Der Magen zieht sich zusammen, das Herz pockert, Schweiß bricht aus… im Darmbereich grummelt es… die Stimmung ist niedergeschlagen – oder hochjubelnd. Ein gefühltes Auf und Ab, Hin und Her, ein Dazwischen, schwebend, schwellend, abklingend. Hektisches Handeln bis zur hilflosen Erstarrung. Emotionen können uns in einem eisenharten Griff einschnüren, lähmen, gefrieren lassen oder zu impulsiven Handlungen verführen. Explodieren. Sie lagern sich in und über Stimmungen, durchdringen und beeinflussen diese. Ein fast unkontrollierbarer Mix, erzeugt von Hormonen und feuernden Neuronen – vom Kopf bis zu den Millionen, die sich um unseren Darm schlingen, das sogenannte Bauchgefühl triggern. Gefühlszustände, die in der Politik, speziell der Propaganda eine maßgebliche Rolle spielen.
Mit großem Interesse las ich Eva Illouz Buch über „undemokratische Emotionen“ (1). Im Kern geht es um „Angst“, „Abscheu“, „Ressentiment“ und „Liebe“. Sie fragt und analysiert, wie mit diesen Emotionen oder Gefühlskonglomeraten speziell autoritäre politische Akteure und Systeme arbeiten, um die „Massen“ für deren reaktionäre Agendas zu begeistern. Ein plausibler Ansatz. Denn gerne denken wir das Politische mit dem Kopf, meinen unsere rationalen Schlüsse sind klar und logisch. Beruhen auf Fakten. Oder noch schlimmer „Wahrheiten“. Blind wie Maulwürfe, die unter der Erde das stahlende Licht der Sonne zu sehen vermeinen. Die meisten Handlungen und Gedanken werden uns hingegen wie vom Wind getriebene Wolken zugetragen. Dann erschrecken wir vom Donner des Krieges, dem Nebel dumpfer Angstgefühle vor dem apokalyptischen Szenario des Klimawandels oder träumen voller Hoffnung von einer sonnig luftigen Utopie.
Ja, nicht auf den „kleine Vernunft“ sollten wir hören, sondern auf das oft chaotische Grummeln und Jauchzen der Großen (vgl. Nietzsche: „Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in deiner besten Weisheit.“(2)).
Sollte nicht die erste Frage sein, warum ich politisch geworden bin? Was die Wurzel meiner Gedanken ist? Die Ursache ist sicher nicht im rationalen Urteilen zu finden. Mir fallen dazu fast nur Bilder und Empfindungen ein, die meine „politischen“ Emotionen getriggert, mich aktiviert haben. Der Trauer über das Leid der ungerecht behandelten. Das wütende Unverständnis, als ich, noch Kind, die verstörenden Bilder des Vietnamkrieges oder der Wirkung von Atombomben im Fernsehen sah. Ich verstand sie nicht, doch sie verunsicherten mich zutiefst. Eine tiefe, abgründige Angst vor explodierenden Atomkraftwerken und menschenvernichtenden Bomben folgte. Es formten sich Gedanken und Fragen, warum es dies und anderes gruseliges gibt; wie z.B. Grenzen, die ich als einschränkende Beklemmungen erlebte; oder Hunger formuliert in ausgemergelten Kindern… und vieles mehr. Aus diesen dumpfen Gefühlen, Stichen um die Herzgegend, kreisenden Dunkelwolken beim Einschlafen, formten sich Fragen. Fragen, in Worte gekleidet für Eindrücke, die an sich unaussprechlich scheinen.
Als ich aufwuchs, waren dann die Antworten da. In Form „wissenschaftlicher Pamphlete“, die emotionslos Emotionen benutzten, um kalte materialistische Politik in mich einzupflanzen. Sie vermeinten, alles zu erklären, bis hin zum Liebes- und Beziehungsleben. Wie in der Bibel (oder der Mao Bibel) wurden aus dem Donner der Blitze am Berge Sinai Verhaltensregeln in Worte gefasst. Doch was sind Worte? Leere, armselige Reduktionen und Verdrängungen der Gefühle auf scheinbar klare, logische Begriffe. Imperative. Mag die Mathematik mit Zeichen-Logik funktionieren. Wir Menschen operieren nicht nach Formeln, wie Maschinen. Wir denken aus dem Bauch heraus. Emotionen dringen in und zwischen jedes Wort, jeden noch so logischen und vernünftigen Satz. Selbst Mathematiker bekommen bei einer „sexy“ Formel feuchte Hände. Selbst das Wort „Baum“ mit seinen tausenden von Konnotationen, Mitbedeutungen, wird nur gefühlt. Es steht für Klimawandel, Heimat, Schönheit, Jahreszeit… Der romantische Baum der Dichter oder die Baum-Maschine, die als Wissenschafts- und Wirtschaftsprodukt da steht und berechenbarer Teil des CO2 Kreislaufes wird. Oder der, den wir sprachlos in seiner komplexen Schönheit betrachten.
Was zeigt uns dies? Ganz einfach – auf die „große Vernunft“ und ihre Äußerungen ohne Worte hören, sie zulassen, das Unscharfe, das Ungefähre ertragen. Dann lernen wir schnell, dass es gerade im Politischen darum geht, jenseits von Gut und Böse zu denken. Auf die innere Stimme zu hören. Die, die nicht in Worten spricht. Die Liebe genießen, sie vor dem Missbrauch der Wortverdreher schützen, die von einer „Liebe“ zu abstraktem Blödsinn wie der „Nation“ sprechen. Nur so können wir die Liebe zur „Heimat“, dem „heimeligen“ dem „Gewöhnlichen“ – auch vor linker – Bodenlosigkeit retten. Und vor all den Angstmachern, Hetzern und Propheten falscher Liebe. Mögen sie mit noch so rationalen Worten und dicken Büchern daherkommen. Immer fragen, „warum denke ich so?“. So schwierig. Ein fühldenken zwischen den Worten.
(1) Illouz, E. (2023) Undemokratische Emotionen. Suhrkamp, Frankfurt am Main
(2)Vgl. Nietzsche, F. (1883) Also sprach Zarathustra I, von den Verächtern des Leibes. In: Colli, G., Montinari, M. (1999) kritische Studienausgabe. DTV, München S. 39