„PHAIDROS. Genug! Meine Hoffnung hast du vereitelt, Sokrates, da ich dachte, mich an dir zu üben. – Also, wo willst du nun, daß wir uns hinsetzen, um zu lesen?
SOKRATES. Laß uns hier nach draußen abbiegen und den Ilissos entlanggehen, dann wollen wir uns, wo es uns gefällt, in der Stille niederlassen.
PHAIDROS. Zu rechter Zeit bin ich offenbar gerade diesmal barfuß – du bist es ja immer. So ist es am einfachsten für uns, das Wässerchen hinabzugehen und dabei unsere Füße zu netzen. Besonders in dieser Stunde und in dieser Jahreszeit ist das recht angenehm.
SOKRATES. So führe also und schau dich zugleich um, wo wir uns niedersetzen können.
PHAIDROS. Siehst du da jene hochaufsteigende Platane?
SOKRATES. Ja.
PHAIDROS. Dort ist Schatten und mäßiger Lufthauch und Rasen, uns zu setzen oder, wenn wir wollen, uns niederzulegen.“ (Platon, Phaidros – oder vom Schönen, 3)

Das lateinische „studere“ bezeichnet den Prozess nach etwas zu streben, sich um etwas zu bemühen. Also ein sehr allgemeiner und alltäglicher Prozess. Um welches „Etwas“ es geht ist egal. Im Kontext von Forschung und Lehre bedeutet „studieren“ Wissen zu erwerben und anwenden zu können. Wissen, so sollte allgemein bekannt sein, bedeutet noch lange nicht, etwas zu können. Ich weiß, was es bedeutet, auf einem Drahtseil in luftigen Höhen zu balancieren. Doch alle Gleichungen die eine optimale Balance kalkulieren, die Windgeschwindigkeit, das Schwingungsverhalten des Seils, seine Spannkraft etc. berechnen können, nutzen mir nix. Stellt mich auf das Seil und ich stürze ab. Um auf einem Seil einen Abgrund überwinden zu können, bedarf es langer Übung, Überwindung und vielleicht ein wenig Talent. Hinzu kommen Willenskraft, Anstrengung und… Übung! Zudem Muße und Ruhe zum üben, nachdenken, reflektieren und verinnerlichen – am besten in der Natur. Denn beim Lernen geht es darum, die „Natur“ der Dinge möglichst spielerisch zu erfassen. Im wahrsten Sinne des Wortes möglichst intuitiv zu be-greifen.
Wie Byung-Chul Han in seinem schönen Aufsatz über Rituale erwähnt, kommt das Wort Schule aus dem Griechischen: scholé bedeutet Muße*. Die Muße, die auf die Arbeit zum Lebenserhalt folgen sollte. Die der Erholung dient. In der Pause bildet sich die Kraft für den nächsten Gedanken, die nächste Idee, den nächsten Atemzug.
Rechte Anstrengung und Willenskraft etwas wirklich zu studieren bedürfen der Zeit und einer entspannten, motivierten Herangehensweise. Faktoren, die in jeder Situation, je nach Mensch, total unterschiedlich ausfallen können. Studieren bedarf eines eigensten Rhythmus. Sicherlich helfen vermittelte Erfahrungen, das gelebte Wissen eines Meisters oder Lehrers. Speziell wenn es darum geht Hinweise zu geben, wo Dinge falsch eingeschätzt oder gar nicht richtig gemacht werden. Dabei muss der Meister oder Lehrer ebenfalls danach streben die Lernenden in einem horizontalen Verhältnis zu studieren – zu fordern und zu fördern. Lehrende und Studierende müssen sich umeinander bemühen. Lernende Lehrende.
Die heutigen Lehranstalten haben sich, trotz besseren Wissens, meilenweit von diesem Prozess entfernt. Getaktet und in Excel Tabellen gerastert folgen sowohl Lehrende als auch Lernende in weiten Teilen den Vorgaben der (Profit-)Maschine. Dem entmenschlichten Dampfhammer der Effizienz und des Drucks ökonomischer Verwertbarkeit. Bis in die letzte armselige Synapse haben viele Lehrende und Lernende diese quantifizierende Ideologie verinnerlicht. Es geht um Produktion und Reproduktion. Auf einem, über die Zeit abgeblätterten Etikett lassen sich fünf verwitterte Buchstaben lesen: „Studium“. Dahinter finden wir die Raster der CNW Werte, Regelstudienzeiten, Numerus Clausus, Kapazitäten, Evaluationsbögen, Berichte, Anträge, Kalkulationen, Forschungs-Etats, Stundenpläne, Ordnungen… alles in riesigen Tabellen mühevoll erfasst.
Daten, die nicht das Geringste vermögen, sondern nur noch verwaltet werden wollen. Heute kommt in Hochschulen auf eine hauptamtliche Lehrperson in etwa eine Person, die verwaltet (dazu noch die politischen Verwalter bis hoch zur EU). Verwaltung ist das Gegenteil von Studium. Es ist Produktion – Verwaltung produziert bekanntlich nur noch mehr Verwaltung. Sie zwingt die Lehrenden durch ihre Gesetzvorgaben, Formulare und Tabellen mitzuverwalten. Wertvolle Lebenszeit und Lehrzeit wird für die zwangsgestörte Bürokratie verschwendet. Forschen und Lernen im maschinellen Takt, in einem vertikalen Macht-Verhältnis, in dem die Bürokratie mit ihren Normvorgaben (aus Industrie und Politik) zur Gewinnmaximierung an der Spitze steht. Eine neue Form der Sklavenhaltergesellschaft. Selten kommt wirklich etwas Qualitatives heraus. Dies kann nur geschehen, wenn die Studierenden und Lehrenden das Raster verlassen, die Regeln brechen; aus sich selber heraus beginnen die Welt zu studieren. Kein Wunder, es sollen ja Arbeitssklaven für den Markt produziert werden, für die Gewinnmaximierung an den Börsen, denen der Zustand der Welt egal ist.
Die Geldmaschine kennt keine Muße. Doch gerade Muße ist eine essentielle Voraussetzung für jedes wirkliche Studium, jedes wirkliche Bemühen und Streben. Muße, aus der die Dialoge des Platon und der anderen großen griechischen Philosophen entstanden; Gedanken, die bis heute gedacht werden. Tiefsinnig, wegweisend, am Mittelmeer unter Platanen beim dialogischen Spaziergang gedacht. Verlassen wir die toten Kammern der Hochschulen und wandeln unter Platanen, um ein wirkliches Studium zu beginnen!
*“Die Hoch-Zeit ist auch die Zeitlichkeit der Hochschule. Im Altgriechischen heißt Schule scholé, also Muße. Hochschule ist demnach Hoch-Muße. Sie ist heute keine Hoch-Muße mehr. Sie selbst ist eine Produktionsstätte geworden, die das Humankapital zu produzieren hat.“ (Byung-Chul Han (2019) Vom Verschwinden der Rituale. Ullstein, Berlin S. 52