Don’t Dream It – Be It

Was auch immer das „It“ in diesem Text aus der „Rocky Horror Picture Show“ bedeuten soll… – Über dies „It“ muss an anderer Stelle intensiv kontempliert werden. Hier nur ein paar Gedanken zu Träumen. Speziell zu denen, die davon träumen, etwas „haben“ oder „sein“ zu wollen. Sowie das „beleidigt“ sein, wenn die Wirklichkeit nicht den Träumen entspricht.
Die Allmacht der Natur mit ihrer Brutalität kann alle Träume zerstören. Sie greift den Körper an, die Liebsten und vernichtet das Geschaffene. Ein natürlicher Prozess, denn alles ist der Vergänglichkeit geweiht. Träume werden vom Geist geboren. Was wir oft übersehen ist, dass die Natur unseres Geistes permanent damit beschäftigt ist im gleichen Atemzug Träume zu Fall zu bringen; zu durchkreuzen, zu verunmöglichen. Weil unser Geist von sich aus verwirrt ist. Kreuz und quer denkt er aus dem Unbewussten heraus. Folgt Trieben und Lüsten, den Dingen, die vorteilhaft erscheinen. Gedanken drängen uns dahin, wohin wir meinen uns träumen zu müssen: zum haben oder nicht mehr haben wollen.
Bevor wir die Welt, die Natur oder andere Menschen beschuldigen, die eigenen Träume zu durchkreuzen, sollten wir in uns selber schauen. Schauen, durch welche Handlungen wir uns selber im Weg stehen; uns selber ein Bein stellen. Machen wir uns selber für unser Scheitern verantwortlich! Jede Handlung, die wir tun, geht von uns und nur von uns aus. Die Welt reflektiert unsere Bewegungen. Daher ist es oft ratsam – nicht zu handeln. Daher erscheint es ratsam, wenn wir handeln mit Bedacht vorzugehen. Genießen wir die kleinen Träume, die niemanden und nichts behindern, träumen. Die Träume, die für uns und Anderen zur Freude, jedoch keinem unserer Mitmenschen oder der Welt zur Last werden. Bescheiden, dankbar für das sein, was wir haben und sind. Im Jetzt. Was mir leider auch nicht immer gelingt.
Einzig die Utopie ist ein Ort, den wir anstreben sollten, weil es ihn nicht gibt (altgr. ou – nicht / Topos – Ort).

Baustelle Grauer Alltag

Der Himmel über Heraklion war genauso dicht und grau, wie der über Hamburg. Nur etwas wärmer. Die Gesichter an den Airports waren genauso gelangweilt wie immer. Haben sie nichts erlebt? Leben sie noch? Keine Energie, von der sie zehren konnten? Wenn es nicht aus dem Inneren kommt, kommt es nie.
Meine Energie ist leider auch runter. Da hilft nur Willenskraft und Ausdauer – Geduld und Vertrauen. Das kalte Wetter schlägt auf die Atemwege, der Körper verlangt nach Ruhe. Atemübungen! Der Materialismus der westlichen Welt, der sich hier primär in einer Baustelle formuliert, versucht den letzten Nerv zu rauben. So manche Kälte kriecht in Geist und Körper. Doch das Wissen und Vertrauen darauf, dass es weiter geht, die Freude darüber, dass ich Zeit für Entwicklung habe, stärkt mich.
Die Welt, die materiellen Dinge, die Menschen sind unberechenbar. Vielleicht muss man viele von ihnen hinter sich lassen. Heute ist der erste Tag…

Veränderung

Die Sonne kriecht gemächlich über den Horizont. Der morgendliche Sand unter den Füßen ist kühl. So frisch wie der starke Gewitterschauer von gestern. So frisch wie der stürmende Südwind. So frisch wie die kräftigen Wellen, die aus der weiten, glatt erscheinenden Unendlichkeit des Meeres heranrollen. Doch kaum berühren die Füße den Brandungssaum, eine kleine Überraschung. Wohlige Wärme strahlt in die langsam schreitenden Sohlen. Eine Wärme, die aus dem Meer kommt, übergeben an den feuchten Grund, der sich mit jeder Welle ändert.
Der zweite Kraftstein ist verschwunden. Wohl von der tosenden Brandung begraben. Als wenn die Insel von mir Abschied nehmen möchte. Ich finde neue. Die Energie des südlichen Herbstes gibt Kraft, Kraft für die Reise in den noch kühleren Norden. Dort, wo man das warme Gestirn unter Hochnebelschwaden oft nur noch erahnen kann. Wo kein weites und tiefes Meer die Kraft des Helios speichert und an dessen Saum trägt, um meinen spürenden Füßen erquickende Energie zu geben.

Ausgewaschener Sandstein: Er war Meeresboden – bei jedem Regen löst er sich und wird wieder zu Sand und…


Kein Stein wird mich zum Verweilen in der Natur einladen. Wo soll ich dann, eingeschlossen in vier eckige, künstlich erwärmte Wände, den chaotische Rhythmus der Brandung, der warme Hauch des Windes und die frische Kraft des Sturms erfahren? Es erwartet mich eine Zeit der Innerlichkeit. Es erwarten mich die Familie und die Freunde, von denen viele hier zu Besuch waren. Mir wird ganz warm ums Herz, wenn ich an die wundervolle Zeit in der Gemeinschaft in Paleochora denke. Tiefer Dank gilt auch den Besucher*Innen. Wie wundervoll waren die Spaziergänge, das herumhängen am Strand und der Hippie Bar, das abendliche Essen zum „TouchDown“. Die wundervollen Worte, die gewechselt wurden. Banales und Tiefsinniges. Wie schön, dass Ihr da wart, wir unsere Beziehungen vertiefen konnten. Auf dieser Insel, diesem abwechslungsreichen, bebenden Felsenberg im Meer, der so viele Zeiten und Kulturen gesehen hat. Der von den Elementen in steter Folge zu Sand zermahlen wird. Starke Gefühle…

Nein!

Ich fordere für mich das starke „Nein“. Ein Nein, das in mir schallt. Eine Energie, die die Welt erreicht. Wie ein Wirbelwind, der aus vielen Winden zusammengesetzt ist und all die armseligen Jas in Stücke reißt. Sie in alle Himmelsrichtungen vertreibt. Ein Nein, das zerschmettert, auf dass eine Leere entsteht, in der etwas wachsen kann. Das Wissen um das endgültige Nein, dem wir alle ausgesetzt sind.
All die Ja’s, die die Leere verstopfen, das Nein zu verdecken suchen, ohne, dass es ihnen je gelingen mag. Sie müssen ausgelöscht werden. All die armseligen Jas zu Ablenkung und Konsum, zu Politik und Systemen, die Jas in den „Ja ich will dies, ja ich brauche das.“ Schwachsinn, Massenwahn, Irrtum, Dummheit. Sie müssen zertreten werden. Ich muss taub für sie werden. Wie der Fels! Auf dass die Brandung mich langsam zernagt. Ein Nein, das stärker als alle Jas ist. Ein Nein, das gibt. Mehr gibt, als all die Jas, die uns in unserer verfetteten, oberflächlichen (westlichen) Welt um die Ohren gehauen werden. Der Materialismus muss sich in der Spiritualität auflösen.

Handeln – Veränderung

Das Meer hatte Kraft. Mein kleiner Fels war umspült. So musste ich handeln. Jeder Tag beginnt gleich und auch anders. Mal glitzern silberne, sich tummelnde Fischbäuche im glatten Meer – bei dem Versuch von einem Fels Algen abzubeißen. Mal eine Krabbe, die den Stein als Dach für ihre Höhle nutzt. Es gilt die Kraft der Natur anzunehmen, die Füße umspülen zu lassen, den Wind zu erspüren, die Kraft des Atems zu nutzen, um in Bewegung zu kommen. Sich mit der Natur mitzubewegen. Handeln… Wu Wei
Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens. Doch all das Wissen nutzt nichts, wenn die Bewegung, die Veränderung, das Werden mit unserer Natur, in der Natur aufhört; alles geht immer weiter. Da hilft das Schalten und Walten der kleinen Würmer, die sich für die mächtigen Herrscher der Welt halten, nichts. Sie können den Lauf der Dinge nicht anhalten und schon gar nicht bestimmen. Ich musste handeln, um auf dem Stein sitzen zu können. Morgen wieder.

Die große Gesundheit: „Wessen Seele danach dürstet, den ganzen Umfang der bisherigen Werte und Wünschbarkeiten erlebt und alle Küsten dieses idealischen »Mittelmeers« umschifft zu haben, wer aus den Abenteuern der eigensten Erfahrung wissen will, wie es einem Eroberer und Entdecker des Ideals zumute ist, insgleichen einem Künstler, einem Heiligen, einem Gesetzgeber, einem Weisen, einem Gelehrten, einem Frommen, einem Wahrsager, einem göttlich-abseitigen alten Stils: der hat dazu zuallererst eins nötig, die große Gesundheit – eine solche, welche man nicht nur hat, sondern auch beständig noch erwirbt und erwerben muß, weil man sie immer wieder preisgibt, preisgeben muß!“ Nietzsche, F. (1882) Die Fröhliche Wissenschaft, 5. Buch 382

Am Morgen

Im September war ich, bevor die Sonne über den Kamm strich, oft alleine am Felsen. Mal hatten Angler Position bezogen und hofften auf einen frühen Fang. Wenn der Strand sich erwärmt hatte, schlichen die ersten Touristen bis zum Schildkröten-Nest vor. Sie trieben kurz im Wasser, um dann ihre rundlichen Leiber am südlichen Strand zu braten. Während die Wellen ihr ruhiges oder belebtes Spiel spielten, ich mich mit der Natur bewegte, strahlten sie Schwere und Trägheit aus. Der ältere Herr, der langsam, sehr langsam, tagein und tagaus seinen Gang entlang der Brandungszone machte, strahlte innerer Kraft aus. Mit einem kurzen Nicken zollten wir uns jeden Morgen Respekt.
Jetzt, wo der morgendliche Sand sich abgekühlt hat, das Gestirn länger benötigt, der Wind frischer bläst, erwacht am Meer eine neue Dynamik. Da ist die Gruppe der älteren Damen, die Bewegungsyoga machen, das Pärchen, das Tai Chi übt, die Joggerin, die Frau die nach ihren Übungen nackt in die Fluten springt und der mittelalte, sehnige Herr, der seine Schlagkombinationen übt. Der Herbst bewegt nicht nur die Blätter im Norden. Überall verschwinden die Trägen in ihren Höhlen (was an sich nicht schlecht ist) und eine neue Dynamik erwacht am Strand. Auch heute habe ich dem älteren Herrn zugenickt. Ein kurzer, uns beide motivierender Blick.

Studium 2 – entmenschlicht

Einen Tag nach dem Post zum Begriff des „Studiums“ unterstrich der Hilferuf einer Studentin, die psychische Probleme hat, was ich schrieb. Zunehmend muss ich beobachten, dass bei Studierenden Angststörungen, Depressionen und anderer Probleme auftreten. Sicherlich durch Covid verstärkt, aber nicht erst seit Corona. Gefühlt nimmt dieses Phänomen seit etwa 5- 6 Jahren massiv zu (im Nachgang zum desaströsen Übergang vom Diplom zu BA und MA). Einige Studierende, die offen mit ihren Problemen umgingen, konnte ich zum erfolgreichen Abschluss geleiten. Zum Teil mit intensiver Beratung und psychologischer Unterstützung, die sich die Studierenden geholt haben. Leider gab es auch den Abbruch der MA Thesis einer sehr begabten Studentin. Einige Studierende sind schweigend aus dem Studium verschwunden, vielleicht, weil sie keine Hilfe suchten und fanden. Für mich ein nicht quantifizierbares Alarmsignal über den Zustand von Gesellschaft und Studium.
Es kann sicherlich auch daran liegen, dass die „junge Generation“ an sich schwach, nicht forderbar, überfordert, verwöhnt etc. ist, wie manche meinen. Ich muss jedoch feststellen, dass es sich bei den Betroffenen zumeist um hochbegabte und fähige Studierende handelt, die, wenn sie es schafften, im sehr guten bis guten Bereich abschlossen.
Ebenso könnte behauptete werden, dass wir „Alten“, die kurz vor der Rente stehen, ebenso verweichlicht sind. Warum sonst kommen von der Hochschule und Firmen gutgemeinte Angebote zur Stressbewältigung, für Tai Chi und andere netten, hilfreiche Dinge? Warum boomt der Markt für solche Kurse? Warum ist es so schwer, einen Therapieplatz zu bekommen…? Ist dies nicht auch symptomatisch? Ein Armutszeugnis für den Zustand der Hochschul- und Arbeitswelt? Vielleicht sogar unserer Lebenswelt.
Es ist unglaublich, wie viele Menschen in meinem persönlichen Umfeld, speziell solche in Positionen mit Verantwortung – von der Erzieherin, der Krankenschwester über technische Fachkräfte in Großunternehmen, Kolleg*Innen bis hin zum IT Projektleiter berichten, dass sie nicht mehr können oder wollen. Dass sie intensiv an einer „Exit-Strategie“ aus dem Berufsalltag arbeiten. Nicht nur, wenn das Gespräch auf mein Sabbat Jahr kommt. Oft bringt der Job, wie mir, noch Spaß. Doch die Belastung durch die Verwaltung, Email-Aufkommen, Bürokratie, Taktung, Normzahlen (Liste kann erweitert werden) etc. ist kaum noch zu ertragen. Zudem tragen die neuen Medien diese belastenden, jobfremden Tätigkeiten in die Wochenenden, Abende und die Freizeit. Allen Verlautbarungen der Verwaltungs- und Führungsebenen der Arbeitenden zum Trotz. Also auf zum nächsten Kurs, zur nächsten Verpflichtung, die – ach so freiwillig ist…
Ich kann nur dankbar sein, dass ich mir den Luxus dieser Auszeit erlauben darf. Das System hat keine Fehler, es ist der Fehler.

Dankbarkeit

Ein wunderbarer Sonnenuntergang. Dessen letzten Strahlen kitzeln die Wolken des Nordsturms, der über die Berge treibt. Frischer Wind peitscht das Meer und treibt den Sand vor sich her. Touristen hetzen in windgeschützte Tavernen, jammern über den frischen Wind. Die letzte Rettung: der Aperol Spritz – oder wie das Zeugs heißt. Als sich der Wagen von Phöbus Apollon durch fadige Wolken gen Heimat aufmacht, die in schillernden Tönen am Himmel leuchten, hüpfen beleibte Körper schwerfällig aus den Sesseln. Handys werden gezückt und der Frust des Tages ist Vergessen.
Ich bin dankbar, dass ich hier sitzen, die wunderbare Natur mit ihren Gewalten genießen darf. In Eigenbewegung. Ich bin dankbar, dass ich es spüren darf. Ich denke an all die, die sich diesen Luxus nicht erlauben können.

Studium

„PHAIDROS. Genug! Meine Hoffnung hast du vereitelt, Sokrates, da ich dachte, mich an dir zu üben. – Also, wo willst du nun, daß wir uns hinsetzen, um zu lesen?
SOKRATES. Laß uns hier nach draußen abbiegen und den Ilissos entlanggehen, dann wollen wir uns, wo es uns gefällt, in der Stille niederlassen.
PHAIDROS. Zu rechter Zeit bin ich offenbar gerade diesmal barfuß – du bist es ja immer. So ist es am einfachsten für uns, das Wässerchen hinabzugehen und dabei unsere Füße zu netzen. Besonders in dieser Stunde und in dieser Jahreszeit ist das recht angenehm.
SOKRATES. So führe also und schau dich zugleich um, wo wir uns niedersetzen können.
PHAIDROS. Siehst du da jene hochaufsteigende Platane?
SOKRATES. Ja.
PHAIDROS. Dort ist Schatten und mäßiger Lufthauch und Rasen, uns zu setzen oder, wenn wir wollen, uns niederzulegen.“ (Platon, Phaidros – oder vom Schönen, 3)

Das lateinische „studere“ bezeichnet den Prozess nach etwas zu streben, sich um etwas zu bemühen. Also ein sehr allgemeiner und alltäglicher Prozess. Um welches „Etwas“ es geht ist egal. Im Kontext von Forschung und Lehre bedeutet „studieren“ Wissen zu erwerben und anwenden zu können. Wissen, so sollte allgemein bekannt sein, bedeutet noch lange nicht, etwas zu können. Ich weiß, was es bedeutet, auf einem Drahtseil in luftigen Höhen zu balancieren. Doch alle Gleichungen die eine optimale Balance kalkulieren, die Windgeschwindigkeit, das Schwingungsverhalten des Seils, seine Spannkraft etc. berechnen können, nutzen mir nix. Stellt mich auf das Seil und ich stürze ab. Um auf einem Seil einen Abgrund überwinden zu können, bedarf es langer Übung, Überwindung und vielleicht ein wenig Talent. Hinzu kommen Willenskraft, Anstrengung und… Übung! Zudem Muße und Ruhe zum üben, nachdenken, reflektieren und verinnerlichen – am besten in der Natur. Denn beim Lernen geht es darum, die „Natur“ der Dinge möglichst spielerisch zu erfassen. Im wahrsten Sinne des Wortes möglichst intuitiv zu be-greifen.
Wie Byung-Chul Han in seinem schönen Aufsatz über Rituale erwähnt, kommt das Wort Schule aus dem Griechischen: scholé bedeutet Muße*. Die Muße, die auf die Arbeit zum Lebenserhalt folgen sollte. Die der Erholung dient. In der Pause bildet sich die Kraft für den nächsten Gedanken, die nächste Idee, den nächsten Atemzug.
Rechte Anstrengung und Willenskraft etwas wirklich zu studieren bedürfen der Zeit und einer entspannten, motivierten Herangehensweise. Faktoren, die in jeder Situation, je nach Mensch, total unterschiedlich ausfallen können. Studieren bedarf eines eigensten Rhythmus. Sicherlich helfen vermittelte Erfahrungen, das gelebte Wissen eines Meisters oder Lehrers. Speziell wenn es darum geht Hinweise zu geben, wo Dinge falsch eingeschätzt oder gar nicht richtig gemacht werden. Dabei muss der Meister oder Lehrer ebenfalls danach streben die Lernenden in einem horizontalen Verhältnis zu studieren – zu fordern und zu fördern. Lehrende und Studierende müssen sich umeinander bemühen. Lernende Lehrende.
Die heutigen Lehranstalten haben sich, trotz besseren Wissens, meilenweit von diesem Prozess entfernt. Getaktet und in Excel Tabellen gerastert folgen sowohl Lehrende als auch Lernende in weiten Teilen den Vorgaben der (Profit-)Maschine. Dem entmenschlichten Dampfhammer der Effizienz und des Drucks ökonomischer Verwertbarkeit. Bis in die letzte armselige Synapse haben viele Lehrende und Lernende diese quantifizierende Ideologie verinnerlicht. Es geht um Produktion und Reproduktion. Auf einem, über die Zeit abgeblätterten Etikett lassen sich fünf verwitterte Buchstaben lesen: „Studium“. Dahinter finden wir die Raster der CNW Werte, Regelstudienzeiten, Numerus Clausus, Kapazitäten, Evaluationsbögen, Berichte, Anträge, Kalkulationen, Forschungs-Etats, Stundenpläne, Ordnungen… alles in riesigen Tabellen mühevoll erfasst.
Daten, die nicht das Geringste vermögen, sondern nur noch verwaltet werden wollen. Heute kommt in Hochschulen auf eine hauptamtliche Lehrperson in etwa eine Person, die verwaltet (dazu noch die politischen Verwalter bis hoch zur EU). Verwaltung ist das Gegenteil von Studium. Es ist Produktion – Verwaltung produziert bekanntlich nur noch mehr Verwaltung. Sie zwingt die Lehrenden durch ihre Gesetzvorgaben, Formulare und Tabellen mitzuverwalten. Wertvolle Lebenszeit und Lehrzeit wird für die zwangsgestörte Bürokratie verschwendet. Forschen und Lernen im maschinellen Takt, in einem vertikalen Macht-Verhältnis, in dem die Bürokratie mit ihren Normvorgaben (aus Industrie und Politik) zur Gewinnmaximierung an der Spitze steht. Eine neue Form der Sklavenhaltergesellschaft. Selten kommt wirklich etwas Qualitatives heraus. Dies kann nur geschehen, wenn die Studierenden und Lehrenden das Raster verlassen, die Regeln brechen; aus sich selber heraus beginnen die Welt zu studieren. Kein Wunder, es sollen ja Arbeitssklaven für den Markt produziert werden, für die Gewinnmaximierung an den Börsen, denen der Zustand der Welt egal ist.
Die Geldmaschine kennt keine Muße. Doch gerade Muße ist eine essentielle Voraussetzung für jedes wirkliche Studium, jedes wirkliche Bemühen und Streben. Muße, aus der die Dialoge des Platon und der anderen großen griechischen Philosophen entstanden; Gedanken, die bis heute gedacht werden. Tiefsinnig, wegweisend, am Mittelmeer unter Platanen beim dialogischen Spaziergang gedacht. Verlassen wir die toten Kammern der Hochschulen und wandeln unter Platanen, um ein wirkliches Studium zu beginnen!

*“Die Hoch-Zeit ist auch die Zeitlichkeit der Hochschule. Im Altgriechischen heißt Schule scholé, also Muße. Hochschule ist demnach Hoch-Muße. Sie ist heute keine Hoch-Muße mehr. Sie selbst ist eine Produktionsstätte geworden, die das Humankapital zu produzieren hat.“ (Byung-Chul Han (2019) Vom Verschwinden der Rituale. Ullstein, Berlin S. 52