Versagen? (Polemik gegen Reformen)

Warum ist es so schwer den simplen Satz aussprechen: „Das läuft so ganz gut…, wir lassen es so.“ Was bedeutet diese Aussage in unserer gehetzten Welt. Einer Welt, die von Plänen, Reformen und Zielen verseucht ist? Mir fällt sofort ein: „Wenn etwas funktioniert, Bestand zu haben scheint, ist es im Gleichgewicht“. Dann läuft es rund; nicht aus dem Ruder. Wie ein Rad, das zentriert ist, in der Mitte. Mag sein, dass es ein wenig eiert. Aber was solls! Es geht im wahrsten Sinne voran. Wird. Im banalen, in kleinen gewöhnlichen Schritten liegt die Kraft des Werdens.
Wenn ich mir mein Arbeitsumfeld, die Hochschule (und auch die Politik) anschaue, scheint gar nichts rund zu laufen. Es wackelt und zuckelt, kratzt, sitzt fest. Warum sonst bedarf es all dieser Reformen? Was soll dieses fordernde Geschrei nach „Innovation“? Ein Ruf der Verlorenen, so scheint es mir. Alles was ist, ist schlecht, wird an jeder Ecke geunkt. Ist unsere Lehre wirklich reformbedürftig? Nur weil die Leitungen über die Jahre den Haushalt verrockert hat, sich Schulden Türmen? Geld für bürokratische Zeitdiebe rausgeschmissen wird, bis keins mehr für die Lehre da ist? Sie nicht führen, sondern mit eingezogenem Schwanz in vorauseilendem Gehorsam den Schreibtischtätern von OECD und EU den Mors lecken?
Können bitte, trotz einer wahrgenommenen Krise, die Strukturen, die funktionieren, die laufen, nicht so lassen werden, wie sie sind? Ändert alles, wie auch das Studium, sich nicht von selbst; von innen heraus? Ewige Akkreditierung, ewiges Qualitätsmanagement, Reformen, Geschwätz all derer, die hinter ihren Aktenbergen hocken, in Gremien ihre Legitimität erlabern; Zettel und Tabellen Produzieren, die uns von der Lehrtätigkeit abhalten. Keiner von denen lehrt, hat jeh gelehrt. Gefühlt brennt in deren Herzen nichts für die Studies, das Studium. All diese Komweids und Präsidien quäken wie frustrierte Froschbändiger nach Reformen des Karrens, den Sie in den Dreck gefahren haben. Fantasielos brüten sie über hohlen Konzepten, die nichts verbessern. Unser Karren, die Lehre, rollt trotz der in den Weg gelegten Steine weiter. Läuft. Rumpelt über die Schlaglöcher, die sich durch das Versagen von Bürokratie und Verwaltung auftun. Der Wagen schlingert und knirscht halt ein wenig. Aber was solls?
Wie mein Herzenstudiengang: Läuft. Mal runder, mal wenig rund; zentriert. Mal gibt es mehr Preise, mehr Ausgründungen, mal weniger. Wie das Rad auf dem Weg der Mitte, das immer etwas eiert; zumeist unmerklich. Selbst wenn der Studienplan die Struktur starr erscheint; jedes Jahr kommen neue Menschen, lernen, finden und entwickeln Dinge. Bringen sich selber voran, so wie ich mich entwickle, jeden Tag ein Anderer bin (Rimbaud (1)). Der ganze Studiengang ist jeden Tag anders – durch diese feine, schmierende Bewegung von unten. Mal ein wenig besser, mal ein wenig schlechter. Werden. Kraft von Ĭnnen.
Bald gehe ich, der Games Master läuft weiter. Ein wenig anders als zuvor. Neue Menschen verändern. Mit oder ohne Reformen. Wozu dann immer wieder Herden von Bürokraten beschäftigen? Korintenkacker nannte sie mein Vater. Er hatte recht. Sie stehlen uns, die wir versuchen den Studierenden eine angenehme, spannende und auch anstrengende Lehrumgebung zu schaffen, die Zeit. Sie zwingen uns, unsere Ideen, den laufenden Status quo zu verteidigen. Sie zwingen uns, in gähnend langweiligen Sitzungen gegen die Tabellen, leere Powerpointeuphemismen und Vorgaben zu kämpfen? Mein Magen grummelt, ich denke „verpisst Euch“ – ja, ich bin froh, mich bald verpissen zu dürfen. In der Mitte bleibt der Studiengang mit seinen Studierenden. Ich werde sie vermissen. Zurück bleiben die Kolleg*Innen, die hilflos dem Gezerre der Bürokratie und deren Reformwahn ausgeliefert sind.

(1) „Ich ist ein anderer. Umso schlimmer für das Holz, wenn es sich als Geige wiederfindet, und Hohn über die Ahnungslosen, die über das rechten, wovon sie nicht das Geringste verstehen.“ (Rimbaud A. (2002) Sämtliche Dichtungen. dtv, Seherbriefe 369)

Begehren

Ich lese Lacan, denke, versuche zu verstehen. Dabei scheint es so banal. Andauernd begehren wir Dinge. Weil die Anderen sie begehren. Weil Andere wollen, dass wir sie begehren. Ab der Geburt werden wir angerufen, diese ebenfalls haben zu wollen. Gegenstände, Menschen, Kontakte, Nationen, Reichtum, Image, Ansehen, Titel, Geld, Erlebnisse… Unsere Hände werden feucht, wenn Andere etwas haben, was wir zu wollen meinen. Schlimmer noch. Durch jedes Objekt appellieren die Anderen an uns, etwas zu wollen. Stopfen uns mit Sehnsüchten voll. Usere Begierde ist die der Anderen. Verinnerlicht. Ohne diese Dinge vermeinen wir nicht vollständig zu sein.
Ein ungezügelter Appetit galoppiert durch unseren Geist, setzt sich in den Gedärmen fest. Er schreit nach mehr; wuchert. Möchte alle Leerstellen füllen, die wir vermeinen zu haben. Schon längst gesättigt stopfen wir mehr und mehr in uns hinein. Ein in wörtlichem Sinne tödlicher An“spruch“. Wir bemerken nicht, das wir schon lange geplatzt sind. Die geglaubte Fülle ist die eines reifen Abszesses. Der von Begierde verseuchte Eiter quillt über die Erde. Sie stöhnt unter den beton- und plastikverseuchten Schritten der Menschheit.
Alles nur, um dem großen Anderen, den verinnerlichten Blicken – ja von wem eigentlich – zu genügen. Sind wir passend gekleidet? Wohnen wir am richtigen Ort? Ist unsere politische Meinung genehm oder gar die erwartete, passende Provokation? Verhalte ich mich so, wie die Eltern, Freunde, oder Lehrer es erwarten? Die Liste ist unendlich. Doch nichts vermag die innere Leere zu beseitigen, die sich im Eventlachen oder Fremdschämen zu Hause fühlt. Eine Leere, die große Frage, mit der wir geboren wurden. Die wir stets nur allzugerne verdrängen: Wer bin ich? Die Leerstelle, die wir mit all dem Lob, all der Anerkennung, all dem Plastikquatsch zu füllen versuchen.
Eine Meinung besitzen, Dinge zu besitzen hat nichts mit „Sein“ zu tun. Hat nichts mit Haltung zu tun. Das einzige was für mich zählt, ist zu versuchen eine Haltung zu erlangen, die den Blicken der Anderen, meinen Blicken genügt. Eine bewegliche Haltung, die all den Ansprüchen in ihrer Flexibilität standhält. Genügsam sein bedeutet, das zu akzeptieren, was nicht perfekt zu sein scheint; vertrauensvoll und liebend in die Welt zu schauen. In ihrer beweglichen Mitte zentrier zu bleiben. Lücken zuzulassen. Bei uns selber. Einem Selbst, dass immer wieder anders ist, wird. Das darauf schaut, wie die Zeit an uns vorüberstreicht, die Wesen und Menschen vorbeiziehen, vergehen um neu zu erstehen. Wie wir selber. Alles ist Vergänglichkeit im Werden.
Es ist an uns zu üben, nicht mit dem dämlichen Plastikgrinsen der bunten Figuren, die stumpf in die Welt starren, auf diese zu schauen. Zu lernen nicht leer wie die meisten Menschen, auf ihrer vergeblichen Suche nach Inhalten, mit trübem Blick auf die Arbeit, durch die Warenhäuser und Reisebüros zu schleichen. Sie kämen ihrem Ziel näher, wenn sie bei sich blieben. Wild tanzen oder schweigsam ihren Atem betrachten würden. Für sich, ohne darauf zu achten, was die Anderen denken. Meintswegen nackt.
Ich betrachte die Vögel in der kahlen Hecke. Suchend, pickend, plusternd, flüchtend. Flüchtig.