Eine vielversprechende Diskussion über Grenzen lockt uns ins Internet. Das Zoom-Fenster öffnet sich; ein Text leitet ein. Dann, im Rahmen der Einleitung fällt mein Blick auf das Wort „materialistisch“ (1). Ich bemerke, wie ideologische Kälte meinen Magen zusammenzieht. Die Begriffsauslegung, die mir hier entgegenstrahlt, ist mir allzu bekannt. Es riecht nach verstaubtem „orthodox marxistischen“ Kontext. Er verweist, wie eine metallene, starre Leitplanke auf den ideologischen Überbau des Denkansatzes, der den Diskurs von Vortrag und Diskussion leiten wird. Meine Zehennägel rollen sich hoch. Ich spüre ein leichtes, emotionales Gruseln; das kann nicht gut werden. Die Denkautobahn ist, bevor das erste Wort fällt, asphaltiert.
Mein ganzer Körper spürt den mentalen Beton. Betonmarxisten. Ein in beton gegossener Begriff, der auch anders gedacht werden kann. Die Gespenster, die nach wie vor umgehen. Ideologiezombies. Fremdschäme ich mich für die, in diesen ausgefahrenen Gleisen argumentierenden Menschen, die sich vor prall gefüllten Bücherregalen präsentieren? Ideologen, deren Gehirn so erstarrt sind, wie eben dieses Baumaterial, dass metaphorisch für Vorstadt-Ghettos, Autobahnen, AKW-Kühltürme, Bunker und all den Wachstumswahn steht.
In einer Vision sehe ich den Materialisten, wie er auf einem mittelalterlichen Turm verzweifelt eine festgehauene Zinne umgreift. Den kalten Stein förmlich knutscht. Wie er sich mit letzter Anstrengung an ihn klammert. An das entgleitende Objekt seines Begehrens gebunden – während ein Erdbeben nach dem Anderen die Geisteswelt erschüttert. Argumentative Steine und Staub stürzen durcheinander. Sammel sich als Schutt auf dem Boden. Nichts bleibt, wo es vorher war. Dennoch, er vermag es nicht loszulassen, klammert sich frenetisch fest, wo ein anders Bewegen doch so einfach wäre. Er stürzt mit ab, wird von Staub bedeckt. Freudig und blind wie Scrat aus Ice Age, der als philobatisches Objekt seine Eichel umklammernd ins Verderben gerissen wird. Comic relief…
Durch ihre verschrobene Maske aus Wortbeton hindurch merken sie nichts. Haben nie erfahren, wie sanft und glatt, sperrig und fließend, rauschend und vieldeutig Begriffe und Sprache sind. Klammern sich an festgegossene Erklärungsschemata, welche die Zeit als Ruinen überdauert zu haben scheinen. Ich seufze innerlich. Denke an meine eigenen Ruinen. Wie schwer es war, sie abzureißen und in fruchtbares Diskursland umzuwandeln. Immer wieder. Doch ich habe erfahren wie erbaulich, lustvoll es ist, sich Werdend anderen Denkhorizonten zu öffnen. Ein geistiger Nomade zu bleiben. Der Welt in ihrer Vielheit – und Fremdheit – bis hin zur Befremdlichkeit zu lauschen. Ich danke dem „Materialisten“, dass er mich an diese, nicht leichte Aufgabe erinnert hat. Vielleicht hat sein Ruinendenken doch einen Sinn.
(1) Heidegger schreibt in seinem Aufsatz „Über den Humanismus“ ((2000) Frankfurt am Main, Klostermann) folgendes; „Das Wesen des Materialismus besteht nicht in der Behauptung, alles sei nur Stoff, vielmehr in einer metaphysischen Bestimmung, der gemäß alles Seiende als das Material der Arbeit erscheint.“ (S. 32)