Auf dem Plattenteller spielt „Perfect Coffee“ von Kae Tempest. Sanft schwebt der zuckerberieselte Milchschaum in meinem Becher, toppt den Kaffe. Ja, perfekt. Ein warmes Gefühl umschließt das Herz, welches sich nach der dynamisch-freudigen Bewegung langsam beruhigt. Zur Ruhe kommt, wie mein Kopf.… Ein warmer Schluck, fast heiß. Die Gedanken schweifen …zu den kahlen Bäumen, der harschigen, in die Tage gekommenen dünnen Schneedecke. Es ist kalt draußen. Die Meisen picken den ganzen Tag am bereitgestellten Futter. Selbst eine Amsel sitzt geplustert in der Hecke. Stippvisite des Rotkehlchens. Sie wärmen den Magen. Gegen die garstigen Außentemperaturen. Igelzeit bei -7 Grad. Der Himmel ist Grau, mein Bauch freut sich über die innere Gemütlichkeit.
Was ist der Unterschied zwischen Begeisterung und Zufriedenheit? Beides erfreut und scheint unbeständig, wie der sich verflüchtigende Schnee. Nur, dass die Begeisterung schneller verfließt. Zufriedenheit kann anhalten, langsam gemütlich, wohlfühlend durch den Körper treiben. Stimmung und Emotion, zwei miteinander spielende Zustände. Ewige Begeisterung wirkt auslaugend, fordert immer mehr, Konsum …sie verbraucht sich im Ereignis, im Spektakel, das eräugt und gefeiert wird. Bis es sich in kalter Alltagsluft auflöst. Es trägt nicht, wie dünnes Eis. Zufriedenheit sollte den Urgrund bilden. Sie ist gerne unbemerkt, schwebt unter der Begeisterung. Sie kommt und geht in Wellen, in immer neuen Kombinationen, die ihren Weg nach oben bahnen. Schön, wenn sie in ein ganzkörper-geistliges Gefühl münden. Permanentes Werden. „Perfect Coffe“, von Kate Tempest hat einen melancholischen Unterton. Ein trauriges Bild der Gentrifizierung, die mit ihren Coffe Shops über gewachsene Nachbarschaften herfällt, sie zerstört. Nach wie vor begeistert mich der Song, speziell, als ich den Schluck Kaffe zu mir nehme. Begeisterung, gemischt mit einer gewissen Traurigkeit. Dann macht sich Zufriedenheit breit. Sie will genährt werden, Wenn der Kaffe alle ist, werde ich mich aufs Kissen setzen. Atmen.
Kategorie: Sinn und Glück
Weißes Intermezzo
Die zweite Nacht rieselt es nun, deckt alles zu. Selbst meinen Beitrag über Zufriedenheit. Zugeschneit, eingefroren; muss erst wieder auftauen. Es rieselt im Kopf. Sanft, langsam, entschleunigend. Doch es erscheint nur so, dass alles gedämpft ist. Schon gellen freudige Rufe und Schrei der Kinder um die Ecke. Fett plustert sich die Taube auf der Birke, während Schneemänner, noch runder als der Vogel, gebaut werden. Mal mit Ästen mit Burtonesquen Armen, ab und zu sogar mit einer Mohrrübe. Sie mag später als Futter für die Vögel dienen, die ohne Nest im Gebüsch kauern oder sich an Futterstellen tummeln. Selten ein Piepsen in der winterlichen Ruhe. Eine Drossel lässt sich auf dem zugeschneiten Telefonkabel nieder. Vor mir prasselt der von den Schwingungen gelöste Schnee nieder.
Ich bin froh um jede entspannte Sekunde, die mein Blick über die Landschaft schweifen darf. Wärme umschlingt mich von innen und außen, Deleuze erhitzt gar meinen Kopf. Sinn, der Problembegriff, Nachdenken über das Denken werden über viele Seiten diskutiert und definiert. Schneetreiben im Kopf, ab und zu eine Böe, die sicher Gewusstes erneut durcheinanderwirbelt, bis es sich setzt. Manches wird schmelzen, muss dann erneut erschlossen werden. Auf den nächsten Schauer warten. Genussvoll.
Zufriedenheit
„Alles spricht den Verzicht in das Selbe. Der Verzicht nimmt nicht, der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen. Der Zuspruch mach heimisch in einer langen Herkunft.“ (1)
Banal klingt das Wort in meinen Ohren. Hallt sanft nach. Begleitet vom Bild einer Katze, die zusammengerollt und fellgewärmt an einem kuscheligen Ort vor sich hindöst. Ihr Maul scheint leicht entspannt zu lächeln. Langsame, erste, zaghafte Bewegungen in den Pfoten; der Kopf hebt sich; ein herzhaftes Gähnen. Sie streckt ihren Körper in die Länge. Zufriedenheit. Ich habe oft das Gefühl, dass dieses Wort bei uns Menschen wenn, dann als Worthülse zirkuliert. Gerade um die Weihnachtszeit. Im Gerenne und Herumwimmeln, den hektischen Umtrieben im Namen der Stille ist nichts von ihr zu spüren. Alles erscheint als ein ausgelaugtes Hinterherhecheln auf der Suche nach der, durch blendende Plakate und Spots propagierten „Besinnlichkeit“. Sie scheint sich hinter buntem Geglitzer und Geklingel zu verstecken. Zufriedenheit.
Eine ruhige, „sinnliche“ Einkehr in sich selbst und die Gemeinschaft sind die Voraussetzungen dafür, im Frieden mit sich und der Welt sein zu können. Doch das verlorene, nach außen gerichtete Rasen, gibt keinen Raum, keine Zeit. Es materialisiert sich in bunten Haufen, genannt Geschenke. Sie harren im Gedrängel gekauft oder bestellt unter dem Weihnachtsbaum. Zwischen Kochtopf und Glühwein drehen sich einmal im Jahr viele Menschen um sich selbst wie durchgeknallte Kreisel. Sie strömen ungläubig in die Kirche, um dann von einer Völlerei zur nächsten zu hetzen. Selten ist „Besinnlichkeit“, „Frieden“ oder gar „Zufriedenheit“ zu spüren. Die erstrebte „Zufriedenheit“, mit Ruhe, tiefer, innerer Ruhe verbunden, ist kaum zu vernehmen. Wo sind Stillstand und angenehme Leere? Wu Wei…
Ein Zustand, der nur aufkommen kann, wenn die Grundbedürfnisse nach existentieller Wärme, Nahrung und Liebe erfüllt sind. Jeder Schritt über das nötige Maß des Genusses hinaus triggert statt Zufriedenheit Leiden, vertreibt den Frieden. Wie beim rumorenden Gedärm, dass durch zu viel und zu fettiges Essen einen unruhigen Schlaf hervorruft. Sicher, vollgefressen, dauergetrieben und überinformiert zu sein wird erlernt. Bilder der Völlerei und des Konsums bombardieren uns nicht nur durch die Werbung. Alles spricht zu uns: „das braucht man.“ Schon ab September kommen wir nicht an den sich uns aufdrängenden Weihnachtsartikeln, die jeden Weg im Supermarkt quasi versperren, vorbei. Es ist kaum möglich damit umzugehen (sie zu umgehen). Unzufrieden fühlt man sich wie eine an sich satte Maus beim Blick auf den verlockenden Käse. Nicht selten treib einen die Gier, begleitet vom reflexartigen Herdendenken in die Falle. Der Verstand sucht das Weite, verdrängt, baut fragile Begründungen aus, betrügt sich mit Ausreden. Umso schwerer fällt der Verzicht, wenn wir, entfernt von uns selbst, nicht gut drauf, unzufrieden sind. Wenn innerer Frieden durch Krisen, Überforderung durch die Glitzerwelt, Sparzwänge und andere medial vermittelte Ängste, von denen wir meinen sie entstehen nur in uns, wie das natürliche Hungergefühl, bedroht wird.
Schon meldet sich ein dumpfes Gefühl. Es suggeriert, dass Verzicht „ertragen“ werden muss, da er ja Leiden erzeugt. Ein Nachdenken oder gar verzichtendes Handeln wird schnell als lästig oder zu schmerzvoll, als die wirkliche Last empfunden. Kein Wunder, dass „Resilienz“, (das Aushalten, Ertragen) eines der aktuellen Modewörter ist. Wenn man auf Bestsellerlisten in den Bereichen Philosophie und Beratung schaut, stehen die Stoiker wie Marc Aurel (2) als deren prominentester Vertreter, weit oben. Doch all diese Ratgeber und Werke, Konsumprodukte und Konsumersatz zugleich, verstauben ungelesenes, totes Papier in den Regalen. Beiseitegelegt als Metapher für Verdrängung und Ablenkung. Der Stoa-Ratgeber unter dem Weihnachtsbaum ist demnach eine ebenso sinnlose, konsumierbare Kuriosität wie die nächste Fressattacke.
Es mag ja helfen, Tagebuch zu führen, wie Marc Aurel, um die Apathie, das große Ziel der Stoa zu erreichen; sich dadurch seiner Gier zu vergewissern, um diese im Zaum zu halten. Eine Bewegung hin zur Askese. Doch stellt diese zufrieden? Reicht es, heute ein bisschen weniger Wurst zu essen, dort auf ein Aperölchen zu verzichten? Um dann nach einer anstrengenden Runde Joggen am 2. Januar alle Vorsätze zu vergessen und die Laufschuhe sowie den Stoa-Ratgeber im Regal verschwinden zu lassen? Mit dem Gedanken, ich habe ja etwas getan? In dem Bewusstsein, sich selber betrogen zu haben? Schnell folgt der Frustschluck, das Frustshoppen oder das Frustessen. „Bedürfnisse“, die im rasenden Stillstand hektisch erfüllt werden müssen. Das Tagebuch verstaubt neben dem Ratgeber.
Epikurs Konzept der Ataraxie scheint mir da näher an dem Weg zu sein, der einen Pfad zur inneren Zufriedenheit weist. Nicht Selbstkasteiung und Selbstbetrug sind hier das Ziel, sondern Gelassenheit gegenüber dem Unbill des Lebens und der geistigen Verwirrungen, die sich aus ihnen ergeben. Letztere sind so unvermeidlich wie der Einbruch der Nacht. Zufriedenheit bedeutet, die Nacht zu akzeptieren, besser noch, bewusst wahrzunehmen. In dem Wissen, dass der nächste Morgen wunderbar dämmern wird – ein neuer Tag um sich in Gelassenheit zu üben, all den An-Sprüchen den Rücken zu kehren, und friedlich in sich selber zu ruhen.
(1) Heidegger, M. (2010) Der Feldweg. Klostermann, Frankfurt
(2) „Der Stoiker dagegen übt sich, Steine und Gewürm, Glassplitter und Skorpionen zu verschlucken und ohne Ekel zu sein; sein Magen soll endlich gleichgültig gegen Alles werden, was der Zufall des Daseins in ihn schüttet:…“ Nietzsche, F. (1889) Die fröhliche Wissenschaft 306 in In: Colli, G., Montinari, M. (1999) kritische Studienausgabe. DTV, München
Herbstgrenze
Bei jedem Schritt ein trockenfeuchtes Rascheln. Immer anders. Rechts gluckert der Bach; schäumelt um die Steine herum, dann und wann ein gelblich-braunes Blatt tragend. Mal sanft dümpelnd, mal kurz beschleunigend. Von oben melodiöser Gesang eines Vogels. Ich vermute eine Meise. Was erzählt sie? Von grenzenlosen Wanderungen? Wie denen des Bächleins, dass sich etwas weiter unter in einen größeren Bach, dann in ein kleines Flüsschen und in der Folge in die große Elbe ergießen wird? Zuletzt wird es sich in der jetzt kalten Nordsee auflösen. Ja, was mag der Vogel erzählen? Fragt er sich, warum die Anderen hoch oben im grauen Himmel wandern? Wohin der Treck über ihn zieht? Hin zu unbekannten Gestaden? Eine alte Metapher. Sei erinnert an die Liedzeile „über den Wolken mag die Freiheit wohl grenzenlos sein“ erinnert. Oder ruft er laut, „das ist mein Revier, meine Beeren, meine Zone – hier will ich bleiben!“?
Ich folge sinnierend dem Weg, verlasse kaum die Begrenzung rechts und links. Ab und an wagt mein Körper einen Schritt zur Seite. Kurzer Ausbruch, gehen auf welkem Gras, im Rascheln vergehender Blättern. Auf dem Weg hier und da eine Pfütze, welche die Gradlinigkeit der Schritte durchbricht. Überall sind Grenzen. Die Gewohnten so verinnerlicht, vergessen, dass sie kaum stören. Erst kommt der Wegrand, dann der Graben, in dem der Bach gurgelt, die Hecke, durchlässiges Heim der Vögel, der Zaun, der vom menschlichen Besitztum zeugt. Mein Blick schweift frei umher, während ich fortschreite. Die einzige Freiheit befindet sich in Kopf, den Gedanken und Träumen. Wohin vermögen sie mich zu tragen? Weiter als die Zugvögel, die ab und an im weiten Himmel quäken und quaken? Wann fällt die Grenze der Zeit über mich herab? Wann werde ich verwelken, verwesen, wie die fallenden Blätter?
Ruhig lächele ich in mich hinein; genieße die unendliche Freiheit des Moments. Vergessen sind die Grenzen, die räumlichen als auch die zeitlichen. Erneut dringt das Gurgeln des Baches in meinen Ohren. Ich bin fließendes Wasser. Im Gesicht der sanfte, feuchte Herbstwind. Die Augen schweifen durch die nebeligen Wolken. Kurz glimmt die fahle Sonne zwischen den zunehmend kahlen Ästen. In deren Gabelungen zerfällt hier und da die verlassene Wohnung eines Vogels.
Wer spricht?
Die Wellen reden mit mir. Sie grollen und rufen, gurgeln und blubbern, donnern und schmatzen…ich lausche. Meist Geist verbindet sich, formuliert Wortblasen. Der Wind redet mit mir, mit meinem ganzen Körper. Er antwortet oft automatisch, mal mit Freude, mal weicht er aus. Ich bin Natur. Vergänglich wie die sanft rollenden, plätschernden Wogen, die den Fels zum warmen Sand zermahlen. In Bewegung, sich ewig wiederholend, immer anders.
Mein Geist spricht immer dasselbe, wird von der Welt angesprochen…wird. Sanfte Bewegung der sich auflösenden Gedankenwellen. Doch am Horizont droht die Hektik. Rasend werde ich über die Berge und das Meer getragen, in wimmelndes Geplapper hektische Betriebsamkeit. Es hat so gar nichts mit den Rhythmen der Natur gemein. Welscher Rhythmus ist der meine? Sicher nicht der fremder Maschinenrhythmus, der bedrängt, in eckig-gerasterte Bewegung treibt. Ein Rhythmus, der nicht spricht, sondern nur stößt, drängt, zieht
Desto mehr Natur meine Gedanken über die Wolken hinaus mit in die Stadt nehmen, desto schneller werde ich in der Heimat wieder geerdet sein. Dort werde ich mich erinnern. Daran, dass mein Atem den frischen Hauch ersehnt. Meine Füße sprechen am liebsten mit dem Boden… Ziel ist es Welt mit mir zu verbinden. Ich bin Natur. Wasser fließt gurgelnd durch mich, der Atem pfeift, Licht wärmt sanft. Welt spricht eine einfache, meist leise Sprache. Das Rauschen der Blätter im Herbst schwillt oder raschelt – sanft wie die Wellen am Meeressaum.
Früchte
Langsam knirscht sich ein Schritt nach dem Anderen über den sandigen Boden. Durch die Sohlen machen sich Steinchen und Bodenwellen bemerkbar. Synchron mit dem fließenden, gleichmäßigen, sanft gleitenden Atem. Der Hauch der Welt bläst im gelassenen Einklang und erzeugt einen Soundtrack raschelnder Blätter. Hier und dort der Ruf eines Vogels. Kurz und knapp. Pointierter als im Frühjahr, wo sich eine melodiöse Arie an die Andere reihte. Zwischen den Blättern die Früchte. Eicheln, Äpfel, Birnen, Rosskastanien…jede in ihrer eigenen wunderbaren Erscheinung. Mit jedem Schritt schreitet die Zeit, verliert sich der Ort um ein neuer zu werden. Deterritorialisierung – Reterritorialisierung.

Dann schweift der Geist, verliert sich, wie von Wechselwinden getrieben, im hier nach dort. Mein Körpergeist bemüht sich, das Denken durch den Rhythmus von Schritt und Atem einzufangen, zu beruhigen. Ein Satzbild gleitet mächtig in den Vordergrund, voller Zweifel: Schreite ich wirklich fort? Der dumpfe Ruf nach Fortschritt im Sinne eines Ziels. Ich erinnere mich an die Metapher des Buddha, der darauf verwies, dass der Fortschritt oft nicht zu bemerken ist. Wie bei der Abnutzung eines oft benutzten Werkzeugs aus Holz. Erst wenn es sich durch die unendlichen vielen, kleinen Berührungen abgenutzt hat, bemerken wir, dass es fast geschwunden ist. Kurz davor zu brechen, sich endgültig aufzulösen. Wie der Stumpf eines Baums, der erst morsch wird, sich dann in tausende immer kleinere Teile auflöst; Erde wird. Was eine eingängige Metapher, die, wie der Wind die Wolken, den zweifelnden Gedanken davontreiben. Fortschritt schleicht sich, solange man tut, übt, egal was, zumeist unbemerkt ein. Nur der Kopf mit seinen springenden Gedanken hadert und zweifelt: Will festhalten. Doch dann, plötzlich wird eine Veränderung sichtbar, bemerkbar. Manchmal disruptiv, manchmal langsam und sanft
Da war die Hand, die sich fast unmerklich, ich stehe auf einer Rolltreppe, auf meinen Rücken legte. Ich, konzentriert im Hier und Jetzt, ohne es bemerkt zu haben. Sachte, verwundertwurde ich aus meiner Präsenz aufgeweckt. Langsam drehe ich mich um; blicke in die braunen Augen einer Frau mittleren Alters. Sie lächelt mich an. Dann spricht sie mit leiser Stimme: „thank you for your presence in the train“. Ein wenig verwirrt danke ich ihr. Kehre in mich zurück, verliere sie aus den Augen.
Verwundert setzte ich meine Fahrt mit dem Anschlusszug fort. Setze mich auf einen der freien Sitze, gleite sinnierend auf den Atem, wie so oft in der U-Bahn. Konzentriere mich auf das Jetzt. Das Gemurmel und Geratter verliert sich. Mein Geist denkt die Gedanken bewusst. Eine Haltung, die ich anscheinend verinnerlicht habe. Ich bemerke es kaum noch. Dennoch scheint es vorhanden zu sein, sogar auszustrahlen. Ich bin auf meinem Weg. Die permanente Übung scheint Früchte zu tragen. Wohin werden sie fallen?

Das All-Eine
Mein Kopf ist voller Ziele. Teleologisch, ausgerichtet. Immer auf dem Weg irgendwohin. Wie ein ewiger Lauf zu Dingen, die sich nebelverhangen an irgendeinem Horizont zeigen. Sie rufen wie die Sirenen des Odysseus nach Aufmerksamkeit und Erfüllung. Die Befreiung von diesem ewigen Ritt ist so bleiern, dass es schmerzt. Es bedarf konzentrierter Übung, um in die Lücke des Präsens zu finden, in den Moment einzutauchen, den Sprung vom Pferd im vollen Galopp zu praktizieren. Das Absteigen, die Rückkehr in die eigene Geschwindigkeit. Kaum spüre ich die Ruhe des Moments, zieht ein nächstes Ziel, die nächste Aufgabe, der nächste Gewinn meine Gedanken zurück in den Sattel. Eine mächtige, mechanische Fremd-Bewegung. Sie suggeriert Geschwindigkeit und Vorankommen. Starr wie eineine sich gnadenlos voranarbeitende Maschine. Felsmaschine. Eine Metapher für das westliche Denken. Mein Hirn ist von dieser Rationalität der Moderne infiziert, wie ein nackter Körper von garstigen Viren. Meine Gedanken gleichen diesem Mechanismus; zielgerichtet, funktional und technisch. Die Lernmaschine. Sie blendet das Verbundene aus.
Ein hierarchisches Baumdenken, wie Deleuze und Guattari in „1000 Plateaus“ und im Rhizom (1) formuliert haben. Keine Widersprüche duldend, den Worten und „Wahrheiten“ des und der internalisierten Herren und Planer blind gehorchend. Sie reproduzieren einen jahrhundertealten Prozess, der die ehemals offeneren, ganzheitlicheren Ansätze der menschlichen Kultur überschrieben und verbannt hat, wie ein allmächtiger, verinnerlichter Zensor. Gesetz und Inquisition. Sie dringen überall ein und machen in Stein gemeißelte Wahrheit. Pferdedynamik in Felsblöcke geschlagen. Denkmäler, in deren Stein jegliches dynamische Werden erstarrt ist. Errichtet auf einem festgegossenen Fundament, welches für die starre Aufteilung der Welt, deren Zergliederung und Bewertung steht. Ein Betonsockel, ein Betondeckel, der die meisten „indigenen“ Wurzeln (inklusive unsere eigenen) unter sich zerdrückt.
Sicherlich, Gliederung ist notwendig, um Welt zu verstehen, „zur Sprache zu bringen“, um zu erkennen, was nutzt, was schadet. Im gleichen Atemzug wird allerdings das Allumfassende, das „All-Eine“ verdrängt, überschrieben, ausgelöscht. Fokussiert wird auf das Objekt, das Objektive, Feste; die Ziele. Vergessen die Beziehung, das dazwischen, das alles verbindende sanfte Band. Unser verinnerlichtes Mechano-Felsdenken verdrängt selbst den Fakt, dass alle Grenzen sowohl in Sein als auch in der Sprache unscharf, arbiträr sind.
Wie schwer fällt es mir, als Teil dieses technischen Denkbaums, das alte Verstehen von Ganzheit zu finden, um es üben, verinnerlichen zu können. Da ist zum Beispiel das Konzept des unteilbaren „Brahman“ (Veden) oder das des „anatta“ (nicht-selbst, Buddhismus). Ich versuche es zu denken; zu spüren. Es bedarf permanenter praktischer Übung und Lektüre um das nicht Erkennbare, das nicht Aussprechbare, das All-eine zu erfassen. Zu entdecken. Lesen wir in den Upanischaden:
»„… in was ist nun der Raum eingeworben?“…
8 Da sagt er (Gargi):„dieses (in das der Raum eingeworben ist), Gargi, nennen die Kenner des brahman (d.h. die, die die Wahrheit zu erkennen und zu formulieren vermögen) das Unvergängliche. Es ist nicht grob, nicht fein; nicht kurz, nicht lang; blutlos, fettlos; schattenlos (also lichtlos), finsternislos; windlos, raumlos; ohne Haftung [an irgend etwas]: ohne Tastsinn, ohne Geruchssinn, ohne Geschmackssinn, ohne Gesichtssinn, ohne Gehörsinn; ohne Sprachfähigkeit, ohne Denkfähigkeit; ohne Wärme, ohne Atem, ohne Mund; ohne Name, ohne Geschlecht; nicht alternd, nicht sterbend; bodenlos, unsterblich; ohne Raum […], ohne Laut; nicht geöffnet, nicht geschlossen; nicht folgend, nicht vorangehen; nicht Außen, nicht Innen:
„nichts langt hin zu ihm, niemand langt hin zu ihm…“ […]
11 „wahrlich, Gargi, dieses Unvergänglich ist das unsichtbare Sehende, das unhörbar Hörende, das undenkbare Denkende, das unerkennbar Erkennende; nicht, gibt es ein anderes sehen, Tees, nicht, gibt es ein anderes hörend Tees, nicht, gibt es ein anderes, denkendes, nicht, gibt es ein anderes erkennendes.“
„wahrlich, Gargi, dieses unvergängliche ist das, in das der Raum verwoben ist.“« (2) – Ich möchte ergänzen: in das wir Menschen eingewoben sind, in welches wir uns am Ende unseres „Ich selbst Seins“ auflösen werden. Immanenz.
Schweifen wir aus den spirituellen Wurzeln der östlichen Weisheit in westliche Gefilde. Spinoza schreibt in seiner Ethik:„Folgesatz 2. Es folgt zweitens, daß Gott oder alle Attribute Gottes unveränderlich sind; denn, wenn sie in Rücksicht des Daseins verändert würden, müßten sie auch (nach dem vorigen Lehrsatz) in Rücksicht des Wesens verändert werden, d. h. (wie an sich klar), aus wahren zu falschen werden, was widersinnig ist.
Lehrsatz 21. Alles, was aus der absoluten Natur eines göttlichen Attributs folgt, mußte immer und unendlich da sein, oder ist vermöge dieses Attributes ewig und unendlich.“ Dann der Lehrsatz 25: „Die einzelnen Dinge sind nichts als Affektionen oder Modi der Attribute Gottes, durch welche die Attribute Gottes auf gewisse und bestimmte Weise ausgedrückt werden.“ (3)
Nicht fest und aus individuellen Felsen ist die Natur (bei Spinoza synonym mit „Gott“), die Welt, unser „Sein“. Somit kann es kein festes Ziel geben. Nur ineinanderfließende Zustände, Horizonte und Fluchtpunkte, die sich unendlich erweitern – „Werden“. Als Metapher bietet sich das Wasser an, welches von den Upanischaden bis hin zum buddhistischen Denken immer wieder als Bild herangezogen wird. Unser Sein ist wie das Salz, das wir im Wasser schmecken, jedoch nicht fühlen oder sehen können. Ebenso wenig ist uns bewusst, wie es uns durchdringt und durchläuft. Es ist vorhanden, allerdings schwer fassbar. Wir sind größtenteils Wasser. Wasser werden. Ich bin eine Welle, die aus einem Ozean aufsteigt, um wieder in ihm zu vergehen. Eine Zeit „da“ seiend, existent, um dann erneut im Ganzen zu verschwinden; einer der Aspekte des unendlich weit, über den Horizont reichenden Ozeanwassers. Alles ist eins und dennoch geteilt da. Nenne man es Welt, Natur, Gott oder wie auch immer. Ein Denken in Vielheiten, Verbindungen, Widersprüchen, Paradoxa (wie bei den Zen Koans) sollte geübt werden. Vielleicht hilft es, diesen und jenen Moment in sich selber genießen zu können. Auf der Welle zu treiben wie ein gefallenes Blatt. Als Teil der Welle. Welle sein. Feststellen, dass ich als Individuum nur im Jetzt vorhanden bin, als Aspekt des All-einen. In Raum und Zeit.
Gestern wie heute ein vom Konsum-Materialismus unerwünschtes Denken. Viele der christlichen Spiritualisten (auch Spinoza), die dieses All-eine dachten, wurde verfolgt oder mussten sich den Prozessen der Inquisition stellen. Lesen wir Meister Eckard, der schrieb: „Jederart Vermittlung ist Gott fremd. »Ich bin«, spricht Gott, »der Erste und der Letzte« (Geh. Offenb. 22, 13). Unterschiedenheit gibt es weder in der Natur Gottes noch in den Personen entsprechend der Einheit der Natur. Die göttliche Natur ist eins, und jede Person ist auch eins und ist dasselbe Eine, das die Natur ist.“ (4) Die Liste der Denker des „Unbegrenzten“, „Unbestimmten“ (τὸ ἄπειρον) wie es bei Anaximander genannt wird, könnte unendlich sein…
Dann denke ich an das „Taiji“, das „Dao“ ☯︎-Zeichen. Es vermag in seinen Kreisen und gewundenen Form das Unerkennbare und dennoch Vorhandene aus meiner Sicht am ehesten Dazustellen. Es vereint Getrenntes und trennt Vereintes. In einem.
„Dao, das ausgesprochen werden kann, ist nicht das eigentliche Dao. Ein Name (名 Ming), der sich dafür nennen lässt, ist nicht die eigentliche Bezeichnung. […] Ich kenne das Zeichen nicht, aber ich nenne es Dao.“ (5) Versuchen wir den ziellosen Weg in nicht handelndem Handeln zu gehen…
(1) vgl. Deleuze, G, Giattari, F. „Das Rhizom“ (Merve, Berlin) und (1000 Plateaus – Kapitalismus und Schizophrenie)
(2) Thieme, P. (2008) Upanishaden. Reclam, Stuttgart (S. 67/68)
(3) Spinoza, Baruch de. Ethik (Function). Kindle Edition.
(4) Internetquelle: http://www.eckhart.de/index.htm?edel.htm – sehr schön liest sich der Originaltext in mittelalterlichem Deutsch ;o)
(5) Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (210)
Die erste Zeile des Daodejing liest sich wie folgt: 道可道 Dao – kann, fahig zu – Dao ; wobei Dao mit „Weg, Prinzip, Lehrmethode, rechter Weg“ – aber auch „sprechen“ etc. übersetzbar ist. Das Zeichen besteht aus den Ideogrammen für Weg (in Bewegung gehen) und dem Kopf eines Kriegers: „Das Haupt in Bewegung; die Bewegung der Gedanken, welche mannigfaltig sind; durch das Leben reisen mit der Aufmerksamkeit für die Dualität der Einheit mit der Natur.“ (https://www.tao-te-king.org/1.htm)
In der Übersetzung von Victor von Strauss (1959) Manesse Verlag liest sich der erste Abschnitt folgendermaßen: „Tao, kann es ausgesprochen werden, ist nicht das ewige Tao. Der Name, kann er genannt werden, ist nicht der ewige Name.“
Aura
Mithin kommen unerwartete, kleine, verwunderliche Begegnungen langsam angeschlichen. Ich stehe auf dem Bürgersteig, warte. Sonne bestreicht warm mein Gesicht. Ich atme konzentriert ein und aus; bin bei mir. Aus dem Nichts taucht eine säuselnde, weibliche Stimme auf. Sie fragt, ob ich die Sonne genieße. Mein Blick schwenkt, sich langsam klärend. Ich nicke leicht. Die Aufmerksamkeit geht vom Atem auf die kleine rundliche Frau mit südländischem Antlitz über. Als meine Augen auf ihre treffen, schwebt die nächste Frage in mein Ohr: „Oder meditieren sie“. Mit sanftem Atem entgleitet ein, „beides“ meinem Mund. Sie schaut mich musternd aus ihren braunen Augen an: „Sie sehen zufrieden aus, ruhig. Nur ihre linke Seite ist etwas aus dem Gleichgewicht“. Ich lächele innerlich und äußerlich. „Ja, stimmt, da habe ich gestern eine Impfung bekommen, tut noch ganz gut weh.“ Jetzt ist der dumpfe Muskelschmerz im Oberarm wieder spürbar; selbst das matte, leicht fiebrige Gefühl kehrt zurück. Gürtelrosenimpfungen sind nicht ohne, aber ich gehe damit um.
Sie fragt: „Wissen sie was ich gerade mache?“. Ich schaue sie an, denke kurz nach. „Ja, ich denke sie lesen meine Aura.“ Ihr Blick, ihre Fragen mussten es suggeriert haben. Sie antwortet: „Die letzte 2 Jahre waren…belastend für Sie. Aber das nächste Jahr wird besser.“ Ich denke kurz nach. „Ja kann sein“; antworte ich. Nach kurzem Schweigen versucht sie mir eine Sitzung „für wenig Geld“ anzubieten. Ich bedanke mich freundlich und sie zieht weiter.
Auren sind nichts für mich… Mag sein, dass sie eine spezielle Wahrnehmung für diese oder andere Energieformen hat. Ich vermute eher, dass sie eine sehr gute Beobachterin ist. Mit entsprechender Übung sollte es nicht schwer sein aus Haltung, Blick und Gesichtsausdruck den inneren Zustand eines Menschen herauszulesen, deren Energie zu erkennen. Nicht umsonst sprechen wir von strahlenden Menschen oder gebückten Personen. Zudem bedarf es, zum Beispiel um Ki- zu erleben, zu spüren, meiner Erfahrung nach langjähriger Praxis. Nicht zu vergessen, dass laut alter, nicht nur indischer Tradition Meister, Gurus, Schamanen, Heiler und Medien kein Geld fordern. Ihre Gaben oder erworbenen Skills geben sie mit Freude an Mitglieder ihrer Community weiter, die sie unterstützt und ehrt. Ein wunderbares System, dass von der Geldwirtschaft des Kapitalismus korrumpiert wurde. Spiritualität, wie glaub ich, Aya Khema mal gesagt hat, reduziert sich nicht selten auf das Lesen eines „esotheric magazin“; oder halt die teure Sitzung, Kurse, Seminare, fadenscheinige Versprechen, die liefern ohne selber etwas zu tun. Ohne, dass Konzentration, Willenskraft und Aufmerksamkeit trainiert wird…im Markt der Eitelkeiten. Zu sich kommen, Austausch basiert auf Liebe, Freude, Vertrauen und Mitgefühl. Zu sich selber und der uns warm umschließenden Umwelt.
Alle Wesen sind eine Familie. Alles ist verbunden
Mitte
Die Natur sprießt und entfaltet sich in alle Richtungen; auf den ersten Blick chaotisch. In ihrer asymmetrischen Harmonie kreist sie immer um eine sich in Bewegung befindliche Mitte. Wie ein Fluss fließt der Naturprozess endlos voran und bleibt dennoch er selber. Wie die Kuh, die büschelweise Gras ausreißt, zermalmt es verdaut. Später wird der Fladen die grünende Wiese düngen, frischgrünes Kraut, neues Futter wachsen lassen. Käfer zerfressen irgendwann ihren Leib, wie auch den alterskranken Baum, der langsam zerfällt und zur Nahrung für neues Sprießen wird. Wie jeder Körper.
Der Mensch hingegen… – hat seine Balance verloren. Im Kleinen wie im Großen. Die Welt – und damit ist die der Humanoiden gemeint – scheint ihr Gleichgewicht verloren zu haben. So raunt es alle Tage durch Medien und Köpfe. Kaum sind solche finsteren Gedanken gedacht, versanden sie im Rausch der betriebsamen Verdrängung. Nicht die Welt, die Natur sind aus dem Gleichgewicht – die Menschheit ist es. Die verblendeten und arroganten Affen sind die einzigen Wesen, die laut der chinesischen Philosophie ihre Mitte verlassen bzw. verloren haben – ihr Sein in der Natur. Ihr Sein in und mit sich selber: „Zong 中 – die Mitte – ist die große Wurzel aller Dinge unter dem Himmel; He 和 – die Harmonie – ist der Zielgerichtete Weg aller Dinge unter dem Himmel. Wenn Zong und He erreicht werden, so sind Himmel und Erde in Ordnung und alle Dinge gedeihen.“ (1) Wir Menschen scheinen blind für solche banalen Erkenntnisse. Aus der Mitte gefallen, vergessen wir das Einfachste – und Wichtigste. Es ist „zunächst die Aufforderung, die Dinge und Lagen richtig zu erkennen und zu durchschauen, und das brachte Shun 舜 wohl durch sein Nachfragen zustande, dann aber »dem Volk gegenüber« aus der Mitte her handeln, kann nur »sachgerechtes« Handeln ohne Rücksicht auf eigenen und fremden Vor- und Nachteilen sein.“ (2).
Wie maßlos ungleichgewichtig krakelen die Menschen unserer Zeit. Blubbern und Plappern über mannigfaltige Kanäle. Führen kleine Kriege in den Haushalten, auf den glatten Displays ihrer Smartphones, auf den Straßen – große zwischen Staaten. Sie haben ihre eigene Mitte verloren, ihren Ort, ihren Platz, ihren Frieden. Geist und Verstand werden mit Freude in den Trubel des Meinens geschleudert, der dunkler, wilder und hektischer daherkommt als jeder Hurrikan. Wo ist ihr inneres Gleichgewicht? Wir haben uns aus der Mitte in eine ungesunde, unharmonische Haltung gebracht. Die Konsequenz dieser Rückgratlosigkeit sind Unsicherheit, Angst und Hass.
Die Mitte suchen, Harmonie erstreben hat nichts mit Neutralität zu tun. Die Mitte ist nicht fest. Wie die Rosenblütenblätter, die sich chaotisch in blendender Schönheit entfalten, bevor sie herabfallen und vergehen. Permanent schwingt sich die Welt um ihre bewegte Mitte ein, wie ein im Wind wiegender Grashalm oder das unsichtbare Wanken des mächtigen Stamms einer Eiche. Selbst der massive Berg bewegt sich. Meist langsam, manchmal schnell, wie es jüngst in der Schweiz zu beobachten war. Neutral bedeutet nicht nur das Schwingen hin zur Harmonie. Es zeigt auf den Weg zu einem „in sich zufrieden sein“. Nur aus dieser Zufriedenheit im Inneren kann Frieden entstehen. Nur aus diesem inneren Frieden heraus können wir über wirklichen Frieden reden. Ich denke an das freundlich versunkene Lächeln von orange berobten Mönchen, die gelassenen Worte eines Meister Eckardts, eines Rumi oder Theresa von Avilas „Seelenburg“.
Ich spüre, wie Menschen aller Weltkulturen diese Erkenntnis auf so unterschiedliche Weise gedacht und gelebt haben. Das innere Gleichgewicht ist, wie das Körperliche, die Basis für einen festen, klaren Halt, für eine klare und kräftige Haltung. Nur diese mag vor den dunklen Gewittern der Ideologie schützen, die mit ihren verbrennenden Gedankenblitzen die Gehirne zerschmelzen. „Die ersten „-ismen“-Bezeichnungen wie etwa „Fanatismus“, „Materialismus“, „Spinozismus“ u.ä. sind in der Regel medizinischen Krankheitsbezeichnungen (vgl. Rheumatismus u.a.) nachgebildet und sollten krankhaften Überschwang, Exaltation und eben aus der Mittellage „verrücktes“ Denken zeigen.“ (3)
Strengen wir uns an, stabil und harmonisch nah an der Mitte zu kreisen, uns beweglich zu halten. In festem Stand. Die energetische Mitte des Körpers ist im fernöstlichen Denken das Herz.
(1) Kaiser Shun „Mitte und Maß“ zitiert nach Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (162)
(2) Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (160)
(3) Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (165)
Sanft
Schwebend driftend, ohne Hast, voller Ruhe. Leicht, fast schwerelos, sanft sich drehend. Ein unmerklicher Hauch reicht. Das fedrige Gespinst torkelt vor meinem Gesicht. Ich atme; ein, dann aus. Wie ein flüchtiger Gedanke verweht das den Lungen entstömende Pneuma den Samen, der sich weder für eine Richtung, ein Oben oder Unten zu entscheiden vermag. Ein wager Hauch streicht von nirgendwoher durch die saftige ergrünende Vegetation. Strahlend blickt der Frühlingshimmel auf uns herab. Der Samen beschleunigt leicht, um dann seine Reise mal hier, mal dorthin fortzusetzen. Erneute Windstille. Langsam beginn das leichte, hellweiße Bällchen abzusteigen. Der sattfeuchten erde entgegen. Ein Lächeln steigt in mir auf. Eine tiefe Zufriedenheit, während mein schweifender Blick dem wolligen Punkt folgt.
Ich frage mich, was aus dem kleinen schwarzen Kern werden wird. Kann sein Grün sich dem Himmel entgegenstrecken? Schafft er es, inmitten all der Konkurrenz, die um uns herum tanzt, sein Ziel zu erreichen? Mit all den Myriaden taumelnden Wattebäuschchen, durchschwirrt von der hektischen Betriebsamkeit der Insekten, zieht er seines Weges. Langsam, schweigend, bedächtig. Wie auch ich. Verbunden mit der Welt in ihrem steten Werden auf immer gleichen Pfaden