Sinn und Glück

Am Ende eines Aufsatzes über den „Sinn des Lebens“ im Zeitmagazin vom 16.12.21 steht als letzter Satz folgendes zu lesen: „Glück, das ist nur ein flüchtiger Moment. Der Sinn bleibt.“ Zuvor wurde Adam Kaplin mit folgenden Worten zitiert: „Es ist nicht das Hauptanliegen des Menschen, Freude zu erreichen oder Schmerz zu verhindern, sondern in seinem Leben einen Sinn zu sehen.“
Ich halte diese Aussagen für sehr gewagt. Gerade in Bezug auf den zeitlichen Aspekt. Generell mag das Problem darin liegen, dass die Begriffe „Sinn“ und „Glück“ einen immens weiten Interpretationsspielraum ermöglichen. Wahrscheinlich gibt es für jeden der über 8 Milliarden Menschen auf dieser Welt eine eigenste, individuelle Auffassung davon, was Sinn bzw. Glück für diese bedeuten. Eine eigenste Sichtweise darauf, ob auf der einen Seite der sinnvolle Moment oder das kleine Glück gemeint ist, oder so etwas bedeutendes wie der Lebenssinn bzw. die Frage nach dem glücklichen Leben.
Interessant ist hier die Betrachtung vom Verhältnis der begrifflichen zur emotionalen Ebene. Sinn ist nach meinem Verständnis zunächst auf die biologische „Sinneswahrnehmung“ und deren begrifflichen Wahrheitsgehalt („das macht Sinn“) bezogen. Sie steht der eher diffusen, emotionalen Ebene des Glücks-“gefühls“ gegenüber. Schon hier sind die Übergänge recht unscharf. Alleine deshalb, weil jede sinnfällige Entscheidungsmöglichkeit, wenn auch indirekt, durch Emotionen mitgesteuert wird; jeder Sinneseindruck Emotionen hervorruft. Auf der anderen Seite wird die Suche nach Glück oft rational begründet und betrieben.
Mir deucht, hier gibt es noch viel nachzudenken, zu „sinnieren“. Entlang Jahrtausende währender Denktraditionen und geübter Praxis. Bis sich (für mich) ein Sinn ergibt. Ein Sinn, der gefühlt werden kann und einen Weg zum anhaltenden Glück zeigt. Erst einmal ist dieser für jeden Menschen individuell, wie es Aristoteles in der Nikomachischen Ethik schon schrieb. Sie beginnt ja auch mit einer Diskussion der Glückseligkeit (εὐδαιμονία), versucht, deren Prinzipien zu ergründen. Wobei der teleologische (telos-Ziel) Ansatz nur ein Ansatz unter vielen sein kann.
„Da der Ziele zweifellos viele sind und wir derer manche nur wegen anderer Ziele wollen, z.B. Reichtum, Flöten und überhaupt Werkzeuge, so leuchtet ein, daß sie nicht alle Endziele sind, während doch das höchste Gut ein Endziel und etwas vollendetes sein muß.“ (Aristoteles, Nikomachische Ethik 1097a (27))

Kaltes Glück

Die nordische Luft ist kalt und schneidend. Hagelkörner verweilen im welken Wintergrass. Auf dem kleinen Teich glitzert die wärmende Wintersonne. Ein paar Vögel rufen dann und wann in unverständlicher Sprache. Der werkende Hammer hallt an einer entfernten Häuserfront. Störend. Im Rhythmus seiner Schläge dringt die Kühle der toten Arbeit in das kleine Winterglück ein, durchschneidet als hallender Lärm die Ruhe. Die lebende Ruhe einer sich meldenden Tierwelt, die Ruhe des Rauschens und Knackens, Prickelns und Piepens. Die Ruhe des entspannten Atmens in der frischen Luft, des Blutes, welches uns langsam pulsierend durchströmt. Eine lebendige Ruhe, die inneren Frieden gibt.


Denken die vorbeieilenden Menschen über solche Ruhe, solches Glück nach? Sind sie nur Getriebene? Verhämmern, verquasseln, verträumen, verkonsumieren sie ihre begrenzten Lebens-Momente? Fragen sie sich, was Glück bedeutet? Und ich meine hier nicht das kurze Glück durch Effekt. Ich meine die Frage nach Zufriedenheit, Gelassenheit, Gleichmut, Seelenruhe, inneren Frieden, Ataraxie, Sukha… Der Zustand, für den es in 1000 Sprachen noch viel mehr Worte gibt (1). Ein Zustand der im Inneren von uns allen walten. Ein Zustand, der durch nichts Äußeres erzeugt werden kann. Der nicht zu beschreiben und schon gar nicht durch Schalten und Walten zu erwerben ist.
Manchmal kommt er. Manchmal bleibt er. Manchmal entgleitet er, ist nicht zu fassen. Wenn er da ist, ist er da. Welch eine wunderbare Präsenz. Oft kaum wahrnehmbar, hinter einer Wand aus zuckenden Gedanken und Emotionen versteckt. Immer da. Es gibt da die schöne Ozean-Metapher. Die dünne Schicht der bewegten, zuweilen tosenden Wellen auf der Oberfläche des Meeres, berühren den Ozean kaum. Still schweigt er in seiner Tiefe.

(1) Zum „Glücksbegriff“ gibt es noch viel zu denken, zu sagen, oder vielleicht doch besser zu schweigen. Er möchte erlebt, gelebt werden.

Planung

Immer wieder fragen und fragten mich liebe Menschen, was ich im „Sabbatical“ so plane. Zumeist antworte ich, das ist nicht „planbar“ oder „ich will nicht planen“. Mit gutem Grund. Die Auszeit muss sich dem Planenden entziehen, soweit es geht. Es geht darum sich der Berechenbarkeit zu entziehen. Einer planenden Berechenbarkeit, die sich u.A. in den Mails, die ich aus der Arbeitswelt bekomme, zeigt. Zumeist geht es Finanzplanung, Stundenplanung, Studienplanung, Zukunftsplanung und Ähnliches …
Überall wird nach Plänen gerufen. Viele Menschen haben Pläne für das neue Jahr, neue Vorsätze. Ja, – Pläne werden heutzutage „voraus-“ und was noch schlimmer ist „vor“ gesetzt. Als wenn sie uns den rechten Weg weisen würden. Sie uns von dieser oder jener Unwägbarkeit befreien, retten könnten. Im Gegenteil, durch den wirren Blick auf Ziele, Schritte, Tabellen, Raster, Charts etc. wird das Wesentliche vergessen, gar verdeckt. Blind wird den „Vor-“gaben gefolgt, die irgendwo von irgendwem in hektischem Treiben ersonnen wurden. Oft ohne von der Materie Ahnung zu haben, in der trügerischen Hoffnung, alle Möglichkeiten mit „eingeplant“ zu haben. Pläne erzeugen das trügerische Gefühl, alles im Griff zu haben. Bis zum bösen Erwachen, wie so schön gesagt wird (man denke nur an die Finanzplanungen überall, die nicht selten vor Abschluss der Planung schon aus dem Ruder laufen – auch an den Hochschulen. Oder die Studienplanung, die auf individuelle Lernwege, Fähigkeiten und Bedürfnisse kaum Rücksicht nimmt…oder die Unplanbarkeit in Zeiten des Viruses).
Sicher, gewisse „Marker“ im Fortschreiten von Projekten, des Lebens, des Alltags sind nicht falsch. Doch Entwicklungsschritte kommen im Normalfall von selber. Solange das Leben nicht an der Planmaschine ausgerichtet wird. Die Füße gehen. Der Magen meldet sich, wenn er Hunger hat. Der Körper fordert Ruhe, wenn er ermüdet. Der Geist fordert Nahrung, wenn er wach und neugierig in die Welt blickt. Dinge begegnen uns, wenn sie uns begegnen. Doch oft wird auf die Natur der Dinge, nicht gehört. Weil es anders geplant wurde. Der moderne Mensch erscheint taub für das Sein und dessen geheimnisvolle Strukturen.
Viel angenehmer und schlauer deucht es mir daher, über Strukturen nachzudenken. Strukturen, die sich aus einer leeren Ebene („plan“), einem offenen Platz bzw. Zeit-Raum, ergeben. Fußabdrücke zeichnen sich im Werden ab. Strukturen entstehen im Jetzt. So wie sie auch wieder vergehen. Wie die Wellen, die der Wind in den Sand formt – um vom Wind wieder verweht zu werden; Strukturen, wie der sich immer verschiebende Sonnenaufgang; Strukturen, die der Körper in seinen Zyklen zwischen Leben und Tod vorgibt. Sie entstehen vorerst aus sich selber. Sie sind da. Oft bleiben sie unsichtbar, ohne in ihrer Vergänglichkeit benannt, bezeichnet zu werden. Sie melden sich gerne zaghaft, nicht selten „ungefähr“. Oft sind sie schwer erkennbar. Gerne, wenn wir sie erkennen lernen, beobachten, wachsen sie, werden klar, sichtbar. Nicht selten geben sie sich dann fordernd. Wir müssen uns nur für sie öffnen. Dann ist es möglich diese, ihnen folgend, zu bestärken. Ohne Plan bekommt ein Tag, eine Tätigkeit dann plötzlich eine klar erkennbare Struktur. Eine Struktur, die guttut, mit der wir mitfließen können. In ihrer eigenen, unserer Dauer.
Sicherlich liegt das Problem darin, dass alle Menschen unterschiedliche Strukturen haben. Zum Beispiel, wann sie konzentriert arbeiten können. Sicherlich gibt es viele Einflussfaktoren, die gewachsene Strukturen stören können. Doch zuerst müssen wir sie erkennen. Dann ist es möglich sie sanft nutzend, für uns und unsere Mitmenschen in Abstimmung zu synchronisieren. Dann können sie befriedigende Ereignisse erzeugen. Schöne Momente, Dinge, Begegnungen, Rituale, Tätigkeiten oder was auch immer…. Also alles, was wir anstreben.
Strukturen sind wichtig um uns vor der Beliebigkeit zu retten, die grundlegenden Bedürfnisse zu sichern und kommunikabel zu machen. Sie zu entdecken benötigt jedoch Aufmerksamkeit, eigenständiges Handeln, Willenskraft und Konzentration. Zudem die Bereitschaft, sich offen auf das Werden im Moment einzulassen. Aber bitte ohne Plan. Welch ein Traum in dieser verplanten Gesellschaft.

Vergehen

Die Tage verfliegen, wie die dunklen Wolken, die über den zu warmen Winterhimmel ziehen. Man hat das Gefühl, kaum setzte man am Morgen das ungeschützte Bein in das kühle Zimmer, verlässt das warme Bett, beginnt die Dämmerung. Ein Lehrstück für die Vergänglichkeit. Dann sind die Atemzüge (warum sprechen wir immer von Minuten?) zu schätzen, in denen wir denkend verweilen können. Genussvoller Schwermut, der von den wärmenden Strahlen der Sonne träumt.

In einer Welt, in der Wirre Gestalten die Atomkraft grün anstreichen wollen. Irgendwie wird die Menschheit es schon schaffen, sich hinzurichten. Leider erst dann werden die Egoisten und Narzisten, die Blinden und in der Folge die Menschheit begreifen, wie vergänglich sie sind. So vergänglich, belanglos und flüchtig, wie die ziehenden Wolken. Auch wenn sie im vergehenden Moment bedrohlich und düster erscheinen. Doch auch das geht vorbei. Jeder Schein verflüchtigt sich. Der Gedanke lässt ein Lächeln um meine Mundwinkel spielen. Behaglich lehne ich mich zurück in das gemütlich-warme Kissen und überlege, welches Buch ich zur Hand nehmen sollte.