worte diesen herrlichen Moment teile. Sie sind wie mein Schatten: immer bei mir; geliebte Geister. Bald sehe ich Euch wieder und berichte.

Brandung

Das beruhigende Branden der sich ewig bemühenden Wellen nimmt kein Ende. Sie begleitet mich vom Aufstehen, dem ersten Strandgang, dem Bad. Bis ihr rollender Rhythmus mich sanft in den Schlaf sinken lässt. Es scheint so, als takten sie selbst die Worte, die ich schreibe.
Langsam erheben die Wellen sich aus der Weite des Meeres. Sie begegnen still und sanft dem Blick. Dann, ein anderes mal, türmen sie sich zu kleinen Bergen auf, sobald die innere Kraft der See sie zum Ufer hin treibt. Oft donnern sie schmetternd an die Felsen. Bald treffe sie wieder sanft wiegend und gluckernd an den flachen Sandstrand. Die unsichtbare Energie, die sie antreibt, die unheimliche Physis kommt aus den Tiefen des Ozeans. Ein unendliches Potenzial. Es wird ewig so weitergehen, solange die Erde sich dreht. Egal ob ich mich von ihnen sanft schwebend tragen lasse oder nicht mehr da bin. Die in ihrem Rhythmus dahingleitende Zeit zernagt die Felsen, spült den Sand, die zersplitterten Schalen der Meerestiere hin und her. Stetig, beständig, immer anders.
Nicht mehr da zu sein, kann vieles bedeuten. Wie in der Metapher von der Uhr ohne Zeiger in Murakamis „Die Stadt mit ihrer ungewissen Maurer“ zeitigt sich Zeit aus sich selber. Wenn ich die Wellen nicht mehr höre, weil ich ins Binnenland fahre, mich auf den Heimweg in den Norden begeben habe oder gestorben bin, wird ihr Orchester weiterspielen. Werde ich dann Wellenenergie? Treibe meine Myriaden Einzelteilen mal hier, mal dorthin? Von den Wellen lernen heißt leben lernen.

Ende und Anfang

Die Kraft der See verbindet sich mit den Wolken, den beharrlichen Felsen und dem Leben spendenen Licht der Sonne. Ich bin – da.
War es vor drei Jahren eine leichte Gischt, die auf der Insel von der Freiheit kündigte, ist es heute ein warmer Sturm. Die brausenden Wellen fegen den Kopf frei. Zeit zeitigt sich, als wenn die Uhr auf der letzten Strecke kurz verharrt, um dann wie die rollenden Wellen auf ein unbestimmtes Ziel zuzulaufen. Als wenn ich ungezielt durch die Welt driften würde, deren Gischt, deren Nebel mal dichter, mal weniger dicht sind. Alles trifft sich in einer endlosen Ruhe.
Neue Rhythmen werden sich mit den Alten vermählen. Ohne die Fixpunkte, die mich im Arbeitsleben immer wieder auf den Rasterpunkten der Zeit, in fremdbestimmten Kalendern und zu sinnlosen Ereignissen zwangen. Ein eigener Rhythmus tut sich auf und tut dem müde-frischen Kopf gut. Driften ist aktiv, tätig sein. Sei es durch den sich leerenden Blick in die Weiten des Ozeans, die konzentrierte Fokussierung auf ein würdevolles, sinnstiftendes Gespräch, die Lektüre… oder die gefühlt sinnlose Tätigkeit, die nichts zu schaffen scheint. Wu Wei.

Meer

„Eine Welle kann hoch oder flach sein, kann entstehen oder vergehen, aber die Essenz der Welle, das Wasser, ist weder hoch noch flach, ist weder entstehend noch vergehend. Alle Kennzeichen wie hoch, flach, entstehend, vergehend berühren nicht das Wesen des Wassers.“ (1)


Es brandet unablässig an den feinkörnigen Strand. Selbst die zarteste Welle zermahlt geduldig und sanft die umspülten Felsen, gluckert gelassen vor sich hin. Doch so manche stürmt mit der Wucht einer galoppierenden Elefantenherde an die Gestade. Der Ozean ist eine Metapher für alles, was ist und wird. Er ist nie beständig im permanenten Vergehen. Dennoch ruht die See scheinbar fest im schweifenden Blick. Was ein Lehrmeister (2). Alle Elemente, alle Sinne werden verbunden. Unendlich schillert ein tiefes blaugrün in rascher Farbfolge in den Augen, spürt der Körper die Gischt, riecht die Frische, vernimmt Gluckern, Branden und Grollen.
Am sonnenbeschienenen Ufer gibt er bei klarem Wasser den im Sonnenlicht schimmernden, wellengeformten, von Muscheln, Steinen und Tangresten durchsetzten Meeresboden frei. Die Felsen, an denen das Meer nagt, sind von versteinerten Muschelfragmenten durchsetzt. Sie zeugen vom ewigen Kreislauf des werdenden Seins. Wie jede Welle, die sanft vom Wind getrieben oder aufgepeitscht schäumend rumpelt, sich in der Weite des Ufers auflöst. Die See, eine träge ruhende und bleibende Einheit aus Wasser. Wasser, der Quell des Lebens, dessen Kreislauf alles nährt. Eingebettet in die Elemente. Die Wärme der Sonne lässt mit Hilfe des Windes die Meerespartikel wie einen taumelnden Möwenschwarm in den Himmel aufsteigen. Der Mond und all die anderen Kräfte, welche die Welt durchwalten, ziehen und treiben die Wasser mal hier und mal dorthin.
Am Meer zeigt sich nicht nur die Weite des Universums, sondern ebenso die runde Form der Erde. Am gebogenen Horizont treffen sich Uranos und Gaia in der Schönheit einer Aphrodite, deren Tochter, aus ejakuliertem Meeresschaum geboren wurde. Wie ein Kiesel zwischen mächtigen Felsen der Mensch; klein und vergänglich, den Elementen preisgegeben. Nur eines der Myriaden lebender Wesen, welche die Welt bevölkern. Selbst die größten Tiere, die Wale, erscheinen gegenüber der nicht fassbaren Weite des Meeres hilflos und klein. In deren Tiefe oder am Ufersaum spielend, von der See aufgezogen, angezogen, aufgesogen und manchmal ausgespuckt; umspült und genährt. Das Meer gibt Nahrung und Tod. Ist Ort der Sehnsucht und der Angst, wovon schon die alten Griechen auf ihren Triremen, die sich nie weit vom Ufer zu entfernen wagten, sangen. Die in der sanften Brandung um ihr überleben kämpfende, frisch geschlüpfte Schildkröte, der tote Fisch am Ufersaum, das wimmelnde Leben bis in die dunkelste Tiefsee.
Das Meer, die See, der Ozean, der große Lehrmeister. Es lehrt Geduld und Achtsamkeit, Ruhe und Zufriedenheit. Vor allem aber diese zu bewahren, selbst wenn der Sturm die Wassermassen aufpeitscht. Die Zeit vergeht. Spuren des Jetzt werden unabänderlich getilgt. Jede Welle löscht die Vorherigen aus, zeichnet die Ihrigen. So spricht der eherne Fels. Einst selbst sandiger, von Muschelresten durchsetzter Meeresboden, den die Brandung Millimeter für Millimeter schleift.

(1) Hanh, Thich Nhat. Das Wunder des bewussten Atmens (S.66-67). Arkana. Kindle-Version.

(2) Lehrmeister ist ein männlich gelesener Begriff, auf den ich nicht verzichten mag. Ich lese ihn geschlechtsneutral. Dennoch hab ich auf Sternchen verzichtet, da sie den Lesefluss stören. See ist weiblich, Meer neutral, Ozean männlich…