Werden – Vergehen

„Die Meisterin des Lebens – nicht zu fassen und dennoch immer da!“ Schießt es durch meinen Kopf.
Kraftvoll sprießt das Grün, ein heller, weicher Flaum umhüllt eben noch karge Äste. Leuchtend blüht der Kirschbaum, den ich vor 17 Jahren gepflanzt habe. Die japanische Kirsche um die Ecke schüttelt die welken Reste der jetzt schon vergangenen Pracht ab. Sanft sinkt sie in den feuchten Boden. Braun und verschrumpelt löst sich das vorab so prächtig strahlende hellrosa auf. Frischer Humus. Kleine Blättchen sprießen zaghaft an den erneut kahlen Ästen. Wachsen, gedeihen. Werden und Vergehen im gleichen Moment. Die Kraft der Natur.
Ein Mann schiebt geduldig seine Frau in das wohlige Heim. Sie ist seit kurzem an den Rollstuhl gebannt. Ich denke: „Welch ein Glück, dass ich aufstehen kann“ – noch. Mein Atem kommt und geht, meine Beine tun ihren Dienst. Werden und Vergehen, das ist die Welt. Wir können diesem Fortschreiten der Zeit nichts entgegensetzen. Wozu? Der Moment zählt. Morgen wird der Kirschbaum erneut in sattem Grün in der Frühjahrssonne erstrahlen. Frischer als in der abendlich-heimeligen grauen Dämmerung. Dann bin ich wieder einen Tag älter. Die Sonne wärmt zaghaft.