Jugendbashing

Die Stimmung im Land scheint schattig bis düster. Wie im Novembernebel, der sich schwer über die kühlfeuchte Erde legt. Alle Wege gleichen einem Parkour von Pfützen, in denen einst strahlendes Herbstlaub langsam vermatscht und verwest. Zertrampelt von geduckt dahineilenden Menschen. Aus dem Nebel haucht eine gehässige Stimme „mit der Jugend ist nichts mehr los“. Sie sei unpolitisch, untätig, motivationslos, unstrebsam, unkonzentriert, reduziert auf ein zombiehaftes Anhängsel des elektronischen Smogs, der die Gehirne mit Meinungsdunst vernebelt. So echot es aus den speckigen Mündern der Alten, die im Herbst ihres Lebens, im warmen Ohrensessel, die Pfründe ihres maschinenhaften Schaffens genießen. Wohlstandsgehirne mokieren sich, jammern und hadern mit einer meinungslosen Generation. Sie fragen, wo ist das Engagement, die Begeisterung? Das politische Interesse?
Fraglos, ich vermeine ebenfalls zu spüren, dass die Tiefe von Diskursen verflacht, das klare Argument sich in beliebigen Geplapper aufgelöst haben. Nur bei der Jugend? Stimmt das? – Wird die „Jugend“ zu Recht gebashed? Wer bashed sie? Die trägen, im sicheren Nest hockenden Alten, wie ich? Die, die seit Jahrzehnten die Erde verkonsumieren? Ein lautes Nein hallt durch meinen Kopf. Ihr Alten, haltet Euren Mund! Es ist nicht „die“ Jugend, die das Klima vergiftet, dunkle Wolken über den Äther sendet. Es sind die schwadronierenden Köpfe der zum Teil schon früh Wohlstandsvergreisten, die mit angefetteten Konsumbäuchen über die Jungen herziehen. Ach, wie viele, selbst in meinem Umfeld, nähren ihre hohl gewordenen Köpfe in den Filterblasen des Netzes und der öffentlichen Medien, Haben sich verloren; „meinen“ zu oft, handeln selten, außer wenn sie Shoppen, Essen oder vor der Glotze vegetieren. Ich spüre dies, trotz manchem Lichtscheins, wie die „Omas gegen Rechts“, die heute mal wieder aktiv waren und mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben. War es je anders?
Derartige Ausbrüche aus den Mündern der Gesetzten, Trägen sind beim Zustand der Welt kein Wunder. Ein Zustand den meine Generation mit zu verantworten hat. Oder besser die „Mächtigen“ dieser Welt und ihre Brut? Diejenigen, die den ungezügelten Konsum predigen, Kriege von Zaum brechen und die einzige Freiheit im Besitz eines stinkenden SUVs sehen? Die, die sich für den wohlverdienten Ruhestand obendrauf noch ein wuchtiges Wohnmobil zulegen. Gerne könnt Ihr über die Jugendlichen herziehen, die Eurer dümmlichen Konsumideologie folgen, in Ion Musk ein Idol sehen, Eure materialistische Maggi-Tütensuppenideologie, die sich hinter einer Feinschmeckerfassade verbirgt, aufgesogen haben. Ich seufze über alle die Menschen, die von euren Wachstums-, Wohlstands- und neoliberalen Demokratieidealen hirnamputiert wurden. Wie so viele Generationen davor. Wer von Euch hat in seiner Jugend für eine bessere Welt, Gerechtigkeit, Frieden, eine lebenswerte Umwelt gekämpft? Kontinuierlich dafür gearbeitet? Wer ist dabei geblieben, meintswegen, wie ich, mit Pausen? Ich sehe nur wenige. Fasst Euch an Eure Nase, wie ich es hier tue, und denkt darüber nach, was wir „Alten“ machen können. Gemeinsam. Auf Augenhöhe mit den Jungen. Wie wir der motivierten Jugend helfen können, die verkrustete Machtpolitik zu bekämpfen, die deren Lebensgrundlage zerstört, sie in soziale Unsicherheit treibt. Gebt der Jugend eine Chance.
Nicht für die Alten. Ich lehne mich in meinen Ohrensessel zurück, genieße die Wärme angesichts der durchbrechenden Novembersonne. Bilder tauchen auf. Ich erinnere mich, wie ich früh am Morgen am Bahnhof mit eiskalten Füßen und Händen Flugblätter für Demos gegen Brokdorf oder für die Hafenstraße verteilte. Aus gebückt huschenden Gesichtern wurden mir faschistoide Sprüche wie „geh doch nach Drüben“ oder „Früher hätte man so etwas wie Euch vergast“ entgegen gehaucht. Ich war vielen ideologischen Irrtümern erlegen, wie ich mit der Zeit feststellte. Solche Irrtümer sind das Recht der Jugend, ihrer Kraft. Bekräftigen wir sie in ihren Kämpfen. Ermutigen wir sie. Unterstützen wir sie. Denn unser Leben neigt sich dem Ende. Geben wir Ihnen die Chance, die sie verdienen. Es gibt so viele Themenfelder, in denen Generationen von PolitikerInnen schlichtweg versagt haben. Ich mag keine Zahlen, aber bei der Lektüre der Shell-Jugendstudie (1) regt sich in mir ein wenig Hoffnung.
Ich lese in einem Auszug, dass Bildung und soziale Gerechtigkeit neben dem Klimaschutz eines der wichtigsten Themen den Jungen sind. Hoffnung macht, dass selbst bei den Jugendlichen mit geringem sozialen Status, ein nicht unerheblicher Teil zum Verzicht bereit ist. Hier ein Zitat zur Notwendigkeit zu verzichten (Auch wenn Zahlen nicht mein Lieblingsargument sind, besser ist Zuhören): (S. 15) „Umstrittener ist die Frage nach den Konsequenzen. 57 % sind der Meinung, dass alle ihren bisherigen Lebensstandard zugunsten von Klima und Umwelt einschränken sollten, 22 % sind unsicher oder geteilter Meinung (»teils, teils«) und 19 % lehnen dies ab. Differenziert nach Bildungsposition, zeigen sich Unterschiede: Knapp zwei Drittel (63 %) der Jugendlichen mit Abitur oder Fachhochschulreife sprechen sich für Einschränkungen aus, aber nur knapp die Hälfte (48 %) derjenigen mit Mittlerer Reife und vier von zehn mit Hauptschulabschluss (42 %).“ Und S. 17.: „86 % vertrauen darauf, dass eine bessere Welt möglich ist, und 70 % sind sich sicher, dass die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse durch eigenes Engagement beeinflussbar sind. Mehr als der Hälfte (56 %) fehlt allerdings das Vertrauen in die Einsicht ihrer Mitmenschen.“ (1)

(1) Shell Jugendstudie 2024

Positiv denken

Generell ist die Stimmung zu dieser Jahreszeit im Norden dunkel und regnerisch. Dazu das mental ungesunde Klima, die alltägliche Bombardierung durch düstere Wolken, welche die Medien nur zu gerne verbreiten und verstärken. Ich lese. Lieben wir es von Agonie umhüllt zu werden? Uns treiben zu lassen, nur den grauen(haften) Wolken zu folgen? All den trüben Überschriften, durch die ich diesen Morgen scrollte? Dann, wie der erhellende Durchbruch einiger sonniger Strahlen teilte sich der herbstliche News-Himmel. Ein Lächeln breitet sich sanft in meinem Gesicht aus. Ja! Ich freue ich mich über jede positive Nachricht, jeden Blick der Hoffnung und innere Freude verbreitet, das Herz erwärmt.
Meine geliebten konservativen Freunde von der NZZ (1), die gerne einen eiskalten Neoliberalismus predigen, veröffentlichten diese Tage ein Interview, dass mich mehr entspannte, als der gelassene Blick in den Himmel bei einer warmen Tasse Ersatzkaffee. Am Ende einer endlose Liste von Meldungen über Kriege und Katastrophen, durch die ich gescrollt hatte, war weit unten versteckt; so wie wir gerne die positiven Dinge zu vergessen und zu verdrängen scheinen, um die negativen zu genießen. Ein Artikel über den Krieg und die Menschen.
Tenor: Der Mensch als Gattung ist im Allgemeinen gut. Er ist ein kooperatives, soziales, kein an sich kriegerisches Wesen. Sicher, Konflikte gehören, speziell, wenn es zu existentiellen Krisen mit Konkurrenz durch Knappheit von lebenswichtigen Ressourcen geht, seit Anbeginn zu unserer Geschichte. Nicht zu vergessen die vom Besitzdenken angetriebenen Verbrechen aus Leidenschaft – nicht nur in Bezug zu materiellen Gütern, sondern auch auf Menschen. Wie Bregeman schon schrieb, schweißen Katastrophen die Betroffenen jedoch eher zusammen (2). Kriege und brutale Konflikte sind überwindbar, wenn man den Autoren glauben darf.
Zuversichtlich schaue ich gelassen in den Tag. Es gibt immer ein Licht am Ende des Tunnels, selbst wenn die Sonne mit ihrer Wärme im wolkig-nebligen Himmel kaum zu erahnen ist.

Zum Schluss ein Zitat: „Van Schaik: Trotz den gegenwärtigen Kriegen können wir festhalten, dass wir bereits den richtigen Weg eingeschlagen haben. Wir werden wenigstens sozial und ethisch mehr wieder zu Jägern und Sammlern. Zumindest im Westen leben wir immer egalitärer und demokratischer. Die Sklaverei wurde abgeschafft, dasselbe ist mit Krieg möglich.“ (1)

Es leben die Nomaden!

(1) Aus NZZ-Online vom 18.11.2024, Interview mit Anthropologen Carel van Schaik und Kai Michel.
Es unterstreicht die Thesen aus Rutger Bregmans schönem Buch „Im Grunde Gut“, das ich für sehr lesenswert halte.

(2) Bregman, Rutger (2021) im Grunde Gut, Rowohlt

Sprachlos – Vom Ärger zur Ruhe

„Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten. »Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln.“ (Nietzsche, F. (1884) Also sprach Zarathustra, Vorrede Kap. 5)

Beim WWF Fußabdruck Rechner komme ich, weil ich z.B. kein Auto fahre, energetisch saniert wohne, Gemüse über die Biokiste bekomme, wenig in Klamotten und Möbel investiere, einen kurzen Arbeitsweg habe, max. einmal im Jahr in den Urlaub fliege, versuche Fleisch zu reduzieren, und wenn dann nur Bio, etc. auf einen recht passablen Wert. Unter dem deutschen Durchschnitt, jedoch über dem der Weltbevölkerung, was kein Wunder ist. Sicher, ich habe hier und dort meinen Luxus und konsumiere sinnlose Dinge. Dies und das könnte ich weiterhin verbessern. Nach dem Motto, „Jeder Mensch sollte versuchen die Welt ein wenig besser zu machen“. Dies gilt umso mehr in Anbetracht der nahenden Katastrophe, welche speziell die Generation unsere Kinder bedroht.

Als ich mein Ergebnis eines ähnlichen Rechners von Brot für die Welt betrachtete, fiel mir der folgende Satz ins Auge: „Zu Deinem persönlich beeinflussbaren Fußabdruck wird ein Sockelbetrag von 0,9 globalen Hektar (gha) addiert. Dieser kollektive Fußabdruck steht für die Infrastruktur in Deutschland (z.B. Straßen und Krankenhäuser).“ Gefühlt bedeutet dies, dass ich auf vieles keinen direkten Einfluss habe. So wenig wie auf das Wachsen eines Berges durch tektonische Plattenverschiebungen. Doch welche Möglichkeiten gibt es, ein wenig mit einem Löffel an diesem Gebirge des Wahnsinns zu kratzen? Dem Gebirge, dass den Abgrund formt, über dessen Klippen die nächste Generation zu stürzen droht? Für mich bedeutet es, die Klima-Aktivist:Innen ohne Wenn und Aber zu unterstützen. Die, die sich aktiv, mit allen ihnen gegebenen Mitteln der Klimakatastrophe entgegenstellen. Bis hin zum Einsatz ihres Körpers. Nur so lässt sich vielleicht gerade noch der Abgrund vermeiden, in den wir stürzen werden. Es geht für alle darum, aktiv zu werden. Ruhig und in dem Maß, das uns möglich ist. Gegen unseren inneren Schweinehund und der leider (aus meiner Sicht) trägen, Bildzeitungsverdummten, Auto- und Konsumversessenen Bevölkerung. Sowie deren Volksvertreter:Innen und Meinungsmaschine.

Diese Gedanken sind der Hintergrund, vor dem mir gestern ein kalter, versengender Blitz durch die Eingeweide zuckte. Brennende Wallungen wie ein überhitzter Saharawind, durchtosten und erregten meinen Leib. Wie die Schockwellen eines Steins, der voller Kraft in den still da liegenden Teich am Fuß des Abgrunds geschleudert wurde. Die emotionale Attacke riss meinen ganzen Körper mit. Zum Glück meldete sich sich dann mein Geist. Auch wenn er durch die, über den Bildschirm flimmernde, Nachricht entgeistert war. Einatmen, ausatmen. Den wilden Gefühlscocktail Wahrnehmen, erkennen, annehmen, umarmen. Die ersten drei Schritte, um mit aufkommendem Ärger umzugehen. Ich fasse es nicht. Kaum habe ich den hitzigen Angriff der Gefühle ein wenig umarmt, ein wenig beruhigt, rutsche ich unvermittelt in die vierte Phase. Tief schauen.

Klar, was da los ist, kann ich in den Worten lesen, die mich so getroffen haben: Die Staatsgewalt hat sich blind agierend über junge, verzweifelte Menschen hergemacht: Wie ein zerfleischendes Raubtier über ein graziles Opfer, das sich zu behaupten versucht. Ein Opfer, dass aus der Verzweiflung heraus einen umstrittenen Pfad gewählt hat. Den Pfad des Widerstandes. Ich denke, wenn sie so fühlen, aus gutem Grund. Friedvoll, kraftvoll, überlegt wurden Grenzen überschritten. Doch was sind das für lächerliche Regelbrüche angesichts der nahenden Katastrophe. Der Klimakatastrophe, vor der eine große Mehrheit der Wissenschaft warnt. Vor dieser Katastrophe gibt es keine Flucht.

Was ein Fehlgriff, was eine armselige Hilflosigkeit (oder gar Berechnung) einer von stinkenden Automotoren angetriebenen Politik. Bilder schießen durch meine Gedanken. Grüne haben schon immer die größten Dreckschleudern gefahren. Deren Abgase haben deren einst idealistisches, kämpferisches Hirn abgetötet. Heute sind sie Teil der Weltvernichtungsmaschine. Weitaus schlimmer fühle ich die Arroganz der Autoknutscher aus der SPD, deren nicht handelnder Oberguru die letzte Generation zuletzt als „völlig bekloppt“ diffamiert hat. Mir fällt die Liste seines Versagens ein. Elbphilharmonie, Olympia, G20, Warburg und jetzt in der Klimapolitik… Über die Wölfe im Schafspelz der FDP, denen unter dem Banner der Freiheit des Geldes, die Schönheit der Welt, das Leben nebensächlich und egal zu sein scheint. Über die Konservativen, die schon lange nur noch destruktiv daherkommen und nichts mehr bewahren, rede ich garnicht erst.

Was eine Dummheit, diese mutigen Kinder, die in ihrer Verzweiflung über die Stränge schlagen, als kriminelle – äh, war ein Fehler der Staatsanwaltschaft (wohl aus Berechnung?) Vereinigung zu diffamieren. Sie auf Geheiß der Auto- und anderer CO2 Lobbies, der (auf-)gehetzten SUV-Bürger in eine kriminelle Ecke drängen zu wollen. Es ist so, als ob man jungen Menschen, die das Leben vor sich haben und genießen sollten, erst den Boden unter den Füßen wegzieht und diese dann für den Sturz bestraft.

Es ist nicht die „letzte Generation“, die kein Rückgrat hat. Ich fürchte der Rechtsstaat, die „letzen Menschen“, die „Heerdenthiere“ (Nietzsche), personifiziert von den gekauften Volksvertreter:Innen, hat es schon lange verloren. Ein wahrscheinliche tödliches Konglomerat aus Politik und Industrie, welche dem dummen Volk die heilige Kuh in Form des Automobils seit Jahrzehnten als Heils- und Freiheitsbringer angepriesen hat. Diese kleinen Hochgeschwindigkeitsgefängnisse, die unsere Erde jede Sekunde milliardenfach überfahren und verpesten. All dies hab ich verstanden.
Ich werde und muss mich für diesen jungen Menschen, die sich überwunden haben aktiv zu werden, einsetzen, mit ihnen gegen die Mikropartikel-verstaubten dunklen Mächte auf die Straße gehen. Klar gehört dazu, zu versuchen weiterhin mein (Konsum-) Verhalten zu ändern. Ich muss noch mehr für die Zukunft meiner und unserer Kinder tun. Nach dem Motte, es bringt nichts, wenn wenige alles tun, sondern viel mehr, wenn viele ein wenig tun. In kleinen Schritten. Geradeaus. Mit Rückgrat und ohne Rücksicht auf die lobbyverpesteten Volksvertreter:Innen.

Ich gehe in die Badewanne. Luxus. Ich verschwende Energie. Der Sturm legt sich weiter, die sanften Wellen beruhigen sich. Nach dem Verstehen kommt die Ruhe. Dann muss die Aktion folgen. Ich gehöre zur (vor-)letzten Generation. Für die Kinder kämpfen.