Identität

„Da, der Baum, da, der Ahorn, wie er in seinem hellgrünen, zarten Frühlingskleid in der Sonne strahlt!“ Ruft mein Geist. Der Baum, mein Geist, die Sonne, der Frühling – Identitäten. Im Moment klar und eindeutig identifizierbar. Eine Sekunde später schiebt sich eine Wolke über die Sonne. Ein neuer Gedanke formiert sich aus den Strömen der Wort- und Bilderwolken im Kopf; wird klar, verpufft, formt sich neu. Trotz des Waberns erscheint es leicht und simpel zu philosophieren. In einem Zug die alltägliche, nutzbringende Verfallenheit zu erfahren und im Gleichen zu erkennen, dass nichts so ist, oder besser bleibt, wie wir so gerne annehmen.
Pulsierend breitet sich die Welt von mir, dem Subjekt aus. Der Singularität, die ich bin. Sie verbindet, verteilt, saugt auf; kommt, erkennt, vergeht. Mal klarer, mal eher unscharf, ahnend. Klare Worte, deren Bedeutung nie vollständig fassbar ist. Verbunden mit schwebenden Atmosphären, Stimmungen, die wie ein sanfter, sonniger oder kalter Nebel durch mich hindurchziehen. Ich betrachte das Foto. Ja, das war ich einmal. Im Kopf habe ich ein anderes Bild, als das, was im Spiegel auftaucht. Scharf und dennoch verschwommen, als wenn der heiße Wasserdampf auf dem reflektierenden Glas alle Konturen zu verwischen meint.
Identitäten sind Vergänglichkeiten und Strohhalme zugleich. Wir klammern uns an sie. Saugen aus ihnen unsere Existenz. Vergehen mit ihnen. Die Plastikstrohhalme brauchen dazu länger als mein Leben währen wird.
Ich bin im Beat. Ich bin pulsierender Rhythmus, schwebende Sphäre. Ganz da und doch nirgends.
Ich fasse das Buch, blättere, Gedanken werden aus Buchstaben, Zeilen, Worten aufgesogen. Ich gleite durch den Text. Meine Interpretation vermischt sich mit dem Fluss der Sätze. Später verstaubt das Buch, genauso wie die gelesenen Inhalte. Irgendetwas bleibt hängen, verwurstet sich mit meinem ich, verschiebt, verstärkt, vermindert meine Sichten auf die sich drehende Welt. Sie dreht sich um mich, ich drehe mich mit ihr. Was habe ich gerade gelesen? Wie hat sich der Beat angefühlt? Was war das für ein schöner Blick? Was war das für eine wundervolle Begegnung, Berührung? Was ist jetzt?
Ich schreibe, währenddessen löse ich mich auf. Worte formen sich im Kopf, fließen in den Text, verknoten sich, die parallele Idee – verflüchtigt. Wo wollte ich hin? Was ein imaginäres Ziel, ein Ziel zu haben. Was für eine Illusion, etwas Festes zu sein. Seid! Der schwere Bass von Massive Attack löst die Gedanken ab. Die Platte, der Text sind da, aber verstummen zugleich. Die wärmende Maisonne scheint. Anders als eben.

Land

Altehrwürdige Balken mit güldenen, verschnörkelten Lettern. Jahreszahlen erzählen von vergangenen Geschlechtern, die mit der Scholle zutiefst verbunden waren. Alles ist fest in den Boden verankert, wie die Buchen und Eichen, die sich seit Jahrhunderten im Wind wiegen. Wir fahren über baumgesäumte Landstraßen, entlang von frisch gepflügten Feldern. Am Steuer ein 88-jähriger Bauernsohn: „Sie haben zu tief gepflügt, das ist nicht gut.“, sagt er. Wäre mir nie aufgefallen. Die Verbundenheit mit dem Boden, der Natur, den Zyklen, den Tieren spricht aus fast jedem seiner Worte. Er berichtet von der Zeit seines Vaters, dem Pflug und den Pferden, den Bauern, die beim Pflügen eingenickt sind; sie erwachten, als der Trecker über die Rüben des Nachbarn rumpelte. Manche sind wohl übermüdet in diesen oder jenen Bach geeiert. Nicht zu tief waren die alten Pflugspuren dann, sondern gebogen, ausbrechend.
Im Krieg wurde meine Mutter und ihre Geschwister auf den Geburtshof meiner Großmutter „verschickt“, damit die hungernden Stadtkinder aus dem Bombenhagel mal wieder „was ordentliches zu essen bekommen.“. Diese Gastfreundschaft und Herzlichkeit strahlt aus den Herzen der beiden Alten, deren Kraft aus der Scholle zu wachsen scheint. Aus jeder Pore spürt man die Verbundenheit mit der Natur. Konservatismus fühlt sich schön an, wenn sie über die moderne naturvergessende Agrarindustrie sprechen. Konservatismus, der zutiefst progressiv, welterhaltend klingt. Ich erinnere mich an den „Feldweg“ von Martin Heidegger. Sehe alte Eichen, die sich um Gehöfte, umgeben von knickbesäumten Wiesen und Ackerflächen scharen.
Im Dorf grüßt jeder jeden. Kurzer, knapper Augenkontakt, manchmal ein leichtes neugieriges Lächeln. Offen-reserviert. Der kläffende Hund hinter der Hecke wird zurückgerufen. Der dunkle Fleck auf der Wiese entpuppt sich als Bulle, als sich aus seinem Fell der breite Schädel erhebt. Myriaden von Vögeln zwitschern, schwatzen und krakelen in den alten Bäumen. Alles ist ein wenig heruntergekommen, bis auf den gepflegten Kirchplatz.
Im lärmenden Gedränge es Hauptbahnhofs hat mich die Stadt wieder…ein Teil meines Herzen ist reif fürs Land.

Begeisterung

Auf dem Plattenteller spielt „Perfect Coffee“ von Kae Tempest. Sanft schwebt der zuckerberieselte Milchschaum in meinem Becher, toppt den Kaffe. Ja, perfekt. Ein warmes Gefühl umschließt das Herz, welches sich nach der dynamisch-freudigen Bewegung langsam beruhigt. Zur Ruhe kommt, wie mein Kopf.… Ein warmer Schluck, fast heiß. Die Gedanken schweifen …zu den kahlen Bäumen, der harschigen, in die Tage gekommenen dünnen Schneedecke. Es ist kalt draußen. Die Meisen picken den ganzen Tag am bereitgestellten Futter. Selbst eine Amsel sitzt geplustert in der Hecke. Stippvisite des Rotkehlchens. Sie wärmen den Magen. Gegen die garstigen Außentemperaturen. Igelzeit bei -7 Grad. Der Himmel ist Grau, mein Bauch freut sich über die innere Gemütlichkeit.
Was ist der Unterschied zwischen Begeisterung und Zufriedenheit? Beides erfreut und scheint unbeständig, wie der sich verflüchtigende Schnee. Nur, dass die Begeisterung schneller verfließt. Zufriedenheit kann anhalten, langsam gemütlich, wohlfühlend durch den Körper treiben. Stimmung und Emotion, zwei miteinander spielende Zustände. Ewige Begeisterung wirkt auslaugend, fordert immer mehr, Konsum …sie verbraucht sich im Ereignis, im Spektakel, das eräugt und gefeiert wird. Bis es sich in kalter Alltagsluft auflöst. Es trägt nicht, wie dünnes Eis. Zufriedenheit sollte den Urgrund bilden. Sie ist gerne unbemerkt, schwebt unter der Begeisterung. Sie kommt und geht in Wellen, in immer neuen Kombinationen, die ihren Weg nach oben bahnen. Schön, wenn sie in ein ganzkörper-geistliges Gefühl münden. Permanentes Werden. „Perfect Coffe“, von Kate Tempest hat einen melancholischen Unterton. Ein trauriges Bild der Gentrifizierung, die mit ihren Coffe Shops über gewachsene Nachbarschaften herfällt, sie zerstört. Nach wie vor begeistert mich der Song, speziell, als ich den Schluck Kaffe zu mir nehme. Begeisterung, gemischt mit einer gewissen Traurigkeit. Dann macht sich Zufriedenheit breit. Sie will genährt werden, Wenn der Kaffe alle ist, werde ich mich aufs Kissen setzen. Atmen.

Das Denk-Bild

„Nicht der Privatmann[particulier] mit gutem Willen und naturwüchsigem Denkvermögen, sondern ein Einzelner[singulier] voll bösen Willens, dem das Denken mißlingt, in der Natur ebenso wie im Begriff. Er alleine ist ohne Voraussetzungen. Er alleine beginnt wirklich und wiederholt wirklich. Und für ihn sind die subjektiven Voraussetzungen ebenso Vorurteile wie die objektiven, sind Eudoxus und Episemon ein und derselben Betrüger, dem man zu mißtrauen hat.“ (1)

Fest hängt es im Rahmen, oder besser – es ist mit hartnäckiger, wetterfester Farbe auf beständigen Beton gemalt. Unverrückbar, zementiert. Mit Mühe und Zeit bringen meine trägen Gedanken es in Bewegung. Eine leichte Verschiebung ist zu verspüren, kaum bemerkbar. Es scheint nach wie vor an der gleichen Stelle zu kleben; Sisyphos. Doch der war in wiederholender Bewegung. Der Kampf darum, alte, festgefahrene Bilder aus dem Kopf zu bekommen ist härter, als ich dachte. Wie viele Jahre schon lese ich Deleuze? …seit dem Studium. Das Rhizom als Metapher für die neuen Medien habe ich verinnerlicht. Bewegliche Konnektivität mit volatilen Knoten. Nichts ist fest. Mit der Ideologiekritik der „Post-Strukturalisten“, die keine sind, habe ich Rhizom gemacht. Doch immer wieder verfalle ich in die alten, platonistischen Schemata; kriecht das gefrorene „ich denke also BIN ich“ in meinen Kopf. Feste Objekten und Bilder haben sich über Jahrzehnte festgefräst. Das „Werden“, die „Unbeständigkeit“ die ich meine durch die Nietzsche Lektüre und Meditation verinnerlicht zu haben, werden vernachlässigt, unterdrückt, vergessen. Sie sind so schwer fassbar, nicht fest zu halten. Ein Illusion, es zu wünschen. Tief sind die Spurrillen des „Identitäts-Dekens“ in meine Denkwege eingekerbt. Schwere Wagen der westlichen Denktradition haben ihre Rillen durch Erziehung, Schule, Ausbildung und Ideologie-Bombardement fest eingegraben.
Eine Deterritorialisierung, ein Ausbrechen zu neuen Denkhorizonten muss immer aufs Neue geübt, trainiert werden. Über den Rand kommen, ausbrechen, bösen Willen üben. Umwertung aller Werte, ohne sich zu verlieren, ist Programm. Ewiger Ikonoklasmus.

(1) Deleuze, G. (1992) Differenz und Wiederholung. Fink, München S. 171

Zufriedenheit

„Alles spricht den Verzicht in das Selbe. Der Verzicht nimmt nicht, der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen. Der Zuspruch mach heimisch in einer langen Herkunft.“ (1)

Banal klingt das Wort in meinen Ohren. Hallt sanft nach. Begleitet vom Bild einer Katze, die zusammengerollt und fellgewärmt an einem kuscheligen Ort vor sich hindöst. Ihr Maul scheint leicht entspannt zu lächeln. Langsame, erste, zaghafte Bewegungen in den Pfoten; der Kopf hebt sich; ein herzhaftes Gähnen. Sie streckt ihren Körper in die Länge. Zufriedenheit. Ich habe oft das Gefühl, dass dieses Wort bei uns Menschen wenn, dann als Worthülse zirkuliert. Gerade um die Weihnachtszeit. Im Gerenne und Herumwimmeln, den hektischen Umtrieben im Namen der Stille ist nichts von ihr zu spüren. Alles erscheint als ein ausgelaugtes Hinterherhecheln auf der Suche nach der, durch blendende Plakate und Spots propagierten „Besinnlichkeit“. Sie scheint sich hinter buntem Geglitzer und Geklingel zu verstecken. Zufriedenheit.
Eine ruhige, „sinnliche“ Einkehr in sich selbst und die Gemeinschaft sind die Voraussetzungen dafür, im Frieden mit sich und der Welt sein zu können. Doch das verlorene, nach außen gerichtete Rasen, gibt keinen Raum, keine Zeit. Es materialisiert sich in bunten Haufen, genannt Geschenke. Sie harren im Gedrängel gekauft oder bestellt unter dem Weihnachtsbaum. Zwischen Kochtopf und Glühwein drehen sich einmal im Jahr viele Menschen um sich selbst wie durchgeknallte Kreisel. Sie strömen ungläubig in die Kirche, um dann von einer Völlerei zur nächsten zu hetzen. Selten ist „Besinnlichkeit“, „Frieden“ oder gar „Zufriedenheit“ zu spüren. Die erstrebte „Zufriedenheit“, mit Ruhe, tiefer, innerer Ruhe verbunden, ist kaum zu vernehmen. Wo sind Stillstand und angenehme Leere? Wu Wei…
Ein Zustand, der nur aufkommen kann, wenn die Grundbedürfnisse nach existentieller Wärme, Nahrung und Liebe erfüllt sind. Jeder Schritt über das nötige Maß des Genusses hinaus triggert statt Zufriedenheit Leiden, vertreibt den Frieden. Wie beim rumorenden Gedärm, dass durch zu viel und zu fettiges Essen einen unruhigen Schlaf hervorruft. Sicher, vollgefressen, dauergetrieben und überinformiert zu sein wird erlernt. Bilder der Völlerei und des Konsums bombardieren uns nicht nur durch die Werbung. Alles spricht zu uns: „das braucht man.“ Schon ab September kommen wir nicht an den sich uns aufdrängenden Weihnachtsartikeln, die jeden Weg im Supermarkt quasi versperren, vorbei. Es ist kaum möglich damit umzugehen (sie zu umgehen). Unzufrieden fühlt man sich wie eine an sich satte Maus beim Blick auf den verlockenden Käse. Nicht selten treib einen die Gier, begleitet vom reflexartigen Herdendenken in die Falle. Der Verstand sucht das Weite, verdrängt, baut fragile Begründungen aus, betrügt sich mit Ausreden. Umso schwerer fällt der Verzicht, wenn wir, entfernt von uns selbst, nicht gut drauf, unzufrieden sind. Wenn innerer Frieden durch Krisen, Überforderung durch die Glitzerwelt, Sparzwänge und andere medial vermittelte Ängste, von denen wir meinen sie entstehen nur in uns, wie das natürliche Hungergefühl, bedroht wird.
Schon meldet sich ein dumpfes Gefühl. Es suggeriert, dass Verzicht „ertragen“ werden muss, da er ja Leiden erzeugt. Ein Nachdenken oder gar verzichtendes Handeln wird schnell als lästig oder zu schmerzvoll, als die wirkliche Last empfunden. Kein Wunder, dass „Resilienz“, (das Aushalten, Ertragen) eines der aktuellen Modewörter ist. Wenn man auf Bestsellerlisten in den Bereichen Philosophie und Beratung schaut, stehen die Stoiker wie Marc Aurel (2) als deren prominentester Vertreter, weit oben. Doch all diese Ratgeber und Werke, Konsumprodukte und Konsumersatz zugleich, verstauben ungelesenes, totes Papier in den Regalen. Beiseitegelegt als Metapher für Verdrängung und Ablenkung. Der Stoa-Ratgeber unter dem Weihnachtsbaum ist demnach eine ebenso sinnlose, konsumierbare Kuriosität wie die nächste Fressattacke.
Es mag ja helfen, Tagebuch zu führen, wie Marc Aurel, um die Apathie, das große Ziel der Stoa zu erreichen; sich dadurch seiner Gier zu vergewissern, um diese im Zaum zu halten. Eine Bewegung hin zur Askese. Doch stellt diese zufrieden? Reicht es, heute ein bisschen weniger Wurst zu essen, dort auf ein Aperölchen zu verzichten? Um dann nach einer anstrengenden Runde Joggen am 2. Januar alle Vorsätze zu vergessen und die Laufschuhe sowie den Stoa-Ratgeber im Regal verschwinden zu lassen? Mit dem Gedanken, ich habe ja etwas getan? In dem Bewusstsein, sich selber betrogen zu haben? Schnell folgt der Frustschluck, das Frustshoppen oder das Frustessen. „Bedürfnisse“, die im rasenden Stillstand hektisch erfüllt werden müssen. Das Tagebuch verstaubt neben dem Ratgeber.
Epikurs Konzept der Ataraxie scheint mir da näher an dem Weg zu sein, der einen Pfad zur inneren Zufriedenheit weist. Nicht Selbstkasteiung und Selbstbetrug sind hier das Ziel, sondern Gelassenheit gegenüber dem Unbill des Lebens und der geistigen Verwirrungen, die sich aus ihnen ergeben. Letztere sind so unvermeidlich wie der Einbruch der Nacht. Zufriedenheit bedeutet, die Nacht zu akzeptieren, besser noch, bewusst wahrzunehmen. In dem Wissen, dass der nächste Morgen wunderbar dämmern wird – ein neuer Tag um sich in Gelassenheit zu üben, all den An-Sprüchen den Rücken zu kehren, und friedlich in sich selber zu ruhen.

(1) Heidegger, M. (2010) Der Feldweg. Klostermann, Frankfurt

(2) „Der Stoiker dagegen übt sich, Steine und Gewürm, Glassplitter und Skorpionen zu verschlucken und ohne Ekel zu sein; sein Magen soll endlich gleichgültig gegen Alles werden, was der Zufall des Daseins in ihn schüttet:…“ Nietzsche, F. (1889) Die fröhliche Wissenschaft 306 in In: Colli, G., Montinari, M. (1999) kritische Studienausgabe. DTV, München

Herbstgrenze

Bei jedem Schritt ein trockenfeuchtes Rascheln. Immer anders. Rechts gluckert der Bach; schäumelt um die Steine herum, dann und wann ein gelblich-braunes Blatt tragend. Mal sanft dümpelnd, mal kurz beschleunigend. Von oben melodiöser Gesang eines Vogels. Ich vermute eine Meise. Was erzählt sie? Von grenzenlosen Wanderungen? Wie denen des Bächleins, dass sich etwas weiter unter in einen größeren Bach, dann in ein kleines Flüsschen und in der Folge in die große Elbe ergießen wird? Zuletzt wird es sich in der jetzt kalten Nordsee auflösen. Ja, was mag der Vogel erzählen? Fragt er sich, warum die Anderen hoch oben im grauen Himmel wandern? Wohin der Treck über ihn zieht? Hin zu unbekannten Gestaden? Eine alte Metapher. Sei erinnert an die Liedzeile „über den Wolken mag die Freiheit wohl grenzenlos sein“ erinnert. Oder ruft er laut, „das ist mein Revier, meine Beeren, meine Zone – hier will ich bleiben!“?
Ich folge sinnierend dem Weg, verlasse kaum die Begrenzung rechts und links. Ab und an wagt mein Körper einen Schritt zur Seite. Kurzer Ausbruch, gehen auf welkem Gras, im Rascheln vergehender Blättern. Auf dem Weg hier und da eine Pfütze, welche die Gradlinigkeit der Schritte durchbricht. Überall sind Grenzen. Die Gewohnten so verinnerlicht, vergessen, dass sie kaum stören. Erst kommt der Wegrand, dann der Graben, in dem der Bach gurgelt, die Hecke, durchlässiges Heim der Vögel, der Zaun, der vom menschlichen Besitztum zeugt. Mein Blick schweift frei umher, während ich fortschreite. Die einzige Freiheit befindet sich in Kopf, den Gedanken und Träumen. Wohin vermögen sie mich zu tragen? Weiter als die Zugvögel, die ab und an im weiten Himmel quäken und quaken? Wann fällt die Grenze der Zeit über mich herab? Wann werde ich verwelken, verwesen, wie die fallenden Blätter?
Ruhig lächele ich in mich hinein; genieße die unendliche Freiheit des Moments. Vergessen sind die Grenzen, die räumlichen als auch die zeitlichen. Erneut dringt das Gurgeln des Baches in meinen Ohren. Ich bin fließendes Wasser. Im Gesicht der sanfte, feuchte Herbstwind. Die Augen schweifen durch die nebeligen Wolken. Kurz glimmt die fahle Sonne zwischen den zunehmend kahlen Ästen. In deren Gabelungen zerfällt hier und da die verlassene Wohnung eines Vogels.

Kopfhygiene

Ich putze meine Zähne, mache mich frisch, wechsele die Klamotten. Als das kühle Nass mein Gesicht erweckt, öffnen sich endlich die Augen. Frisch blicke ich in die Welt. Programm. In lockere Kleidung geworfen, mit klaren, subtil gedämpften Gedanken, verlasse ich das Zimmer. Schweigend konzentriert gehe ich die Treppe hinunter, trete unter den morgendlichen Sonnenaufgangs-Himmel. Frische Seeluft umfängt mich. Im Hintergrund das Rauschen des Meeres. Vor dem Übungsraum wartet eine Anzahl abgestellter Strandschlappen. Ich geselle die Meinigen hinzu. In gesammelter Gehmeditationshaltung betrete ich den Raum, verneige mich. Verhaltenes Geplapper dringt in die Ruhe ein. Ignorieren! Atmen! Mit einem inneren Lächeln schreite ich lockerruhig zu meiner Matte, richte die Kissen und setze mich. Dann eine Ansage: Endlich erstirbt das Getuschel.
Kurz ist sie, die Meditation. Die Gedanken kommen kaum zur Ruhe, der Geist atmet kaum auf. Es folgen langsame Bewegungsübungen, die in eine Entspannung im Liegen übergeleitet werden. Diesmal ohne Geflüster, jedoch begleitet von Ambientmusik mit Gesang… Wie sollen sich bei abstrus-esoterischen Texten über Wellen und Licht die Gedanken beruhigen? Wie im Warenhaus. Ich sinniere über Yoga-Muzak nach; konzentriere mich auf meinen Atem. Es fällt mir schwer, die Verschmutzung durch belangloses Soundgeplätscher mit sinnentleerten Versen wegzuatmen. Schwerer als eine Gehmeditation auf dem Hauptbahnhof. Ich sehne mich nach meinem Stein am Strand. Ja, das echte Plätschern, Blubbern und Grollen der Wellen; das gestreichelt werden durch den Wind, der sich mit dem Atem verbindet; den Körper mit der Natur. Esoteric-Magazine Yoga und Meditation ist für mich genauso wenig wegführend wie ein Aperol-Spritz am Strand. Ablenkung, Verfallenheit… Erneut konzentriere ich mich auf meinen Atem. Die Gedanken beruhigen sich – trotz all dieser Sinnesreize und Widrigkeiten. Zum Glück übe ich seit langer Zeit…
Oft werde ich gefragt, warum ich meditiere. Ayya Khema brachte es einmal auf den Punkt. Sie antwortete auf diese Frage sinngemäß und rhetorisch in etwa so: Die meisten Menschen stecken viel Energie in ihre körperliche Hygiene. Waschen, putzen, einkleiden, Sport treiben, den Arzt konsultieren, Diäten etc. – aber was tun sie für die Reinigung, die Gesundheit des Geistes? Auch aus meiner Sicht zu wenig. Warum nur? Wohl, weil es anstrengend, schwer ist und in unserer Kultur nicht geübt wird.
Zu Beginn braucht es, wie der „Edle 8-fache Pfad“ darstellt die Einsicht, dass der Geist gepflegt werden sollte. Dann die Absicht, sich zu ändern, einen neuen Weg einzuschlagen. Was bedeutet täglich zu Üben, um auf dem neuen Weg zu bleiben. Die uns immerzu berieselnden Ablenkungen und Anhaftungen zu erkennen und dann abschütteln zu wollen. Den Ausknopf am Handy, dem TV, der Arbeit, dem Workout oder dem Soundsystem zu drücken. Vielen erscheint es schwer, sich eben mal hinzusetzen, nur auf den Atem zu achten. Eine Aktion, die bei all den schreienden „Ein“-Knöpfen, bestellbaren Drinks, verlockenden Ablenkungen, dem Geschrei des Marktes und fordernden Gedanken zu dem anstrengendsten gehört. Die banalsten Sachverhalte zu erkennen und dann in Handlungen zu übersetzen, scheint eine der herausfordernsten Dinge in unserer Welt voller dunkler Anreize zu sein. Wie ein Wald voller künstlicher Bäume, welche die natürlichen Gewächse zu überstrahlen scheinen. Das Plastikgeflecht der Haben-Gesellschaft überwuchert jeden natürlichen Weg. Speziell den, den wir in uns tragen.
Wie kann man ob all dieser Ablenkungen zur Einsicht kommen? Der Weg dorthin ist voller Fallen und mentaler Stolpersteine. Besonders behindernd sind die alten Gewohnheiten. Fest in unserem Kopf verankert, kleben sie an uns wie glitzernder Schleim. Gehen wir nicht zumeist den geübten Weg? Den, der uns reflexartig zwingt den Arbeitshektik-Alltagsknopf aus-, und dann den Esoteric-Ablenkungs-Entspannungsknopf anzuschalten? Diese Strategie mag wirken – doch verändert sie etwas? Selbst wenn wir spüren, merken, dass etwas anders werden sollte? Wenn wir leiden? Um den dunklen, verstellenden Waldweg zu verlassen, neue Pfade der Veränderung aufzutun, brauchen wir Kraft. Wie beim Lernen benötigt es eine neue Einstellung, Offenheit und Neugierde; und Kraft. Da ist die „rechte Anstrengung oder Willenskraft“, „rechte Achtsamkeit oder Klarheit“ und die „rechte Sammlung oder Konzentration“… so sagt es der „edle achtfache Pfad“. In Bezug auf Geisteshygiene hatte der Buddha schon recht, denke ich. Er zeigte einen klaren Weg auf, ein „Dao“ (oder „Do“) – was sowohl Weg als auch Lehrmethode und Prinzip bedeuten kann. Lang ist der Weg zur Geisteshygiene. Die Zutaten sind nicht in der Drogerie zu beschaffen, schon garnicht im Supermarkt der Esoterik-Angebote. Wir müssen sie in uns finden und anwenden.
Lauschen wir dem Rhythmus, der Musik des Lebens, den Wellen und unserem Herzschlag. Tanzen wir uns frei.

Vergessen

Nahrhafte Energie für Insekten, Mikroben, Würmer und Pilze. Langsam wird verdaut, zersetzt, dann von der feuchten Herbsterde aufgesogen. All die erdigen Düfte der welkenden Verwesung deuten im warmfeuchten Spätsommer auf das Vergehen hin. Ewiges neuschaffen, anders Werden. Unendliches verwandeln, transformieren. Ein Übergang, ein Dazwischen. Der Apfel macht Rhizom mit Myriaden von Organismen, dem Humus, der Luft, mir. Vernetztes Werden – und schon wieder Deterritorialisierung. Vielleicht überlebt ein Apfelkern. Dann wurzelt und entsprießt alsbald ein neuer Baum dem Boden. Genährt von den Zerfallsprodukten der Frucht.
Ich lese zu viel Deleuze. Frische Sätze und Gedanken drängen in meinen Kopf. Zugleich beschleicht mich das Gefühl, zu viel vergesse zu haben. Es fühlt sich an, als ob Wissen sich, wie das Apfel-Organismus-Erdeteil, langsam auflöst. Vergessen gehört zum ewigen Kreislauf des Werdens wie die Wiederholung, die ewige Wiederkehr – des Gleichen; nur in anderem, mutiertem Gewand (Nietzsche). Und noch ein Gedanke: In der Lektüre vergesse ich mich, verliere mich in Gedankengeflechten. Dann hier und dort eine Lücke. Ein Geistesblitz, der fordernd fragt: Was war das noch? Ist es mir entfallen (wie der verlorene Apfel)? Wie konnte mir das entgleiten? Hab ich doch schon zweimal gelesen! Beruhigt schreit ich zum Regal. Das exterritorialisierte Gedächtnis; schaue nach, blättere suche, finde – oder eben nicht. Ja, dort eine Notiz, ja, ich erinnere mich! Der exterritoriale Speicher verbindet sich mit dem Jetzt meines Ich. Lässt wie einen Sprössling im Frühjahr neues entstehen. Neue Verbindungen im Gleichen.
Doch manchmal will es nicht kommen, das Loch wabert im Netz der Assoziationen. Tief in mir spüre ich so etwas wie Ärger darüber, dass es für immer verschwunden scheint. Manchmal kann ich mich nicht einmal mehr an ein „wo“ oder an ein „wann“ erinnern. Nur eine Leere, eine Lücke. Doch es hilft nichts, dem Loch hinterherzulaufen. Freuen wir uns über den frischen Freiraum, in die Neues hineinwachsen kann. Meinetwegen nur die ruhende Leere voller Zufriedenheit. Schön ist sie, die vergehende Frucht…

Essen (gehen)

Treffen mit lieben Menschen. Ein gemütlicher Plausch und Austausch in gediegener Atmosphäre. Das Ganze beginnt mit der Reservierung…gewissermaßen fliegt das Handtuch auf den Liegestuhl, den man in 2 Stunden zu belegen gedenkt. Eine Verhinderung der Spontaneität. Es geht um begehrte Plätze; Sicherheit. Ja, Sicherheit ist so gemütlich wie eine Stahltonne, in die man sich einschweißen lässt, um möglichen Gefahren des Lebens zu begegnen. Dazu kommt die erhoffte Sicherheit, dazu zu gehören, zu denen, die es sich leisten können. Eine schön geschmückt Stahltonne, die vor keinem Krieg, keiner Vereinsamung, keinem sozialen Abstieg zu schützen vermag. Aber daran denken wir mal nicht…Reflexion ist zu anstrengend. Es geht darum, das Leben zu genießen. Nietzsches „letzte Menschen“.
Die Wahl des Ortes hängt vom Portemonnaie oder dem Dispo ab. Je weiter man nach oben kommt, grenzen, sichern sich die Orte durch Dresscodes oder einem „Dazu-Gehören“ ab. Wird das Essen dadurch besser? Werden die Beziehungen und der Gemeinsinn an jenen erlauchten Orten mehr gepflegt als anderswo? Mein letzter Besuch eines Restaurants ließ meine Zweifel massiv steigen. Kommunikation war wegen der Lautstärke sich amüsierender Gäste kaum möglich. Warum nicht gleich in einer Bahnhofshalle essen? Ist billiger.
Das nächste mal lade ich zu mir ein. Vielleicht kocht man gemeinsam. Denn zusammen etwas tun, sich nicht nur rituell bedienen zu lassen („Ist alles OK?“ – was eine sinnlose Frage der überbemühten Kellnerin), schafft lebendige Beziehung; ermöglicht tiefere Kommunikation. Ist leiser, tiefer, ruhiger und entspannender. Trotz der auch hier geforderten Rituale, etwas „besonderes“ auf den Tisch zu bringen. Vielleicht reicht eine banale aber nahrhaft-leckere Linsensuppe

Das All-Eine

Mein Kopf ist voller Ziele. Teleologisch, ausgerichtet. Immer auf dem Weg irgendwohin. Wie ein ewiger Lauf zu Dingen, die sich nebelverhangen an irgendeinem Horizont zeigen. Sie rufen wie die Sirenen des Odysseus nach Aufmerksamkeit und Erfüllung. Die Befreiung von diesem ewigen Ritt ist so bleiern, dass es schmerzt. Es bedarf konzentrierter Übung, um in die Lücke des Präsens zu finden, in den Moment einzutauchen, den Sprung vom Pferd im vollen Galopp zu praktizieren. Das Absteigen, die Rückkehr in die eigene Geschwindigkeit. Kaum spüre ich die Ruhe des Moments, zieht ein nächstes Ziel, die nächste Aufgabe, der nächste Gewinn meine Gedanken zurück in den Sattel. Eine mächtige, mechanische Fremd-Bewegung. Sie suggeriert Geschwindigkeit und Vorankommen. Starr wie eineine sich gnadenlos voranarbeitende Maschine. Felsmaschine. Eine Metapher für das westliche Denken. Mein Hirn ist von dieser Rationalität der Moderne infiziert, wie ein nackter Körper von garstigen Viren. Meine Gedanken gleichen diesem Mechanismus; zielgerichtet, funktional und technisch. Die Lernmaschine. Sie blendet das Verbundene aus.
Ein hierarchisches Baumdenken, wie Deleuze und Guattari in „1000 Plateaus“ und im Rhizom (1) formuliert haben. Keine Widersprüche duldend, den Worten und „Wahrheiten“ des und der internalisierten Herren und Planer blind gehorchend. Sie reproduzieren einen jahrhundertealten Prozess, der die ehemals offeneren, ganzheitlicheren Ansätze der menschlichen Kultur überschrieben und verbannt hat, wie ein allmächtiger, verinnerlichter Zensor. Gesetz und Inquisition. Sie dringen überall ein und machen in Stein gemeißelte Wahrheit. Pferdedynamik in Felsblöcke geschlagen. Denkmäler, in deren Stein jegliches dynamische Werden erstarrt ist. Errichtet auf einem festgegossenen Fundament, welches für die starre Aufteilung der Welt, deren Zergliederung und Bewertung steht. Ein Betonsockel, ein Betondeckel, der die meisten „indigenen“ Wurzeln (inklusive unsere eigenen) unter sich zerdrückt.
Sicherlich, Gliederung ist notwendig, um Welt zu verstehen, „zur Sprache zu bringen“, um zu erkennen, was nutzt, was schadet. Im gleichen Atemzug wird allerdings das Allumfassende, das „All-Eine“ verdrängt, überschrieben, ausgelöscht. Fokussiert wird auf das Objekt, das Objektive, Feste; die Ziele. Vergessen die Beziehung, das dazwischen, das alles verbindende sanfte Band. Unser verinnerlichtes Mechano-Felsdenken verdrängt selbst den Fakt, dass alle Grenzen sowohl in Sein als auch in der Sprache unscharf, arbiträr sind.
Wie schwer fällt es mir, als Teil dieses technischen Denkbaums, das alte Verstehen von Ganzheit zu finden, um es üben, verinnerlichen zu können. Da ist zum Beispiel das Konzept des unteilbaren „Brahman“ (Veden) oder das des „anatta“ (nicht-selbst, Buddhismus). Ich versuche es zu denken; zu spüren. Es bedarf permanenter praktischer Übung und Lektüre um das nicht Erkennbare, das nicht Aussprechbare, das All-eine zu erfassen. Zu entdecken. Lesen wir in den Upanischaden:
»„… in was ist nun der Raum eingeworben?“…
8 Da sagt er (Gargi):„dieses (in das der Raum eingeworben ist), Gargi, nennen die Kenner des brahman (d.h. die, die die Wahrheit zu erkennen und zu formulieren vermögen) das Unvergängliche. Es ist nicht grob, nicht fein; nicht kurz, nicht lang; blutlos, fettlos; schattenlos (also lichtlos), finsternislos; windlos, raumlos; ohne Haftung [an irgend etwas]: ohne Tastsinn, ohne Geruchssinn, ohne Geschmackssinn, ohne Gesichtssinn, ohne Gehörsinn; ohne Sprachfähigkeit, ohne Denkfähigkeit; ohne Wärme, ohne Atem, ohne Mund; ohne Name, ohne Geschlecht; nicht alternd, nicht sterbend; bodenlos, unsterblich; ohne Raum […], ohne Laut; nicht geöffnet, nicht geschlossen; nicht folgend, nicht vorangehen; nicht Außen, nicht Innen:
„nichts langt hin zu ihm, niemand langt hin zu ihm…“ […]
11 „wahrlich, Gargi, dieses Unvergänglich ist das unsichtbare Sehende, das unhörbar Hörende, das undenkbare Denkende, das unerkennbar Erkennende; nicht, gibt es ein anderes sehen, Tees, nicht, gibt es ein anderes hörend Tees, nicht, gibt es ein anderes, denkendes, nicht, gibt es ein anderes erkennendes.“
„wahrlich, Gargi, dieses unvergängliche ist das, in das der Raum verwoben ist.“« (2) – Ich möchte ergänzen: in das wir Menschen eingewoben sind, in welches wir uns am Ende unseres „Ich selbst Seins“ auflösen werden. Immanenz.
Schweifen wir aus den spirituellen Wurzeln der östlichen Weisheit in westliche Gefilde. Spinoza schreibt in seiner Ethik:„Folgesatz 2. Es folgt zweitens, daß Gott oder alle Attribute Gottes unveränderlich sind; denn, wenn sie in Rücksicht des Daseins verändert würden, müßten sie auch (nach dem vorigen Lehrsatz) in Rücksicht des Wesens verändert werden, d. h. (wie an sich klar), aus wahren zu falschen werden, was widersinnig ist.
Lehrsatz 21. Alles, was aus der absoluten Natur eines göttlichen Attributs folgt, mußte immer und unendlich da sein, oder ist vermöge dieses Attributes ewig und unendlich.“ Dann der Lehrsatz 25: „Die einzelnen Dinge sind nichts als Affektionen oder Modi der Attribute Gottes, durch welche die Attribute Gottes auf gewisse und bestimmte Weise ausgedrückt werden.“ (3)
Nicht fest und aus individuellen Felsen ist die Natur (bei Spinoza synonym mit „Gott“), die Welt, unser „Sein“. Somit kann es kein festes Ziel geben. Nur ineinanderfließende Zustände, Horizonte und Fluchtpunkte, die sich unendlich erweitern – „Werden“. Als Metapher bietet sich das Wasser an, welches von den Upanischaden bis hin zum buddhistischen Denken immer wieder als Bild herangezogen wird. Unser Sein ist wie das Salz, das wir im Wasser schmecken, jedoch nicht fühlen oder sehen können. Ebenso wenig ist uns bewusst, wie es uns durchdringt und durchläuft. Es ist vorhanden, allerdings schwer fassbar. Wir sind größtenteils Wasser. Wasser werden. Ich bin eine Welle, die aus einem Ozean aufsteigt, um wieder in ihm zu vergehen. Eine Zeit „da“ seiend, existent, um dann erneut im Ganzen zu verschwinden; einer der Aspekte des unendlich weit, über den Horizont reichenden Ozeanwassers. Alles ist eins und dennoch geteilt da. Nenne man es Welt, Natur, Gott oder wie auch immer. Ein Denken in Vielheiten, Verbindungen, Widersprüchen, Paradoxa (wie bei den Zen Koans) sollte geübt werden. Vielleicht hilft es, diesen und jenen Moment in sich selber genießen zu können. Auf der Welle zu treiben wie ein gefallenes Blatt. Als Teil der Welle. Welle sein. Feststellen, dass ich als Individuum nur im Jetzt vorhanden bin, als Aspekt des All-einen. In Raum und Zeit.
Gestern wie heute ein vom Konsum-Materialismus unerwünschtes Denken. Viele der christlichen Spiritualisten (auch Spinoza), die dieses All-eine dachten, wurde verfolgt oder mussten sich den Prozessen der Inquisition stellen. Lesen wir Meister Eckard, der schrieb: „Jederart Vermittlung ist Gott fremd. »Ich bin«, spricht Gott, »der Erste und der Letzte« (Geh. Offenb. 22, 13). Unterschiedenheit gibt es weder in der Natur Gottes noch in den Personen entsprechend der Einheit der Natur. Die göttliche Natur ist eins, und jede Person ist auch eins und ist dasselbe Eine, das die Natur ist.“ (4) Die Liste der Denker des „Unbegrenzten“, „Unbestimmten“ (τὸ ἄπειρον) wie es bei Anaximander genannt wird, könnte unendlich sein…
Dann denke ich an das „Taiji“, das „Dao“ ☯︎-Zeichen. Es vermag in seinen Kreisen und gewundenen Form das Unerkennbare und dennoch Vorhandene aus meiner Sicht am ehesten Dazustellen. Es vereint Getrenntes und trennt Vereintes. In einem.
„Dao, das ausgesprochen werden kann, ist nicht das eigentliche Dao. Ein Name (名 Ming), der sich dafür nennen lässt, ist nicht die eigentliche Bezeichnung. […] Ich kenne das Zeichen nicht, aber ich nenne es Dao.“ (5) Versuchen wir den ziellosen Weg in nicht handelndem Handeln zu gehen…

(1) vgl. Deleuze, G, Giattari, F. „Das Rhizom“ (Merve, Berlin) und (1000 Plateaus – Kapitalismus und Schizophrenie)

(2) Thieme, P. (2008) Upanishaden. Reclam, Stuttgart (S. 67/68)

(3) Spinoza, Baruch de. Ethik (Function). Kindle Edition.

(4) Internetquelle: http://www.eckhart.de/index.htm?edel.htm – sehr schön liest sich der Originaltext in mittelalterlichem Deutsch ;o)

(5) Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (210)
Die erste Zeile des Daodejing liest sich wie folgt: 道可道 Dao – kann, fahig zu – Dao ; wobei Dao mit „Weg, Prinzip, Lehrmethode, rechter Weg“ – aber auch „sprechen“ etc. übersetzbar ist. Das Zeichen besteht aus den Ideogrammen für Weg (in Bewegung gehen) und dem Kopf eines Kriegers: „Das Haupt in Bewegung; die Bewegung der Gedanken, welche mannigfaltig sind; durch das Leben reisen mit der Aufmerksamkeit für die Dualität der Einheit mit der Natur.“ (https://www.tao-te-king.org/1.htm)
In der Übersetzung von Victor von Strauss (1959) Manesse Verlag liest sich der erste Abschnitt folgendermaßen: „Tao, kann es ausgesprochen werden, ist nicht das ewige Tao. Der Name, kann er genannt werden, ist nicht der ewige Name.“