Der Körper. Was ein Gestell aus Knochen und Muskeln, was ein Haufen Zellen. Was ein Wunder voller Wasser! Was für eine rufende, schreiende, meckernde Illusion. Lange vor den Gedanken will der Körper. Er fordert. Gnadenlos. Unsere Emotionen und der ach so freie Geist sind seine Sklaven, ihrem vergänglichen Träger auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Belagert von einem andauernden Strom von Anrufungen, bis hin zu wildem Geschrei, solange dieser todgeweihte Zellhaufen über die Erde wandelt. Das Grollen des Hungers, hier ein Mucken, dort ein Jucken. Die vielen Seiten des Schmerzes. Von stechend fein, scharf ziehend, über dumpfes sich bemerkbar machen, bis hin zum alles einsaugenden Malstrom, der das Ich in den Moment hineinreißt, bis jeder Gedanke Schmerz ist.
Zu dieser dunklen Seite des Körpers gesellt sich die sonnige, luftige, freudige Lust des Begehrens. Wir verorten sie zumeist im Geist. Dort machen sich dessen Diktatoren, die Emotionen bemerkbar; wenn sie aus unseren Eingeweiden in den Kopf geworfen, geschossen werden – oder langsam in das Bewusstsein wandern. Manche dunkel und voller Schmerz, manche licht und hell.
Das der Leib für den Geist Strafe zu sein vermag, durchdringt die Geschichte. Jedes Herrschaftswissen weiß zu berichten, dass wir den freien Geist, den Willen durch einen Angriff auf den Körper strafen und brechen können. Offen und brachial; nicht so fein und fröhlich geheuchelt wie durch die vernebelnde Rede (1). Doch denken wir jetzt nicht an die gesellschaftlichen Körper, die Metaphern unserer Fleischlichen.
Leiden und das Begehren nach dem Ende des Schmerzes sind zwei Seiten derselben Medaille. Sie bleiben bestehen, solange wir nicht gelernt haben, die Ursachen zu erkennen. Doch erkennen reicht nicht. Wir müssen den Körper, die Schmerzen umarmen, Freundschaft mit ihnen schließen, sie akzeptieren, verstehen. Dann findet sich ein Weg, mit ihnen in Frieden zu leben. Nur so vermag sich Linderung einzustellen. Bei uns selber im gesellschaftlichen Körper. Eine harte, immerwährende Aufgabe für unser aller Leben. Daher versuche ich im Schmerz meinen Körper, alle Körper zu lieben (was schwer ist). Bis dieser Zellenhaufen sich im Universum auflöst, der Geist befreit wird. Solange versuche ich zu verstehen, was mein Körper sagt. Egal wie stark der Schmerz meinen Geist nervt und martert.
(2) 1. Souveränitätsmacht: Die Macht des Schwertes „Sie hat insofern einen geringen Differenzierungs- und Vermittlungsgrad, als ihre Sprache auf die einfache »Symbolik des Blutes« beschränkt ist: »Gesellschaft des Blutes oder richtiger des ‚Geblütes‘: im Ruhm des Krieges und in der Angst vor dem Hunger, im Triumph des Todes, in der Souveränität des Schwertes, der Scharfrichter und der Martern spricht die Macht durch das Blut hindurch, das eine Realität der Symbolfunktion ist.« Das Blut bedeutet. Auch der Körper des Gemarterten wirkt zeichenhaft. Er ist ein „Mal«, ein Mahnmal, das bedeutet, Die Macht des Souveräns spricht durch den zerstückelten Körper oder durch die Narben, die die Marter auf dem Körper hinterlässt. […] Und Folter und Marter vollziehen sich als ein Ritual, als eine Inszenierung, die mit Zeichen und Symbolen arbeitet“ (Han, B. C. (2005) Was ist Macht. Reclam, Stuttgart (49 zit nach Der Wille zum Wissen 175))