Verstrichen, ein Jahr. Ich denke an Heideggers Feldweg. An den Baum, unter dem er sinnierte. Die Zeit zeitigt sich auf die immer gleiche Weise, ohne dasselbe zu wiederholen. Mannigfaltiges hat sich gelichtet, ist in meine Augen, meine Sinne, meinen Geist gefallen; hat ihn vorangetrieben, in der Änderung noch mehr Änderung bewirkt. Die Gedanken bewegen sich immer. Nehmen den neuen Geist der Freiheit wahr. Beweglicher ohne das Korsett der Lohnarbeit. Es gibt so viel zu tun, so viel zu denken, so viele Gedanken zum Schweigen zu bringen.
In sich ruhen, im Auge der um mich herumwirbelnden Luft. Der Winterwind treibt den Nebel von einer Ecke in die Andere, die Welt verschleiert sich, um sich erneut zu entbergen; zu verbergen. Baumgedanken werden entwurzelt und öffnen den Boden für neues Sinnen – ohne zu denken. Als der Baum stürzte flohen die Affen. Lasst sie schweigen, wie die Exceltabellen, die Rufe der Getriebenen, die in blinder Betriebsamkeit versuchten auf das morschen Gehölz zu klettern. Treiben lassen, driften, entleeren, träumen. Die Liebsten genießen, deren Wärme spüren und Wärme geben. Bis zum ewigen, kalten Schlaf, der in seiner Unerbittlichkeit heranschleicht. Jeden Moment auskosten, wie immer er sich zu präsentieren mag. Eine der schwersten Übungen für das nächste Jahr.
Monat: Dezember 2024
Mystisch
An einem dämmerig feuchten Dezembersonntag leere ich meinen aufmerksamen Geist in der Gehmeditation. Fast alleine in meinem Atem und der Welt. Nur ein paar Joggerinnen und Jogger hasten wie programmiert an mir vorbei. Rhythmisch, in schickem Outfit, Fitnessgetracked, mit Kopfhörern. Sie ertüchtigen und formen ihren Leib. Weichen den Pfützen aus. Übersehen die matschigen Kunstwerke, in denen sich die Welt spiegelt. Sind sie auf dem richtigen Weg? In der richtigen Geschwindigkeit?
Dann dampft der Tee heiß in der Tasse. Mein Blick schweift von kahlem Geäst zum dichten Netz der Buchstaben. Von den ersten Seiten der „Seelenburg“ der Kirchenmystikerin Theresa von Avila (1515-1582) gleiten folgende Zeilen in mein Bewusstsein: „Unsere Unvernunft, wenn wir nicht zu erfahren suchen, wer wir sind; wenn wir nur von unserem lieblichen Dasein Kunde haben, und zwar nur im Allgemeinen vom Hörensagen und, weil es Glaubenslehre ist, Wissen, dass wir eine Seele haben, aber nicht nach dem Wesen, den Eigenschaften, dem Wert, der Bestimmung dieser Seele fragen und ihrer nur selten gedenken. Während wir ihre Schönheit zu bewahren, eifrig bemüht sein sollten, sorgen wir nur für den Leib. Wir arbeiten einzig an den Außenwerken der herrlichen Burg.“ (1) So alt der Text sein mag, so zutreffend er mir erscheint, so passt er in unsere heutige Zeit.
Klar, der Begriff Seele, der hier gemeint ist, ist ein anderer, als der meine. Dennoch bin ich mir sicher, dass ich mich mit ihr verständigen könne, wenn „Seele“ als die Essenz unseres (Da-)seins gelesen wird. Etwas, dass für den „Geist“, „spirit“ steht. Das, was uns ausmacht und über ein Bewusstsein hinausgeht.
Doch was beschreibt die mittelalterliche Mystikerin? Etwas, das ich aus allen buddhistischen Lehren, manchem tief denkenden philosophischen Text und meinem Welterleben herauslese. Die alltägliche, daseinsverfallene Sichtweise auf Körper und Geist in unserer materiellen Welt. Ein „nur“ Dasein, das an der Oberfläche klebend, den sinnlichen Dingen und Begierden hinterherhechelt. Wie ein Hund seinem Herrn und Meister. Ein Sein, dass nicht einmal im Kleinsten versucht, zu dem durchzudringen, was und wie es ist. Ein Dasein, das nicht fragt, was uns, das Leben ausmacht. Erschrocken reagiert der vernachlässigte Geist zumeist nur in den Situationen, in welchen das Materielle zerfällt, sich entzieht. Sei es durch Armut, Hunger oder Krieg. In Momenten, in denen die Seele sich in seiner Existenz bedroht fühlt. In Krisen, wenn die ach so objektive, körperliche (leibliche) Welt zusammenzubrechen droht, Beziehungen sich auflösen, Einsamkeit uns umnachtet; wenn Lebenskrisen Menschen aus der Kauf-Autobahn werfen.

Zu uns zu kommen, bedarf der forschenden Arbeit einer Geistestätigkeit, die anstrengender erscheint, als die Pflege und das Verwöhnen des „Leibes“. Bei dieser „Suche“ hilft kein Shoppen in einer Drogerie oder das Hüpfen in einem Fitness-Studio, um wohlig zu stinken oder den Körper an Maschinen zu Quälen. Sicher, durchdachtes Training des Körpers ist unumgänglich um den Geist gesund und frisch zu erhalten. Zur Pflegen der Seele hingegen müssen wir lernen, materielle und immaterielle Begierden hinter uns zu lassen – soweit wir es vermögen. In vielen kleinen, mühseligen Schritten. Zeit nehmen. Den Blick aus der Welt auf das Innerste richtend zu uns selber kommen. Konzentration und Disziplin. Ankommen. Den unablässigen Gedankenstrom betrachten, den hektischen Geist in einen wachen Schlaf streicheln. Eine innere Leere erzeugen, in der wir, unsere Gedanken, Ruhe finden. Aus einer tiefen Klarheit heraus die Nebel der körperlichen Begierden durchschreitend in Zufriedenheit und Freiheit erwachen. Wenn der Pfad sich zögernd, Stück für Stück erhellt, lichtet sich wer und was wir sind. Kontemplation, Meditation, tiefes Nachdenken wird uns zeigen, was der Geist benötigt; was wir zum Erhalt des instabilen Fleisches wirklich brauchen.
Mögen uns die Dinge anrufen, die das Leben zum Leben macht. Unsere Beziehung zu uns selbst, zu den Menschen, die wir lieben, zur ganzen Welt. Als vergänglicher Teil von all dem. Ein leerer Punkt in einem unendlichen, sich immer wieder erneuernden Netz. Reiner Geist, Spirit, Seele – reines, verbundenes Sein. Welch ein Glück.
(1) Theresa von Avila (1515-1582) von Avila, T. (2022) die Seelenburg; Anaconda, München (Kursivierung vom Autor)
Jugendbashing
Die Stimmung im Land scheint schattig bis düster. Wie im Novembernebel, der sich schwer über die kühlfeuchte Erde legt. Alle Wege gleichen einem Parkour von Pfützen, in denen einst strahlendes Herbstlaub langsam vermatscht und verwest. Zertrampelt von geduckt dahineilenden Menschen. Aus dem Nebel haucht eine gehässige Stimme „mit der Jugend ist nichts mehr los“. Sie sei unpolitisch, untätig, motivationslos, unstrebsam, unkonzentriert, reduziert auf ein zombiehaftes Anhängsel des elektronischen Smogs, der die Gehirne mit Meinungsdunst vernebelt. So echot es aus den speckigen Mündern der Alten, die im Herbst ihres Lebens, im warmen Ohrensessel, die Pfründe ihres maschinenhaften Schaffens genießen. Wohlstandsgehirne mokieren sich, jammern und hadern mit einer meinungslosen Generation. Sie fragen, wo ist das Engagement, die Begeisterung? Das politische Interesse?
Fraglos, ich vermeine ebenfalls zu spüren, dass die Tiefe von Diskursen verflacht, das klare Argument sich in beliebigen Geplapper aufgelöst haben. Nur bei der Jugend? Stimmt das? – Wird die „Jugend“ zu Recht gebashed? Wer bashed sie? Die trägen, im sicheren Nest hockenden Alten, wie ich? Die, die seit Jahrzehnten die Erde verkonsumieren? Ein lautes Nein hallt durch meinen Kopf. Ihr Alten, haltet Euren Mund! Es ist nicht „die“ Jugend, die das Klima vergiftet, dunkle Wolken über den Äther sendet. Es sind die schwadronierenden Köpfe der zum Teil schon früh Wohlstandsvergreisten, die mit angefetteten Konsumbäuchen über die Jungen herziehen. Ach, wie viele, selbst in meinem Umfeld, nähren ihre hohl gewordenen Köpfe in den Filterblasen des Netzes und der öffentlichen Medien, Haben sich verloren; „meinen“ zu oft, handeln selten, außer wenn sie Shoppen, Essen oder vor der Glotze vegetieren. Ich spüre dies, trotz manchem Lichtscheins, wie die „Omas gegen Rechts“, die heute mal wieder aktiv waren und mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben. War es je anders?
Derartige Ausbrüche aus den Mündern der Gesetzten, Trägen sind beim Zustand der Welt kein Wunder. Ein Zustand den meine Generation mit zu verantworten hat. Oder besser die „Mächtigen“ dieser Welt und ihre Brut? Diejenigen, die den ungezügelten Konsum predigen, Kriege von Zaum brechen und die einzige Freiheit im Besitz eines stinkenden SUVs sehen? Die, die sich für den wohlverdienten Ruhestand obendrauf noch ein wuchtiges Wohnmobil zulegen. Gerne könnt Ihr über die Jugendlichen herziehen, die Eurer dümmlichen Konsumideologie folgen, in Ion Musk ein Idol sehen, Eure materialistische Maggi-Tütensuppenideologie, die sich hinter einer Feinschmeckerfassade verbirgt, aufgesogen haben. Ich seufze über alle die Menschen, die von euren Wachstums-, Wohlstands- und neoliberalen Demokratieidealen hirnamputiert wurden. Wie so viele Generationen davor. Wer von Euch hat in seiner Jugend für eine bessere Welt, Gerechtigkeit, Frieden, eine lebenswerte Umwelt gekämpft? Kontinuierlich dafür gearbeitet? Wer ist dabei geblieben, meintswegen, wie ich, mit Pausen? Ich sehe nur wenige. Fasst Euch an Eure Nase, wie ich es hier tue, und denkt darüber nach, was wir „Alten“ machen können. Gemeinsam. Auf Augenhöhe mit den Jungen. Wie wir der motivierten Jugend helfen können, die verkrustete Machtpolitik zu bekämpfen, die deren Lebensgrundlage zerstört, sie in soziale Unsicherheit treibt. Gebt der Jugend eine Chance.
Nicht für die Alten. Ich lehne mich in meinen Ohrensessel zurück, genieße die Wärme angesichts der durchbrechenden Novembersonne. Bilder tauchen auf. Ich erinnere mich, wie ich früh am Morgen am Bahnhof mit eiskalten Füßen und Händen Flugblätter für Demos gegen Brokdorf oder für die Hafenstraße verteilte. Aus gebückt huschenden Gesichtern wurden mir faschistoide Sprüche wie „geh doch nach Drüben“ oder „Früher hätte man so etwas wie Euch vergast“ entgegen gehaucht. Ich war vielen ideologischen Irrtümern erlegen, wie ich mit der Zeit feststellte. Solche Irrtümer sind das Recht der Jugend, ihrer Kraft. Bekräftigen wir sie in ihren Kämpfen. Ermutigen wir sie. Unterstützen wir sie. Denn unser Leben neigt sich dem Ende. Geben wir Ihnen die Chance, die sie verdienen. Es gibt so viele Themenfelder, in denen Generationen von PolitikerInnen schlichtweg versagt haben. Ich mag keine Zahlen, aber bei der Lektüre der Shell-Jugendstudie (1) regt sich in mir ein wenig Hoffnung.
Ich lese in einem Auszug, dass Bildung und soziale Gerechtigkeit neben dem Klimaschutz eines der wichtigsten Themen den Jungen sind. Hoffnung macht, dass selbst bei den Jugendlichen mit geringem sozialen Status, ein nicht unerheblicher Teil zum Verzicht bereit ist. Hier ein Zitat zur Notwendigkeit zu verzichten (Auch wenn Zahlen nicht mein Lieblingsargument sind, besser ist Zuhören): (S. 15) „Umstrittener ist die Frage nach den Konsequenzen. 57 % sind der Meinung, dass alle ihren bisherigen Lebensstandard zugunsten von Klima und Umwelt einschränken sollten, 22 % sind unsicher oder geteilter Meinung (»teils, teils«) und 19 % lehnen dies ab. Differenziert nach Bildungsposition, zeigen sich Unterschiede: Knapp zwei Drittel (63 %) der Jugendlichen mit Abitur oder Fachhochschulreife sprechen sich für Einschränkungen aus, aber nur knapp die Hälfte (48 %) derjenigen mit Mittlerer Reife und vier von zehn mit Hauptschulabschluss (42 %).“ Und S. 17.: „86 % vertrauen darauf, dass eine bessere Welt möglich ist, und 70 % sind sich sicher, dass die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse durch eigenes Engagement beeinflussbar sind. Mehr als der Hälfte (56 %) fehlt allerdings das Vertrauen in die Einsicht ihrer Mitmenschen.“ (1)