Positiv denken

Generell ist die Stimmung zu dieser Jahreszeit im Norden dunkel und regnerisch. Dazu das mental ungesunde Klima, die alltägliche Bombardierung durch düstere Wolken, welche die Medien nur zu gerne verbreiten und verstärken. Ich lese. Lieben wir es von Agonie umhüllt zu werden? Uns treiben zu lassen, nur den grauen(haften) Wolken zu folgen? All den trüben Überschriften, durch die ich diesen Morgen scrollte? Dann, wie der erhellende Durchbruch einiger sonniger Strahlen teilte sich der herbstliche News-Himmel. Ein Lächeln breitet sich sanft in meinem Gesicht aus. Ja! Ich freue ich mich über jede positive Nachricht, jeden Blick der Hoffnung und innere Freude verbreitet, das Herz erwärmt.
Meine geliebten konservativen Freunde von der NZZ (1), die gerne einen eiskalten Neoliberalismus predigen, veröffentlichten diese Tage ein Interview, dass mich mehr entspannte, als der gelassene Blick in den Himmel bei einer warmen Tasse Ersatzkaffee. Am Ende einer endlose Liste von Meldungen über Kriege und Katastrophen, durch die ich gescrollt hatte, war weit unten versteckt; so wie wir gerne die positiven Dinge zu vergessen und zu verdrängen scheinen, um die negativen zu genießen. Ein Artikel über den Krieg und die Menschen.
Tenor: Der Mensch als Gattung ist im Allgemeinen gut. Er ist ein kooperatives, soziales, kein an sich kriegerisches Wesen. Sicher, Konflikte gehören, speziell, wenn es zu existentiellen Krisen mit Konkurrenz durch Knappheit von lebenswichtigen Ressourcen geht, seit Anbeginn zu unserer Geschichte. Nicht zu vergessen die vom Besitzdenken angetriebenen Verbrechen aus Leidenschaft – nicht nur in Bezug zu materiellen Gütern, sondern auch auf Menschen. Wie Bregeman schon schrieb, schweißen Katastrophen die Betroffenen jedoch eher zusammen (2). Kriege und brutale Konflikte sind überwindbar, wenn man den Autoren glauben darf.
Zuversichtlich schaue ich gelassen in den Tag. Es gibt immer ein Licht am Ende des Tunnels, selbst wenn die Sonne mit ihrer Wärme im wolkig-nebligen Himmel kaum zu erahnen ist.

Zum Schluss ein Zitat: „Van Schaik: Trotz den gegenwärtigen Kriegen können wir festhalten, dass wir bereits den richtigen Weg eingeschlagen haben. Wir werden wenigstens sozial und ethisch mehr wieder zu Jägern und Sammlern. Zumindest im Westen leben wir immer egalitärer und demokratischer. Die Sklaverei wurde abgeschafft, dasselbe ist mit Krieg möglich.“ (1)

Es leben die Nomaden!

(1) Aus NZZ-Online vom 18.11.2024, Interview mit Anthropologen Carel van Schaik und Kai Michel.
Es unterstreicht die Thesen aus Rutger Bregmans schönem Buch „Im Grunde Gut“, das ich für sehr lesenswert halte.

(2) Bregman, Rutger (2021) im Grunde Gut, Rowohlt

Herbstgedanken: Haltung vs. Ideologie

Da pöbeln sie wieder. Mit Bildern, die aus dem Zusammenhang gerissen wurden, feisten Parolen, erstaunlichen Zahlenbergen. Wie ein durchtriebener Schwindler gaukeln sie Wissen vor. Zusammengestückelte Montagen, Symbole und schreierische Imperative sollen belegen, dass diese oder jene Sache die Richtige ist; dieser oder jene Ansicht die pure Wahrheit darstellt. Sie geben vor heller zu strahlen als das Leuchten platonischer Ideen. Da werden die Kämpfer, Mörder, Opfer und Geschändeten auf der „richtigen“ Seite bejubelt oder beweint. Die von der „Falschen“ Seite werden mit Hass überzogen, egal ob sie Täter sind oder leiden.
Was da aus den schwarzumwölken Seelen der Poster zu leuchten vorgibt, ist für mich das hasserfülltes Strahlen eines fahlen, düsterschmutzigen Glimmens. Das kalte Monitorlicht aus den Tiefen des Web. Oh, ihr armen Wichte an den Tastaturen! Stellt Euch Eurer Angst. Denn sie ist die Mutter der Wut, sie gebiert den Hass! Ist es so schwer zu erkennen, dass, wenn Ihr Unrecht erblickt, es schlauer sein könnte bedenkend anzuklagen? Ist dies nicht der menschlichere Weg? Wann habt ihr zum letzten mal anstatt auf die fahle Scheibe des Bildschirms in die warmen Augen eines Menschen geblickt? Einen fairen Diskurs, ein tiefes Gespräch gewagt?
Manchmal ist Schweigen durchdringender als das tosende Gezeter. Schmerzensgeschrei. Gebrüll und Wutgegrunze sähen nur mehr Widerwillen, Angst und Hass. Schaut in Euch, reflektiert, geht in ein inneres Zwiegespräch, fragt Euch, woher diese dunklen Gedanken kommen. Wovor fürchtet ihr Euch? Welcher Dämon hat von Eurem Geist Besitz ergriffen?
Psychologische Philosophen wie Lacan oder Sizek sprechen von den Anrufungen, denen wir durch unsere Ideologien ausgesetzt sind. Einem Konglomerat von Handlungsanweisungen, die jeder Mensch zutiefst verinnerlicht hat und reflexartig ausführt. Wie die Programme eines Computers, eines Betriebssystems. Durch ewige Wiederholung haben sich die Befehlssätze in den tiefsten Tiefen unseres Geistes verankert, als wären es die Eigenen. Daher handeln wir nicht selten wie dumme Prozessoren in den Computern, reagieren auf einen Input: Reflexartig folgen wir brav Schlüsselwörtern und -symbolen. Programmiert zu Gefolgsmenschen einer Nation, die beim Bild der Flagge, beim Ruf „zu den Fahnen für Nation und Rasse“, quasi „aus sich selber heraus“ fröhlich das Gewehr schultern, um unhinterfragt in den Tod zu marschieren. Genauso wie all die Konsumzombies, die voller Werbeversprechen grunzend nach dem nächsten Kaufopfer gieren. Hirntot!
Ideologien definieren das Verhalten in unseren Beziehungen, formen unsere Vorstellung. Egal ob es die bunte Schönheit der Konsumwelt ist oder die viele andere Dinge und Ideen, von denen wir denken, sie seinen unsere Eigensten. Sie kneten unser Hirn, durchsetzen es quasi heimlich mit brutalen Machtstrukturen. Werbung, Kapital und Politik nutzen diese Gedankenkrake immer wieder zu ihrem Vorteil. Wir reagieren auf ihre verrätselten, in uns eingebrannten Zeichen. Ihre Beliebigkeit verweist auf Sinnloses und arbiträres. Fragt Euch, wenn neben Grusel-Hetzbildern Werbeanzeigen flimmern, wer diese Reflexe bedient. Je nachdem wie wer ruft, werden Gefühle, Utopien und Wünsche getriggert. Das weltbekannte Porträt Che Guevaras kann zum Befreiungskampf aufrufen oder Zigaretten verkaufen.
Eine Haltung (kor. Jase 자세) hingegen kommt aus sich selbst heraus. Gerade, fest, ruhig, voller Vertrauen auf sich selber stehen ist die einzige Möglichkeit den Anrufungen der Ideologien zu widerstehen. Fest stehend, mit klarem Blick, schweigend die Welt enträtselnd. Das Gewohnte hinterfragen, sei es noch so plausibel. Dann dem ruhigen Atem folgend bedacht handeln.