Polemik gegen die Tabelle

Warum verachte ich die Tabelle? Diese Anhäufung von Kästen in ebenmäßiger Form, gradlinig wie die Reihen einer uniformierten Soldateska? Quadratisch, praktisch, auf keinen Fall gut. Warum ruft sie in mir so einen tiefsitzenden Ekel hervor?
Liegt es an meinem künstlerischen Geist? Ein Geist der die Dynamik des Kreises, der geschwungenen Linie, des Bruches, der Störung vorzieht. Der – im Sinne Picabias – die Erkenntnis, dass der „Kopf rund ist, damit das Denken die Richtung ändern kann“ schon früh verinnerlicht hat? Liegt es an der Grundform der Tabelle, dem Quadrat? Ja, das Quadrat ist fest, steht starr im Raum. Wie Malewich malerisch feststellte. ohne Anfang und Ende, unendlich tief und dennoch weit ausgreifend. Doch selbst sein Pinselstrich vermochte keine einhundert Prozent exakte, berechenbare Linie zu malen. Sein Quadrat ist so unscharf wie die Behauptung des von Doesburg in seinem Pamphlet „Mecano“ (4,5 1922), das Quadrat zu verstehen.
Das abstrakte Quadrat, als Basis jeder Tabelle ist absolut berechenbar, exakt, fest-gestellt. Eine Hoffnung auf allumfassende Kontrolle. Der Kreis hingegen, die gebogene Linie, beinhaltet die Unberechenbarkeit der Infinitesimalzahl π. Nie genau ermittelbar. Immer dem Schwingen des Ungenauen ausgesetzt, der Annäherung. Nie zur Ruhe kommend, immer im Werden. Das Quadrat hingegen behauptet die Festigkeit eines Betonblocks. Es ist eingebunkertes Denken. Es fordert die Logik der Ideologien, bis hinein die in der Kunst der Konstruktivisten, die eine ewig bestehende, utopischen Weltwahrheit suchten. Heraus kamen die toten Wohnblocks, in denen die Menschen wie Hühner in den Legebatterien eingepfercht werden. Nutzenoptimierung für die Sklaven des Marktes. Hinter der erhofften Befreiung verbarg sich die tote Logik der Effizienz, der kapitalistischen Berechenbarkeit.
Eben der Effizienz, die ihren Höhepunkt im Siegeszug der digitalen Systemen erlangen sollte. Darum lieben Verwaltungen Tabellen. Excel Tabellen. Sie schützen die SchreibtischtäterInnen davor Menschen zu sehen, das Leben zu spüren. Das Leben, das immer unscharf ist, wird verdrängt, wie hinter die anonymen, gleichförmigen Türen der Betongettos. Darum sind Quadrat und Liste die geborenen Freunde der Erstarrung, der Unbeweglichkeit, des Todes. Was ist eine aus Excel generierte Statistik gegenüber dem Geruch, der Dynamik, dem Wuseln, den huschenden Bildern des Lebens? Alle die auf den eckigen Plastiktasten der Tastaturen tippenden, in die rechteckigen Monitoren starrenden VerwalterInnen und Planenden sind durch die Tabellen von ebendiesem Leben abgeschirmt. Für sie ist die Welt ein Zoo, der durch die zahlengefüllten Spalten und Zeilen auch sie schon lange weggesperrt hat. In einen Raum, ein Cubicle, eine glatte, glänzende Ecke des Großraumbüros, der Gefängniszelle des täglichen Molochs. Fernab von den Menschen, die als Nummer über den Bildschirm flackern. Wie die Tage ihres gekästelten Kalenders leer verstreichen.
Das Quadrat dominiert das teleologische westliche Denken. Hier wurde die Welt schon früh als Taxinomie klassifiziert. In der Hoffnung, alles und jeden zu erfassen, einzusortieren, zu ordnen. Tote Holzkästen voller festgenadelter Insekten. Die Menschen bemerken die unsichtbaren Nadeln der Tabellenkalkulationen, die sie selber durchdringen erst, wenn sie die genau bemaßte Grenze des Quadrats, diese tödliche Linie, überwinden wollen. Wenn sie bemerken, dass kein Leben in eine Zelle passt; wenn sie selber durchs Raster fallen.
Das Quadrat normt, schert über einen Kamm. Das Quadrat generiert Langeweile und Papierberge, die nichts aussagen. Doch wie stolz sind die Verwalter des klinischen Todes auf ihrer Ergebnisse, diese ausgehöhlten, leblosen Datenberge, die sie produzieren? Mit ihren Zahlen und abgegrenzten, eindimensionalen Wissen quälen und martern sie das Leben. All die BeraterInnen, BürokratInnnen, Politiker*Innen… Besserwissenden. In ihrem Versuch, alles in einen Kasten mit der dazu gehörigen Formel zu zwängen, berechenbar zu machen, alles, was nicht hinein passt, zu entsorgen. Jedes atmende Dazwischen wird ausgegrenzt. Es existiert nicht.
Ist das Quadrat nur eine Metapher? Eine Metapher, die schon früh in den Köpfen unserer Vorväter herumspukte? Der Kulminationspunkt der aristotelischen Kategorien, die Kant bis hinein in unser Moralverständnis gestopft hat? Egal, die Tabelle mit ihren Formeln ist allgegenwärtig. Die digitalen Kalkulatoren, die nur in ihrer Zelle denken können, die PCs mit ihren eckigen Prozessoren, haben den Prozess verstärkt. Man schaue nur, wie gefangen die Menschen vom Blick auf ihre kleinen, leuchtenden mobilen Quadrate sind, die sie immer bei sich führen müssen. Zwanghaft. Auf deren Bildschirmen es summt und tanzt, piepst und quiekt. „Alles so schön bunt hier“, sang Nina Hagen. Doch dieses „Bunte“ erscheint mir ebenso blutleer und farblos wie die „grauen Männer“ bei Momo. Man kann Quadrate anstreichen wie Mondrian. Man kann sie sogar genießen. Doch kein Pinselstrich war so perfekt wie die Pixel eines Monitors.
Ich fordere die Löschung aller Tabellenkalkulationen, die Sprengung der Linien des Quadrats, die explosive Macht der Unschärfe, des Unberechenbaren, des Ungenauen. Zerfallende Grenzen, die offen sind. Deleuze und Guattari folgend müssen wir Fluchtpunkte und Horizonte eröffnen. Stürmende Wellen, die selbst die Grenzen des Kreises sprengen, das Chaos. Denn der Kreis in seiner Unberechenbarkeit ist nie „fertig“. Eine Forderung nach Beweglichkeit. Denn nur in der Bewegung gelingt ein „Werden“. Lieber beim Experiment vergehen als in der quadratischen Zelle zu verrecken, langsam zu verwesen, den berechenbaren Zahlentod zu sterben. Ist es zu spät?

Nix Tun

Es kommt im Leben nicht darauf an, was man getan hat. Es kommt darauf an, was man nicht getan hat. Dieser Satz, diese Weisheit rumpelte während der Morgengymnastik in meinen Kopf. Habe ich ihn gedacht oder ist es die Erinnerung an den Ausspruch eines Weisen, der sich in meinem Unbewussten festgesetzt hatte? Er riecht nach uraltem Wissen, das feststellt, das zu selten gehandelt – oder besser – nicht gehandelt wird. Im Chinesischen etwas „Heiliges“: Wu Wei – NixTun – Natur wirkt aus sich heraus. (1) Ohne Ziel, ohne Intention.
Ein Satz gegen die alltägliche Betriebsamkeit, das Gerenne und Gehetze. Der Drang, etwas zu erreichen, wo nichts zu erreichen ist. Gedanken gegen die Hin und Her hüpfenden Affen im Kopf, die antreiben, verzetteln, verwirren. Falsche Ziele Setzen. Der Affen, die schwer zur Ruhe zu bringen sind. Der Affen die rufen und schreien, fordern und zerren. Dabei ist es so simpel. Auf den sanften Atem konzentrieren. Den weichen Strom gleiten lassen, der die Affen verharren lässt, bis sie, verwirrt den Kopf kratzend, verträumt auf ihren Ästen hocken und – nichts tun.
Im nichts tun können wir bei uns sein, bei all den Anderen sein, in der Welt sein. Im nichts-tun wird Niemand durch unser betriebsames, maschinelles Handeln angetrieben, beleidigt, herausgefordert, verletzt. Wie oft habe ich mir durch gedankenloses Tun Ruhe versagt, mich antreiben lassen. Statt in Gelassenheit zu treiben; zu schweben,. Wie das Blatt, das gemütlich und zielstrebig vom Baum zur Erde taumelt. Es wird auf der feuchten Erde landen, um zu vergehen, neues Leben zu spenden. Ich bin das Blatt. Ich schillere in buntesten Farben. Die Affen sitzen weiterhin oben in den Ästen und staunen verwirrt, halten inne, ohne es zu bemerken. Dann, der nächste Sprung, das nächste Schwingen. Ich wünsche allen Affen, dass sie zu Blättern werden, ihren Ort finden. Nicht abstürzen.

(1)Lao Zi spricht allerdings vom Heiligen so: „“Der Heilige geht nicht – Bu Xing (…)und weiß doch, er sieht nixht – Bu Jian (…) – und ist doch klar, er handelt nicht – Bu wie (…) und bringt doch zustande.“ Und noch deutlicher heißt es bei ihm; “Ohne aus der Tür zu gehen kennt er doch alles unter dem Himmel; ohne aus dem Fenster zu schauen, sieht er das Himmelsdao. Je weiter er heraus hinausgeht, desto geringer wird sein Wissen.““ (1) Geldsetzer, L, Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart; S. 81

Den Schmerz atmen

Der Körper. Was ein Gestell aus Knochen und Muskeln, was ein Haufen Zellen. Was ein Wunder voller Wasser! Was für eine rufende, schreiende, meckernde Illusion. Lange vor den Gedanken will der Körper. Er fordert. Gnadenlos. Unsere Emotionen und der ach so freie Geist sind seine Sklaven, ihrem vergänglichen Träger auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Belagert von einem andauernden Strom von Anrufungen, bis hin zu wildem Geschrei, solange dieser todgeweihte Zellhaufen über die Erde wandelt. Das Grollen des Hungers, hier ein Mucken, dort ein Jucken. Die vielen Seiten des Schmerzes. Von stechend fein, scharf ziehend, über dumpfes sich bemerkbar machen, bis hin zum alles einsaugenden Malstrom, der das Ich in den Moment hineinreißt, bis jeder Gedanke Schmerz ist.
Zu dieser dunklen Seite des Körpers gesellt sich die sonnige, luftige, freudige Lust des Begehrens. Wir verorten sie zumeist im Geist. Dort machen sich dessen Diktatoren, die Emotionen bemerkbar; wenn sie aus unseren Eingeweiden in den Kopf geworfen, geschossen werden – oder langsam in das Bewusstsein wandern. Manche dunkel und voller Schmerz, manche licht und hell.
Das der Leib für den Geist Strafe zu sein vermag, durchdringt die Geschichte. Jedes Herrschaftswissen weiß zu berichten, dass wir den freien Geist, den Willen durch einen Angriff auf den Körper strafen und brechen können. Offen und brachial; nicht so fein und fröhlich geheuchelt wie durch die vernebelnde Rede (1). Doch denken wir jetzt nicht an die gesellschaftlichen Körper, die Metaphern unserer Fleischlichen.
Leiden und das Begehren nach dem Ende des Schmerzes sind zwei Seiten derselben Medaille. Sie bleiben bestehen, solange wir nicht gelernt haben, die Ursachen zu erkennen. Doch erkennen reicht nicht. Wir müssen den Körper, die Schmerzen umarmen, Freundschaft mit ihnen schließen, sie akzeptieren, verstehen. Dann findet sich ein Weg, mit ihnen in Frieden zu leben. Nur so vermag sich Linderung einzustellen. Bei uns selber im gesellschaftlichen Körper. Eine harte, immerwährende Aufgabe für unser aller Leben. Daher versuche ich im Schmerz meinen Körper, alle Körper zu lieben (was schwer ist). Bis dieser Zellenhaufen sich im Universum auflöst, der Geist befreit wird. Solange versuche ich zu verstehen, was mein Körper sagt. Egal wie stark der Schmerz meinen Geist nervt und martert.

(2) 1. Souveränitätsmacht: Die Macht des Schwertes „Sie hat insofern einen geringen Differenzierungs- und Vermittlungsgrad, als ihre Sprache auf die einfache »Symbolik des Blutes« beschränkt ist: »Gesellschaft des Blutes oder richtiger des ‚Geblütes‘: im Ruhm des Krieges und in der Angst vor dem Hunger, im Triumph des Todes, in der Souveränität des Schwertes, der Scharfrichter und der Martern spricht die Macht durch das Blut hindurch, das eine Realität der Symbolfunktion ist.« Das Blut bedeutet. Auch der Körper des Gemarterten wirkt zeichenhaft. Er ist ein „Mal«, ein Mahnmal, das bedeutet, Die Macht des Souveräns spricht durch den zerstückelten Körper oder durch die Narben, die die Marter auf dem Körper hinterlässt. […] Und Folter und Marter vollziehen sich als ein Ritual, als eine Inszenierung, die mit Zeichen und Symbolen arbeitet“ (Han, B. C. (2005) Was ist Macht. Reclam, Stuttgart (49 zit nach Der Wille zum Wissen 175))