Kultur

Gebrabbel und Geraschel, die Ungeduld hektischer Menschen, die sich nach Ruhe sehnen. Dann endlich, die Tür öffnet sich. Gedrängel, hektische Blicke, einige bleiben sitzen. Ich betrete durch die offene Pforte den fremdvertrauten Kulturraum.
In einem allumfassenden Schwall ergießt sich die warme, kerosinhaltige Luft in die Lungen, streichelt das Gesicht. Gleißendes Licht und ein heißer Wind auf dem ganzen Körper; angekommen. Jede Faser spürt, wie ein Seismograph die Erschütterungen der Erde, den neuen Ort, diese andere Kultur. Der schweifende Blick, nein, alle Sinneseindrücke bestätigen das Durchschreiten der Barriere. Rissiger Betonboden, das überall ein wenig schrabbelige Ambiente, die verlotterten Toiletten, die verblasste Werbung, das einst bewegliche Kunstwerk in seiner Erstarrung. Schlurfende Geräusche, südlicher Flughafengeruch, das Quietschen des Förderbands, müdes Gebrabbel. Alles transportiert präsente Erinnerung. Wie Prousts Madelaine. Der Hauch der Abgase trägt den frischen Geruch der Oliven in sich, der Maschendraht, der Boden mit den Ölflecken, das, an die Felsen klatschende Mittelmeer. Die kaputten und improvisierten Toiletten verweisen auf die heimelige Taverne (die mittlerweile wesentlich ansehnlichere Aborte vorzuweisen hat).
Einen ähnlichen Moment hatte ich, als ich nach 16 Jahren 1994 erneut in den USA, in San Francisco landete. Kaum verließ ich das Flugzeug, schon stellt sich, in der Zollkontrolle mit den Schnüffelhunden, das amerikanische Lebensgefühl ein, dass ich in den späten 70ern erfahren durfte. Das heißt, mein ganzer Körper wurde ergriffen, umschlungen wie von einem unsichtbaren Netz, dass sich seinen Weg bis ins innerste eines jeden Organs bahnt. Es ist unglaublich, auf wie vielen Wegen Kultur, von allen Poren geatmet, gelebt und letztendlich empfunden wird. Das Denken geschieht am Rande, dem Gefühl folgend. Dabei wird klar, dass das begriffliche Fassen von Kultur die schwerere Aufgabe darstellt. Jedes gesprochene Wort in der Landessprache fühlt sich so unglaublich anders an, als der gleich-ähnliche Begriff in der gewohnten Heimatsprache. Umso irritierender das emotionale Ping-Pong, wenn ich an vertraute Kulturen denke. Wenn auch, mit der Zeit, diese Empfindung zu verblassen scheinen. Als ich in San Francisco landete, ergoss sich erneut alles über mich, wie eine heißen Dusche. Mich umhüllend, wurde es wieder präsent; mein „amerikanisches“ Gefühl. Ungeachtet dessen, dass ich vorher nie an der Westküste den Fuß auf fremden Boden setzte, sondern in New England gelebt, nur die Ostküste bis Florida und ein wenig den mittleren Nordwesten bereist hatte. Ein gänzlich anderer Kulturraum.
So wie jede fremde Kultur, spürt sich Heimat an. In tausend Ringen, die wir zumeist kaum bemerken, umschließt sie uns. Schon das eigene Zuhause hat einen unvergleichlichen Geruch von Heimeligkeit. Es verströmt seine eigene Atmosphäre. Der Besuch bei „Fremden“, seien es noch so gute Freunde, führt in eine unbekannte, sich ungewohnt fühlende Welt. Die Bilder, der Odeur der Wohnung, die Möbel und Durchblicke; ein freudig erwartendes Lächeln, eine Handbewegung, eine Berührung laden und führen ein. Wie der sanfte warme Luftzug am südlichen Airport, der einen an einen zugleich heimeligen und fremden Bereich zieht.
Kultur durchdringt alle Sinne, durchsetzt jeden Menschen wie Wasser den Körper. In ihr wachsen Sym- und Antipathie, neugierige Anziehung und spontane Ablehnung. Neugier gehört zum Menschen, wie auch die Abstoßung, wenn etwas zu fremd ist. Schnell wird das Ungewohnte, ungewöhnliche, gar unheimlich; es sei denn wir versuchen, mit offenem Herzen einzutauchen; klappt jedoch nicht immer. Kultur ist die Grundlagen von Beziehungen, das Gerüst, um das unsere soziale Struktur herum fühl- und erlebbar wird. An den Grenzen, in Ausnahmesituationen macht sie die Beziehungsweisen sichtbar. Wie die Dynamik eines Musik-Ereignisses, zieht sie uns mit allen Poren des Körpers in ihren Bann – oder stößt uns ab, sobald sich auf Grund von Missklängen die Zehennägel hochrollen. In uns erstarrt etwas, lehnt ab, während um uns die Begeisterung tobt. Dabei spielt nicht nur das musikalische Erlebnis eine Rolle. Die Bewegungen, die Dynamik der Menschen, ihre Kleidung, ihre Haartracht, ihr Gesichtsausdruck, ihr Schmuck, ihre Symbole, Gesten und Blicke können zutiefst befremdlich wirken. Wie der abstoßende Geruch einer unheimlichen Wohnung – oder einladend.
Genauso wie wir in Kultur aufwachsen, kultiviert werden, machen wir Kultur, werden immer wieder andere Kultur. Sind Bauern auf dem Acker, legen Kulturen an und aus, sammeln sie ein. Manchmal bekämpfen wir das, was wir als Unkraut bezeichnen, manchmal lassen wir es zum Teil der Kultur werden. Ein immer wieder auf sich bezogener Prozess, der sich permanent im Werden befindet. Wie die Strömungen und Genres in der Kunst und der Musik, die einer permanenten Evolution unterworfen sind. Co-Evolution der Musikstile mit anderen Kulturen, wie Tanzformen, nativen Ritualen oder rituellen Befindlichkeiten. Kultur wuchert. Jeder Versuch, sie festzustellen scheitert, denn sie ist wie unser Körper in beständigem Entstehen und Vergehen, auf Gedeih und Verderb mit ihm verbunden.

Rede und Meinung

Die Vier rechten Anstrengungen

„Die Vier rechten Anstrengungen
Was ist aber, ihr Mönche, die heilige Wahrheit von dem zur Leidensauflösung führenden Pfade?

Dieser heilige achtfältige Weg ist es, der zur Leidensauflösung führende Pfad, nämlich: rechte Erkenntnis, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechte Tat, rechter Lebenserwerb, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit, rechte Sammlung.. –

Was ist nun, ihr Mönche, rechte Erkenntnis? Das Leiden kennen, ihr Mönche, die Entwicklung des Leidens kennen, die Auflösung des Leidens kennen, den zur Auflösung des Leidens führenden Pfad kennen: das nennt man, ihr Mönche, rechte Erkenntnis.
[…]
Was ist nun, ihr Mönche, rechte Rede? Lüge vermeiden, Verleumdung vermeiden, barsche Worte vermeiden, Geschwätz vermeiden das nennt man, ihr Mönche, rechte Rede.

Was ist nun, ihr Mönche, rechte Tat? Lebendiges umzubringen vermeiden, Nichtgegebenes zu nehmen vermeiden, Ausschweifung zu begehen vermeiden: das nennt man, ihr Mönche, rechte Tat.“ (1)

Seit den frühesten Tagen der Literatur, die zugleich als Philosophie begriffen werden kann, wird über die Sprache gesprochen. Sie kann Wahres bezeugen – jedoch auch von Falschem berichten (2). Die Griechen, wie schon Parmenides (3) unterschieden zwischen den „doxa“, den Meinungen und der Wahrheit, der „aletheia“. Letzterer Begriff ist bei Heidegger der Ort, in dem sich unsere Ek-sistenz lichtet. Der momentane Ort der „Unverborgenheit des Sein“ (4). Der Kegel des wandernden Scheinwerfers auf der Bühne des Lebens, der im Jetzt das flüchtige Sein im Da beleuchtet – bevor es im Strom der Zeit weiterwandert, sich das Sein erneut verdunkelt.
Ebenso fügen sich die Worte der Sprache, die Bilder und Symbole im Strom der Gedanken, die unser Sein ausdrücken zusammen. Kommen und vergehen in einem unendlichen Fluss. Was soll da diese Rede von ewigen Wahrheiten? Schon der Gerede von „Ich“ verflüssigt sich bei jedem Schritt. Wird immer wieder anders. Daher scheint es ratsam mit der Sprache, den Meinungen sorgsam umzugehen. Leidhafte Gedanken, böse Rede, dunkle Wahrheiten führen schnell zu schädlichem Handeln. Bringen Leid und Schmerz in die Welt.
Um dies zu vermeiden hilft ein konzentrierter, klarer Blick auf den nie versiegenden Gedankenstrom. Trainieren wir nicht nur unseren Körper und unseren Geist. Er benötigt tägliche Praxis in Willenskraft, Klarheit und Konzentration. Sie müssen geübt werden. Das Gegenprogramm zum Leid der gehetzten materiellen Welt, die uns mit ihren röhrenden Lautsprechern und verführerischen Bildern, einzig wahren Büchern der Religionen und Ideologien, „schnellen Schüssen ins Gehirn“ (5), fett gedruckten Imperativen und subtilen Messages immerfort vom Weg abbringt.

(1) Mahāsatipatthāna Sutta, Die Grundlagen der Achtsamkeit
https://www.palikanon.com/digha/d22.htm

(2) „Hirten der Flur, unnüz hinträumende, Bäuche nur einzig!
Wir verstehn viel Falsches, wie Wirklichem gleich zu verkünden;
Wir verstehn, wenn wir wollen, auch anzusagen die Wahrheit.“ Hesiod, Theogonie (ca. 700 v.Chr.) https://www.projekt-gutenberg.org/hesiod/theogon/theogon.html

(3) Parmenides von Elea, Fragmente (http://www.zeno.org/Philosophie/M/Parmenides+aus+Elea/Fragmente/Aus%3A+%C3%9Cber+die+Natur)

(4) vgl. Heidegger, M (1993) Sein und Zeit. Niemeier, Tübingen und spätere Aufsätze

(5) Kroeber-Riel, W (1996) Bildkommunikation.Vahlen, München S. 53

Schwach

Robert Pfallers Werke mögen gerne, wie auch die seines Denkfreundes Slavoj Žižek, in wärmerer Umgebung langsam verdaut werden. In südlichen Gefilden oder in der Badewanne. Sicherlich, das kleine Lächeln, wenn es schon wieder um das fremdbestimmte, individualisierte Subjekt geht, dem das gesellige Rauchen durch verinnerlichte, narzisstische neoliberale bzw. postmoderne Mindsets vergrämt wurde. Pfallers große Geschichte. Wie die des Materialismus.
Wirklich gefreut und zum Nachdenken angeregt hat mich sein Aufruf, wieder mehr Nietzsche zu lesen. Ein Aufruf an mein Ego sich mit der Vokabel „schwach“ auseinanderzusetzen. Es stellt die Frage nach dem Ressentiment: „Nietzsche hat gezeigt, dass Verlierer dazu tendieren, alles Siegreiche, Große grundsätzlich für Böse zu erklären und sich selbst damit selbstgefällig im Unglück zu verbarrikadieren […]. Die kritische Arbeit am Ressentiment, dem Hass auf das Glück, ist darum, Nietzsche zufolge, die entscheidende Leistung, die erbracht werden muss, damit jemals ein Glück erobert werden kann; damit also die Schwachen nicht beginnen, sich an ihrer Schwäche oder in ihrem Scheitern zu gefallen, umd man sich den eigenen Beuteverzicht nicht zur kritischen Gesinnung zurechtfaselt.“ (S. 87)
Ressentiment ist immer mit Besitz verbunden. Egal ob es sich um Dinge, Menschen oder Kultur handelt. Besitz ist nie ein noch so leises Geheul wert. Vermeintlicher Besitz, auch des eigenen Lebens, ist immer vergänglich. Eine einfache Erkenntnis, wie die, dass mit Besitz und Leben Leiden verbunden ist. Es geht nicht um Schwäche oder Stärke; das Gute oder Böse. Es geht um Überwinden. Ich mag den Übermenschen ja gerade deswegen, weil er zur (Selbst-) Überwindung aufruft. Zum (sich) erkennen wollen. Ein langer, gewundener, dunkler und morastiger Weg voller Tücken und Fallen. Aus diesem Grund schwächeln die Meisten, folgen blind den Irrlichtern – und gehen nicht selten unter. Sie versagen, weil es ihnen an Willenskraft, Konzentration und Bereitschaft zur stetigen Übung mangelt. Diese fordert Schritt für Schritt sorgsam zu setzen, manchmal den gleichen Weg mehrmals zu gehen.
Oder sie haben zu große Angst, sich der Vergänglichkeit zu stellen, die in allen Dingen und auch uns wohnt. Lassen wir also den Quatsch mit dem Ressentiment, und üben wir es, den Tag zu genießen, den Moment, unser Sein. In ihm ist nichts an sich „Gutes“ oder „Böses“, keine Moral oder Ideologie. Kein Ressentiment. Keine Metaphysik und auch kein Materialismus. Schwer zu lernen. Ich werde mich auch weiter mit dem Weg und diesen Moralen, dem von Pfaller und Han so verschmäten Narzissmus und Neoliberalismus, meiner geliebten Excel-Tabellenwelt auseinandersetzen müssen. Hoffentlich jedoch weniger und weniger, je weiter ich in der Selbst-Überwindung voranschreite. Ja, an Pfaller mag ich auch, dass er vieles, was ich im Lehrbetrieb erfahre, in dem es kein Studium und keine wirkliche Forschung mehr gibt, so schön auseinanderpflückt, zerreißt und beklagt. Heilige Hallen, voller Schwäche und Aufgabe an die Irrlichter, an das „das System“.
Nun denn, so ist es mit allen Schreibenden, die geschätzt werden. Sie formulieren in Teilen, was man denkt, manchmal nur spürt und erahnt. Ich danke Nietzsche, Pfaller, Lacan, Deleuze, Foucault, Han und und und… Verneigen tue ich mich vor dem Moment, den Thich Nath Hanh, Ayya Khema und meine Kyosanim und Meister*Innen mich zu lernen gelehrt haben. Den Pfad, Do zu gehen, Ki zu atmen. Wenn ich diesem Weg folge wird jede Schwäche zur Stärke. Alles wird im Sinne Nietzsches zu einem großen Ja! – im praktischen Werden.

Pfaller, R. (2015) Wofür es sich zu leben lohnt. Fischer (Sehr schätze ich auch sein Buch „Die Illusion der Anderen“)

Sinn und Glück

Am Ende eines Aufsatzes über den „Sinn des Lebens“ im Zeitmagazin vom 16.12.21 steht als letzter Satz folgendes zu lesen: „Glück, das ist nur ein flüchtiger Moment. Der Sinn bleibt.“ Zuvor wurde Adam Kaplin mit folgenden Worten zitiert: „Es ist nicht das Hauptanliegen des Menschen, Freude zu erreichen oder Schmerz zu verhindern, sondern in seinem Leben einen Sinn zu sehen.“
Ich halte diese Aussagen für sehr gewagt. Gerade in Bezug auf den zeitlichen Aspekt. Generell mag das Problem darin liegen, dass die Begriffe „Sinn“ und „Glück“ einen immens weiten Interpretationsspielraum ermöglichen. Wahrscheinlich gibt es für jeden der über 8 Milliarden Menschen auf dieser Welt eine eigenste, individuelle Auffassung davon, was Sinn bzw. Glück für diese bedeuten. Eine eigenste Sichtweise darauf, ob auf der einen Seite der sinnvolle Moment oder das kleine Glück gemeint ist, oder so etwas bedeutendes wie der Lebenssinn bzw. die Frage nach dem glücklichen Leben.
Interessant ist hier die Betrachtung vom Verhältnis der begrifflichen zur emotionalen Ebene. Sinn ist nach meinem Verständnis zunächst auf die biologische „Sinneswahrnehmung“ und deren begrifflichen Wahrheitsgehalt („das macht Sinn“) bezogen. Sie steht der eher diffusen, emotionalen Ebene des Glücks-“gefühls“ gegenüber. Schon hier sind die Übergänge recht unscharf. Alleine deshalb, weil jede sinnfällige Entscheidungsmöglichkeit, wenn auch indirekt, durch Emotionen mitgesteuert wird; jeder Sinneseindruck Emotionen hervorruft. Auf der anderen Seite wird die Suche nach Glück oft rational begründet und betrieben.
Mir deucht, hier gibt es noch viel nachzudenken, zu „sinnieren“. Entlang Jahrtausende währender Denktraditionen und geübter Praxis. Bis sich (für mich) ein Sinn ergibt. Ein Sinn, der gefühlt werden kann und einen Weg zum anhaltenden Glück zeigt. Erst einmal ist dieser für jeden Menschen individuell, wie es Aristoteles in der Nikomachischen Ethik schon schrieb. Sie beginnt ja auch mit einer Diskussion der Glückseligkeit (εὐδαιμονία), versucht, deren Prinzipien zu ergründen. Wobei der teleologische (telos-Ziel) Ansatz nur ein Ansatz unter vielen sein kann.
„Da der Ziele zweifellos viele sind und wir derer manche nur wegen anderer Ziele wollen, z.B. Reichtum, Flöten und überhaupt Werkzeuge, so leuchtet ein, daß sie nicht alle Endziele sind, während doch das höchste Gut ein Endziel und etwas vollendetes sein muß.“ (Aristoteles, Nikomachische Ethik 1097a (27))