Das Denk-Bild

„Nicht der Privatmann[particulier] mit gutem Willen und naturwüchsigem Denkvermögen, sondern ein Einzelner[singulier] voll bösen Willens, dem das Denken mißlingt, in der Natur ebenso wie im Begriff. Er alleine ist ohne Voraussetzungen. Er alleine beginnt wirklich und wiederholt wirklich. Und für ihn sind die subjektiven Voraussetzungen ebenso Vorurteile wie die objektiven, sind Eudoxus und Episemon ein und derselben Betrüger, dem man zu mißtrauen hat.“ (1)

Fest hängt es im Rahmen, oder besser – es ist mit hartnäckiger, wetterfester Farbe auf beständigen Beton gemalt. Unverrückbar, zementiert. Mit Mühe und Zeit bringen meine trägen Gedanken es in Bewegung. Eine leichte Verschiebung ist zu verspüren, kaum bemerkbar. Es scheint nach wie vor an der gleichen Stelle zu kleben; Sisyphos. Doch der war in wiederholender Bewegung. Der Kampf darum, alte, festgefahrene Bilder aus dem Kopf zu bekommen ist härter, als ich dachte. Wie viele Jahre schon lese ich Deleuze? …seit dem Studium. Das Rhizom als Metapher für die neuen Medien habe ich verinnerlicht. Bewegliche Konnektivität mit volatilen Knoten. Nichts ist fest. Mit der Ideologiekritik der „Post-Strukturalisten“, die keine sind, habe ich Rhizom gemacht. Doch immer wieder verfalle ich in die alten, platonistischen Schemata; kriecht das gefrorene „ich denke also BIN ich“ in meinen Kopf. Feste Objekten und Bilder haben sich über Jahrzehnte festgefräst. Das „Werden“, die „Unbeständigkeit“ die ich meine durch die Nietzsche Lektüre und Meditation verinnerlicht zu haben, werden vernachlässigt, unterdrückt, vergessen. Sie sind so schwer fassbar, nicht fest zu halten. Ein Illusion, es zu wünschen. Tief sind die Spurrillen des „Identitäts-Dekens“ in meine Denkwege eingekerbt. Schwere Wagen der westlichen Denktradition haben ihre Rillen durch Erziehung, Schule, Ausbildung und Ideologie-Bombardement fest eingegraben.
Eine Deterritorialisierung, ein Ausbrechen zu neuen Denkhorizonten muss immer aufs Neue geübt, trainiert werden. Über den Rand kommen, ausbrechen, bösen Willen üben. Umwertung aller Werte, ohne sich zu verlieren, ist Programm. Ewiger Ikonoklasmus.

(1) Deleuze, G. (1992) Differenz und Wiederholung. Fink, München S. 171

Vergessen

Nahrhafte Energie für Insekten, Mikroben, Würmer und Pilze. Langsam wird verdaut, zersetzt, dann von der feuchten Herbsterde aufgesogen. All die erdigen Düfte der welkenden Verwesung deuten im warmfeuchten Spätsommer auf das Vergehen hin. Ewiges neuschaffen, anders Werden. Unendliches verwandeln, transformieren. Ein Übergang, ein Dazwischen. Der Apfel macht Rhizom mit Myriaden von Organismen, dem Humus, der Luft, mir. Vernetztes Werden – und schon wieder Deterritorialisierung. Vielleicht überlebt ein Apfelkern. Dann wurzelt und entsprießt alsbald ein neuer Baum dem Boden. Genährt von den Zerfallsprodukten der Frucht.
Ich lese zu viel Deleuze. Frische Sätze und Gedanken drängen in meinen Kopf. Zugleich beschleicht mich das Gefühl, zu viel vergesse zu haben. Es fühlt sich an, als ob Wissen sich, wie das Apfel-Organismus-Erdeteil, langsam auflöst. Vergessen gehört zum ewigen Kreislauf des Werdens wie die Wiederholung, die ewige Wiederkehr – des Gleichen; nur in anderem, mutiertem Gewand (Nietzsche). Und noch ein Gedanke: In der Lektüre vergesse ich mich, verliere mich in Gedankengeflechten. Dann hier und dort eine Lücke. Ein Geistesblitz, der fordernd fragt: Was war das noch? Ist es mir entfallen (wie der verlorene Apfel)? Wie konnte mir das entgleiten? Hab ich doch schon zweimal gelesen! Beruhigt schreit ich zum Regal. Das exterritorialisierte Gedächtnis; schaue nach, blättere suche, finde – oder eben nicht. Ja, dort eine Notiz, ja, ich erinnere mich! Der exterritoriale Speicher verbindet sich mit dem Jetzt meines Ich. Lässt wie einen Sprössling im Frühjahr neues entstehen. Neue Verbindungen im Gleichen.
Doch manchmal will es nicht kommen, das Loch wabert im Netz der Assoziationen. Tief in mir spüre ich so etwas wie Ärger darüber, dass es für immer verschwunden scheint. Manchmal kann ich mich nicht einmal mehr an ein „wo“ oder an ein „wann“ erinnern. Nur eine Leere, eine Lücke. Doch es hilft nichts, dem Loch hinterherzulaufen. Freuen wir uns über den frischen Freiraum, in die Neues hineinwachsen kann. Meinetwegen nur die ruhende Leere voller Zufriedenheit. Schön ist sie, die vergehende Frucht…

Ruhende Kontinuität

Ich lese bei Bregman, in seinem schönen, wohltuenden, positiven Buch über das „Gute“, folgendes Zitat. Es stammt aus einem Interview mit dem Gründer einer großen Firma, die in den Niederlanden die Pflege auf den Kopf zu stellen scheint: «Die Welt profitiert oft mehr von Kontinuität als von kontinuierlichen Veränderungen», sagt er. «Wir haben jetzt Veränderungsmanager, Change Agents und lauter solche Leute. Aber wenn ich mir die Pflege in den Bezirken ansehe, hat sich der Beruf in 30 Jahren kaum verändert. Man versucht, eine Beziehung zu jemandem in einer schwierigen Situation aufzubauen, das bleibt immer gleich. Natürlich kann man neue Erkenntnisse und Techniken anwenden, aber die Basis ist unverändert.» (1)
Diese Erkenntnis gilt nicht nur für die Pflege. Überall haben die stählernen und eiskalten Verwalter von Strukturen das Heft in die Hand genommen. Inhalte, Techniken und Nachdenken sind genauso wenig gefragt wie Langeweile, Ruhe oder Gelassenheit. In diesen liegt eine „Nicht“- Kontinuität – im Werden des Stillstands. Bedenken und handelndes Tun, wozu „nur da sein“ oder „füreinander da sein“ gehören sind zutiefst menschliche Eigenschaften. Mal wieder „Wu Wei“.
Dröhnend wie die Hämmer eines Hochofens brechen verordnete Reformen, über uns herein. Aktionismus, der in seiner Hitze mehr vernichtet als er schafft. Daher die Vorliebe der Change-Manger für Begriffe wie „Kompetenzfelder“ oder „Management“, denn diese sind so hohl wie die mechanischen Gehirne der Bürokratiemaschinen. Niemand scheint dies zu bemerken wollen.
Durch diesen Aktionismus einer hämmernden Maschine kommt es zu permanenten Kollateralschäden, wie die, dass „Erkenntnisse und Techniken“, also Inhalte nicht einmal mehr gesehen werden. Das Bestehende, dass sich im Werden aus sich selber ändert, denn nichts bleibt ewig gleich, wird unter Euphemismen zertrümmert und zerrüttet. Wie an meiner Hochschule. Laut wird dort zum Beispiel das Wort „Interdisziplinarität“ hohl in den Raum gebrüllt. Gleichzeitig werden langsam und kontinuierlich gewachsene interdisziplinäre Strukturen in ihre isolierten Kästchen zurücksortiert. Noch schlimmer, es werden Beziehungen zerstört und in ihrer Entwicklung behindert. Techniker und Designer, die sich über Jahre zusammenfanden, um inhaltsgesteuert zu arbeiten, werden in ihre althergebrachten Schubladen zurückgedrängt, oder drängen sich gar selber. Ich fürchte, sie werden in den Essen der Leitungen eingeäschert und zerschmolzen, bis ein langweiliger, disziplinärer Einheitsbrei übrig bleibt.
Denn Strukturen, in ihrer starren Raserei eisiger Bergstürze, sind Grenzen, die sie selber nicht wahrnehmen. Festzurren und Einkästeln im Namen der Beweglichkeit, der Kontinuität, die schon lange gestorben ist. Ohne zu bemerken, dass das Leben – lebt, wird, Beziehung ist. Das Leben überschreitet permanent Grenzen, sucht neue Horizonte. Wie der schweifende Blick in der ruhenden Leere. Der Blick, den keine menschengemachte Regel, keine Excel- Tabelle, kein Kompetenzfeld zu verbauen vermag; kein Management erlaubt.
Nur der sich im Horizont verlierende warmen Blick, manchmal durch etwas Glut der Wut angeheizt, vermag es die Eiseskälte der bürokratischen Systeme zu zerschmelzen; vermag es den kalten Stahl aus deren Herzen zu drängen, zu verflüssigen.

(1) Bregman, Rutger. Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit (S.304). Rowohlt E-Book. Kindle-Version.

Angstokraten

Ostern, und ja, mein letztes Semester stehen vor der Tür. Der März als April macht, was er will. Mal Sonnenschein und Wärme, mal trübe Wolken und Nieselregen. Ebenso sieht es in meinem Kopf aus. Vorfreude auf den Sommer, nette Diskurse mit den Studierenden; spazieren mit dem Blick auf knospende Blüten und Bäume, in der Sonne tanzen… Doch wie kalter, peitschender Regen schießen wirre Nachrichten durch die toten, digitalen Nachrichtenkanäle der Uni. Studierende sollen keine Chipkarten mehr bekommen. Somit können sie die Labore und Arbeitsräume nur mit „Gastkarten“ selbständig betreten. Ich fürchte dafür müssen viele Formular ausgefüllt und Unterschriften eingefordert wurden. Der Kopf schweift nicht mehr, die Gedanken erstarren. Sie werden weit hinter den kommenden Sommer katapultiert. Weg vom Moment der Vorfreude, weg aus dem Präsens, dem Jetzt. Hinein in den eiskalten Winter der Verwaltung.
Wieder einmal hat die bürokratisch verseuchte Hochschulleitung bewiesen, dass sie keine Ahnung vom Studium hat. Diesen wichtigen Begriff und entsprechendes Handel nicht versteht oder gar verstehen will. Es bestätig sich das Gefühl, dass sie nur aus ihrer mechanischen Perspektive voller Bedenkenträgerei auf die Welt blicken, ohne jegliche Praxis in der Lehre gehabt zu haben; ohne Feuer und Begeisterung fürs Lernen und Lehren. Sie starren blind auf ihr System aus Paragraphen und Ängsten. Gefesselt durch Stapel von Papieren, Tabellen, Geboten, Anweisungen und monetarischen „Zwängen“. Eine Ansammlung symbolischer Ansprüche, Anrufungen, die aus diesem selbstreferentiellen System erwachsen sind; groß „A“ würde Lacan sie benennen. Weg von der Realität meinen diese Personen, getrieben von ihrer angstbesessenen Seele, die „ideale“ Lösung gefunden zu haben, die ihnen ihr verzerrtes Selbstbild („Ideal-Ich“) als Herz der Hochschule vorgaukelt. Was eine kalte, tote Fratze.
Der Unterschied ist – ein Körper, der leben soll, benötigt ein bewegliches und schlagendes Herz, bewegt durch den Atem. Studium braucht Herzblut. Wille zum Wissen und Wille zum Lernen. Freiraum, um wachsen zu können. Offenheit, offene Türen. Die versteinerten Herzen, festgenagelt in ihrem falschen Selbstbild meinen irgend einen Wert zu verkörpern, wichtig zu sein. Doch permanent rühren sie den Beton, der in jede Lücke quillt, alle Türen, ja jede Spalte verschließt. Freie Bewegung wird verunmöglicht. Geblendet von der Illusion ihrer Notwendigkeit verfestigt sich ihr Zement einer illusionären Freiheit zwischen den Sätzen und Verordnungen, deren Gift sie in die Welt kotzen.
Klar, jedes angstbesetzte Wesen sehnt sich nach Halt. Einem Leit- oder Selbstbild, einen leeren Begriff an das es sich klammern kann. Es versucht sein Dasein, sein So-Sein und Handeln zu legitimieren. Diese Schreibtischtäter agieren aus verdrängter Angst. Ich vermute, sie fürchten, zu bemerken überflüssig zu sein. Entsprechend entscheiden sie weiter auf Kosten derjenigen, für die sie da sein sollten. Ist es an einer Hochschule nicht ihre Aufgabe, zum Beispiel freies Lernen zu ermöglichen? Offene (Denk-)Räume zu schaffen?
Wie schon Kafka es im „Prozess“ so schönbitter beschrieb – machen sie sich un(an)greifbar. Unfassbar aber grausam spürbar sind sie nur für sich da. Sie klagen ihre „Untertanen“ an, ohne, dass je klar wird, weswegen Anklage erhoben wurde. Warum wird den Studierenden durch diese Anklage der freie Zugang zu Räumen, die für die Studies, die Lehre da sind, unterbunden. Ich denke, die Antwort klingt wie folgt: „Wir vertrauen Euch nicht, Ihr dürft Euch nicht frei bewegen, weil wir Angst haben“. Anders gesprochen – sie handeln gegen ihren eigentlichen Auftrag, ohne es zu bemerken. Sie kämen nie auf die Idee, die Frage zu stellen, warum ihre Entscheidungen dazu führen, das Studium nicht mehr Studium sein darf. Warum die Freiheit Jahr für Jahr, Semester für Semester zunehmend aus der Lehre hinausgedrängt wird. Sie müssen den Inhalt „Studium“ verdrängen, ignorieren, gar bekämpfen. Bis nur noch Verwaltung, Verwaltete, genormte Lehrende und Studierende übrig bleiben. Dann fühlen sie sich sicher.
Vielen dieser Entscheider würde ich raten ihren Job zu kündigen und eine Therapie zu beginnen. Sie würden damit all die mitdenkenden, kreativen Kolleginnen und Kollegen sowie die Studierenden befreien. Die tollen Menschen in der studiumsnahen Verwaltung, die sich kollegial mit den Lehrenden für das Studium einsetzen. Die Lehrenden, die für die Studierenden da sind. Ach was, eine Therapie nutzt nichts mehr. Das ganze Netz aus Verwaltungs-Psychopathen muss auf den Prüfstand. Stellt Euch der Halluzination, in der Ihr meint der Nabel der Lehre zu sein! Erkennt, dass durch Papierberge, inhaltsleere Workshops und Beratungsschwachsinn keine Lehre praktiziert wird. Ihr habt keine Ahnung. Doch dazu seid Ihr zu feige. Ihr seid die Hasen, das Studium ist die Schlange, auf die ihr starrt. Eure Köpfe sind eckig. Euer Denken ist eingepfercht, unbeweglich, erstarrt.
Ich freue mich dennoch auf den Sommer, und speziell den Moment, wo ich viele von diesen angstbesessenen Wichtigtuern hinter mir lassen kann. Zum Glück erinnern sich immer wieder Menschen an Picabias tollen Ausspruch, dass der Kopf rund ist, damit das Denken seine Richtung ändern kann – und handeln danach. Betreten frei neue Räume…studieren.

Kompetenzfeld „Worthülsen“

Das neue Jahr ist da, es hat geschneit. Ein wunderbarer Anblick. Erholung für das Auge. Glitzernde Kristalle verdecken den grauen Alltag. Erholung vom ewig gleichen Geschwätz auf dem Bildschirm. Zeile um Zeile Langeweile, unproduktive Leere…
„Reformprozess“ lese ich. „Kompetenzstukturmodell“ lese ich. „Learning Outcome“ lese ich. „Kompetenzfelder“ lese ich. Dann sind da, im verteilten Verzeichnis, die beiden Ordner für die Ergebnisse des Reformprozesses. So leer wie die bürokratischen Floskeln, die mich triggern: „Prozess“, „Reform“ , „Kompetenz“. Sie formulieren die institutionelle Luftnummer, die (nicht nur) an den Hochschulen wie ein wuchernder, schleimiger Giftpilz um sich greifen. Er zersetzt seit Jahren jegliches humanistisches Bildungsideal. Übrig bleibt die effiziente Wichtigtuerei von ausgehöhlten Institutionen und deren „Spezialisten“ für hohle Begriffe, Euphemismen, Präsentationen und Geplapper bei Bürokeksen und Kaffee. Spezialisten ohne explizite Praxis in Lehre und Studium, was heutzutage in den Verwaltungen (wie in der Politik) die Regel zu sein scheint.
Die Folge sind leergelaufene Köpfe in den Seminarräumen. Schon in jungen Jahren funktionieren sie, beginnend mit dem Kindergarten, in dem sie verwahrt werden. Im Takt der Ausbildungsindustrie tickt die Schuluhr. Kein Wunder, dass sie nicht selten scheitern, psychisch erkranken, orientierungslos umherirren… Die Verwalter der Misere retten sich in kalte Tabellen, (Pisa) Studien und Zahlen sowie die… leeren Begriffe.
Was bedeutet „Kompetenz“? Manchmal sind die banalsten Fragen die wichtigsten. Der Duden sagt, es handelt sich um „Fertigeiten“ und den daraus sich ergebenden „Zuständigkeiten“. Werden diese „studiert“? Wie studiert man? Sprechen wir hier von Können, Wissen, Vermögen, Erkenntnis- und Handlungsbefähigung? Wie wird das gemessen? Wann und wo wird gemessen? Ein Kriterium scheint über allem zu schweben. Das der Effizienz. Doch was wiederum bedeutet Effizienz? Heute lesen wir es als „Output“, als „Produkt“, das möglichst günstig die Produktionsanlage verlässt. Geradlinig, genormt, ohne Umwege und ohne Verschwendung von Ressourcen. Es geht um Ausbeute im Rahmen einer Kosten-Nutzen-Relation. Das war nicht immer so.
Seit den alten Griechen ist der Begriff der Effizienz mit qualitativen Fähigkeiten verbunden. Er wurde somit anders, wesentlich klarer und umfänglicher gedacht als heute in den quantifizierenden Amtsstuben. Bei Aristoteles lesen wir von der causa efficiens, altgriechisch der κίνησις „kinesis“ (1). Zu Deutsch: Der Ursache, die bewirkt, dass etwas in die Welt, in Bewegung kommt. Die Ursache, die bewirkt das etwas gewirkt wird. Gemeint sind zum Beispiel die schöpfenden HandwerkerInnen, IngenieurInnen oder MusikerInnen, die einen Tisch, eine Brücke oder ein Musikstück hervorbringen. Doch was sind Handwerkende, Ingenieurende, Musizierende, die nach der heutigen Lesart „effizient“ rein quantifizierend und funktional vorgehen. Nichts. Sie sind leer. Ersetzbar. Zum Beispiel durch Algorithmen. KI oder was auch immer. Aristoteles hingegen dachte die causa efficiens ganzheitlich, in einem Zusammenspiel mit drei weiteren Ursachen: Der causa finalis (das was es werden soll wie ein Tisch oder Musikstück) der causa materialis (aus was es beschaffen sein soll, aus Tönen oder Beton) und der causa formalis (was ist das Wesen, das „wesentliche“ des zu Schaffenden ist). Ziel ist es zum Beispiel, dass Musik wohl klingen soll, die Brücken Menschen sicher über einen Fluss führen müssen.
In diesem Prozess des bewegenden Schaffens ist die causa efficiens das Bewirkende, der verbindende Knoten. Sie versammelt sich selber sowie die drei anderen Ursachen (Was kann ich? Will ich es versuchen? Was brauche ich an Wissen, Material…). Dieses Studium der Vermögen setzt jegliche Schöpfung in Bewegung. Dafür muss die personifizierte causa efficiens mit Leib und Körper spüren, was sie bewirken kann; wo ihre Limitationen liegen, welche Fähigkeiten benötigt werden. Dies bedeutet noch lange nicht, dass es gelingt, das Vorgestellte so in die Welt zu bringen, wie gewünscht und vorgestellt. Planende würden sagen, die causa efficiens benötigt „Kompetenz“, in Sinne einer Eignung. Doch wo kommt diese Befähigung her? Wer definiert sie? Wohl keine Exceltabellen und wirr herbeigeredete Kompetenzfelder. Keine Titel oder Noten. Eignung können die potenziell Schaffenden nur aus sich selber heraus an“eignen“, zu „Eigen“ machen. Vermittelt durch Zuhören, Betrachten, Beobachten. Studieren als Gleichklang von Neugierde, Übung, Geduld, Konzentration; durch Versuch und Irrtum. Gepaart mit einer substanziellen Dosis kritischer Selbsteinschätzung. Wenn dann gehandelt, etwas bewegt wird, gewinnt das handelnde Wesen Selbstwirksamkeitserfahrung, Sicherheit und somit ein Wissen um sein Können und seine Einschränkungen. Essentiell ist, dass im Studium der Welt auf die Dinge und Menschen gehört wird, die ein Werk kritisch spiegeln.
Kern ist demnach das Begreifen, was nichts anderes heißt als körperlich ausprobieren, machen, tun, aktiv sein. Selbst im metaphorischen Sinne am Computer (im Computer gibt es strenggenommen nichts mit den Händen „begreifbares“, nur immer gleiche Oberflächen und Symbole). Tun, aktiv sein bedeutet in einer Sache aufgehen, sie durchdringen. Ihr mit Lust zu begegnen, mit Neugierde, Konzentration und Willenskraft. Zum Lernen, zum Studium (lat. „nach etwas streben, sich bemühen“) gehört Übung und Scheitern. Wenn diese Dinge gegeben sind, besteht die Chance, dass jemand etwas schafft, schöpft, gestaltet; etwas her-, in die Welt stellen kann.
Begeben sie sich auf den Weg der Schaffenden werden die Machenden aus sich heraus merken, ob sie geeignet sind; die Fähigkeit besitzen Dinge zu schöpfen. Alleine ist es schwer, etwas zu bewerkstelligen. Dies gelingt zumeist nur äußerst Begabten Tüftlern und Denkern, die oft als Genies bezeichnet werden. Menschen als soziale Tiere lernen und schaffen am besten gemeinsam, in Gruppen. Hier können sie ihre Fähigkeiten einbringen, sich austauschen, korrigieren und suchen – voneinander lernen. Dafür hingegen bedarf es freier Räume, voller Herausforderungen und Fragen, Aufgaben und Vorstellungen, die geteilt werden. Lehrer, Coaches und Meister vermögen es, wenn sie offen sind, als mentale „causa efficiens“ die Lernenden und Suchenden zu unterstützen, sie auf den Weg zu bringen und helfen Fehler zu vermeiden, die schon gemacht wurden. Dazu gehört es, diese zu wiederholen – oder zu begehen, um aus ihnen zu lernen.
Jedes Individuum sollte aus sich heraus eine Beziehung zur Welt und sich selber erschließen. Bekanntlich begreifen wir alle auf unterschiedliche Art und Weise. Hier helfen neben den richtigen Zielen, Materialien und Werkzeugen die richtigen Fragen: Bin ich eher künstlerisch oder technisch orientiert? Bringt mir dies oder das Spaß, so dass ich hierfür Konzentration und Willenskraft aufwenden kann und will? Kann ich das? Fällt es mir leicht oder schwer? Was brauche ich? … Alles Dinge, die nicht „objektivierbar“ sind; nur grob Feldern zugeordnet werden können, wenn diese Helfen die Komplexität unserer Umwelt zu reduzieren. Das, was im Allgemeinen Kompetenz genannt wird, entwickelt sich, wenn die richtigen Spielplätze eingerichtet, die richtigen Beziehungen zwischen den Menschen angeboten werden – alleine, aus sich selber heraus. Dafür brauch es keine Reformen oder leeren Begriffe wie Kompetenzfelder. Dafür braucht es eben: Freiräume und Spielfelder. Aus solchen heraus hat jedes Kind die ersten Schritte getan. Ist ausgezogen die Welt zu begreifen, seine Wirksamkeit zu spüren. Unter der sanft leitenden Hand von Geschwistern, Eltern, Freunden, später Mentoren. Das Meiste, was heute in Prozessen und Kompetenzfeldern vorformuliert wird, spricht von der Verwertbarkeit und entmenschlichten, quantitativ zerlegte Maschinenhaftigkeit des Lernens. Von nichts Anderem.
Niemand muss akzeptieren, dass die Spielwiese von „Planerinnen“ und „Coaches“, der Institutionen weitab der Praxis stattfindet, in Prozessdokumenten bei Kaffegeschwätz voller Worthülsen und unreflektierten Präsentationen. Kein Wunder, dass die Bürokraten Begriffe, die Dinge um die es im Kern geht, oft schlicht vergessen oder ignorieren. Sie vermögen es zum Beispiel an den Hochschulen nicht mehr Worte wie „Studium“ oder „lernen“ zu denken, da sie nie in einem Seminarraum sitzen oder eine Gruppe junger Menschen geholfen haben Schaffende zu werden. An ihren Monitoren eiern ihre Mäuse wichtig durch Tabellen, Evaluationsbögen etc. die so leer sind wie die Begriffe die sie in die Welt husten, uns aufzwingen wollen. Ignorieren wir sie, sie sind nutzlos. Es ist an uns das, was wichtig ist zu leben, vor ihnen zu retten. Dies vermögen nur die, die in der Praxis handeln. Das ist „efficiens“. Nur im Handlungsraum von Menschen in praktischen Beziehungen (zur Welt) kann „Kompetenz“ sichtbar werden. Nicht in Papierstapeln.

(1) Aristoteles, Physik, II Buch, III Kapitel Hier zusammengefasst

Versagen? (Polemik gegen Reformen)

Warum ist es so schwer den simplen Satz aussprechen: „Das läuft so ganz gut…, wir lassen es so.“ Was bedeutet diese Aussage in unserer gehetzten Welt. Einer Welt, die von Plänen, Reformen und Zielen verseucht ist? Mir fällt sofort ein: „Wenn etwas funktioniert, Bestand zu haben scheint, ist es im Gleichgewicht“. Dann läuft es rund; nicht aus dem Ruder. Wie ein Rad, das zentriert ist, in der Mitte. Mag sein, dass es ein wenig eiert. Aber was solls! Es geht im wahrsten Sinne voran. Wird. Im banalen, in kleinen gewöhnlichen Schritten liegt die Kraft des Werdens.
Wenn ich mir mein Arbeitsumfeld, die Hochschule (und auch die Politik) anschaue, scheint gar nichts rund zu laufen. Es wackelt und zuckelt, kratzt, sitzt fest. Warum sonst bedarf es all dieser Reformen? Was soll dieses fordernde Geschrei nach „Innovation“? Ein Ruf der Verlorenen, so scheint es mir. Alles was ist, ist schlecht, wird an jeder Ecke geunkt. Ist unsere Lehre wirklich reformbedürftig? Nur weil die Leitungen über die Jahre den Haushalt verrockert hat, sich Schulden Türmen? Geld für bürokratische Zeitdiebe rausgeschmissen wird, bis keins mehr für die Lehre da ist? Sie nicht führen, sondern mit eingezogenem Schwanz in vorauseilendem Gehorsam den Schreibtischtätern von OECD und EU den Mors lecken?
Können bitte, trotz einer wahrgenommenen Krise, die Strukturen, die funktionieren, die laufen, nicht so lassen werden, wie sie sind? Ändert alles, wie auch das Studium, sich nicht von selbst; von innen heraus? Ewige Akkreditierung, ewiges Qualitätsmanagement, Reformen, Geschwätz all derer, die hinter ihren Aktenbergen hocken, in Gremien ihre Legitimität erlabern; Zettel und Tabellen Produzieren, die uns von der Lehrtätigkeit abhalten. Keiner von denen lehrt, hat jeh gelehrt. Gefühlt brennt in deren Herzen nichts für die Studies, das Studium. All diese Komweids und Präsidien quäken wie frustrierte Froschbändiger nach Reformen des Karrens, den Sie in den Dreck gefahren haben. Fantasielos brüten sie über hohlen Konzepten, die nichts verbessern. Unser Karren, die Lehre, rollt trotz der in den Weg gelegten Steine weiter. Läuft. Rumpelt über die Schlaglöcher, die sich durch das Versagen von Bürokratie und Verwaltung auftun. Der Wagen schlingert und knirscht halt ein wenig. Aber was solls?
Wie mein Herzenstudiengang: Läuft. Mal runder, mal wenig rund; zentriert. Mal gibt es mehr Preise, mehr Ausgründungen, mal weniger. Wie das Rad auf dem Weg der Mitte, das immer etwas eiert; zumeist unmerklich. Selbst wenn der Studienplan die Struktur starr erscheint; jedes Jahr kommen neue Menschen, lernen, finden und entwickeln Dinge. Bringen sich selber voran, so wie ich mich entwickle, jeden Tag ein Anderer bin (Rimbaud (1)). Der ganze Studiengang ist jeden Tag anders – durch diese feine, schmierende Bewegung von unten. Mal ein wenig besser, mal ein wenig schlechter. Werden. Kraft von Ĭnnen.
Bald gehe ich, der Games Master läuft weiter. Ein wenig anders als zuvor. Neue Menschen verändern. Mit oder ohne Reformen. Wozu dann immer wieder Herden von Bürokraten beschäftigen? Korintenkacker nannte sie mein Vater. Er hatte recht. Sie stehlen uns, die wir versuchen den Studierenden eine angenehme, spannende und auch anstrengende Lehrumgebung zu schaffen, die Zeit. Sie zwingen uns, unsere Ideen, den laufenden Status quo zu verteidigen. Sie zwingen uns, in gähnend langweiligen Sitzungen gegen die Tabellen, leere Powerpointeuphemismen und Vorgaben zu kämpfen? Mein Magen grummelt, ich denke „verpisst Euch“ – ja, ich bin froh, mich bald verpissen zu dürfen. In der Mitte bleibt der Studiengang mit seinen Studierenden. Ich werde sie vermissen. Zurück bleiben die Kolleg*Innen, die hilflos dem Gezerre der Bürokratie und deren Reformwahn ausgeliefert sind.

(1) „Ich ist ein anderer. Umso schlimmer für das Holz, wenn es sich als Geige wiederfindet, und Hohn über die Ahnungslosen, die über das rechten, wovon sie nicht das Geringste verstehen.“ (Rimbaud A. (2002) Sämtliche Dichtungen. dtv, Seherbriefe 369)

Vernebelt

Dunkle Wolken schieben sich über- und durcheinander. Ab und zu ein kurzes, zögerliches Leuchten der Sonne; wenn ihre abgeschwächten Strahlen eine dunstige Lücke finden. Stetig, dem Herbst folgend, nähert sich der Moloch. Im taumelnden Sturz der ersten Blätter, kalt und feucht, fliegen trübe Messages in mein Postfach. Wie die eines in meinen Augen armen Menschen, der sich nicht auszudrücken vermag. Herbststimmung ist Grübelstimmung. Ich lese von Skilltrees für curricularen Erfolg. Ich verstehe das Anliegen nicht wirklich. Ist es ein Studierender? Was will er? Was soll das?
Immer wieder gedachte Gedanken werden getriggert.: Was hat ein Skilltree mit Curriculumsentwicklung zu tun? Wollen sich Studierende selbst gamifizieren? Meine Finger flitzen über die Tastatur. Ich frage nach. Antwort kommt. Es ist kein Studierender, wie zuerst gedacht. Er outet sich als Mitarbeiter einer nicht allzu kleinen Abteilung der Hochschule. Ich scanne die Seite. Ok, nicht ganz so sinnbefreit, wie ich befürchtete. Die Abteilung soll helfen Mittel zum Unterrichten, Lernen, Prüfen bereitzustellen. Moderne Mittel der digitalen Kommunikation. Schön und gut, denke ich, während meine Augen weiterlesen. Doch dann bekommt mein Gehirn Schluckauf. Euphemismen bunte Bilder und leere Worte bombardieren die Sinne: Es geht „strategisch-strukturell“ zu, alles wird „transformiert“, ist „innovativ und zukunftsfähig“. „Dialog und Vernetzung“ durch „wirkungsreflektierende Formate“ werden wohlfeil angepriesen… ich kann nicht weiterlesen. Mein Geist vernebelt sich, wie das Wetter draußen, kollabiert. Was ein Geschwafel! Haben die verstanden, was die da schreiben? Haben die jemals selber unterrichtet? Sind ihre Hirne von den dunklen Wolken neoliberaler Worthülsen verdunkelt wie der Himmel durch dunkel ziehende, regenschwangere Herbstwolken? Einatmen, ausatmen.
Wie oft habe ich in den letzten 25 Jahren über Studium und Lehre sinniert, gegrübelt, geschrieben. Will längst durchdachtes, zerkautes erneut befragt werden? Das „Lernsystem Hochschule“ scheint mich ewig erinnern, nerven zu wollen. Was zum Teufel ist Lernen!? Was bedeutet Lernen heute!? Was heißt es, zu studieren? Was haben diese Euphemismen damit zu schaffen? Was sollen sie verbergen? An sich ist meine erste Antwort nach dem, was Lernen ist, so simpel wie ein blauer Himmel: Ich sehe den mediterranen Sommer, den ich hinter mir ließ. Ich sehe Sokrates, der mit Phaidros an der Stadtmauer Athens unter Platanen wandelt. Mit dem jungen Mann grundlegende Fragen zum Eros und der Schrift erörtert. Im Dialog. Neugierig, offen fragend; manchmal ist Anstrengung zu spüren. Die Worte wandern frei durch sonnige Luft, bewegen den Geist, schweifen und verdichten sich. Wort gibt Wort Raum. Dialog. Studium. Kein Curriculum nur Neugierde und Themen. Keine Angst vor Exmatrikulation oder Prüfungsversagen. Kein Digitalisierungsdruck, kein internalisiertes Raster ökonomischer Verwertbarkeit. Die Alten gaben sich Zeit und gebaren Jahrtausende durchwaltendes Wissen. Den Zeilen folgend füllt wärmende Sonne meinen wissbegierigen Bauch, verdrängen die herbstlichen Wolken.
Ich scanne die Webseite der Organisatin, suche das Wort „Studium“ – vergeblich. Wie auch? Darum geht es nicht. Es geht darum das „Lernen“ durch „Prüfungsordnungen, Prozessen und Strukturen“ zu fesseln, zu knebeln, abzuwürgen. Industriegetriebene Lernmaschine für Studierende. Möglichst digital. „We don’t need no education“ sangen Pink Floyd schon 1979, just als sich die neoliberale Ordung durch Thatcher anbahnte.
Platon und viele Weise lehren: Lernen ist reden, Austausch und vor allem – machen, ausprobieren, tun, handeln. All diese Wortblasenbildungen, die mir auf der Site entgegenschlagen, erinnern mich daran, was ich seit längerem spüre: „Studium“ ist nicht mehr gewollt. Ich lese von „selbsverantwortlichem“ Lernen – und immer wieder Partizipation. Ich lache innerlich. Ja, die Studierenden sollen partizipieren dürfen; gnädigerweise im gesetzen System, dem Raster folgend, mitmachen, teilhaben. Hier und da ein Krümel Freiheit. Alte Talare wurden durch neue ersetzt. Systemische, technologische. Ab in den Fleischwolf der Lernmaschine! Heute digital, mit einem tollen Lernvideotool. Aber studieren? Aus sich heraus aktiv werden? Finden und erfinden? Sich reflektieren? Nein, all dies ist nicht mehr gemeint, von vielen Lernenden vergessen oder nie gelernt.
Dazu habe ich schon einiges gedacht und geschrieben…mit Hilfe von Nietzsche, Pfaller… Dennoch – es würgt immer wieder in mir, wenn ich durch solche Ereignisse und Texte erinnert werde. Wenn ich sehe wie viele Lernenden, Lehrende und speziell die Verwaltung das neoliberale Denken verinnerlicht haben. Funktionieren. Das Raster erstickt! Durch genormten Curricula, Prüfungen nach CP, unter dem kalkulierten Deckel von CNW-Werten, dem Druck zur Finanzierung der Institution nach „Aufnahme-“ und „Abschlussquoten“… Aus den Universitäten ist das Studium verschwunden. Hochschule ist zu einem System verkommen, das von Bürokraten geregelt wird, die nie ein Seminar geleitet, unterrichtet haben. Die nie in den Genuss gekommen sind als lernende Lehrende in gespannte, neugierige Augen zu blicken. Ihre Welt, die OECD und EU genormte Datenbanktabelle, würgt jede freie, spielerische Entfaltung ab. Sie beschäftigen nicht nur sich (retten ihren Job). Nein, sie belagern die Lehrenden und Lernenden mit nie erfragten Operationen und Zwängen. Ohne Liebe zur Lehre, der Praxis. Wie Unternehmensberater. Ich denke: „Freiheit von Forschung und Lehre, wer hat Euch so hingerichtet“.
Meine Geliebte ist hässlich geworden. War sie es schon immer? Habe ich es nur nie bemerkt? Ihr bürokratisches Unbewusstes grunzt hohl, aus toten Fenstern quadratischer Bürogebäude in den herbstlichen Dunst herab. Schielt aus den Zellen der Tabellenkalkulationen und Strategiemeetings, Whiteboards und Sitzungen darauf, wo sie mich normen, kanalisieren, einengen kann. Kalt erfasst ihr eisiger Hauch eine absterbende Welt, lässt die zarten Triebe der Neugierde verwelken. Herbst oder schon Winter?
Zeit, die sich ausbreitende Ödnis zu verlassen! Zeit zu gehen! Zeit nehmen, die Welt umarmen, sie zu erforschen, erspielen, erlernen. Immer wieder. Fluchtlinien ergreifen, wandeln zu neuen Orten, anderen Orten. Vielleicht unter Platanen, wie einst Sokrates und Phaidros.
Ich fühle Mitleid für die, die bleiben müssen, keinen alternativen Weg finden und fanden. Sapere aude, um mit Kant zu sprechen.

Erkennen? – (Nicht)-Handeln!

Mit Wu Wei (無為) entstand dieser Blog aus dem Nichts. In einer die Seele entleerenden Mittelmeeridylle. Nichts bedeutet, wie man sieht, nicht „nichts“ – etwas, der Blog kam in die Welt. Genauso heißt Wu Wei nicht „nichts tun“ („nicht handeln“). Es geht darum zu erleben, dass, wenn wir handeln, nicht „nicht-handeln“. Es geht um ein „Handeln“, dass den meisten der dominierenden westlichen „Erkenntnis-“ und „Wissensgetriebenen“ Denkungsarten leider allzu fremd ist. Aus dem schönen Buch über die „Grundlagen der chinesischen Philosophie“ strömte entspannt, beim gurgeln der Wellen, umfangen von der warmen Mittelmeersonne, folgende Geschichte in meinen Geist: „Ein Bauer fällt alle Bäume, die ihm nach Wuchs und Gestalt für die verschiedensten Zwecke nützlich sind. Aber ein uralter Baum ist immer stehengeblieben. Er war zu „Nichts“ nutze, und das hat ihn gerettet (…). Aber hat der Bauer nicht dadurch, daß er ihn nicht fällte, seinen Nachkommen und allen Gästen, die sich in seinem Schatten labten, die Umwelt verbessert und so sehr weise gegandelt?“ (1).
Die westliche Ergebnis- und Erkenntnisgetriebenheit mit ihren Effizienztechniken und Rastern ist bestrebt alles zu fällen (zu nutzen), was in einem numerisch definierten Feld zu verwerten ist. Perfide ist, es wird versucht alles zu erfassen! Dabei fallen die Dinge, die auf den ersten Blick nicht gebraucht werden, gnadenlos der industriellen Axt zum Opfer. Die weiten Wasser der Meere werden ebenso verschmutzt, wie die geschändete Erde in Abraumhalden dahinsiecht oder die Luft von den Abgasen der Motoren und Industrien verpestet wird. Im Handlungswahn, getrieben vom Wissen um die Nützlichkeit. Die Natur wird durch die wucht der Technik zum Verschwinden gebracht, wie Heidegger es so schön traurig beschreibt. Der Rhein wird nicht mehr als Fluss gesehen, der nur für sich dahinfließt, der für sich da ist. Der, wenn wir ihm begegnen, so genossen werden kann, wie er ist.
Heutzutage ist die Natur nichts als Funktion, ihre Unendlichkeit wird in Tabellen, Papern und Listen eingefangen und verwertet. Sie wird nach Heidegger „bestellt“ um zum Beispiel Energie zu gewinnen, der Schiffahrt – oder unausgesprochen – als Müllkippe zu dienen (2). So werden die sich einst romantisch ihren Weg durch Täler windenden Ströme mit ihren Auen zu verseuchten, leblosen, eingezwängten Kanälen. Dies Denken ist ebenso betoniert, wie die ewige Ideologie des Wachtums, für das immer neue Strategien erforscht und die Gehirne der Kinder mit bunten Bildern gewaschen werden. Die Lernmaschinen der Universitäten und Institute in Verbund mit der Ökonomie erdenken in ihren Papern, Tabellenkalkulationen und Strategien immer neue Wege den Prozess zu beschleunigen. Dieses berechnende Denken lässt kein Raum, keine Weite und Leere um auf „Sein“ zu achten. Es sein zu lassen. Zu studieren. Alles fokussiert sich Teleologisch, auf ein verwertbares Ziel hinaus. Die Menschen werden wie die Natur verformt und verbildet um in der Maschine ihren Platz zu finden. Wo ist da Erkenntnis? Oder besser was ist das bitte für eine Form der „Erkenntnis“, die nichts mehr kennt, die wunderbare Natur vergessen hat?
Die letzen Bäume im absterbenden Garten dieser Welt sind für mich die frischen Gedanken und Aktionen einer Jugend, die ihre eigenen Gedanken hegt und pflegt. In ihren Nicht-Handlungen stören sie den Fluss der Maschinen, speziell den Verkehr.
Ich werde jetzt besser langsam und bedenklich den Boden erspüren, der uns trägt um über das „nicht-handeln“ zu meditiern. Meine Praxis muss die Nicht-Praxis sein.

(1) Geldsetzer, L, Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart; S. 84

(2) vgl. Heidegger, M. (1953) Die Frage nach der Technik)

Lernen verlernt

Die Ruhe der langen Weile lässt Raum zum Sinnieren, Lesen und nicht Handeln. Frei denken, wie die wilden Strömungen der Luft, ist anders Tun. In ihm findet sich kein zielgerichtetes, teleologisches, effizientes Schaffen. Es bewegt sich jenseits der Betriebsamkeit einer seinsverlorenen Lohnarbeit; wozu ich meine Lehrtätigkeit zähle. Lang Weile ist bewegende Nicht-Bewegung für den Kopf. Am besten, nachdem der Körper ihn im wahrsten Sinne des Wortes freigeschwommen und leer geatmet hat. Ich meditiere über das wundervolle Buch „Grundlagen der chinesischen Philosophie“, dass mir ein Meiser nahelegte. Welch eine Wonne, welch ein schönes Denken gegen das produktorientierte Ziel- und Gedankengehetze des Alltags. Das vermeintliche Wissen und Expertentum der Arbeitswelt.
Tausendjährige Worte zweier Kuluren treffen aufeinander, heute genauso aktuell wie damals. Kein Staub hat sich an die Zeichen gelegt, die mir glänzend unter der Mittelmeersonne aus den Seiten entgegenspringen: „Fast wie Sokrates die Sophisten rügt er [Zhuang Zi] die zeitgenössischen Experten und beschwört das Ideal: »In den alten Zeiten lernte man, um sich selbst zu vervollkommnen. Heute lernt man, um sich bei den Mitmenschen zu profilieren«. Das muß zuerst wiedergewonnen werden, dieses Wei Ji Zhi Xue (…) – das Lernen, um sich selbst zu vervollkommnen – es ist Xiu Ji (…) – Selbstbildung“ (S. 29)
So wie das Studium aus den Hochschulen verschwunden ist um dümmlichem Gepauke, genormt nach Exceltabellen zu weichen, erwürgt eben dies Expertentum die Lust am Wissen, die Selbstbildung. Eine Vorstellung und Ahnung dessen, was Weisheit sein könnte, wird kaum gedacht. Wie auch, wenn der Denkraum durch Effizienz, nunerische Ziele, lineares Ausgerichtetsein etc. in den dunklen Keller des Vergessens entsorgt wurde.
Für mich ist der Begriff Selbst-Studium genauso wenig vergessen und verstaubt wie die alten Texte. Eher leuchtet er wie der helle Schein des Seins am Horizont. Bei Kong Zi ist dieser Schein die Menschlichkeit „Ren“, im chinesischen immer in Verbindung mit der Sittlichkeit gedacht: „»Yan Yuan (…) fragte nach Ren {…) Der Meister sprach: ‚Sich selbst überwinden und sich nach den Sitten (Li (…)) richten, dadurch schafft man Ren (…). Einen Tag (schon) sich selbst überwinden und sich nach den Sitten richten, und schon würe die ganze Welt menschlich Ren (…). Ren zu bewirken, das hängt von einem selber ab. Sollen es (immer nur) die anderen Menschen bringen?“ (S. 32)
Die Sittlichkeit, Tugenden finden sich nie in den Horten der heutigen Betriebsamkeit, den Schulen, Universitäten und Institutionen; den heutigen Technologien, der heutigen Selbstvergessenheit. Hier herrschen Gesetze zur Profitmaximierung, der Effizienz. Tugenden sollten wir in uns selber finden, gewichten und verwirklichen. Alte und neue Meister sowie eine Gemeinschaft mit Haltung mögen uns auf diesem Pfad geleiten. Zudem die lange Weile, die heute kaum noch jemand erträgt. Was ein Verlust.

Geldsetzer L., Han-ding H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart

Euphemismus

Ich lese die verzweifelte Mail eines Mitarbeiters, der seit Monaten nicht weiß, ob er in wenigen Wochen weiter beschäftigt sein wird. Ein von seiner Aufgabe begeisterter Mensch, einer der warmen Motoren der Lehre, für die er sein Herzblut einsetzt. Er war maßgeblich am Aufbau des Labors beteiligt. Er hat geholfen, nicht unerhebliche Drittmittel einzuwerben und vieles mehr. Am wichtigsten ist jedoch seine engagierte Unterstützung der Studies und derer Projekte. Solche Menschen sind der Puls der Lehre.
Ein durch Euphemismen übertünchter Infarkt bringt das zum Bildungsfließband verkommene System Hochschule innovativ und zukunftsorientiert zum Stottern. Ohne jede Resilienz stirbt das „Studium“. „Lehre“ oder was davon nach Jahren schleichender, neoliberalen Vergiftung übrig geblieben ist funktioniert nur noch im Takt oberflächlichen Marketing-Geblubbers.
Ich gleite durch die Slides der glatten, langweiligen Powerpointpräsentation mit ihren nichtssagenden Stockfotos. Leere Texte springen wabernd in mein Auge. Ein Konglomerat von Worten, die dunkle Dinge aussprechen, ohne etwas zu sagen. In seidig glänzende Watte gehüllt kommen sie bösartig daher. Das ist kein freundliches Geheul von Wölfen in Schafspelzen. Für mich klingen sie wie das Stöhnen und Grunzen von blutzerfledderten Zombies in überteuerten Designerklamotten. Untoten, die jedem Bezug zur lebendigen Welt verloren haben.
Ich lese „Strategie, Prozess, nachhaltige Transformation Herausforderungen, Innovationen der Zukunft, gesamtgesellschaftliche Verantwortung, ganzheitliches Verständnis, verantwortlicher Fortschritt, Wissenstransfer, Resilienz, Transformation, Vielfalt, Kooperation, Raum, Strukturen, Prozesse, Zielerklärung, Leistungsbereiche…“. Mein Magen zieht sich zusammen. Was soll das sein? Ein neuer Aufbruch? Nein, es ist der Weg in den Glanz einer goldenen Zukunft strahlender Kälte, aufgezeigt durch einen eisigen Pfad. König Midas…
Nicht einmal lese ich Worte wie „Menschen“, „Studierende“, „Lehrende“…All die Dinge, die für mich die den Kern dieser Institution ausmachen, sind im schmatzenden, trüben Sumpf der Euphemismen kläglich untergegangen. Ich sehe vor meinem inneren Auge die todbringenden und stählernen strategischen Panzerwortmaschinen der neoliberalen Transformation. Sie walzen alles menschliche, alle Lust zu studieren, zu lehren, alle Vielfalt nieder. All das, was Menschen mit Herz und Liebe aufgebaut haben, taumelt, schwankt, versinkt. All das, was neugieriges Studium und fröhliches Miteinander ausmacht, ist dabei zu vermodern, unterzugehen.
Kalt klingt der technokratische Marketing-Wortschwall des Unternehmen Hochschule in meinen Ohren. Nach Papierbergen, Stempeln, Stahl und Maschinen. Menschen sind nur noch Produkte. In meinen Ohren hallen Orwells Mahnungen nach. Mahnungen eines Leidenden, der für warme Ideale am Schreibtisch und sogar im Schützengraben gekämpft hat. Voller Liebe für die Anliegen der Bewohner:Innen Kataloniens im Angesichts der Faschistischen Mordmaschine (1). Der uns in „1984“ das Wort „Neusprech“ geschenkt hat. Es lässt alleine durch seinen Klang das Herz gefrieren, zerspringen. Ich denke an das Buch „Erwachsenensprache“ des Psychologen und Philosophen Robert Pfaller (2), der in Linz lehrt. Dessen schneidende Analyse der Euphemismen neoliberaler Rhetorik so treffend sind. In meinen Ohren hallt „We don’t need no education, we don’t need no thought control“ aus „The Wall“ von „Pink Floyd“ (3). Die Euphemismen von Heute sind das, was gestern der Rohrstock war…
Ich fürchte, es ist sinnlos meine schwach gehauchten Worte gegen diese Euphemismen in den Ring zu werfen. Ich fürchte es gibt kaum Begriffe, welche die warme Erhabenheit ausdrücken können, die für mich in „Studium“ und „lernen“ mitschwingen. Ich versuche es; sie sind kaum zu greifen. Ich spüre sie, finde sie schwer. Studium kann nur von Menschen in vertrauensvoller Gemeinsamkeit gemacht werden: begleitend, beobachtend, schweigend, genießend. Voller freudiger, heimeliger Aufmerksamkeit, Konzentration, Willenskraft. Angefüllt von der Lust auf Faszinierendes. Sich begeistern und anstecken lassen, sich gegenseitig ins Feuer werfen. Liebe zum Gegenstand, Liebe zur gemeinsam schaffenden Tätigkeit. Liebe zur kämpferischen Auseinandersetzung. Achtung voreinander. Auf Augenhöhe.

(1) Orwell, G. (1964) Mein Katalonien

(2) Pfaller, R. (2017) Erwachsenensprache. Fischer

(3) Pink Floyd, Another Brick in the Wall (1979)