Weiße Weite

Die Sonne glitzert über dem Meer, bescheint die Insel. Ein Versprechen von Ruhe und Erdung. Ein Leuchten in dieser dunklen Zeit. Wie die Schneeglöckchen, die ihre unschuldig weißen Köpfe in den Himmel strecken. Einen Himmel, der Frühling und Aufbruch verspricht. Auch wenn der Winter, wie er aus den Medien klingt, mit voller Gewalt unsere Gedanken in den Griff zu nehmen versucht. Er scheitert, wenn wir aufpassen und das Positive nähren.


Jedes kleine positive Zeichen, jeder in sich ruhende Blick in das Licht der inneren Wahrheit, jeder Atemzug gibt Hoffnung. Oder besser noch – Werden zum Sein. Hoffnung verspricht oft zu viel. Dennoch ist sie so viel mehr als die dunklen Wolken eines kalten Winters, unter dessen grauen Himmel Menschen sinnlos leiden und sterben.

Genervt sein

Frischer nordischer Nieselregen hüllt die Marktstände ein. Keine wirklichen Schlangen, keine Einkaufshektik. Ein kleiner Luxus. Hinter uns ein Schnaufen. Ein älterer Herr, Hager, mit einer coolen Syltwindwetterweste, armselig wichtig in seinem Pensionärsdasein. Vor uns eine langsame, ältere Dame. Kaum hatte er sich eingereiht, wütendes Schnaufen. Er hat wohl etwas Nieselregen abbekommen, drängelt sich, ärgerlich, komische Geräusche von sich gebend, unter das schmale Vordach. Vielleicht rinnt das kalte Nass seinen Rücken runter, denke ich amüsiert. Wir hatten Spaß mit dem Regen und den Pfützen auf dem Spaziergang. Das Schnauben hört nicht auf. Es geht ihm wohl zu langsam. Er zappelt genervt atmend, hat keine Zeit. Sehnt sich wohl nach seinem warmen SUV, der ihm ein wenig Sicherheit und Ego geben würde. Selbst als Pensionär keine Zeit. Wir schauen uns an; grinsend. Wir stellen fest: „Es muss solche Menschen geben, damit wir was zum Amüsieren haben.“
Ich erinnere mich daran, wie wichtig es ist, in solchen Momenten, wie dem, in dem der gnätzige Pensionär emotional gefangen war, ruhig zu atmen, den Moment so zu nehmen wie er ist. Sonst diene ich das nächste mal der Mitwelt als Clown; lache hoffentlich über mich selber.

Jetzt!

Mal sanfter und mal lauter klick-klackern die Regentropfen im eigensten Rhythmus kühl an die Scheiben. Wie sinnlos eine Struktur erkennen zu wollen. Sie spielen ihre eigene Musik. Wie im Tanz muss man mitgehen. Regentropfen werden. Auch in der Sonne muss man Sonne sein. Dem Wind sollten wir uns beugen. Flexibel und biegsam im Moment. Wunderbare Welt.
Welch ein Luxus, es leben zu können.
In diesem Moment der Ruhe muss ich an Thích Nhất Hạnh denken, der am 22 Januar mit 95 verstorben ist. Später lese ich nach – in seinem schönen Büchlein „Im Hier und Jetzt zu Hause sein“:
„Wer einmal erlebt hat, wie wohltuend, erfrischend und heilsam es ist, ganz im gegenwärtigen Moment zu sein, im Hier und Jetzt wirklich anzukommen, in dem wird eine tiefe Sehnsucht erwachsen, solche Augenblicke öfter und länger zu erleben. Ganz bei sich und gleichzeitig mit allem verbunden, fühlt man sich zuhause, nichts fehlt, alles ist da.“ (7)
„Wir glauben, wenn wir nichts tun, dann vergeuden wir unsere Zeit. Das ist nicht wahr. Unsere Zeit ist zunächst für uns da, ist da für uns, damit wir sein können – was zu sein? Lebendig zu sein. Frieden zu sein, Freude zu sein, zu lieben. Das ist, was die Welt am dringendsten braucht. Wir üben uns darin zu sein. Und wenn wir die Kunst beherrschen, friedlich zu sein, stabil zu sein, dann haben wir die Grundlage für jedes Handeln geschaffen, denn die Grundlage jedes Tuns ist, zu sein. Und die Qualität des Seins bestimmt die Qualität des Tuns. Das Tun muss auf dem Nichtstun basieren.“ (17) Wu Wei…
Schön ist, dass der nächste Regen, der nächste Sonnenschein, der nächste Wind mit Sicherheit kommt. Ob ich da bin oder nicht.

Thích_Nhất_Hạnh (2016) Im Hier und Jetzt zu Hause sein, ‎ Theseus