Aus heutiger Sicht

Nietzsche war ein Patriarch und Sozialistenhasser. Er benutzte Begriffe, die man heute nicht mehr in den Mund nimmt. Doch was konnte er vom Missbrauch z.B. des Wortes „Arier“ durch die Nazis wissen? (1) Wie wir alle schwamm er bis oben hin durchnässt im Strom seiner Zeit. Dennoch, sein Denken war wie ein gegen die Strömung schwimmender Fisch: anders, explosiv, auf der Flucht vom Status Quo. Marx konnte seine Texte nur durch die Hilfe der Care- und Sekretariats-Arbeit der im Hintergrund wirkenden Revolutionärin und starken Frau Jenny schreiben; ein revolutionärer Chauvinist? Immer auf den Geldtropf von Engels, dem Fabrikantensohn mit schlechtem Gewissen angewiesen. Heidegger liebäugelte deutschtümelnd mit dem Faschismus, hat selbst die von ihm geliebte Jüdin Hannah Arendt im Stich gelassen – wie so viele Andere. Trotz eines messerscharfen Verstandes, der wie der Ostwind über die dunklen Wälder des Schwarzwaldes zum Feldweg fegt. Alice Schwarzer, Feministin der zweiten Welle wird heute von denen der Dritten ausgebuht. Einer der Lehrer der 68er Revolte, Adorno hatte einen Beef mit seinen Zöglingen, die ihn daraufhin im „Ho Chi Minh Wahn“ massiv angriffen. Die Liste liesse sich unendlich fortsetzen.
Sie lebten in ihrer Epoche, eingebunden in das Denken und der ihnen gegebenen Sprache. Sie fanden ihre Eigene. Trotz zeitsynchroner Gewohnheiten haben sie aus der Zeit gefallene Thesen in die Welt geworfen, gerotzt, gedacht, gesagt und geschrieben. Wer lauscht, kann seinen Geist erhellen. Ja, viele Gedanken von ihnen haben den Weltlauf der Geschichte beeinflusst. Die Spur von Nietzsche führt über die französischen, sogenannten Post-Strukturalisten bis hinein in die heutige Diskussion um solch umstrittene Begriffsklumpen wie dem des „Postkolonialismus“ (2) oder zu neuen feministischen Diskursen. Das Denken dieser Menschen durchzieht die Kritik des Denkens der Moderne wie ein unsichtbares Wurzelgeflecht. Hören wir ihnen zu, befragen wir ihre Positionen, erleuchten wir unsere Sicht auf Welt, springen wir in den kalten Bach; das erfrischt, weckt auf! Bedenken wir die eigenen, ebenso verstellenden Sprach- und Erlebniswelten. Jeder Satz, den ich hier schreibe, ist ein Produkt der Zeit, in der ich lebe. Ihr Geruch, ihre an-“sprüche“ durchdringen meinen Körper – bin in die letzte Zelle. Ich fürchte, in einigen Jahren werden viele meiner Worte als lächerlicher bewertet, als sie jetzt schon sind. Doch mit Freude lasse ich die „progressiv“ keifenden Ideologen und Rechthaber, all die revolutionäten Status-Quo Knutscher hinter mir. Sie fischen, wie schon seit Jahrhunderten im trüben Wasser. Ich blättere mit Lust in den Werken meiner verfehmten Denkfreunde.

(1) „Nachdem ich gar den den Namen Zarathustra in der antisemitischen Correspondenz gelesen habe, ist meine Geduld am Ende – ich bin jetzt gegen die Partei Deines Gatten im Zustand der N o t w e h r. Die verfluchten Antisemiten s o l l e n nicht an mein Ideal greifen.“ Zitiert nach Safranski, R. (2003) Nietzsche. Fischer, Frankfurt a. M. S 353

(2) „Mit recht ist Nietzsche, vermittelt über Gilles Deleuze , im strukturalistischen Frankreich als Machttheoretiker wirksam geworden.“ (Eine der wenigen Anmerkungen von Habermas zu Deleuze in seinem kritischen Werk zu den Strukturalisten.) Habermas, J. (1985) Suhrkamp, Frankfurt am Main S. 153

Politische Emotionen

Der Magen zieht sich zusammen, das Herz pockert, Schweiß bricht aus… im Darmbereich grummelt es… die Stimmung ist niedergeschlagen – oder hochjubelnd. Ein gefühltes Auf und Ab, Hin und Her, ein Dazwischen, schwebend, schwellend, abklingend. Hektisches Handeln bis zur hilflosen Erstarrung. Emotionen können uns in einem eisenharten Griff einschnüren, lähmen, gefrieren lassen oder zu impulsiven Handlungen verführen. Explodieren. Sie lagern sich in und über Stimmungen, durchdringen und beeinflussen diese. Ein fast unkontrollierbarer Mix, erzeugt von Hormonen und feuernden Neuronen – vom Kopf bis zu den Millionen, die sich um unseren Darm schlingen, das sogenannte Bauchgefühl triggern. Gefühlszustände, die in der Politik, speziell der Propaganda eine maßgebliche Rolle spielen.
Mit großem Interesse las ich Eva Illouz Buch über „undemokratische Emotionen“ (1). Im Kern geht es um „Angst“, „Abscheu“, „Ressentiment“ und „Liebe“. Sie fragt und analysiert, wie mit diesen Emotionen oder Gefühlskonglomeraten speziell autoritäre politische Akteure und Systeme arbeiten, um die „Massen“ für deren reaktionäre Agendas zu begeistern. Ein plausibler Ansatz. Denn gerne denken wir das Politische mit dem Kopf, meinen unsere rationalen Schlüsse sind klar und logisch. Beruhen auf Fakten. Oder noch schlimmer „Wahrheiten“. Blind wie Maulwürfe, die unter der Erde das stahlende Licht der Sonne zu sehen vermeinen. Die meisten Handlungen und Gedanken werden uns hingegen wie vom Wind getriebene Wolken zugetragen. Dann erschrecken wir vom Donner des Krieges, dem Nebel dumpfer Angstgefühle vor dem apokalyptischen Szenario des Klimawandels oder träumen voller Hoffnung von einer sonnig luftigen Utopie.
Ja, nicht auf den „kleine Vernunft“ sollten wir hören, sondern auf das oft chaotische Grummeln und Jauchzen der Großen (vgl. Nietzsche: „Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in deiner besten Weisheit.“(2)).
Sollte nicht die erste Frage sein, warum ich politisch geworden bin? Was die Wurzel meiner Gedanken ist? Die Ursache ist sicher nicht im rationalen Urteilen zu finden. Mir fallen dazu fast nur Bilder und Empfindungen ein, die meine „politischen“ Emotionen getriggert, mich aktiviert haben. Der Trauer über das Leid der ungerecht behandelten. Das wütende Unverständnis, als ich, noch Kind, die verstörenden Bilder des Vietnamkrieges oder der Wirkung von Atombomben im Fernsehen sah. Ich verstand sie nicht, doch sie verunsicherten mich zutiefst. Eine tiefe, abgründige Angst vor explodierenden Atomkraftwerken und menschenvernichtenden Bomben folgte. Es formten sich Gedanken und Fragen, warum es dies und anderes gruseliges gibt; wie z.B. Grenzen, die ich als einschränkende Beklemmungen erlebte; oder Hunger formuliert in ausgemergelten Kindern… und vieles mehr. Aus diesen dumpfen Gefühlen, Stichen um die Herzgegend, kreisenden Dunkelwolken beim Einschlafen, formten sich Fragen. Fragen, in Worte gekleidet für Eindrücke, die an sich unaussprechlich scheinen.
Als ich aufwuchs, waren dann die Antworten da. In Form „wissenschaftlicher Pamphlete“, die emotionslos Emotionen benutzten, um kalte materialistische Politik in mich einzupflanzen. Sie vermeinten, alles zu erklären, bis hin zum Liebes- und Beziehungsleben. Wie in der Bibel (oder der Mao Bibel) wurden aus dem Donner der Blitze am Berge Sinai Verhaltensregeln in Worte gefasst. Doch was sind Worte? Leere, armselige Reduktionen und Verdrängungen der Gefühle auf scheinbar klare, logische Begriffe. Imperative. Mag die Mathematik mit Zeichen-Logik funktionieren. Wir Menschen operieren nicht nach Formeln, wie Maschinen. Wir denken aus dem Bauch heraus. Emotionen dringen in und zwischen jedes Wort, jeden noch so logischen und vernünftigen Satz. Selbst Mathematiker bekommen bei einer „sexy“ Formel feuchte Hände. Selbst das Wort „Baum“ mit seinen tausenden von Konnotationen, Mitbedeutungen, wird nur gefühlt. Es steht für Klimawandel, Heimat, Schönheit, Jahreszeit… Der romantische Baum der Dichter oder die Baum-Maschine, die als Wissenschafts- und Wirtschaftsprodukt da steht und berechenbarer Teil des CO2 Kreislaufes wird. Oder der, den wir sprachlos in seiner komplexen Schönheit betrachten.
Was zeigt uns dies? Ganz einfach – auf die „große Vernunft“ und ihre Äußerungen ohne Worte hören, sie zulassen, das Unscharfe, das Ungefähre ertragen. Dann lernen wir schnell, dass es gerade im Politischen darum geht, jenseits von Gut und Böse zu denken. Auf die innere Stimme zu hören. Die, die nicht in Worten spricht. Die Liebe genießen, sie vor dem Missbrauch der Wortverdreher schützen, die von einer „Liebe“ zu abstraktem Blödsinn wie der „Nation“ sprechen. Nur so können wir die Liebe zur „Heimat“, dem „heimeligen“ dem „Gewöhnlichen“ – auch vor linker – Bodenlosigkeit retten. Und vor all den Angstmachern, Hetzern und Propheten falscher Liebe. Mögen sie mit noch so rationalen Worten und dicken Büchern daherkommen. Immer fragen, „warum denke ich so?“. So schwierig. Ein fühldenken zwischen den Worten.

(1) Illouz, E. (2023) Undemokratische Emotionen. Suhrkamp, Frankfurt am Main

(2)Vgl. Nietzsche, F. (1883) Also sprach Zarathustra I, von den Verächtern des Leibes. In: Colli, G., Montinari, M. (1999) kritische Studienausgabe. DTV, München S. 39

Emanzipation

Ich starre auf den Text. Es grummelt in meinem Magen, es nebelt in meinem Kopf. Schlimmer als der trübe Dunst des Herbstes, der das rottende Laub befeuchtet. Worte wie kalter Sprühregen lassen die Gedanken gefrieren. Ich lese von Konflikten in der „Linken“. Davon, dass Cafés und Läden angegriffen und besetzt werden. Ich erinnere dunkel, dass sich K Gruppen im Rahmen der Anti-AKW Bewegung in den frühen 80ern gegenseitig die Scheiben der Buchläden einschlugen. Hat sich seit meiner Jugend nichts geändert? Ich fürchte nicht. Geschichte scheint eher wie der zähe Nebel als ein heller Blitz. Ideologische Verwirrung führt zu Verstellungen, die sich wie ein rotes Band durch Revolten und Revolutionen ziehen, deren Kinder gefressen wurden… “Whatever happened to Leon Trotsky? He got an ice pick that made his ears burn…“ singen die Stranglers 1977 und rufen dann aus: „no more heroes anymore“. Wie habe ich diesen Song geliebt, speziell, als ich begann und schnell wieder aufhörte mit Trotzkisten, Stalinisten und so weiter zu diskutieren. Es war (und ist) sinnlos. Genauso sinnlos aufzumachen, wenn religiös verstrahltes Lächeln an der Tür klingelt oder einem auf der Straße versucht einem ein Heftchen in die Hand zu drücken. Wenn ich an die verbrämten Heilsgläubigen denke, trauere ich um die vielen Menschen, die diese Ideologien für die „Gute“ und einzig „Richtige“ oder „Wahre“ Sache und den „Glauben“ auf dem Gewissen haben.

Dennoch, ich werde immer wieder als „Linker“ gelesen. Was ein chaotisch brodelnder Topf, in den man da geworfen wird. Voll von jammernden und welkem Kraut, durchmischt mit giftigem Unrat. Kaum ein knackiges Gemüse schwimmt im trübe brodelnden Wasser. In den Topf ist schon lange kein Platz mehr für mich. Ein Schluck aus diesem Gebräu, und mir wird speiübel. Warum, mögen Teile fragen, fühle, ja denke ich so? Wie ein ewiger Traum durchzieht mich eine Sehnsucht. Sie wünscht sich einer gerechten Welt, in der jeder Mensch nach seiner Facon lebt, die gleichen Chancen hat. Die Vision verharrt beharrlich im Kopf. Selbst, wenn ich immer wieder aufwache, der Traum sich im stickigen Drama der Nachrichten zu verflüchtigen droht, Traurigkeit sich breit macht. Diese Sehnsucht ist nicht auszulöschen und das ist gut so. Sie gibt Kraft. Alle Wesen, die Umwelt sollten geachtet, mit Respekt behandelt werden, ruft sie. Kapital, Krieg, Religion, Nationen, Unterdrückung und Grenzen sollen keine Rolle mehr spielen.

Mittlerweile deucht mir, dass nur der wendige Weg einer stabilen psychischen „Mitte“ der Handelnden etwas bewegen kann. Nur auf ein ausgewogenes, offenes Wesen vermag es auf diesem Weg zur „Zufriedenheit“ voranzuschreiten. Dies heißt Schritt für Schritt mit den Wellen der Zeit, in sich ruhend, zu fließen. Vermeiden, die Irrwege der eigenen Probleme, Wut und diffusen Ängste in Ideologien zu verstecken. Verhärtung der Gedanken, Identitätspolitik und starrer Glaube sind kein Weg. Weder für die furchtsame Person, die sich hinter einer harten Hülle versteckt, den oder die Strassenkämpfer*In mimt. Ebenso wenig für die, die versuchen unreflektiert und voller Kompromisse mit dem verinnerlichten Strom zu schwimmen, um das eigene Wohlsein zu sichern, oder gar Ressentiments gegen Andere hegen. Befreiung von den „Übeln der Welt“ beginnt im Zentrum, im eigenen Kopf. Wenn dieser voller Konsumstroh oder betonschwer von Ideologien durch die Welt eiert, wird das Elend ewig reproduziert. Nur eine möglichst stabile Persönlichkeit kann den dunklen Fluss der tragischen Politik teilen. So vermag sie seine zerstörerische Kraft aus Elend, Krieg und Ungerechtigkeit zu überwinden. Ein anstrengender, langsamer Weg in kleinen Schritten. Wenn ich mich aufrichte, in mir ruhend stabil, frei, offen stehe, mich selber überwinde, werde ich positiv handlungsfähig. Denn was nutzt alles Jammern und Aufbegehren, wenn man über jeden Stein, jeden Stock stolpert? Speziell dann, wenn ein Führer schreit, die Menschen in Abgründe reißend. Die gleichmütig wärmende Sonne scheint sanft durch jede Ideologie oder Religion. Es ist an uns sie zu suchen. Wenn wir sie erblicken möchten, erkennen wir, dass wir sie in uns tragen. Ihre Strahlen vermögen es die Hindernisse wie Angst, Verzweiflung und Trauer, die gerne zu Wut, Hass mutieren aufzulösen. Selbst manche Idole der Glaubenszombies haben dies schon früh erkannt. Doch die „Glaubenden“ scheinen in ihrer Verblendung unfähig dies wahrzunehmen. Marx schreibt 1843 in Bezug zur Religion den tollen Satz, der für jede Beton-Ideologie gilt: „Wie löst man einen Gegensatz? Dadurch, daß man ihn unmöglich macht. Wie macht man einen religiösen Gegensatz unmöglich? Dadurch, daß man die Religion aufhebt.“ Doch was ist nach ihm die Methode?„Wir müssen uns selbst emanzipieren, ehe wir andere emanzipieren können.“(1) das klingt fast wie das „sapere aude“ von Kant oder der Weg zum Übermenschen von Nietzsche. Das Projekt der Aufklärung in all seinen divergenten Facetten, über die es sich zu streiten lohnt.

Ich frage mich, was bedeutet Emanzipation. Etymologisch ganz einfach – aus e-mancipo: „den Sohn für selbstständig erklären“ (2). Dies tut, laut den patriarchalen Strukturen der Römer, der Vater. Seien wir unsere eigenen Eltern, unser eigener Gott, Jhwh, Allah, Marx, Bakunin, Mutter Theresa…, so wie es Nietzsche fordert! Geben wir uns selber aus der Hand, in die Eigene. Rennen nicht, wie so viele unemanzipierte Linke, Göttern wie Marx, Engels, Gramsci oder wem auch immer hinterher; oder Zarathustra: „Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra? Ihr seid meine Gläubigen: aber was liegt an allen Gläubigen!
Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So tun alle Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.
Nun heiße ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr mich alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.“ (3)

Emanzipation bedeutet die Selbstbefreiung von allen Idolen, die sich in jeder unserer Zellen verstecken, die uns überlisten und verführen wollen. Durch die wir immer wieder Gefahr laufen, im Geiste zu erstarren. Jegliches ideologisches Denken führt zu solch komischen Aussagen von „Linken“, wie die Forderung nach einem Gebetsraum für Muslime in einem autonomen Zentrum, der Flora. Was ein Beton-Denk, Idol-Blödsinn. Hier treffen zwei dunkle Ideologien/Religion aufeinander und reichen sich die blutige Hand (4). Zur Not Marx oder Nietzsche lesen! (s.o.). Besser aber selber mal das Gehirn einschalten, sich emanzipieren. Den Weg der Mitte finden. Sich zentrieren. Sich selber überwinden, hin zum Übermenschen, der nie vollkommen ist. Werden. Immer wieder werden. Zwischen den Schollen schwimmen, die festgefrorenen Brocken vermeiden. Rhizom machen. (5)

(1) Marx, K. (1843) über die Judenfrage (Internetquelle)

(2) Der kleine Stowasser, dt.-lat. Wörterbuch (1971) München

(3) Nietzsche, F. (1883) Also sprach Zarathustra I, Von der Schenkenden Tugend in G. Colli, M. Montinari (1988) Kritische Studienausgabe. DTV, München Bd. 4, S. 101

(4) Taz Artikel dazu von 6.10.24: „Antiimperialisten gegen Antideutsche“. Die Position der Flora: https://de.indymedia.org/node/536599 und ein Bei 99ZUEINS das Interview mit der Forderung.

(5) vgl. G. Deleuze, F.Guattari (1977) Rhizom. Merve, Berlin und diverse weitere Schriften

Kraft

„Ich werde argumentieren, daß es möglich ist, von Kontroversen gewissermaßen zu zehren und zu lernen, wie wir gute Relativisten werden können – sicherlich eine unerläßliche Vorbereitung, um uns in ein neues Gebiet hineinzuwagen.“
Latour, Bruno (2010) eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt a.M. S. 36


Der Frühling bricht mit aller Macht seinen Weg. Innere Kraft lässt die Natur förmlich explodieren. Die „physis“ treibt Knospen, Blüten, Blätter sowie das Licht aus den verborgenen Tiefen heraus in die Welt. Alle Körpersäfte setzen sich nach einer Zeit der Langsamkeit in Bewegung. Selbst mein Denken scheint Fahrt aufzunehmen. Die Physis ist die Kraft, „force“, „pauvoir“. Es ist die allmächtige Power der Natur; sie macht Macht. Wir krabbelnden Säugetiere sind nur ein kleiner Teil dieses ewigen Werdens. Kraft ist eine Potenz, ein Vermögen, eine Möglichkeit, die sich in ihrer unendlichen Vielfältigkeit potenzieren kann.
Wie die Knospen der Bäume und Blüten das Potenzial zum Aufgehen, zur Entwicklung (und zum Vergehen) in sich tragen, so tun es die Gedanken, die von ihnen inspiriert werden. Während die Frühlingssonne strahlt, lese ich über den geheimnisvollen Begriff der Macht. Die „Mikrophysik der Macht“ nach Foucault erweckt meine Gedanken, macht sie warm und sonnig, lässt verstehen. Was eine Motivation, die kleinen, feinen „Kräfte“ zu beobachten, die in jedem komplexen Gewebe wirken. Was ein Angriff auf den massiven Beton-Diskurs der Moderne, der so starr wirkt. Mikrophysik bewegt nicht nur negativ, sondern operiert produktiv. Macht, als Kraft verstanden, schafft. Solche Gedanken mögen Habermas und andere Apologeten der Moderne nicht leiden.
In ihren Wälzern voller verstaubter Wahrheiten und Universalismen folgen sie hehren Idealen. Blinzeln fokussieren sie geblendet die Sonne. Verschwommen erblicken sie den einen Baum mit seinem festen Stamm. Blind für Knospen und Blüten, blind für den Humus, der sich aus vergangenen Zyklen gebildet hat und den neuen Aufbruch aus dem wirren Geflecht der Wurzeln nährt. Ich betrachte das Netzwerk des Lebens. Es drängt aus sich selbst heraus in seiner unendlichen Vielfältigkeit und Allverbundenheit zum vergehenden Erscheinen.
Ja, genießen gehört zum Frühling wie zur Philosophie. Ohne den freudigen, lebendigen Blick auf die kräftigen Farben, deren Machtkraft den Geist umnebelt wäre jedes Empfinden, auch das intelligibele, eine sinnlose Verschwendung der den Dingen innewohnenden Energie. Ach, liebe ich es wirr Diskurse durcheinander zu wirben, zu verbinden, zu zerreißen. Nur aus diesem „zerstören“ bildet sich in mir der Humus, aus dem neues erblühen kann.

Vernebelt

Dunkle Wolken schieben sich über- und durcheinander. Ab und zu ein kurzes, zögerliches Leuchten der Sonne; wenn ihre abgeschwächten Strahlen eine dunstige Lücke finden. Stetig, dem Herbst folgend, nähert sich der Moloch. Im taumelnden Sturz der ersten Blätter, kalt und feucht, fliegen trübe Messages in mein Postfach. Wie die eines in meinen Augen armen Menschen, der sich nicht auszudrücken vermag. Herbststimmung ist Grübelstimmung. Ich lese von Skilltrees für curricularen Erfolg. Ich verstehe das Anliegen nicht wirklich. Ist es ein Studierender? Was will er? Was soll das?
Immer wieder gedachte Gedanken werden getriggert.: Was hat ein Skilltree mit Curriculumsentwicklung zu tun? Wollen sich Studierende selbst gamifizieren? Meine Finger flitzen über die Tastatur. Ich frage nach. Antwort kommt. Es ist kein Studierender, wie zuerst gedacht. Er outet sich als Mitarbeiter einer nicht allzu kleinen Abteilung der Hochschule. Ich scanne die Seite. Ok, nicht ganz so sinnbefreit, wie ich befürchtete. Die Abteilung soll helfen Mittel zum Unterrichten, Lernen, Prüfen bereitzustellen. Moderne Mittel der digitalen Kommunikation. Schön und gut, denke ich, während meine Augen weiterlesen. Doch dann bekommt mein Gehirn Schluckauf. Euphemismen bunte Bilder und leere Worte bombardieren die Sinne: Es geht „strategisch-strukturell“ zu, alles wird „transformiert“, ist „innovativ und zukunftsfähig“. „Dialog und Vernetzung“ durch „wirkungsreflektierende Formate“ werden wohlfeil angepriesen… ich kann nicht weiterlesen. Mein Geist vernebelt sich, wie das Wetter draußen, kollabiert. Was ein Geschwafel! Haben die verstanden, was die da schreiben? Haben die jemals selber unterrichtet? Sind ihre Hirne von den dunklen Wolken neoliberaler Worthülsen verdunkelt wie der Himmel durch dunkel ziehende, regenschwangere Herbstwolken? Einatmen, ausatmen.
Wie oft habe ich in den letzten 25 Jahren über Studium und Lehre sinniert, gegrübelt, geschrieben. Will längst durchdachtes, zerkautes erneut befragt werden? Das „Lernsystem Hochschule“ scheint mich ewig erinnern, nerven zu wollen. Was zum Teufel ist Lernen!? Was bedeutet Lernen heute!? Was heißt es, zu studieren? Was haben diese Euphemismen damit zu schaffen? Was sollen sie verbergen? An sich ist meine erste Antwort nach dem, was Lernen ist, so simpel wie ein blauer Himmel: Ich sehe den mediterranen Sommer, den ich hinter mir ließ. Ich sehe Sokrates, der mit Phaidros an der Stadtmauer Athens unter Platanen wandelt. Mit dem jungen Mann grundlegende Fragen zum Eros und der Schrift erörtert. Im Dialog. Neugierig, offen fragend; manchmal ist Anstrengung zu spüren. Die Worte wandern frei durch sonnige Luft, bewegen den Geist, schweifen und verdichten sich. Wort gibt Wort Raum. Dialog. Studium. Kein Curriculum nur Neugierde und Themen. Keine Angst vor Exmatrikulation oder Prüfungsversagen. Kein Digitalisierungsdruck, kein internalisiertes Raster ökonomischer Verwertbarkeit. Die Alten gaben sich Zeit und gebaren Jahrtausende durchwaltendes Wissen. Den Zeilen folgend füllt wärmende Sonne meinen wissbegierigen Bauch, verdrängen die herbstlichen Wolken.
Ich scanne die Webseite der Organisatin, suche das Wort „Studium“ – vergeblich. Wie auch? Darum geht es nicht. Es geht darum das „Lernen“ durch „Prüfungsordnungen, Prozessen und Strukturen“ zu fesseln, zu knebeln, abzuwürgen. Industriegetriebene Lernmaschine für Studierende. Möglichst digital. „We don’t need no education“ sangen Pink Floyd schon 1979, just als sich die neoliberale Ordung durch Thatcher anbahnte.
Platon und viele Weise lehren: Lernen ist reden, Austausch und vor allem – machen, ausprobieren, tun, handeln. All diese Wortblasenbildungen, die mir auf der Site entgegenschlagen, erinnern mich daran, was ich seit längerem spüre: „Studium“ ist nicht mehr gewollt. Ich lese von „selbsverantwortlichem“ Lernen – und immer wieder Partizipation. Ich lache innerlich. Ja, die Studierenden sollen partizipieren dürfen; gnädigerweise im gesetzen System, dem Raster folgend, mitmachen, teilhaben. Hier und da ein Krümel Freiheit. Alte Talare wurden durch neue ersetzt. Systemische, technologische. Ab in den Fleischwolf der Lernmaschine! Heute digital, mit einem tollen Lernvideotool. Aber studieren? Aus sich heraus aktiv werden? Finden und erfinden? Sich reflektieren? Nein, all dies ist nicht mehr gemeint, von vielen Lernenden vergessen oder nie gelernt.
Dazu habe ich schon einiges gedacht und geschrieben…mit Hilfe von Nietzsche, Pfaller… Dennoch – es würgt immer wieder in mir, wenn ich durch solche Ereignisse und Texte erinnert werde. Wenn ich sehe wie viele Lernenden, Lehrende und speziell die Verwaltung das neoliberale Denken verinnerlicht haben. Funktionieren. Das Raster erstickt! Durch genormten Curricula, Prüfungen nach CP, unter dem kalkulierten Deckel von CNW-Werten, dem Druck zur Finanzierung der Institution nach „Aufnahme-“ und „Abschlussquoten“… Aus den Universitäten ist das Studium verschwunden. Hochschule ist zu einem System verkommen, das von Bürokraten geregelt wird, die nie ein Seminar geleitet, unterrichtet haben. Die nie in den Genuss gekommen sind als lernende Lehrende in gespannte, neugierige Augen zu blicken. Ihre Welt, die OECD und EU genormte Datenbanktabelle, würgt jede freie, spielerische Entfaltung ab. Sie beschäftigen nicht nur sich (retten ihren Job). Nein, sie belagern die Lehrenden und Lernenden mit nie erfragten Operationen und Zwängen. Ohne Liebe zur Lehre, der Praxis. Wie Unternehmensberater. Ich denke: „Freiheit von Forschung und Lehre, wer hat Euch so hingerichtet“.
Meine Geliebte ist hässlich geworden. War sie es schon immer? Habe ich es nur nie bemerkt? Ihr bürokratisches Unbewusstes grunzt hohl, aus toten Fenstern quadratischer Bürogebäude in den herbstlichen Dunst herab. Schielt aus den Zellen der Tabellenkalkulationen und Strategiemeetings, Whiteboards und Sitzungen darauf, wo sie mich normen, kanalisieren, einengen kann. Kalt erfasst ihr eisiger Hauch eine absterbende Welt, lässt die zarten Triebe der Neugierde verwelken. Herbst oder schon Winter?
Zeit, die sich ausbreitende Ödnis zu verlassen! Zeit zu gehen! Zeit nehmen, die Welt umarmen, sie zu erforschen, erspielen, erlernen. Immer wieder. Fluchtlinien ergreifen, wandeln zu neuen Orten, anderen Orten. Vielleicht unter Platanen, wie einst Sokrates und Phaidros.
Ich fühle Mitleid für die, die bleiben müssen, keinen alternativen Weg finden und fanden. Sapere aude, um mit Kant zu sprechen.

Ankommen – immer wieder

Deja Vu wird es oft genannt. Gleicher Ort, gleiche Person, gleiches Ereignis treffen aufeinander. Nur nicht in der gleichen Zeit. Doch was spielt das für eine Rolle? Was zählt ist das „Jetzt“. Das Jetzt ist in Allem, ist immer da und doch nie. Unendlich klein, wie schon Augustinus es beschrieb – zugleich unendlich umfassend. Darum ist es immer neu. Bezogen auf das Ding, das wir „Ich“ nennen. Ein Ding, dass sich in jeder Nanosekunde neu findet, erfindet, konfiguriert. Sich und Welt. Ein huschender Scheinwerfer, der wild zuckend umherstreift. Hier zeigt sich etwas, dort nur fast, hier ein Schatten, dort eine klare Kontur. Kaum erfasst, schon verflüchtigt. Nichts kann er festhalten, nichts kann er zur Gänze ergründen. Immer fehlt etwas – am „Ding an sich“. Doch für uns ist in diesem und jenem Moment voll da, präsent. Die Illusion unseres Ich.
Was solls, ich freue mich. Die Mittelmeersonne strahlt, das Salz prickelt auf der Haut, der weiche Sand und der harte Fels streicheln meine Füße. Die Grillen zirpen, der Geist schweift. Philosophierend lasse ich die Idealisten, Hegel, die alethaia, die ewige Wiederkehr, was immer „da sein mag“ hinter mir und genieße. Den weiten Blick, der sich in der Unendlichkeit verliert, der sich mich verlieren lässt. Dasein, dass wie die heiße Sonne die Glieder und den Geist wärmt. Ich lese über das Denken der chinesischen Meister. Cho-Jie-In. Himmel – Mensch – Erde. In drei Tagen wird der Körper bewegt. Wie vor zwei Jahren und dennoch anders.

Sonnenliebe

Ist es die wärmende Sonne, die weiche Luft, sind es die sprießenden Knospen, die zarten Blättchen, der Geruch nach Aufbruch und Entwicklung? Ich sitze. Voller Kraft durchzieht meinen Körper dies wohliges Gefühl. Wie ein sanfter, warmer Windhauch. Es ist kaum zu benennen. Später, ich denke darüber nach, schwirren etliche Namen durch den erwärmten Geist. Platon nannte es „agape“ (ἀγάπη), dass gerne mit wohlwollender Liebe übersetzt wird. Ist es das? Ist es die Allverbundenheit der „liebenden Güte“ (maitri oder metta), wie sie der Buddhismus bezeichnet, die ich gespürt habe? Wie ein im Sonnenlicht seidenglänzend, verwundener Strang aus schimmernden Fäden durchflutete sie mich. Verknüpfte mich über unendlich viele fein leuchtende Pfade mit der Welt. Das Allganze strahlte freundschaftlich, vertraut. Verdrängte den Winter grauer oder gar dunkler Gefühle und Gedanken. Die Präsenz, das Sein in seiner heimeligen Ganzheit, ist einfach nur da. Wie herrlich.
Aus einer derartigen Empfindung wächst wahre Verbundenheit mit allen Wesenheiten und Dingen. Das funkelnde wohlige Leuchten einer verquirlt-verwobenen Welt. Am stärksten im Energiezentrum unter dem Nabel präsent. Es lässt wärmendes Ki strömen, verteilt es bin in die letzte Faser des Körpers. Diese indifferente, nicht fassbare Stimmung lässt Frieden, das Schöne, das Gute im einfachsten Da-Sein gedeihen, sich verbinden, ganz werden. Beziehung.
Dieses Gefühl kann sich, Platon erneut folgend, zu freundschaftlicher Liebe, philia (φιλία) oder gar zur erotischer Liebe (éρως) mit ihrer erhebenden und zugleich blendenden „Verknalltheit“ entwickeln. Doch sowohl Philia als auch Eros tragen, desto mehr sie sich von der liebenden Güte, Agape entfernen, eine dunkle Schwere in sich. Sie fokussieren auf das Objekt der Begierde und zerschneiden das allumfassende Geflecht „wahrlich seiender“ Beziehungen. Sie sind Anhaftung in sich. Besitzen und konsumieren wollen, melden sich zu Wort, Gerade der Eros sticht mit seinem Pfeil, verdunkelt den Verstand auf wunderbare weise. Der Stich des Gottes vergiftet die Liebenden mit der Droge der Seinsvergessenheit. Nur das angebetet Wesen wird gesehen, all das Leuchten der Ganzheit ist da. Bis hin zur Selbstvergessenheit, der Selbstverlorenheit des Narziss. Verlorenheit bis in den Tod
Die Philia, wahre Freundschaft ist ein tiefes Gefühl, eine starke Verbindung. Sie gibt Geborgenheit ebenso wie Konfrontation. Speziell mit uns selber. Freunde sind ein Spiegel für uns und unseren Weg, wie es Nietzsche im Zarathustra so treffend formulierte: „In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben“. Freundschaft mit sich, den wahren Freunden und zu allen Wesen, ist die Brücke zwischen der Verlorenheit des Eros und der tiefen Allverbundenheit mit der Welt. Aus der Freundschaft zu sich selber und zu allen Wesen kann bei rechter Anstrengung, Konzentration und Willenskraft wahre Liebe erwachsen, die allumfassende Liebe, die liebende Güte, die eine tiefe Zufriedenheit in uns wachsen lässt. Einen Frieden, der in die Welt ausstrahlt und diese ein kleines Stück schöner macht.

(1) Nietzsche, F. (1883/1885) Also sprach Zarathustra: Vom Freunde

Kaltes Glück

Die nordische Luft ist kalt und schneidend. Hagelkörner verweilen im welken Wintergrass. Auf dem kleinen Teich glitzert die wärmende Wintersonne. Ein paar Vögel rufen dann und wann in unverständlicher Sprache. Der werkende Hammer hallt an einer entfernten Häuserfront. Störend. Im Rhythmus seiner Schläge dringt die Kühle der toten Arbeit in das kleine Winterglück ein, durchschneidet als hallender Lärm die Ruhe. Die lebende Ruhe einer sich meldenden Tierwelt, die Ruhe des Rauschens und Knackens, Prickelns und Piepens. Die Ruhe des entspannten Atmens in der frischen Luft, des Blutes, welches uns langsam pulsierend durchströmt. Eine lebendige Ruhe, die inneren Frieden gibt.


Denken die vorbeieilenden Menschen über solche Ruhe, solches Glück nach? Sind sie nur Getriebene? Verhämmern, verquasseln, verträumen, verkonsumieren sie ihre begrenzten Lebens-Momente? Fragen sie sich, was Glück bedeutet? Und ich meine hier nicht das kurze Glück durch Effekt. Ich meine die Frage nach Zufriedenheit, Gelassenheit, Gleichmut, Seelenruhe, inneren Frieden, Ataraxie, Sukha… Der Zustand, für den es in 1000 Sprachen noch viel mehr Worte gibt (1). Ein Zustand der im Inneren von uns allen walten. Ein Zustand, der durch nichts Äußeres erzeugt werden kann. Der nicht zu beschreiben und schon gar nicht durch Schalten und Walten zu erwerben ist.
Manchmal kommt er. Manchmal bleibt er. Manchmal entgleitet er, ist nicht zu fassen. Wenn er da ist, ist er da. Welch eine wunderbare Präsenz. Oft kaum wahrnehmbar, hinter einer Wand aus zuckenden Gedanken und Emotionen versteckt. Immer da. Es gibt da die schöne Ozean-Metapher. Die dünne Schicht der bewegten, zuweilen tosenden Wellen auf der Oberfläche des Meeres, berühren den Ozean kaum. Still schweigt er in seiner Tiefe.

(1) Zum „Glücksbegriff“ gibt es noch viel zu denken, zu sagen, oder vielleicht doch besser zu schweigen. Er möchte erlebt, gelebt werden.