Meine Zeit ist der Zucker des Lebens. Jede Sekunde, jede Millisekunde ist ein unermesslicher, einmaliger, wohlschmeckender Schatz. Doch dann schleichen sie sich an. Kaum in Sichtweite schreien sie, fordern – die Termine. Wie Ameisen. In großer Zahl stürzen sie sich auf freie, unbesetzte Momente, schnappen, greifen zu, zernagen und verzehren die Zeit. Willkommen im Alltag, willkommen in der Arbeitswelt. In der genormten und künstlich gerasterten Welt. In der vollen, eckigen, zugemauerten, betonierten, lauten Plastikwelt.
Kaum angekommen regen sich in mir Fluchtreflexe. Trotz so manchem schmackhaften Zusammentreffen mit fantastischen Menschen zu hirnbewegenden Themen. Unter Anderem in einem Zelt, einer Jurte, eingekesselt von den systematisch entlebten Mauern. Schöne Momente drohen unter der digitalen Flut belanglosen Geplappers unterzugehen. Qualitative Momente werden von den Ergüssen der Tabellen und Listen erstickt, die bedient werden wollen. Das Berechnende hat sich in alle Ecken der Welt verteilt, greift die Köpfe an. Ohne Gnade wird Zeit geraubt. Erneut denke ich an die grauen Männer aus Momo, mit ihren Zigarren. In meinem Bauch regt sich Ekel, Abscheu, Abwehr. Tief atmen und die Beklemmung löst sich in einer schwarzen Wolke auf. Ich bin professionell, lebendig genug, den Getriebenen freundlich und offen zu begegnen. In dem Wissen, dass der Ausstieg absehbar ist. Dann können mich all die Ameisen mal. Sollen sie in ihrer gekästelten Welt weiterhin fleißig in den Kalendern und Tabellen den Zucker jagen.
Ich schaue auf den Regen, der langsam, kaum sichtbar die sehnsüchtige Erde benetzt. Zeit für einen gemächlich bedenklichen Spaziergang zu früher Stunde. Ich werde versuchen auf jeden Schritt zu achten, den Blick klar, aufmerksam in die Welt schweifend. Die Unregelmäßigkeit der Natur genießen, die Welt genießen, den neuen Tag, der mir geschenkt wurde genießen.