Meer

„Eine Welle kann hoch oder flach sein, kann entstehen oder vergehen, aber die Essenz der Welle, das Wasser, ist weder hoch noch flach, ist weder entstehend noch vergehend. Alle Kennzeichen wie hoch, flach, entstehend, vergehend berühren nicht das Wesen des Wassers.“ (1)


Es brandet unablässig an den feinkörnigen Strand. Selbst die zarteste Welle zermahlt geduldig und sanft die umspülten Felsen, gluckert gelassen vor sich hin. Doch so manche stürmt mit der Wucht einer galoppierenden Elefantenherde an die Gestade. Der Ozean ist eine Metapher für alles, was ist und wird. Er ist nie beständig im permanenten Vergehen. Dennoch ruht die See scheinbar fest im schweifenden Blick. Was ein Lehrmeister (2). Alle Elemente, alle Sinne werden verbunden. Unendlich schillert ein tiefes blaugrün in rascher Farbfolge in den Augen, spürt der Körper die Gischt, riecht die Frische, vernimmt Gluckern, Branden und Grollen.
Am sonnenbeschienenen Ufer gibt er bei klarem Wasser den im Sonnenlicht schimmernden, wellengeformten, von Muscheln, Steinen und Tangresten durchsetzten Meeresboden frei. Die Felsen, an denen das Meer nagt, sind von versteinerten Muschelfragmenten durchsetzt. Sie zeugen vom ewigen Kreislauf des werdenden Seins. Wie jede Welle, die sanft vom Wind getrieben oder aufgepeitscht schäumend rumpelt, sich in der Weite des Ufers auflöst. Die See, eine träge ruhende und bleibende Einheit aus Wasser. Wasser, der Quell des Lebens, dessen Kreislauf alles nährt. Eingebettet in die Elemente. Die Wärme der Sonne lässt mit Hilfe des Windes die Meerespartikel wie einen taumelnden Möwenschwarm in den Himmel aufsteigen. Der Mond und all die anderen Kräfte, welche die Welt durchwalten, ziehen und treiben die Wasser mal hier und mal dorthin.
Am Meer zeigt sich nicht nur die Weite des Universums, sondern ebenso die runde Form der Erde. Am gebogenen Horizont treffen sich Uranos und Gaia in der Schönheit einer Aphrodite, deren Tochter, aus ejakuliertem Meeresschaum geboren wurde. Wie ein Kiesel zwischen mächtigen Felsen der Mensch; klein und vergänglich, den Elementen preisgegeben. Nur eines der Myriaden lebender Wesen, welche die Welt bevölkern. Selbst die größten Tiere, die Wale, erscheinen gegenüber der nicht fassbaren Weite des Meeres hilflos und klein. In deren Tiefe oder am Ufersaum spielend, von der See aufgezogen, angezogen, aufgesogen und manchmal ausgespuckt; umspült und genährt. Das Meer gibt Nahrung und Tod. Ist Ort der Sehnsucht und der Angst, wovon schon die alten Griechen auf ihren Triremen, die sich nie weit vom Ufer zu entfernen wagten, sangen. Die in der sanften Brandung um ihr überleben kämpfende, frisch geschlüpfte Schildkröte, der tote Fisch am Ufersaum, das wimmelnde Leben bis in die dunkelste Tiefsee.
Das Meer, die See, der Ozean, der große Lehrmeister. Es lehrt Geduld und Achtsamkeit, Ruhe und Zufriedenheit. Vor allem aber diese zu bewahren, selbst wenn der Sturm die Wassermassen aufpeitscht. Die Zeit vergeht. Spuren des Jetzt werden unabänderlich getilgt. Jede Welle löscht die Vorherigen aus, zeichnet die Ihrigen. So spricht der eherne Fels. Einst selbst sandiger, von Muschelresten durchsetzter Meeresboden, den die Brandung Millimeter für Millimeter schleift.

(1) Hanh, Thich Nhat. Das Wunder des bewussten Atmens (S.66-67). Arkana. Kindle-Version.

(2) Lehrmeister ist ein männlich gelesener Begriff, auf den ich nicht verzichten mag. Ich lese ihn geschlechtsneutral. Dennoch hab ich auf Sternchen verzichtet, da sie den Lesefluss stören. See ist weiblich, Meer neutral, Ozean männlich…