Der große Andere

Die Sonne, die strahlend vom unendlichen Firmament strahlt, erscheint mir real. Warm, sanft, nährend. Die blaue Weite steht gelassen über dem satten Grün in seinen leuchtenden Schattierungen der entfalteten Büsche, Bäume, Blumen und Gräser. Sie sind da. Unsichtbare Bänder verbinden mich mit dieser Welt, wenn ich meinen Blick hinausgleiten lasse, sie voller Ruhe insauge. Einzelne farbige Blütenflecken, das immer andere Zwitschern der Vögel. Eine reale Ordnung.
Darunter wir Menschen, gefangen in einer beweglichen Stasis symbolischer Ordnungen. Anrufungen bar jeder Ruhe und Gemächlichkeit. Krankmachender Forderungen, die wir zu ignorieren, nicht wahrzunehmen gewohnt sind; mit denen wir leben, die wir uns angeeignet haben, die uns von innen und außen zerfressen und treiben. Selbst wenn wir wissen, dass diese symbolische Ordnung des Geldes, der Macht, der Institutionen, unseres Images nichts als Schall und Rauch sind. Krampfhaft versuchen wir, sie aufrecht zu erhalten. Selbst wenn dieses unsichtbare Netz von Befehlen uns zu zerfressen droht. Gehorsam wie dummes Vieh folgen wir den Bahnen der Imperative der Macht. Zerrissen, zweifelnd, ängstlich und ungläubig – wie die grauen Gestalten in Kafkas Romanen. Manchmal rätselnd, ohne Wissen darum was uns antreibt – obwohl wir es wissen. Nur einmal genau schauen, in uns gehen – schon entfaltet sich das kalte Netz, das wir dennoch aufrechterhalten. Ein ideologisches Glaubenssystem.
Der Kollege, neben mir in der Sonne am Eingang der Finkenau auf der kühlenden Steinbank blickt traurig in die ergrünende Welt. Wir sprechen über Emails, deren Frust, Angst und Ohnmacht über den Reformprozess der seine kalte Hand zu unseren Seelen ausstreckt. Ich sage, sie sollten sich selber finden. Die Ordnungen hinter sich lassen. Strukturen sind keine Inhalte. Inhalte sind dort, wo das Herz schlägt. Begeisterung, Verbindungen oder besser Beziehungen, die etwas schaffen; etwas bewegen, benennbar sind. Nur daraus kann Zufriedenheit entstehen. Kraft, den Ordnungen und Anrufungen, die uns krank und traurig machen, zu widerstehen. Kraft, eigene Nicht-Strukturen aufzubauen, die uns nähren, satt und glücklich machen. Ich genieße die Sonne.

Angstokraten

Ostern, und ja, mein letztes Semester stehen vor der Tür. Der März als April macht, was er will. Mal Sonnenschein und Wärme, mal trübe Wolken und Nieselregen. Ebenso sieht es in meinem Kopf aus. Vorfreude auf den Sommer, nette Diskurse mit den Studierenden; spazieren mit dem Blick auf knospende Blüten und Bäume, in der Sonne tanzen… Doch wie kalter, peitschender Regen schießen wirre Nachrichten durch die toten, digitalen Nachrichtenkanäle der Uni. Studierende sollen keine Chipkarten mehr bekommen. Somit können sie die Labore und Arbeitsräume nur mit „Gastkarten“ selbständig betreten. Ich fürchte dafür müssen viele Formular ausgefüllt und Unterschriften eingefordert wurden. Der Kopf schweift nicht mehr, die Gedanken erstarren. Sie werden weit hinter den kommenden Sommer katapultiert. Weg vom Moment der Vorfreude, weg aus dem Präsens, dem Jetzt. Hinein in den eiskalten Winter der Verwaltung.
Wieder einmal hat die bürokratisch verseuchte Hochschulleitung bewiesen, dass sie keine Ahnung vom Studium hat. Diesen wichtigen Begriff und entsprechendes Handel nicht versteht oder gar verstehen will. Es bestätig sich das Gefühl, dass sie nur aus ihrer mechanischen Perspektive voller Bedenkenträgerei auf die Welt blicken, ohne jegliche Praxis in der Lehre gehabt zu haben; ohne Feuer und Begeisterung fürs Lernen und Lehren. Sie starren blind auf ihr System aus Paragraphen und Ängsten. Gefesselt durch Stapel von Papieren, Tabellen, Geboten, Anweisungen und monetarischen „Zwängen“. Eine Ansammlung symbolischer Ansprüche, Anrufungen, die aus diesem selbstreferentiellen System erwachsen sind; groß „A“ würde Lacan sie benennen. Weg von der Realität meinen diese Personen, getrieben von ihrer angstbesessenen Seele, die „ideale“ Lösung gefunden zu haben, die ihnen ihr verzerrtes Selbstbild („Ideal-Ich“) als Herz der Hochschule vorgaukelt. Was eine kalte, tote Fratze.
Der Unterschied ist – ein Körper, der leben soll, benötigt ein bewegliches und schlagendes Herz, bewegt durch den Atem. Studium braucht Herzblut. Wille zum Wissen und Wille zum Lernen. Freiraum, um wachsen zu können. Offenheit, offene Türen. Die versteinerten Herzen, festgenagelt in ihrem falschen Selbstbild meinen irgend einen Wert zu verkörpern, wichtig zu sein. Doch permanent rühren sie den Beton, der in jede Lücke quillt, alle Türen, ja jede Spalte verschließt. Freie Bewegung wird verunmöglicht. Geblendet von der Illusion ihrer Notwendigkeit verfestigt sich ihr Zement einer illusionären Freiheit zwischen den Sätzen und Verordnungen, deren Gift sie in die Welt kotzen.
Klar, jedes angstbesetzte Wesen sehnt sich nach Halt. Einem Leit- oder Selbstbild, einen leeren Begriff an das es sich klammern kann. Es versucht sein Dasein, sein So-Sein und Handeln zu legitimieren. Diese Schreibtischtäter agieren aus verdrängter Angst. Ich vermute, sie fürchten, zu bemerken überflüssig zu sein. Entsprechend entscheiden sie weiter auf Kosten derjenigen, für die sie da sein sollten. Ist es an einer Hochschule nicht ihre Aufgabe, zum Beispiel freies Lernen zu ermöglichen? Offene (Denk-)Räume zu schaffen?
Wie schon Kafka es im „Prozess“ so schönbitter beschrieb – machen sie sich un(an)greifbar. Unfassbar aber grausam spürbar sind sie nur für sich da. Sie klagen ihre „Untertanen“ an, ohne, dass je klar wird, weswegen Anklage erhoben wurde. Warum wird den Studierenden durch diese Anklage der freie Zugang zu Räumen, die für die Studies, die Lehre da sind, unterbunden. Ich denke, die Antwort klingt wie folgt: „Wir vertrauen Euch nicht, Ihr dürft Euch nicht frei bewegen, weil wir Angst haben“. Anders gesprochen – sie handeln gegen ihren eigentlichen Auftrag, ohne es zu bemerken. Sie kämen nie auf die Idee, die Frage zu stellen, warum ihre Entscheidungen dazu führen, das Studium nicht mehr Studium sein darf. Warum die Freiheit Jahr für Jahr, Semester für Semester zunehmend aus der Lehre hinausgedrängt wird. Sie müssen den Inhalt „Studium“ verdrängen, ignorieren, gar bekämpfen. Bis nur noch Verwaltung, Verwaltete, genormte Lehrende und Studierende übrig bleiben. Dann fühlen sie sich sicher.
Vielen dieser Entscheider würde ich raten ihren Job zu kündigen und eine Therapie zu beginnen. Sie würden damit all die mitdenkenden, kreativen Kolleginnen und Kollegen sowie die Studierenden befreien. Die tollen Menschen in der studiumsnahen Verwaltung, die sich kollegial mit den Lehrenden für das Studium einsetzen. Die Lehrenden, die für die Studierenden da sind. Ach was, eine Therapie nutzt nichts mehr. Das ganze Netz aus Verwaltungs-Psychopathen muss auf den Prüfstand. Stellt Euch der Halluzination, in der Ihr meint der Nabel der Lehre zu sein! Erkennt, dass durch Papierberge, inhaltsleere Workshops und Beratungsschwachsinn keine Lehre praktiziert wird. Ihr habt keine Ahnung. Doch dazu seid Ihr zu feige. Ihr seid die Hasen, das Studium ist die Schlange, auf die ihr starrt. Eure Köpfe sind eckig. Euer Denken ist eingepfercht, unbeweglich, erstarrt.
Ich freue mich dennoch auf den Sommer, und speziell den Moment, wo ich viele von diesen angstbesessenen Wichtigtuern hinter mir lassen kann. Zum Glück erinnern sich immer wieder Menschen an Picabias tollen Ausspruch, dass der Kopf rund ist, damit das Denken seine Richtung ändern kann – und handeln danach. Betreten frei neue Räume…studieren.

Versagen? (Polemik gegen Reformen)

Warum ist es so schwer den simplen Satz aussprechen: „Das läuft so ganz gut…, wir lassen es so.“ Was bedeutet diese Aussage in unserer gehetzten Welt. Einer Welt, die von Plänen, Reformen und Zielen verseucht ist? Mir fällt sofort ein: „Wenn etwas funktioniert, Bestand zu haben scheint, ist es im Gleichgewicht“. Dann läuft es rund; nicht aus dem Ruder. Wie ein Rad, das zentriert ist, in der Mitte. Mag sein, dass es ein wenig eiert. Aber was solls! Es geht im wahrsten Sinne voran. Wird. Im banalen, in kleinen gewöhnlichen Schritten liegt die Kraft des Werdens.
Wenn ich mir mein Arbeitsumfeld, die Hochschule (und auch die Politik) anschaue, scheint gar nichts rund zu laufen. Es wackelt und zuckelt, kratzt, sitzt fest. Warum sonst bedarf es all dieser Reformen? Was soll dieses fordernde Geschrei nach „Innovation“? Ein Ruf der Verlorenen, so scheint es mir. Alles was ist, ist schlecht, wird an jeder Ecke geunkt. Ist unsere Lehre wirklich reformbedürftig? Nur weil die Leitungen über die Jahre den Haushalt verrockert hat, sich Schulden Türmen? Geld für bürokratische Zeitdiebe rausgeschmissen wird, bis keins mehr für die Lehre da ist? Sie nicht führen, sondern mit eingezogenem Schwanz in vorauseilendem Gehorsam den Schreibtischtätern von OECD und EU den Mors lecken?
Können bitte, trotz einer wahrgenommenen Krise, die Strukturen, die funktionieren, die laufen, nicht so lassen werden, wie sie sind? Ändert alles, wie auch das Studium, sich nicht von selbst; von innen heraus? Ewige Akkreditierung, ewiges Qualitätsmanagement, Reformen, Geschwätz all derer, die hinter ihren Aktenbergen hocken, in Gremien ihre Legitimität erlabern; Zettel und Tabellen Produzieren, die uns von der Lehrtätigkeit abhalten. Keiner von denen lehrt, hat jeh gelehrt. Gefühlt brennt in deren Herzen nichts für die Studies, das Studium. All diese Komweids und Präsidien quäken wie frustrierte Froschbändiger nach Reformen des Karrens, den Sie in den Dreck gefahren haben. Fantasielos brüten sie über hohlen Konzepten, die nichts verbessern. Unser Karren, die Lehre, rollt trotz der in den Weg gelegten Steine weiter. Läuft. Rumpelt über die Schlaglöcher, die sich durch das Versagen von Bürokratie und Verwaltung auftun. Der Wagen schlingert und knirscht halt ein wenig. Aber was solls?
Wie mein Herzenstudiengang: Läuft. Mal runder, mal wenig rund; zentriert. Mal gibt es mehr Preise, mehr Ausgründungen, mal weniger. Wie das Rad auf dem Weg der Mitte, das immer etwas eiert; zumeist unmerklich. Selbst wenn der Studienplan die Struktur starr erscheint; jedes Jahr kommen neue Menschen, lernen, finden und entwickeln Dinge. Bringen sich selber voran, so wie ich mich entwickle, jeden Tag ein Anderer bin (Rimbaud (1)). Der ganze Studiengang ist jeden Tag anders – durch diese feine, schmierende Bewegung von unten. Mal ein wenig besser, mal ein wenig schlechter. Werden. Kraft von Ĭnnen.
Bald gehe ich, der Games Master läuft weiter. Ein wenig anders als zuvor. Neue Menschen verändern. Mit oder ohne Reformen. Wozu dann immer wieder Herden von Bürokraten beschäftigen? Korintenkacker nannte sie mein Vater. Er hatte recht. Sie stehlen uns, die wir versuchen den Studierenden eine angenehme, spannende und auch anstrengende Lehrumgebung zu schaffen, die Zeit. Sie zwingen uns, unsere Ideen, den laufenden Status quo zu verteidigen. Sie zwingen uns, in gähnend langweiligen Sitzungen gegen die Tabellen, leere Powerpointeuphemismen und Vorgaben zu kämpfen? Mein Magen grummelt, ich denke „verpisst Euch“ – ja, ich bin froh, mich bald verpissen zu dürfen. In der Mitte bleibt der Studiengang mit seinen Studierenden. Ich werde sie vermissen. Zurück bleiben die Kolleg*Innen, die hilflos dem Gezerre der Bürokratie und deren Reformwahn ausgeliefert sind.

(1) „Ich ist ein anderer. Umso schlimmer für das Holz, wenn es sich als Geige wiederfindet, und Hohn über die Ahnungslosen, die über das rechten, wovon sie nicht das Geringste verstehen.“ (Rimbaud A. (2002) Sämtliche Dichtungen. dtv, Seherbriefe 369)

Erkennen? – (Nicht)-Handeln!

Mit Wu Wei (無為) entstand dieser Blog aus dem Nichts. In einer die Seele entleerenden Mittelmeeridylle. Nichts bedeutet, wie man sieht, nicht „nichts“ – etwas, der Blog kam in die Welt. Genauso heißt Wu Wei nicht „nichts tun“ („nicht handeln“). Es geht darum zu erleben, dass, wenn wir handeln, nicht „nicht-handeln“. Es geht um ein „Handeln“, dass den meisten der dominierenden westlichen „Erkenntnis-“ und „Wissensgetriebenen“ Denkungsarten leider allzu fremd ist. Aus dem schönen Buch über die „Grundlagen der chinesischen Philosophie“ strömte entspannt, beim gurgeln der Wellen, umfangen von der warmen Mittelmeersonne, folgende Geschichte in meinen Geist: „Ein Bauer fällt alle Bäume, die ihm nach Wuchs und Gestalt für die verschiedensten Zwecke nützlich sind. Aber ein uralter Baum ist immer stehengeblieben. Er war zu „Nichts“ nutze, und das hat ihn gerettet (…). Aber hat der Bauer nicht dadurch, daß er ihn nicht fällte, seinen Nachkommen und allen Gästen, die sich in seinem Schatten labten, die Umwelt verbessert und so sehr weise gegandelt?“ (1).
Die westliche Ergebnis- und Erkenntnisgetriebenheit mit ihren Effizienztechniken und Rastern ist bestrebt alles zu fällen (zu nutzen), was in einem numerisch definierten Feld zu verwerten ist. Perfide ist, es wird versucht alles zu erfassen! Dabei fallen die Dinge, die auf den ersten Blick nicht gebraucht werden, gnadenlos der industriellen Axt zum Opfer. Die weiten Wasser der Meere werden ebenso verschmutzt, wie die geschändete Erde in Abraumhalden dahinsiecht oder die Luft von den Abgasen der Motoren und Industrien verpestet wird. Im Handlungswahn, getrieben vom Wissen um die Nützlichkeit. Die Natur wird durch die wucht der Technik zum Verschwinden gebracht, wie Heidegger es so schön traurig beschreibt. Der Rhein wird nicht mehr als Fluss gesehen, der nur für sich dahinfließt, der für sich da ist. Der, wenn wir ihm begegnen, so genossen werden kann, wie er ist.
Heutzutage ist die Natur nichts als Funktion, ihre Unendlichkeit wird in Tabellen, Papern und Listen eingefangen und verwertet. Sie wird nach Heidegger „bestellt“ um zum Beispiel Energie zu gewinnen, der Schiffahrt – oder unausgesprochen – als Müllkippe zu dienen (2). So werden die sich einst romantisch ihren Weg durch Täler windenden Ströme mit ihren Auen zu verseuchten, leblosen, eingezwängten Kanälen. Dies Denken ist ebenso betoniert, wie die ewige Ideologie des Wachtums, für das immer neue Strategien erforscht und die Gehirne der Kinder mit bunten Bildern gewaschen werden. Die Lernmaschinen der Universitäten und Institute in Verbund mit der Ökonomie erdenken in ihren Papern, Tabellenkalkulationen und Strategien immer neue Wege den Prozess zu beschleunigen. Dieses berechnende Denken lässt kein Raum, keine Weite und Leere um auf „Sein“ zu achten. Es sein zu lassen. Zu studieren. Alles fokussiert sich Teleologisch, auf ein verwertbares Ziel hinaus. Die Menschen werden wie die Natur verformt und verbildet um in der Maschine ihren Platz zu finden. Wo ist da Erkenntnis? Oder besser was ist das bitte für eine Form der „Erkenntnis“, die nichts mehr kennt, die wunderbare Natur vergessen hat?
Die letzen Bäume im absterbenden Garten dieser Welt sind für mich die frischen Gedanken und Aktionen einer Jugend, die ihre eigenen Gedanken hegt und pflegt. In ihren Nicht-Handlungen stören sie den Fluss der Maschinen, speziell den Verkehr.
Ich werde jetzt besser langsam und bedenklich den Boden erspüren, der uns trägt um über das „nicht-handeln“ zu meditiern. Meine Praxis muss die Nicht-Praxis sein.

(1) Geldsetzer, L, Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart; S. 84

(2) vgl. Heidegger, M. (1953) Die Frage nach der Technik)

Euphemismus

Ich lese die verzweifelte Mail eines Mitarbeiters, der seit Monaten nicht weiß, ob er in wenigen Wochen weiter beschäftigt sein wird. Ein von seiner Aufgabe begeisterter Mensch, einer der warmen Motoren der Lehre, für die er sein Herzblut einsetzt. Er war maßgeblich am Aufbau des Labors beteiligt. Er hat geholfen, nicht unerhebliche Drittmittel einzuwerben und vieles mehr. Am wichtigsten ist jedoch seine engagierte Unterstützung der Studies und derer Projekte. Solche Menschen sind der Puls der Lehre.
Ein durch Euphemismen übertünchter Infarkt bringt das zum Bildungsfließband verkommene System Hochschule innovativ und zukunftsorientiert zum Stottern. Ohne jede Resilienz stirbt das „Studium“. „Lehre“ oder was davon nach Jahren schleichender, neoliberalen Vergiftung übrig geblieben ist funktioniert nur noch im Takt oberflächlichen Marketing-Geblubbers.
Ich gleite durch die Slides der glatten, langweiligen Powerpointpräsentation mit ihren nichtssagenden Stockfotos. Leere Texte springen wabernd in mein Auge. Ein Konglomerat von Worten, die dunkle Dinge aussprechen, ohne etwas zu sagen. In seidig glänzende Watte gehüllt kommen sie bösartig daher. Das ist kein freundliches Geheul von Wölfen in Schafspelzen. Für mich klingen sie wie das Stöhnen und Grunzen von blutzerfledderten Zombies in überteuerten Designerklamotten. Untoten, die jedem Bezug zur lebendigen Welt verloren haben.
Ich lese „Strategie, Prozess, nachhaltige Transformation Herausforderungen, Innovationen der Zukunft, gesamtgesellschaftliche Verantwortung, ganzheitliches Verständnis, verantwortlicher Fortschritt, Wissenstransfer, Resilienz, Transformation, Vielfalt, Kooperation, Raum, Strukturen, Prozesse, Zielerklärung, Leistungsbereiche…“. Mein Magen zieht sich zusammen. Was soll das sein? Ein neuer Aufbruch? Nein, es ist der Weg in den Glanz einer goldenen Zukunft strahlender Kälte, aufgezeigt durch einen eisigen Pfad. König Midas…
Nicht einmal lese ich Worte wie „Menschen“, „Studierende“, „Lehrende“…All die Dinge, die für mich die den Kern dieser Institution ausmachen, sind im schmatzenden, trüben Sumpf der Euphemismen kläglich untergegangen. Ich sehe vor meinem inneren Auge die todbringenden und stählernen strategischen Panzerwortmaschinen der neoliberalen Transformation. Sie walzen alles menschliche, alle Lust zu studieren, zu lehren, alle Vielfalt nieder. All das, was Menschen mit Herz und Liebe aufgebaut haben, taumelt, schwankt, versinkt. All das, was neugieriges Studium und fröhliches Miteinander ausmacht, ist dabei zu vermodern, unterzugehen.
Kalt klingt der technokratische Marketing-Wortschwall des Unternehmen Hochschule in meinen Ohren. Nach Papierbergen, Stempeln, Stahl und Maschinen. Menschen sind nur noch Produkte. In meinen Ohren hallen Orwells Mahnungen nach. Mahnungen eines Leidenden, der für warme Ideale am Schreibtisch und sogar im Schützengraben gekämpft hat. Voller Liebe für die Anliegen der Bewohner:Innen Kataloniens im Angesichts der Faschistischen Mordmaschine (1). Der uns in „1984“ das Wort „Neusprech“ geschenkt hat. Es lässt alleine durch seinen Klang das Herz gefrieren, zerspringen. Ich denke an das Buch „Erwachsenensprache“ des Psychologen und Philosophen Robert Pfaller (2), der in Linz lehrt. Dessen schneidende Analyse der Euphemismen neoliberaler Rhetorik so treffend sind. In meinen Ohren hallt „We don’t need no education, we don’t need no thought control“ aus „The Wall“ von „Pink Floyd“ (3). Die Euphemismen von Heute sind das, was gestern der Rohrstock war…
Ich fürchte, es ist sinnlos meine schwach gehauchten Worte gegen diese Euphemismen in den Ring zu werfen. Ich fürchte es gibt kaum Begriffe, welche die warme Erhabenheit ausdrücken können, die für mich in „Studium“ und „lernen“ mitschwingen. Ich versuche es; sie sind kaum zu greifen. Ich spüre sie, finde sie schwer. Studium kann nur von Menschen in vertrauensvoller Gemeinsamkeit gemacht werden: begleitend, beobachtend, schweigend, genießend. Voller freudiger, heimeliger Aufmerksamkeit, Konzentration, Willenskraft. Angefüllt von der Lust auf Faszinierendes. Sich begeistern und anstecken lassen, sich gegenseitig ins Feuer werfen. Liebe zum Gegenstand, Liebe zur gemeinsam schaffenden Tätigkeit. Liebe zur kämpferischen Auseinandersetzung. Achtung voreinander. Auf Augenhöhe.

(1) Orwell, G. (1964) Mein Katalonien

(2) Pfaller, R. (2017) Erwachsenensprache. Fischer

(3) Pink Floyd, Another Brick in the Wall (1979)

Aggression und Leiden

Dunkle Gefühlswolken strömten mir vor ein paar Tagen auf der Arbeit entgegen. Wie ein kalter Herbstwind, hinter dem ein Sturmtief lauert und die Haut zittern lässt. In den Augen meines Gegenübers blitzt es. Der Blick verkniffen, trübe, verregnet. Ich atme ein, atme aus; versuche die Welle dunkelnebelig-aggressiver Energie an mir abprallen zu lassen. Welch ein Damm ist da gebrochen, wurde vom Rinnsal zur Welle?
Ja, dort sitzt er wie ein nassgeregneter Hund. Er schüttelt, windet sich, um die an ihm haftende klebriger Feuchte in die Welt zu spritzen. Ein Hund, der sich nicht traut laut zu bellen, dennoch nicht loslassen kann. Mich erreicht ein schon fast ängstliches knurren. Ich versuche, klar zu bleiben, zu beschwichtigen. Meine Worte versagen. Wiederholte Sätze vermögen es nicht den düster giftigen Odem aufzulösen. Das knurrende Gewinsel schiebt sich immer wieder, kreisförmig drehend in den engen Raum zwischen uns. Verpesteter Atem. Sätze, die sachlich klingen und dennoch nichts anderes sprechen als Frustration, Angst. Sie gerinnen immer wieder zu verstohlener Wut. Persönliche Angriffe, die nichts mit der Sache zu tun haben. In mir entsteht neben Betroffenheit das Gefühl der „Peinlichkeit“.
Was knurrt er mich an? Es sind nicht meine Frustrationen, meine Aggressionen. Was mir bleibt, ist eine Mauer zu errichten, zu versuchen, das Tosen zu ignorieren. Die Wellen, die bei mir ankommen im Zaum zu halten, meinen Geist liebevoll zu umfassen. Ich versuche die schwarze Energie, die an mir vorbeiströmt, ins Leere fließen zu lassen. Es gelingt zum Teil, nicht gänzlich. Es kostet Willenskraft und Anstrengung, den dunklen Wolken zu begegnen.
Es rettet der Atem, mein Atem. Sanft umwiegt er mit jedem Schritt den Geist. Auf dem Heimweg von der Arbeit brauche ich ein wenig, um wieder ein Lächeln auf mein Gesicht zu zaubern. Ein Lächeln, das Mitgefühl für diesen Menschen zu empfinden versucht. Diesem Menschen, der es nicht schafft, in sich selber Ruhe und Frieden zu finden. Wie so viele.
Was eine Menge Wut ist da in der Welt. Hervorgerufen durch Neid, Selbstsucht, Kontrollzwang, dem besitzen wolle von Dingen. All dem, das nicht glücklich macht. Nicht sich selber, nicht die Menschen um sich herum. Ach, denke ich, soll er alles haben, was er begehrt. Mich interessiert nichts davon (was als Besitz von „Nicht wollen“ ausgelegt wird). Woher kommt sein Gefühl der Ungerechtigkeit? Was zeigt sich in dem Moment, in dem die oft kindlich, verspielt-freundliche Fassade dieses Menschen bröckelt? Er ist ein stechender Schmerz, verdrängter, schwerer Verletzungen, die an die Oberfläche treiben.
All das Geknurre und aggressive Gesabber hat nichts mit mir zu tun. Ich suche das Auge des Hurrikans. Das einzige Rezept welches hier hilft, ist loslassen, verlassen. Ich freue mich darauf, diesen Menschen nicht mehr sehen zu müssen. Möge er sich finden und in sich glücklich werden. Ich atme ein. Beim Ausatmen zaubere ich ein Lächeln in mein Gesicht.

Einstieg in den Ausstieg

Meine Zeit ist der Zucker des Lebens. Jede Sekunde, jede Millisekunde ist ein unermesslicher, einmaliger, wohlschmeckender Schatz. Doch dann schleichen sie sich an. Kaum in Sichtweite schreien sie, fordern – die Termine. Wie Ameisen. In großer Zahl stürzen sie sich auf freie, unbesetzte Momente, schnappen, greifen zu, zernagen und verzehren die Zeit. Willkommen im Alltag, willkommen in der Arbeitswelt. In der genormten und künstlich gerasterten Welt. In der vollen, eckigen, zugemauerten, betonierten, lauten Plastikwelt.
Kaum angekommen regen sich in mir Fluchtreflexe. Trotz so manchem schmackhaften Zusammentreffen mit fantastischen Menschen zu hirnbewegenden Themen. Unter Anderem in einem Zelt, einer Jurte, eingekesselt von den systematisch entlebten Mauern. Schöne Momente drohen unter der digitalen Flut belanglosen Geplappers unterzugehen. Qualitative Momente werden von den Ergüssen der Tabellen und Listen erstickt, die bedient werden wollen. Das Berechnende hat sich in alle Ecken der Welt verteilt, greift die Köpfe an. Ohne Gnade wird Zeit geraubt. Erneut denke ich an die grauen Männer aus Momo, mit ihren Zigarren. In meinem Bauch regt sich Ekel, Abscheu, Abwehr. Tief atmen und die Beklemmung löst sich in einer schwarzen Wolke auf. Ich bin professionell, lebendig genug, den Getriebenen freundlich und offen zu begegnen. In dem Wissen, dass der Ausstieg absehbar ist. Dann können mich all die Ameisen mal. Sollen sie in ihrer gekästelten Welt weiterhin fleißig in den Kalendern und Tabellen den Zucker jagen.
Ich schaue auf den Regen, der langsam, kaum sichtbar die sehnsüchtige Erde benetzt. Zeit für einen gemächlich bedenklichen Spaziergang zu früher Stunde. Ich werde versuchen auf jeden Schritt zu achten, den Blick klar, aufmerksam in die Welt schweifend. Die Unregelmäßigkeit der Natur genießen, die Welt genießen, den neuen Tag, der mir geschenkt wurde genießen.

Weinlese

Trinken, trinken, trinken. Der Körper stößt jeden Milliliter Wasser bei 36 Grad und körperlicher Arbeit sofort aus. Die Frische des frühen Morgen ist gewichen. Jetzt, nach vier Stunden, brennt die Sonne. Die nächste Traube glitzert dunkelrot durch das Grün, verwickelt im Stock. Ihr kleiner Ansatz verborgen im Gewirr der Blätter und Reben. Klack, sie fällt in die freie Hand, wird sanft zu den schon geernteten in die Kiste geworfen. Daneben die Nächste. Ein paar Meter weiter – klack, klack, klack. Eine Reihe nach der Anderen lassen wir hinter uns. Wir, die Hilfsarbeiter und Freunde des Besitzers. Hier und dort ein Gespräch, gut gelaunte Tätigkeit. Trotz der Anstrengung. Zwischendrin, im Schatten, Pause nehmen. Trinken, trinken, trinken.
Die un- oder falsch trainierten Muskeln im Rücken rumoren. Sie Halten durch, versehen ihren Dienst. Ich fühle mich geerdet. Spüre Demut, den Respekt vor den Menschen, die Tag aus und Tag ein die Flur bestellen, säen, Brunnen bohren, Bewässerungen legen, pflegen, ernten…. Ein rauer Alltag, so widerborstig wie das hakige Gras, dass sich im schwarzen Stoff meiner Schuhe festbeißt. Hier ist nichts glatt wie die spiegelnde, knisternde Plastikverpackung im Supermarkt. Keine Ware. Ein Produkt, das Mühe und Arbeit in sich trägt.
Eine große Anstrengung, die wie jeder Kraftakt dem man sich stellt, mit einer tiefen Freude und Erfahrung belohnt. Dabei tritt das Tun, das fließt, bis es erledigt ist, in den Hintergrund. Es geht um das Miteinander, die Beziehungen zwischen den Menschen zur Natur, zu sich selbst.
Ein Lächeln huscht über mein Gesicht, als wir am Nachmittag völlig erschöpft „chillen“.

Nichts

Ich sitze hier und tue nichts. Nur mein Körper schaut in die Weite, schweift gedankenverloren über das Meer, verliert sich in der Dünung, spürt den Wind, ahnt die vergängliche Solidität der Berge. Die Zikaden schreien sich in Wellen die Seele aus dem Leib. Ihnen ist egal, auf welchem Busch sie hocken. Hauptsache einfach mal rufen und hören, wer noch so da ist. Die Sonne brennt angenehm. Nur in solchen Momenten können Gedanken entstehen, die sich tief, schwer, zugleich hingegen ach so leicht anfühlen. Sie kommen und gehen. Wischen durch die Welt. Einfach so. Präsente Gedanken. Kein schweres hängen am Gestern und Morgen. Keine Ziele, Aufgaben und Termine.
Wozu braucht man sie? Das tätige Denken der heutigen Zeit ist verschwunden. Taugt es etwas, wenn es keine Kriege verhindert, diese wunderbare Welt in den Abgrund zieht? Das Leben nicht leben lassen? Dieses Denken hat Dinge wie Sesshaftigkeit, Arbeit, Lohn, Excel und Besitz erfunden. Dieses Denken behauptet ein Oben und ein Unten. Hierarchien und systemische Abhängigkeiten. Am besten durch Zahlen, die in kleinen eckigen Kästchen eingesperrt sind. Nur die Summe Zählt. Es lebe die Technologie. Alles wird nach Formeln formuliert. Einfach gesprochen: nachgeplappert. Nichts Neues, kein Werden. Starre. Früher Tod in jedem Moment.
Eine Böe und diese Gedanken des kalten Nordens sind vertrieben. Nun tanzen sie wieder, ganz für sich alleine. Im eigensten Rhythmus.

Einfach sitzen

Eine kurze Lektüre zur Einstimmung auf das Sitzen. Nachdenken entlang eingängiger, ruhiger Worte des verstorbenen Meisters. Wie in sanfter Rede gesprochen hallen sie in mir wieder. Ganz von selbst scheinen sie den Geist zu erreichen, wenn man es tut. Sitzen ohne ideologischen Ballast, ohne Wollen, ohne Ziel. Tun, einfach tun. Nichts tun. Diese Worte erinnern mich an meine ersten Worte hier, entstanden an den Gestaden der sonnigen Insel. Ein Ort, an dem ein Stein am Meer auf mich wartet um auf ihm zu sitzen. Wu Wei.
Doch lauschen wir dem Meister: „Viele versuchen, immer mehr und mehr zu tun. Wir glauben, wir müssten das tun, weil wir Geld verdienen, etwas erreichen wollen, weil wir uns um andere kümmern oder unser Leben und unsere Welt verbessern wollen. Oft tun wir etwas, ohne groß darüber nachzudenken, weil wir es so gewohnt sind, weil uns andere darum gebeten haben oder weil wir glauben, dass wir es sollten. Doch wenn wir in unseren Wesen nicht gefestigt sind , dann werden die Probleme in unserer Gesellschaft immer weiter zunehmen, je mehr wir tun.“ (S. 24, Hanh, T. N. (2016) Einfach sitzen O.W. Barth)
Wie wahr gesprochen. Ich muss mich anstrengen, um diese Weisheit, diese Haltung in die letzten Arbeitsjahre hineinzunehmen. Nein, es soll die verbliebenen Jahre meines Lebens durchdringen; diese klare und simple Aufforderung. Eine Sicht, eine Praxis, die seit über 2000 Jahren kultiviert und vor allem „getan“ wird.