Sprachlos – Vom Ärger zur Ruhe

„Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten. »Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln.“ (Nietzsche, F. (1884) Also sprach Zarathustra, Vorrede Kap. 5)

Beim WWF Fußabdruck Rechner komme ich, weil ich z.B. kein Auto fahre, energetisch saniert wohne, Gemüse über die Biokiste bekomme, wenig in Klamotten und Möbel investiere, einen kurzen Arbeitsweg habe, max. einmal im Jahr in den Urlaub fliege, versuche Fleisch zu reduzieren, und wenn dann nur Bio, etc. auf einen recht passablen Wert. Unter dem deutschen Durchschnitt, jedoch über dem der Weltbevölkerung, was kein Wunder ist. Sicher, ich habe hier und dort meinen Luxus und konsumiere sinnlose Dinge. Dies und das könnte ich weiterhin verbessern. Nach dem Motto, „Jeder Mensch sollte versuchen die Welt ein wenig besser zu machen“. Dies gilt umso mehr in Anbetracht der nahenden Katastrophe, welche speziell die Generation unsere Kinder bedroht.

Als ich mein Ergebnis eines ähnlichen Rechners von Brot für die Welt betrachtete, fiel mir der folgende Satz ins Auge: „Zu Deinem persönlich beeinflussbaren Fußabdruck wird ein Sockelbetrag von 0,9 globalen Hektar (gha) addiert. Dieser kollektive Fußabdruck steht für die Infrastruktur in Deutschland (z.B. Straßen und Krankenhäuser).“ Gefühlt bedeutet dies, dass ich auf vieles keinen direkten Einfluss habe. So wenig wie auf das Wachsen eines Berges durch tektonische Plattenverschiebungen. Doch welche Möglichkeiten gibt es, ein wenig mit einem Löffel an diesem Gebirge des Wahnsinns zu kratzen? Dem Gebirge, dass den Abgrund formt, über dessen Klippen die nächste Generation zu stürzen droht? Für mich bedeutet es, die Klima-Aktivist:Innen ohne Wenn und Aber zu unterstützen. Die, die sich aktiv, mit allen ihnen gegebenen Mitteln der Klimakatastrophe entgegenstellen. Bis hin zum Einsatz ihres Körpers. Nur so lässt sich vielleicht gerade noch der Abgrund vermeiden, in den wir stürzen werden. Es geht für alle darum, aktiv zu werden. Ruhig und in dem Maß, das uns möglich ist. Gegen unseren inneren Schweinehund und der leider (aus meiner Sicht) trägen, Bildzeitungsverdummten, Auto- und Konsumversessenen Bevölkerung. Sowie deren Volksvertreter:Innen und Meinungsmaschine.

Diese Gedanken sind der Hintergrund, vor dem mir gestern ein kalter, versengender Blitz durch die Eingeweide zuckte. Brennende Wallungen wie ein überhitzter Saharawind, durchtosten und erregten meinen Leib. Wie die Schockwellen eines Steins, der voller Kraft in den still da liegenden Teich am Fuß des Abgrunds geschleudert wurde. Die emotionale Attacke riss meinen ganzen Körper mit. Zum Glück meldete sich sich dann mein Geist. Auch wenn er durch die, über den Bildschirm flimmernde, Nachricht entgeistert war. Einatmen, ausatmen. Den wilden Gefühlscocktail Wahrnehmen, erkennen, annehmen, umarmen. Die ersten drei Schritte, um mit aufkommendem Ärger umzugehen. Ich fasse es nicht. Kaum habe ich den hitzigen Angriff der Gefühle ein wenig umarmt, ein wenig beruhigt, rutsche ich unvermittelt in die vierte Phase. Tief schauen.

Klar, was da los ist, kann ich in den Worten lesen, die mich so getroffen haben: Die Staatsgewalt hat sich blind agierend über junge, verzweifelte Menschen hergemacht: Wie ein zerfleischendes Raubtier über ein graziles Opfer, das sich zu behaupten versucht. Ein Opfer, dass aus der Verzweiflung heraus einen umstrittenen Pfad gewählt hat. Den Pfad des Widerstandes. Ich denke, wenn sie so fühlen, aus gutem Grund. Friedvoll, kraftvoll, überlegt wurden Grenzen überschritten. Doch was sind das für lächerliche Regelbrüche angesichts der nahenden Katastrophe. Der Klimakatastrophe, vor der eine große Mehrheit der Wissenschaft warnt. Vor dieser Katastrophe gibt es keine Flucht.

Was ein Fehlgriff, was eine armselige Hilflosigkeit (oder gar Berechnung) einer von stinkenden Automotoren angetriebenen Politik. Bilder schießen durch meine Gedanken. Grüne haben schon immer die größten Dreckschleudern gefahren. Deren Abgase haben deren einst idealistisches, kämpferisches Hirn abgetötet. Heute sind sie Teil der Weltvernichtungsmaschine. Weitaus schlimmer fühle ich die Arroganz der Autoknutscher aus der SPD, deren nicht handelnder Oberguru die letzte Generation zuletzt als „völlig bekloppt“ diffamiert hat. Mir fällt die Liste seines Versagens ein. Elbphilharmonie, Olympia, G20, Warburg und jetzt in der Klimapolitik… Über die Wölfe im Schafspelz der FDP, denen unter dem Banner der Freiheit des Geldes, die Schönheit der Welt, das Leben nebensächlich und egal zu sein scheint. Über die Konservativen, die schon lange nur noch destruktiv daherkommen und nichts mehr bewahren, rede ich garnicht erst.

Was eine Dummheit, diese mutigen Kinder, die in ihrer Verzweiflung über die Stränge schlagen, als kriminelle – äh, war ein Fehler der Staatsanwaltschaft (wohl aus Berechnung?) Vereinigung zu diffamieren. Sie auf Geheiß der Auto- und anderer CO2 Lobbies, der (auf-)gehetzten SUV-Bürger in eine kriminelle Ecke drängen zu wollen. Es ist so, als ob man jungen Menschen, die das Leben vor sich haben und genießen sollten, erst den Boden unter den Füßen wegzieht und diese dann für den Sturz bestraft.

Es ist nicht die „letzte Generation“, die kein Rückgrat hat. Ich fürchte der Rechtsstaat, die „letzen Menschen“, die „Heerdenthiere“ (Nietzsche), personifiziert von den gekauften Volksvertreter:Innen, hat es schon lange verloren. Ein wahrscheinliche tödliches Konglomerat aus Politik und Industrie, welche dem dummen Volk die heilige Kuh in Form des Automobils seit Jahrzehnten als Heils- und Freiheitsbringer angepriesen hat. Diese kleinen Hochgeschwindigkeitsgefängnisse, die unsere Erde jede Sekunde milliardenfach überfahren und verpesten. All dies hab ich verstanden.
Ich werde und muss mich für diesen jungen Menschen, die sich überwunden haben aktiv zu werden, einsetzen, mit ihnen gegen die Mikropartikel-verstaubten dunklen Mächte auf die Straße gehen. Klar gehört dazu, zu versuchen weiterhin mein (Konsum-) Verhalten zu ändern. Ich muss noch mehr für die Zukunft meiner und unserer Kinder tun. Nach dem Motte, es bringt nichts, wenn wenige alles tun, sondern viel mehr, wenn viele ein wenig tun. In kleinen Schritten. Geradeaus. Mit Rückgrat und ohne Rücksicht auf die lobbyverpesteten Volksvertreter:Innen.

Ich gehe in die Badewanne. Luxus. Ich verschwende Energie. Der Sturm legt sich weiter, die sanften Wellen beruhigen sich. Nach dem Verstehen kommt die Ruhe. Dann muss die Aktion folgen. Ich gehöre zur (vor-)letzten Generation. Für die Kinder kämpfen.

Euphemismus

Ich lese die verzweifelte Mail eines Mitarbeiters, der seit Monaten nicht weiß, ob er in wenigen Wochen weiter beschäftigt sein wird. Ein von seiner Aufgabe begeisterter Mensch, einer der warmen Motoren der Lehre, für die er sein Herzblut einsetzt. Er war maßgeblich am Aufbau des Labors beteiligt. Er hat geholfen, nicht unerhebliche Drittmittel einzuwerben und vieles mehr. Am wichtigsten ist jedoch seine engagierte Unterstützung der Studies und derer Projekte. Solche Menschen sind der Puls der Lehre.
Ein durch Euphemismen übertünchter Infarkt bringt das zum Bildungsfließband verkommene System Hochschule innovativ und zukunftsorientiert zum Stottern. Ohne jede Resilienz stirbt das „Studium“. „Lehre“ oder was davon nach Jahren schleichender, neoliberalen Vergiftung übrig geblieben ist funktioniert nur noch im Takt oberflächlichen Marketing-Geblubbers.
Ich gleite durch die Slides der glatten, langweiligen Powerpointpräsentation mit ihren nichtssagenden Stockfotos. Leere Texte springen wabernd in mein Auge. Ein Konglomerat von Worten, die dunkle Dinge aussprechen, ohne etwas zu sagen. In seidig glänzende Watte gehüllt kommen sie bösartig daher. Das ist kein freundliches Geheul von Wölfen in Schafspelzen. Für mich klingen sie wie das Stöhnen und Grunzen von blutzerfledderten Zombies in überteuerten Designerklamotten. Untoten, die jedem Bezug zur lebendigen Welt verloren haben.
Ich lese „Strategie, Prozess, nachhaltige Transformation Herausforderungen, Innovationen der Zukunft, gesamtgesellschaftliche Verantwortung, ganzheitliches Verständnis, verantwortlicher Fortschritt, Wissenstransfer, Resilienz, Transformation, Vielfalt, Kooperation, Raum, Strukturen, Prozesse, Zielerklärung, Leistungsbereiche…“. Mein Magen zieht sich zusammen. Was soll das sein? Ein neuer Aufbruch? Nein, es ist der Weg in den Glanz einer goldenen Zukunft strahlender Kälte, aufgezeigt durch einen eisigen Pfad. König Midas…
Nicht einmal lese ich Worte wie „Menschen“, „Studierende“, „Lehrende“…All die Dinge, die für mich die den Kern dieser Institution ausmachen, sind im schmatzenden, trüben Sumpf der Euphemismen kläglich untergegangen. Ich sehe vor meinem inneren Auge die todbringenden und stählernen strategischen Panzerwortmaschinen der neoliberalen Transformation. Sie walzen alles menschliche, alle Lust zu studieren, zu lehren, alle Vielfalt nieder. All das, was Menschen mit Herz und Liebe aufgebaut haben, taumelt, schwankt, versinkt. All das, was neugieriges Studium und fröhliches Miteinander ausmacht, ist dabei zu vermodern, unterzugehen.
Kalt klingt der technokratische Marketing-Wortschwall des Unternehmen Hochschule in meinen Ohren. Nach Papierbergen, Stempeln, Stahl und Maschinen. Menschen sind nur noch Produkte. In meinen Ohren hallen Orwells Mahnungen nach. Mahnungen eines Leidenden, der für warme Ideale am Schreibtisch und sogar im Schützengraben gekämpft hat. Voller Liebe für die Anliegen der Bewohner:Innen Kataloniens im Angesichts der Faschistischen Mordmaschine (1). Der uns in „1984“ das Wort „Neusprech“ geschenkt hat. Es lässt alleine durch seinen Klang das Herz gefrieren, zerspringen. Ich denke an das Buch „Erwachsenensprache“ des Psychologen und Philosophen Robert Pfaller (2), der in Linz lehrt. Dessen schneidende Analyse der Euphemismen neoliberaler Rhetorik so treffend sind. In meinen Ohren hallt „We don’t need no education, we don’t need no thought control“ aus „The Wall“ von „Pink Floyd“ (3). Die Euphemismen von Heute sind das, was gestern der Rohrstock war…
Ich fürchte, es ist sinnlos meine schwach gehauchten Worte gegen diese Euphemismen in den Ring zu werfen. Ich fürchte es gibt kaum Begriffe, welche die warme Erhabenheit ausdrücken können, die für mich in „Studium“ und „lernen“ mitschwingen. Ich versuche es; sie sind kaum zu greifen. Ich spüre sie, finde sie schwer. Studium kann nur von Menschen in vertrauensvoller Gemeinsamkeit gemacht werden: begleitend, beobachtend, schweigend, genießend. Voller freudiger, heimeliger Aufmerksamkeit, Konzentration, Willenskraft. Angefüllt von der Lust auf Faszinierendes. Sich begeistern und anstecken lassen, sich gegenseitig ins Feuer werfen. Liebe zum Gegenstand, Liebe zur gemeinsam schaffenden Tätigkeit. Liebe zur kämpferischen Auseinandersetzung. Achtung voreinander. Auf Augenhöhe.

(1) Orwell, G. (1964) Mein Katalonien

(2) Pfaller, R. (2017) Erwachsenensprache. Fischer

(3) Pink Floyd, Another Brick in the Wall (1979)