Euphemismus

Ich lese die verzweifelte Mail eines Mitarbeiters, der seit Monaten nicht weiß, ob er in wenigen Wochen weiter beschäftigt sein wird. Ein von seiner Aufgabe begeisterter Mensch, einer der warmen Motoren der Lehre, für die er sein Herzblut einsetzt. Er war maßgeblich am Aufbau des Labors beteiligt. Er hat geholfen, nicht unerhebliche Drittmittel einzuwerben und vieles mehr. Am wichtigsten ist jedoch seine engagierte Unterstützung der Studies und derer Projekte. Solche Menschen sind der Puls der Lehre.
Ein durch Euphemismen übertünchter Infarkt bringt das zum Bildungsfließband verkommene System Hochschule innovativ und zukunftsorientiert zum Stottern. Ohne jede Resilienz stirbt das „Studium“. „Lehre“ oder was davon nach Jahren schleichender, neoliberalen Vergiftung übrig geblieben ist funktioniert nur noch im Takt oberflächlichen Marketing-Geblubbers.
Ich gleite durch die Slides der glatten, langweiligen Powerpointpräsentation mit ihren nichtssagenden Stockfotos. Leere Texte springen wabernd in mein Auge. Ein Konglomerat von Worten, die dunkle Dinge aussprechen, ohne etwas zu sagen. In seidig glänzende Watte gehüllt kommen sie bösartig daher. Das ist kein freundliches Geheul von Wölfen in Schafspelzen. Für mich klingen sie wie das Stöhnen und Grunzen von blutzerfledderten Zombies in überteuerten Designerklamotten. Untoten, die jedem Bezug zur lebendigen Welt verloren haben.
Ich lese „Strategie, Prozess, nachhaltige Transformation Herausforderungen, Innovationen der Zukunft, gesamtgesellschaftliche Verantwortung, ganzheitliches Verständnis, verantwortlicher Fortschritt, Wissenstransfer, Resilienz, Transformation, Vielfalt, Kooperation, Raum, Strukturen, Prozesse, Zielerklärung, Leistungsbereiche…“. Mein Magen zieht sich zusammen. Was soll das sein? Ein neuer Aufbruch? Nein, es ist der Weg in den Glanz einer goldenen Zukunft strahlender Kälte, aufgezeigt durch einen eisigen Pfad. König Midas…
Nicht einmal lese ich Worte wie „Menschen“, „Studierende“, „Lehrende“…All die Dinge, die für mich die den Kern dieser Institution ausmachen, sind im schmatzenden, trüben Sumpf der Euphemismen kläglich untergegangen. Ich sehe vor meinem inneren Auge die todbringenden und stählernen strategischen Panzerwortmaschinen der neoliberalen Transformation. Sie walzen alles menschliche, alle Lust zu studieren, zu lehren, alle Vielfalt nieder. All das, was Menschen mit Herz und Liebe aufgebaut haben, taumelt, schwankt, versinkt. All das, was neugieriges Studium und fröhliches Miteinander ausmacht, ist dabei zu vermodern, unterzugehen.
Kalt klingt der technokratische Marketing-Wortschwall des Unternehmen Hochschule in meinen Ohren. Nach Papierbergen, Stempeln, Stahl und Maschinen. Menschen sind nur noch Produkte. In meinen Ohren hallen Orwells Mahnungen nach. Mahnungen eines Leidenden, der für warme Ideale am Schreibtisch und sogar im Schützengraben gekämpft hat. Voller Liebe für die Anliegen der Bewohner:Innen Kataloniens im Angesichts der Faschistischen Mordmaschine (1). Der uns in „1984“ das Wort „Neusprech“ geschenkt hat. Es lässt alleine durch seinen Klang das Herz gefrieren, zerspringen. Ich denke an das Buch „Erwachsenensprache“ des Psychologen und Philosophen Robert Pfaller (2), der in Linz lehrt. Dessen schneidende Analyse der Euphemismen neoliberaler Rhetorik so treffend sind. In meinen Ohren hallt „We don’t need no education, we don’t need no thought control“ aus „The Wall“ von „Pink Floyd“ (3). Die Euphemismen von Heute sind das, was gestern der Rohrstock war…
Ich fürchte, es ist sinnlos meine schwach gehauchten Worte gegen diese Euphemismen in den Ring zu werfen. Ich fürchte es gibt kaum Begriffe, welche die warme Erhabenheit ausdrücken können, die für mich in „Studium“ und „lernen“ mitschwingen. Ich versuche es; sie sind kaum zu greifen. Ich spüre sie, finde sie schwer. Studium kann nur von Menschen in vertrauensvoller Gemeinsamkeit gemacht werden: begleitend, beobachtend, schweigend, genießend. Voller freudiger, heimeliger Aufmerksamkeit, Konzentration, Willenskraft. Angefüllt von der Lust auf Faszinierendes. Sich begeistern und anstecken lassen, sich gegenseitig ins Feuer werfen. Liebe zum Gegenstand, Liebe zur gemeinsam schaffenden Tätigkeit. Liebe zur kämpferischen Auseinandersetzung. Achtung voreinander. Auf Augenhöhe.

(1) Orwell, G. (1964) Mein Katalonien

(2) Pfaller, R. (2017) Erwachsenensprache. Fischer

(3) Pink Floyd, Another Brick in the Wall (1979)