Zufriedenheit

„Alles spricht den Verzicht in das Selbe. Der Verzicht nimmt nicht, der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen. Der Zuspruch mach heimisch in einer langen Herkunft.“ (1)

Banal klingt das Wort in meinen Ohren. Hallt sanft nach. Begleitet vom Bild einer Katze, die zusammengerollt und fellgewärmt an einem kuscheligen Ort vor sich hindöst. Ihr Maul scheint leicht entspannt zu lächeln. Langsame, erste, zaghafte Bewegungen in den Pfoten; der Kopf hebt sich; ein herzhaftes Gähnen. Sie streckt ihren Körper in die Länge. Zufriedenheit. Ich habe oft das Gefühl, dass dieses Wort bei uns Menschen wenn, dann als Worthülse zirkuliert. Gerade um die Weihnachtszeit. Im Gerenne und Herumwimmeln, den hektischen Umtrieben im Namen der Stille ist nichts von ihr zu spüren. Alles erscheint als ein ausgelaugtes Hinterherhecheln auf der Suche nach der, durch blendende Plakate und Spots propagierten „Besinnlichkeit“. Sie scheint sich hinter buntem Geglitzer und Geklingel zu verstecken. Zufriedenheit.
Eine ruhige, „sinnliche“ Einkehr in sich selbst und die Gemeinschaft sind die Voraussetzungen dafür, im Frieden mit sich und der Welt sein zu können. Doch das verlorene, nach außen gerichtete Rasen, gibt keinen Raum, keine Zeit. Es materialisiert sich in bunten Haufen, genannt Geschenke. Sie harren im Gedrängel gekauft oder bestellt unter dem Weihnachtsbaum. Zwischen Kochtopf und Glühwein drehen sich einmal im Jahr viele Menschen um sich selbst wie durchgeknallte Kreisel. Sie strömen ungläubig in die Kirche, um dann von einer Völlerei zur nächsten zu hetzen. Selten ist „Besinnlichkeit“, „Frieden“ oder gar „Zufriedenheit“ zu spüren. Die erstrebte „Zufriedenheit“, mit Ruhe, tiefer, innerer Ruhe verbunden, ist kaum zu vernehmen. Wo sind Stillstand und angenehme Leere? Wu Wei…
Ein Zustand, der nur aufkommen kann, wenn die Grundbedürfnisse nach existentieller Wärme, Nahrung und Liebe erfüllt sind. Jeder Schritt über das nötige Maß des Genusses hinaus triggert statt Zufriedenheit Leiden, vertreibt den Frieden. Wie beim rumorenden Gedärm, dass durch zu viel und zu fettiges Essen einen unruhigen Schlaf hervorruft. Sicher, vollgefressen, dauergetrieben und überinformiert zu sein wird erlernt. Bilder der Völlerei und des Konsums bombardieren uns nicht nur durch die Werbung. Alles spricht zu uns: „das braucht man.“ Schon ab September kommen wir nicht an den sich uns aufdrängenden Weihnachtsartikeln, die jeden Weg im Supermarkt quasi versperren, vorbei. Es ist kaum möglich damit umzugehen (sie zu umgehen). Unzufrieden fühlt man sich wie eine an sich satte Maus beim Blick auf den verlockenden Käse. Nicht selten treib einen die Gier, begleitet vom reflexartigen Herdendenken in die Falle. Der Verstand sucht das Weite, verdrängt, baut fragile Begründungen aus, betrügt sich mit Ausreden. Umso schwerer fällt der Verzicht, wenn wir, entfernt von uns selbst, nicht gut drauf, unzufrieden sind. Wenn innerer Frieden durch Krisen, Überforderung durch die Glitzerwelt, Sparzwänge und andere medial vermittelte Ängste, von denen wir meinen sie entstehen nur in uns, wie das natürliche Hungergefühl, bedroht wird.
Schon meldet sich ein dumpfes Gefühl. Es suggeriert, dass Verzicht „ertragen“ werden muss, da er ja Leiden erzeugt. Ein Nachdenken oder gar verzichtendes Handeln wird schnell als lästig oder zu schmerzvoll, als die wirkliche Last empfunden. Kein Wunder, dass „Resilienz“, (das Aushalten, Ertragen) eines der aktuellen Modewörter ist. Wenn man auf Bestsellerlisten in den Bereichen Philosophie und Beratung schaut, stehen die Stoiker wie Marc Aurel (2) als deren prominentester Vertreter, weit oben. Doch all diese Ratgeber und Werke, Konsumprodukte und Konsumersatz zugleich, verstauben ungelesenes, totes Papier in den Regalen. Beiseitegelegt als Metapher für Verdrängung und Ablenkung. Der Stoa-Ratgeber unter dem Weihnachtsbaum ist demnach eine ebenso sinnlose, konsumierbare Kuriosität wie die nächste Fressattacke.
Es mag ja helfen, Tagebuch zu führen, wie Marc Aurel, um die Apathie, das große Ziel der Stoa zu erreichen; sich dadurch seiner Gier zu vergewissern, um diese im Zaum zu halten. Eine Bewegung hin zur Askese. Doch stellt diese zufrieden? Reicht es, heute ein bisschen weniger Wurst zu essen, dort auf ein Aperölchen zu verzichten? Um dann nach einer anstrengenden Runde Joggen am 2. Januar alle Vorsätze zu vergessen und die Laufschuhe sowie den Stoa-Ratgeber im Regal verschwinden zu lassen? Mit dem Gedanken, ich habe ja etwas getan? In dem Bewusstsein, sich selber betrogen zu haben? Schnell folgt der Frustschluck, das Frustshoppen oder das Frustessen. „Bedürfnisse“, die im rasenden Stillstand hektisch erfüllt werden müssen. Das Tagebuch verstaubt neben dem Ratgeber.
Epikurs Konzept der Ataraxie scheint mir da näher an dem Weg zu sein, der einen Pfad zur inneren Zufriedenheit weist. Nicht Selbstkasteiung und Selbstbetrug sind hier das Ziel, sondern Gelassenheit gegenüber dem Unbill des Lebens und der geistigen Verwirrungen, die sich aus ihnen ergeben. Letztere sind so unvermeidlich wie der Einbruch der Nacht. Zufriedenheit bedeutet, die Nacht zu akzeptieren, besser noch, bewusst wahrzunehmen. In dem Wissen, dass der nächste Morgen wunderbar dämmern wird – ein neuer Tag um sich in Gelassenheit zu üben, all den An-Sprüchen den Rücken zu kehren, und friedlich in sich selber zu ruhen.

(1) Heidegger, M. (2010) Der Feldweg. Klostermann, Frankfurt

(2) „Der Stoiker dagegen übt sich, Steine und Gewürm, Glassplitter und Skorpionen zu verschlucken und ohne Ekel zu sein; sein Magen soll endlich gleichgültig gegen Alles werden, was der Zufall des Daseins in ihn schüttet:…“ Nietzsche, F. (1889) Die fröhliche Wissenschaft 306 in In: Colli, G., Montinari, M. (1999) kritische Studienausgabe. DTV, München

Politische Emotionen

Der Magen zieht sich zusammen, das Herz pockert, Schweiß bricht aus… im Darmbereich grummelt es… die Stimmung ist niedergeschlagen – oder hochjubelnd. Ein gefühltes Auf und Ab, Hin und Her, ein Dazwischen, schwebend, schwellend, abklingend. Hektisches Handeln bis zur hilflosen Erstarrung. Emotionen können uns in einem eisenharten Griff einschnüren, lähmen, gefrieren lassen oder zu impulsiven Handlungen verführen. Explodieren. Sie lagern sich in und über Stimmungen, durchdringen und beeinflussen diese. Ein fast unkontrollierbarer Mix, erzeugt von Hormonen und feuernden Neuronen – vom Kopf bis zu den Millionen, die sich um unseren Darm schlingen, das sogenannte Bauchgefühl triggern. Gefühlszustände, die in der Politik, speziell der Propaganda eine maßgebliche Rolle spielen.
Mit großem Interesse las ich Eva Illouz Buch über „undemokratische Emotionen“ (1). Im Kern geht es um „Angst“, „Abscheu“, „Ressentiment“ und „Liebe“. Sie fragt und analysiert, wie mit diesen Emotionen oder Gefühlskonglomeraten speziell autoritäre politische Akteure und Systeme arbeiten, um die „Massen“ für deren reaktionäre Agendas zu begeistern. Ein plausibler Ansatz. Denn gerne denken wir das Politische mit dem Kopf, meinen unsere rationalen Schlüsse sind klar und logisch. Beruhen auf Fakten. Oder noch schlimmer „Wahrheiten“. Blind wie Maulwürfe, die unter der Erde das stahlende Licht der Sonne zu sehen vermeinen. Die meisten Handlungen und Gedanken werden uns hingegen wie vom Wind getriebene Wolken zugetragen. Dann erschrecken wir vom Donner des Krieges, dem Nebel dumpfer Angstgefühle vor dem apokalyptischen Szenario des Klimawandels oder träumen voller Hoffnung von einer sonnig luftigen Utopie.
Ja, nicht auf den „kleine Vernunft“ sollten wir hören, sondern auf das oft chaotische Grummeln und Jauchzen der Großen (vgl. Nietzsche: „Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in deiner besten Weisheit.“(2)).
Sollte nicht die erste Frage sein, warum ich politisch geworden bin? Was die Wurzel meiner Gedanken ist? Die Ursache ist sicher nicht im rationalen Urteilen zu finden. Mir fallen dazu fast nur Bilder und Empfindungen ein, die meine „politischen“ Emotionen getriggert, mich aktiviert haben. Der Trauer über das Leid der ungerecht behandelten. Das wütende Unverständnis, als ich, noch Kind, die verstörenden Bilder des Vietnamkrieges oder der Wirkung von Atombomben im Fernsehen sah. Ich verstand sie nicht, doch sie verunsicherten mich zutiefst. Eine tiefe, abgründige Angst vor explodierenden Atomkraftwerken und menschenvernichtenden Bomben folgte. Es formten sich Gedanken und Fragen, warum es dies und anderes gruseliges gibt; wie z.B. Grenzen, die ich als einschränkende Beklemmungen erlebte; oder Hunger formuliert in ausgemergelten Kindern… und vieles mehr. Aus diesen dumpfen Gefühlen, Stichen um die Herzgegend, kreisenden Dunkelwolken beim Einschlafen, formten sich Fragen. Fragen, in Worte gekleidet für Eindrücke, die an sich unaussprechlich scheinen.
Als ich aufwuchs, waren dann die Antworten da. In Form „wissenschaftlicher Pamphlete“, die emotionslos Emotionen benutzten, um kalte materialistische Politik in mich einzupflanzen. Sie vermeinten, alles zu erklären, bis hin zum Liebes- und Beziehungsleben. Wie in der Bibel (oder der Mao Bibel) wurden aus dem Donner der Blitze am Berge Sinai Verhaltensregeln in Worte gefasst. Doch was sind Worte? Leere, armselige Reduktionen und Verdrängungen der Gefühle auf scheinbar klare, logische Begriffe. Imperative. Mag die Mathematik mit Zeichen-Logik funktionieren. Wir Menschen operieren nicht nach Formeln, wie Maschinen. Wir denken aus dem Bauch heraus. Emotionen dringen in und zwischen jedes Wort, jeden noch so logischen und vernünftigen Satz. Selbst Mathematiker bekommen bei einer „sexy“ Formel feuchte Hände. Selbst das Wort „Baum“ mit seinen tausenden von Konnotationen, Mitbedeutungen, wird nur gefühlt. Es steht für Klimawandel, Heimat, Schönheit, Jahreszeit… Der romantische Baum der Dichter oder die Baum-Maschine, die als Wissenschafts- und Wirtschaftsprodukt da steht und berechenbarer Teil des CO2 Kreislaufes wird. Oder der, den wir sprachlos in seiner komplexen Schönheit betrachten.
Was zeigt uns dies? Ganz einfach – auf die „große Vernunft“ und ihre Äußerungen ohne Worte hören, sie zulassen, das Unscharfe, das Ungefähre ertragen. Dann lernen wir schnell, dass es gerade im Politischen darum geht, jenseits von Gut und Böse zu denken. Auf die innere Stimme zu hören. Die, die nicht in Worten spricht. Die Liebe genießen, sie vor dem Missbrauch der Wortverdreher schützen, die von einer „Liebe“ zu abstraktem Blödsinn wie der „Nation“ sprechen. Nur so können wir die Liebe zur „Heimat“, dem „heimeligen“ dem „Gewöhnlichen“ – auch vor linker – Bodenlosigkeit retten. Und vor all den Angstmachern, Hetzern und Propheten falscher Liebe. Mögen sie mit noch so rationalen Worten und dicken Büchern daherkommen. Immer fragen, „warum denke ich so?“. So schwierig. Ein fühldenken zwischen den Worten.

(1) Illouz, E. (2023) Undemokratische Emotionen. Suhrkamp, Frankfurt am Main

(2)Vgl. Nietzsche, F. (1883) Also sprach Zarathustra I, von den Verächtern des Leibes. In: Colli, G., Montinari, M. (1999) kritische Studienausgabe. DTV, München S. 39