Robert Pfallers Werke mögen gerne, wie auch die seines Denkfreundes Slavoj Žižek, in wärmerer Umgebung langsam verdaut werden. In südlichen Gefilden oder in der Badewanne. Sicherlich, das kleine Lächeln, wenn es schon wieder um das fremdbestimmte, individualisierte Subjekt geht, dem das gesellige Rauchen durch verinnerlichte, narzisstische neoliberale bzw. postmoderne Mindsets vergrämt wurde. Pfallers große Geschichte. Wie die des Materialismus.
Wirklich gefreut und zum Nachdenken angeregt hat mich sein Aufruf, wieder mehr Nietzsche zu lesen. Ein Aufruf an mein Ego sich mit der Vokabel „schwach“ auseinanderzusetzen. Es stellt die Frage nach dem Ressentiment: „Nietzsche hat gezeigt, dass Verlierer dazu tendieren, alles Siegreiche, Große grundsätzlich für Böse zu erklären und sich selbst damit selbstgefällig im Unglück zu verbarrikadieren […]. Die kritische Arbeit am Ressentiment, dem Hass auf das Glück, ist darum, Nietzsche zufolge, die entscheidende Leistung, die erbracht werden muss, damit jemals ein Glück erobert werden kann; damit also die Schwachen nicht beginnen, sich an ihrer Schwäche oder in ihrem Scheitern zu gefallen, umd man sich den eigenen Beuteverzicht nicht zur kritischen Gesinnung zurechtfaselt.“ (S. 87)
Ressentiment ist immer mit Besitz verbunden. Egal ob es sich um Dinge, Menschen oder Kultur handelt. Besitz ist nie ein noch so leises Geheul wert. Vermeintlicher Besitz, auch des eigenen Lebens, ist immer vergänglich. Eine einfache Erkenntnis, wie die, dass mit Besitz und Leben Leiden verbunden ist. Es geht nicht um Schwäche oder Stärke; das Gute oder Böse. Es geht um Überwinden. Ich mag den Übermenschen ja gerade deswegen, weil er zur (Selbst-) Überwindung aufruft. Zum (sich) erkennen wollen. Ein langer, gewundener, dunkler und morastiger Weg voller Tücken und Fallen. Aus diesem Grund schwächeln die Meisten, folgen blind den Irrlichtern – und gehen nicht selten unter. Sie versagen, weil es ihnen an Willenskraft, Konzentration und Bereitschaft zur stetigen Übung mangelt. Diese fordert Schritt für Schritt sorgsam zu setzen, manchmal den gleichen Weg mehrmals zu gehen.
Oder sie haben zu große Angst, sich der Vergänglichkeit zu stellen, die in allen Dingen und auch uns wohnt. Lassen wir also den Quatsch mit dem Ressentiment, und üben wir es, den Tag zu genießen, den Moment, unser Sein. In ihm ist nichts an sich „Gutes“ oder „Böses“, keine Moral oder Ideologie. Kein Ressentiment. Keine Metaphysik und auch kein Materialismus. Schwer zu lernen. Ich werde mich auch weiter mit dem Weg und diesen Moralen, dem von Pfaller und Han so verschmäten Narzissmus und Neoliberalismus, meiner geliebten Excel-Tabellenwelt auseinandersetzen müssen. Hoffentlich jedoch weniger und weniger, je weiter ich in der Selbst-Überwindung voranschreite. Ja, an Pfaller mag ich auch, dass er vieles, was ich im Lehrbetrieb erfahre, in dem es kein Studium und keine wirkliche Forschung mehr gibt, so schön auseinanderpflückt, zerreißt und beklagt. Heilige Hallen, voller Schwäche und Aufgabe an die Irrlichter, an das „das System“.
Nun denn, so ist es mit allen Schreibenden, die geschätzt werden. Sie formulieren in Teilen, was man denkt, manchmal nur spürt und erahnt. Ich danke Nietzsche, Pfaller, Lacan, Deleuze, Foucault, Han und und und… Verneigen tue ich mich vor dem Moment, den Thich Nath Hanh, Ayya Khema und meine Kyosanim und Meister*Innen mich zu lernen gelehrt haben. Den Pfad, Do zu gehen, Ki zu atmen. Wenn ich diesem Weg folge wird jede Schwäche zur Stärke. Alles wird im Sinne Nietzsches zu einem großen Ja! – im praktischen Werden.
Pfaller, R. (2015) Wofür es sich zu leben lohnt. Fischer (Sehr schätze ich auch sein Buch „Die Illusion der Anderen“)