Mithin kommen unerwartete, kleine, verwunderliche Begegnungen langsam angeschlichen. Ich stehe auf dem Bürgersteig, warte. Sonne bestreicht warm mein Gesicht. Ich atme konzentriert ein und aus; bin bei mir. Aus dem Nichts taucht eine säuselnde, weibliche Stimme auf. Sie fragt, ob ich die Sonne genieße. Mein Blick schwenkt, sich langsam klärend. Ich nicke leicht. Die Aufmerksamkeit geht vom Atem auf die kleine rundliche Frau mit südländischem Antlitz über. Als meine Augen auf ihre treffen, schwebt die nächste Frage in mein Ohr: „Oder meditieren sie“. Mit sanftem Atem entgleitet ein, „beides“ meinem Mund. Sie schaut mich musternd aus ihren braunen Augen an: „Sie sehen zufrieden aus, ruhig. Nur ihre linke Seite ist etwas aus dem Gleichgewicht“. Ich lächele innerlich und äußerlich. „Ja, stimmt, da habe ich gestern eine Impfung bekommen, tut noch ganz gut weh.“ Jetzt ist der dumpfe Muskelschmerz im Oberarm wieder spürbar; selbst das matte, leicht fiebrige Gefühl kehrt zurück. Gürtelrosenimpfungen sind nicht ohne, aber ich gehe damit um.
Sie fragt: „Wissen sie was ich gerade mache?“. Ich schaue sie an, denke kurz nach. „Ja, ich denke sie lesen meine Aura.“ Ihr Blick, ihre Fragen mussten es suggeriert haben. Sie antwortet: „Die letzte 2 Jahre waren…belastend für Sie. Aber das nächste Jahr wird besser.“ Ich denke kurz nach. „Ja kann sein“; antworte ich. Nach kurzem Schweigen versucht sie mir eine Sitzung „für wenig Geld“ anzubieten. Ich bedanke mich freundlich und sie zieht weiter.
Auren sind nichts für mich… Mag sein, dass sie eine spezielle Wahrnehmung für diese oder andere Energieformen hat. Ich vermute eher, dass sie eine sehr gute Beobachterin ist. Mit entsprechender Übung sollte es nicht schwer sein aus Haltung, Blick und Gesichtsausdruck den inneren Zustand eines Menschen herauszulesen, deren Energie zu erkennen. Nicht umsonst sprechen wir von strahlenden Menschen oder gebückten Personen. Zudem bedarf es, zum Beispiel um Ki- zu erleben, zu spüren, meiner Erfahrung nach langjähriger Praxis. Nicht zu vergessen, dass laut alter, nicht nur indischer Tradition Meister, Gurus, Schamanen, Heiler und Medien kein Geld fordern. Ihre Gaben oder erworbenen Skills geben sie mit Freude an Mitglieder ihrer Community weiter, die sie unterstützt und ehrt. Ein wunderbares System, dass von der Geldwirtschaft des Kapitalismus korrumpiert wurde. Spiritualität, wie glaub ich, Aya Khema mal gesagt hat, reduziert sich nicht selten auf das Lesen eines „esotheric magazin“; oder halt die teure Sitzung, Kurse, Seminare, fadenscheinige Versprechen, die liefern ohne selber etwas zu tun. Ohne, dass Konzentration, Willenskraft und Aufmerksamkeit trainiert wird…im Markt der Eitelkeiten. Zu sich kommen, Austausch basiert auf Liebe, Freude, Vertrauen und Mitgefühl. Zu sich selber und der uns warm umschließenden Umwelt.
Alle Wesen sind eine Familie. Alles ist verbunden