Da und dort schwatzen die Vögel, gurren, piepsen, pfeifen Melodien, flattern. Vom Bolzplatz das ballige „Plopp, Pong“; Rufe und Anweisungen. Dezent, – all dies gehört zur sonnigen Feiertagsruhe. Auf den Atem konzentriert, bin ich Teil von Welt. Leises Schlurfen im Gras. Erneute Ruhe. Wieder Schlurfen, eine Begrüßung, mit dunkelruhiger Stimme gesprochen. Zwei treffen sich neben mir, in der Frühsommersonne. Wunderbares Wetter.
Ich konzentriere mich auf den Atem. Dennoch, immer wieder schweben Gesprächsfetzen in meine Ohren. Es geht um Gesundheit. Untersuchungen, Screenings und Krankheiten im Umfeld. Ich atme tief ein, bleibe auf dem Atem, bei den Vögeln. Es lenkt mich ab. Bilder vom letzten Gespräch mit einem Freund kommen mir in den Kopf. Da ging es die erste viertel Stunde ebenfalls um dieses und jenes Zipperlein, nicht nur bei uns. Scheint am Alter zu liegen. Ich blicke verstohlen unter meiner Sonnenbrille hindurch zur Nebenbank. Ja, ein älteres Pärchen plauscht über Hautkrebsscreening, Vorsorge vor dem Urlaub und all diese Dinge. Zurück zum Atem. Wäre ich doch einer dieser Vögel, die die grüne Natur und den blauen Himmel mit ihrer wundersamen Atmosphäre tränken. Die Vögel erzählen von Revieren, PartnerInnen, Hunger und was weiß ich. Dann, irgendwann, fallen sie vom Ast und sind tot. So einfach, so gut. Ich finde den Atem wieder. Am Anfang war nichts, danach ist auch nichts.
Kategorie: Nachdenken
Identität
„Da, der Baum, da, der Ahorn, wie er in seinem hellgrünen, zarten Frühlingskleid in der Sonne strahlt!“ Ruft mein Geist. Der Baum, mein Geist, die Sonne, der Frühling – Identitäten. Im Moment klar und eindeutig identifizierbar. Eine Sekunde später schiebt sich eine Wolke über die Sonne. Ein neuer Gedanke formiert sich aus den Strömen der Wort- und Bilderwolken im Kopf; wird klar, verpufft, formt sich neu. Trotz des Waberns erscheint es leicht und simpel zu philosophieren. In einem Zug die alltägliche, nutzbringende Verfallenheit zu erfahren und im Gleichen zu erkennen, dass nichts so ist, oder besser bleibt, wie wir so gerne annehmen.
Pulsierend breitet sich die Welt von mir, dem Subjekt aus. Der Singularität, die ich bin. Sie verbindet, verteilt, saugt auf; kommt, erkennt, vergeht. Mal klarer, mal eher unscharf, ahnend. Klare Worte, deren Bedeutung nie vollständig fassbar ist. Verbunden mit schwebenden Atmosphären, Stimmungen, die wie ein sanfter, sonniger oder kalter Nebel durch mich hindurchziehen. Ich betrachte das Foto. Ja, das war ich einmal. Im Kopf habe ich ein anderes Bild, als das, was im Spiegel auftaucht. Scharf und dennoch verschwommen, als wenn der heiße Wasserdampf auf dem reflektierenden Glas alle Konturen zu verwischen meint.
Identitäten sind Vergänglichkeiten und Strohhalme zugleich. Wir klammern uns an sie. Saugen aus ihnen unsere Existenz. Vergehen mit ihnen. Die Plastikstrohhalme brauchen dazu länger als mein Leben währen wird.
Ich bin im Beat. Ich bin pulsierender Rhythmus, schwebende Sphäre. Ganz da und doch nirgends.
Ich fasse das Buch, blättere, Gedanken werden aus Buchstaben, Zeilen, Worten aufgesogen. Ich gleite durch den Text. Meine Interpretation vermischt sich mit dem Fluss der Sätze. Später verstaubt das Buch, genauso wie die gelesenen Inhalte. Irgendetwas bleibt hängen, verwurstet sich mit meinem ich, verschiebt, verstärkt, vermindert meine Sichten auf die sich drehende Welt. Sie dreht sich um mich, ich drehe mich mit ihr. Was habe ich gerade gelesen? Wie hat sich der Beat angefühlt? Was war das für ein schöner Blick? Was war das für eine wundervolle Begegnung, Berührung? Was ist jetzt?
Ich schreibe, währenddessen löse ich mich auf. Worte formen sich im Kopf, fließen in den Text, verknoten sich, die parallele Idee – verflüchtigt. Wo wollte ich hin? Was ein imaginäres Ziel, ein Ziel zu haben. Was für eine Illusion, etwas Festes zu sein. Seid! Der schwere Bass von Massive Attack löst die Gedanken ab. Die Platte, der Text sind da, aber verstummen zugleich. Die wärmende Maisonne scheint. Anders als eben.
Land
Altehrwürdige Balken mit güldenen, verschnörkelten Lettern. Jahreszahlen erzählen von vergangenen Geschlechtern, die mit der Scholle zutiefst verbunden waren. Alles ist fest in den Boden verankert, wie die Buchen und Eichen, die sich seit Jahrhunderten im Wind wiegen. Wir fahren über baumgesäumte Landstraßen, entlang von frisch gepflügten Feldern. Am Steuer ein 88-jähriger Bauernsohn: „Sie haben zu tief gepflügt, das ist nicht gut.“, sagt er. Wäre mir nie aufgefallen. Die Verbundenheit mit dem Boden, der Natur, den Zyklen, den Tieren spricht aus fast jedem seiner Worte. Er berichtet von der Zeit seines Vaters, dem Pflug und den Pferden, den Bauern, die beim Pflügen eingenickt sind; sie erwachten, als der Trecker über die Rüben des Nachbarn rumpelte. Manche sind wohl übermüdet in diesen oder jenen Bach geeiert. Nicht zu tief waren die alten Pflugspuren dann, sondern gebogen, ausbrechend.
Im Krieg wurde meine Mutter und ihre Geschwister auf den Geburtshof meiner Großmutter „verschickt“, damit die hungernden Stadtkinder aus dem Bombenhagel mal wieder „was ordentliches zu essen bekommen.“. Diese Gastfreundschaft und Herzlichkeit strahlt aus den Herzen der beiden Alten, deren Kraft aus der Scholle zu wachsen scheint. Aus jeder Pore spürt man die Verbundenheit mit der Natur. Konservatismus fühlt sich schön an, wenn sie über die moderne naturvergessende Agrarindustrie sprechen. Konservatismus, der zutiefst progressiv, welterhaltend klingt. Ich erinnere mich an den „Feldweg“ von Martin Heidegger. Sehe alte Eichen, die sich um Gehöfte, umgeben von knickbesäumten Wiesen und Ackerflächen scharen.
Im Dorf grüßt jeder jeden. Kurzer, knapper Augenkontakt, manchmal ein leichtes neugieriges Lächeln. Offen-reserviert. Der kläffende Hund hinter der Hecke wird zurückgerufen. Der dunkle Fleck auf der Wiese entpuppt sich als Bulle, als sich aus seinem Fell der breite Schädel erhebt. Myriaden von Vögeln zwitschern, schwatzen und krakelen in den alten Bäumen. Alles ist ein wenig heruntergekommen, bis auf den gepflegten Kirchplatz.
Im lärmenden Gedränge es Hauptbahnhofs hat mich die Stadt wieder…ein Teil meines Herzen ist reif fürs Land.
Visionen
„Das Umgekehrte ist jedoch die Wahrheit. Wenn wir die geschlossenen Systeme beiseite lassen, die den mathematischen Gesetzen unterworfen sind, und die isolierbar sind, weil die Dauer nicht an ihnen nagt, wenn wir das Ganze der konkreten Realtität oder ganz einfach der Welt des Lebens und mit noch mehr Grund die Welt des Bewußtseins ins Auge fassen, dann finden wir in der Möglichkeit eines jeden der aufeinanderfolgenden Zustände nicht ein weniger, sondern ein Mehr als in ihrer Verwirklichung, denn das Mögliche ist nur das Wirkliche mit einem zusätzlichen Geistesakt, der dieses Wirkliche, wenn es einmal da ist, in die Vergangenheit zurückwirft. Aber die Denkgewohnheiten hindern uns daran, dies zu bemerken.“ (1)
Spekulieren wir über das Morgen. Wie immer, wie jeden Tag, der neu beginnt; sonnig oder verregnet. Unendliche Visionen über die Zukunft quellen aus den Köpfen – sowie tausenden von Seiten der Science-Fiction Literatur. Fragen, Ängste, Hoffnungen und Problemstellungen, welche die Menschen bewegen. In jedem Werk dieser Literaturgattung wird zumeist eines der sich aus dem Jetzt aufdrängenden „Probleme“ behandelt; es werden „mögliche“ Szenarien diskutiert. Viele dieser „Visionäre“ gehen von einem Denkraum aus, der an sich der Gegenwart ist. Sie verknüpfen vorhandene Einzelteile und kombinieren diese, um sie in den neuen „Leerraum“ der Zukunft hinein zu projizieren. Doch kann daraus etwas „Neues“ entstehen? Sicher nur im Sinne, wie dieses Wort im Alltag gebraucht wird. Der Möglichkeitshorizont ist so unberechenbar wie die Wettervorhersage.
Möglichkeiten sind nichts als Einschränkungen, wie Bergson und in der Folge Deleuze feststellten. Sie verweisen auf den Bestand des Beständigen, den wir in unserem Besitz zu glauben meinen. Fest ist unser sicher zementiertes Wissen; bis in die Untiefen unseres Unbewussten. Es schränkt die „Virtualitäten“, die im Untergrund des Werdens brodelnden Kräfte ein. Das pulsierende Magma, von dem niemand weiß wann, wie und wo es als Vulkan, Erdbeben oder als Austritt aus einer tektonischen Spalte realisiert. Ebenso wie der spekulative Blick auf die geheimnisvollen Welten des Weltenraums oder der Tiefsee. Spekulationen im Möglichkeitsraum sind wie der Stein des Sisyphos. Kann man über den Horizont der möglichen Dinge hinauszudenken?, das Denken in die Virtualität verschieben? Über den Denkhorizont hinaus, diese unstabile dünne Linie in der Weite, oft verstellt von Bäumen, Bergen oder Gebäuden, an dem unsere begrenzte Weltsicht endet. Ihn erreichen können wir nur, wenn wir uns auf den Weg machen. Doch auch dieser ist geprägt von Voreingenommenheiten und Scheuklappen. Visionäre wie William Gibson (2) erdachten sich vor der Zeit des Internets den „Cyberspace“. Aber das Kabel, das in das „Simstim“ am Nacken zur Datenverbindung „eingejackt“ wird, war fest wie ein Fels in der Buchse wie auch in seinem Möglichkeitshorizont verankert. Die Idee drahtloser Übertragung, wie sie heute Gang und Gäbe ist, war eine Virtualität, die sich abzeichnete, aber im Rahmen des Möglichen nicht gedacht wurde – werden konnte?
Hier sieht man, dass die Erfindung neuer Begriffe oft Hand in Hand mit dem alten Ballast verstaubter Worte einhergeht. Die Virtualitäten als wirkende Kräfte werden vernebelt. Im Alltag kein Problem. Ist doch egal, ob wir uns den Raum als abstraktes Etwas vorstellen, hinter oder vor dem (Urknall) ein „Nichts“ ist – das Raum-nichts (ein Raum?). Was nutzt das Konzept, dass wir hingegen „on the run“ immer wieder, handelnd, unseren eigenen Raum konstruieren im Alltag? Die Feststellung, dass wir uns immer wieder verräumlichen und somit verzeitigen? Kant fragte nach der „Bedingung möglicher Erfahrung“. (2) doch darum geht es nicht. Es geht um das Reale, das sich aus den Virtualitäten aktualisiert.
Kurz gesagt: Science Fiction sind das Paradebeispiel für ein tiefes Denken, das neue Horizonte eröffnen kann; zugleich aber im Möglichkeitshorizont verweilt, oder gar rückwärts gewandt ist. Es ist leider sehr eingeschränkt. Nur auf dem Pfad der Möglichkeiten verharrend, lesen wir im Raumschiff, das mit Lichtgeschwindigkeit durch die unendlichen Weiten gleitet, Zeitungen, Druckerzeugnisse…
Fordert das Unmögliche, oder um mit den Situationisten zu sprechen „Unter dem Pflaster liegt der Strand“! Handelt, grabt!
(1) Bergson, H., Denken und schöpferisches Werden (2000) Rotbuch Verlag, Hamburg S. 119
(2) vgl. Gibson, William (1984) Neuromancer
(3) „D i e M ö g l i c h k e i t d e r E r f a h r u n g ist also das, was allen unseren Erkenntnissen a priori objektive Realität gibt.“ Kant, I., Kritik der reinen Vernunft (1978) Reclam, Hamburg S. 230 [B 194/A 155-B 195/ A 156 (14401)]
Kultur
Gebrabbel und Geraschel, die Ungeduld hektischer Menschen, die sich nach Ruhe sehnen. Dann endlich, die Tür öffnet sich. Gedrängel, hektische Blicke, einige bleiben sitzen. Ich betrete durch die offene Pforte den fremdvertrauten Kulturraum.
In einem allumfassenden Schwall ergießt sich die warme, kerosinhaltige Luft in die Lungen, streichelt das Gesicht. Gleißendes Licht und ein heißer Wind auf dem ganzen Körper; angekommen. Jede Faser spürt, wie ein Seismograph die Erschütterungen der Erde, den neuen Ort, diese andere Kultur. Der schweifende Blick, nein, alle Sinneseindrücke bestätigen das Durchschreiten der Barriere. Rissiger Betonboden, das überall ein wenig schrabbelige Ambiente, die verlotterten Toiletten, die verblasste Werbung, das einst bewegliche Kunstwerk in seiner Erstarrung. Schlurfende Geräusche, südlicher Flughafengeruch, das Quietschen des Förderbands, müdes Gebrabbel. Alles transportiert präsente Erinnerung. Wie Prousts Madelaine. Der Hauch der Abgase trägt den frischen Geruch der Oliven in sich, der Maschendraht, der Boden mit den Ölflecken, das, an die Felsen klatschende Mittelmeer. Die kaputten und improvisierten Toiletten verweisen auf die heimelige Taverne (die mittlerweile wesentlich ansehnlichere Aborte vorzuweisen hat).
Einen ähnlichen Moment hatte ich, als ich nach 16 Jahren 1994 erneut in den USA, in San Francisco landete. Kaum verließ ich das Flugzeug, schon stellt sich, in der Zollkontrolle mit den Schnüffelhunden, das amerikanische Lebensgefühl ein, dass ich in den späten 70ern erfahren durfte. Das heißt, mein ganzer Körper wurde ergriffen, umschlungen wie von einem unsichtbaren Netz, dass sich seinen Weg bis ins innerste eines jeden Organs bahnt. Es ist unglaublich, auf wie vielen Wegen Kultur, von allen Poren geatmet, gelebt und letztendlich empfunden wird. Das Denken geschieht am Rande, dem Gefühl folgend. Dabei wird klar, dass das begriffliche Fassen von Kultur die schwerere Aufgabe darstellt. Jedes gesprochene Wort in der Landessprache fühlt sich so unglaublich anders an, als der gleich-ähnliche Begriff in der gewohnten Heimatsprache. Umso irritierender das emotionale Ping-Pong, wenn ich an vertraute Kulturen denke. Wenn auch, mit der Zeit, diese Empfindung zu verblassen scheinen. Als ich in San Francisco landete, ergoss sich erneut alles über mich, wie eine heißen Dusche. Mich umhüllend, wurde es wieder präsent; mein „amerikanisches“ Gefühl. Ungeachtet dessen, dass ich vorher nie an der Westküste den Fuß auf fremden Boden setzte, sondern in New England gelebt, nur die Ostküste bis Florida und ein wenig den mittleren Nordwesten bereist hatte. Ein gänzlich anderer Kulturraum.
So wie jede fremde Kultur, spürt sich Heimat an. In tausend Ringen, die wir zumeist kaum bemerken, umschließt sie uns. Schon das eigene Zuhause hat einen unvergleichlichen Geruch von Heimeligkeit. Es verströmt seine eigene Atmosphäre. Der Besuch bei „Fremden“, seien es noch so gute Freunde, führt in eine unbekannte, sich ungewohnt fühlende Welt. Die Bilder, der Odeur der Wohnung, die Möbel und Durchblicke; ein freudig erwartendes Lächeln, eine Handbewegung, eine Berührung laden und führen ein. Wie der sanfte warme Luftzug am südlichen Airport, der einen an einen zugleich heimeligen und fremden Bereich zieht.
Kultur durchdringt alle Sinne, durchsetzt jeden Menschen wie Wasser den Körper. In ihr wachsen Sym- und Antipathie, neugierige Anziehung und spontane Ablehnung. Neugier gehört zum Menschen, wie auch die Abstoßung, wenn etwas zu fremd ist. Schnell wird das Ungewohnte, ungewöhnliche, gar unheimlich; es sei denn wir versuchen, mit offenem Herzen einzutauchen; klappt jedoch nicht immer. Kultur ist die Grundlagen von Beziehungen, das Gerüst, um das unsere soziale Struktur herum fühl- und erlebbar wird. An den Grenzen, in Ausnahmesituationen macht sie die Beziehungsweisen sichtbar. Wie die Dynamik eines Musik-Ereignisses, zieht sie uns mit allen Poren des Körpers in ihren Bann – oder stößt uns ab, sobald sich auf Grund von Missklängen die Zehennägel hochrollen. In uns erstarrt etwas, lehnt ab, während um uns die Begeisterung tobt. Dabei spielt nicht nur das musikalische Erlebnis eine Rolle. Die Bewegungen, die Dynamik der Menschen, ihre Kleidung, ihre Haartracht, ihr Gesichtsausdruck, ihr Schmuck, ihre Symbole, Gesten und Blicke können zutiefst befremdlich wirken. Wie der abstoßende Geruch einer unheimlichen Wohnung – oder einladend.
Genauso wie wir in Kultur aufwachsen, kultiviert werden, machen wir Kultur, werden immer wieder andere Kultur. Sind Bauern auf dem Acker, legen Kulturen an und aus, sammeln sie ein. Manchmal bekämpfen wir das, was wir als Unkraut bezeichnen, manchmal lassen wir es zum Teil der Kultur werden. Ein immer wieder auf sich bezogener Prozess, der sich permanent im Werden befindet. Wie die Strömungen und Genres in der Kunst und der Musik, die einer permanenten Evolution unterworfen sind. Co-Evolution der Musikstile mit anderen Kulturen, wie Tanzformen, nativen Ritualen oder rituellen Befindlichkeiten. Kultur wuchert. Jeder Versuch, sie festzustellen scheitert, denn sie ist wie unser Körper in beständigem Entstehen und Vergehen, auf Gedeih und Verderb mit ihm verbunden.
Glitzern
Menschen rennen in Geschäfte, folgen goldenem Glimmern und Glitzern in ihren Köpfen. Wozu. Ich schreite langsam durch den stetig vor sich hin rieselnden Schnee. Bei Minusgraden, die zu beharren scheinen. Dann schimmert es, blitzelt in meinen Augen. Feine, lange Kristalle, die sich mir entgegenwölben, die frisch durchgebrochene Sonne einfangen, zurückstrahlen lassen. Doppelbelichtung durch das vermisste Gestirn, den Hort des Lichts, des Lebens.
Ihr wärmendes Feuer dringt durch die kalte Luft . Es wird die kleinen Gebilde, die sich in alle Richtungen strecken, langsam in sich zusammenfallen lassen. Genauso wie der Winter, der über eine ungewöhnlich langen Zeit die Welt zudeckte, dahinschmelzen wird. Doch jetzt zählt dieser eine, kühlfreudige Moment, diese Augenweide, weitab jeder Ablenkung.
Begeisterung
Auf dem Plattenteller spielt „Perfect Coffee“ von Kae Tempest. Sanft schwebt der zuckerberieselte Milchschaum in meinem Becher, toppt den Kaffe. Ja, perfekt. Ein warmes Gefühl umschließt das Herz, welches sich nach der dynamisch-freudigen Bewegung langsam beruhigt. Zur Ruhe kommt, wie mein Kopf.… Ein warmer Schluck, fast heiß. Die Gedanken schweifen …zu den kahlen Bäumen, der harschigen, in die Tage gekommenen dünnen Schneedecke. Es ist kalt draußen. Die Meisen picken den ganzen Tag am bereitgestellten Futter. Selbst eine Amsel sitzt geplustert in der Hecke. Stippvisite des Rotkehlchens. Sie wärmen den Magen. Gegen die garstigen Außentemperaturen. Igelzeit bei -7 Grad. Der Himmel ist Grau, mein Bauch freut sich über die innere Gemütlichkeit.
Was ist der Unterschied zwischen Begeisterung und Zufriedenheit? Beides erfreut und scheint unbeständig, wie der sich verflüchtigende Schnee. Nur, dass die Begeisterung schneller verfließt. Zufriedenheit kann anhalten, langsam gemütlich, wohlfühlend durch den Körper treiben. Stimmung und Emotion, zwei miteinander spielende Zustände. Ewige Begeisterung wirkt auslaugend, fordert immer mehr, Konsum …sie verbraucht sich im Ereignis, im Spektakel, das eräugt und gefeiert wird. Bis es sich in kalter Alltagsluft auflöst. Es trägt nicht, wie dünnes Eis. Zufriedenheit sollte den Urgrund bilden. Sie ist gerne unbemerkt, schwebt unter der Begeisterung. Sie kommt und geht in Wellen, in immer neuen Kombinationen, die ihren Weg nach oben bahnen. Schön, wenn sie in ein ganzkörper-geistliges Gefühl münden. Permanentes Werden. „Perfect Coffe“, von Kate Tempest hat einen melancholischen Unterton. Ein trauriges Bild der Gentrifizierung, die mit ihren Coffe Shops über gewachsene Nachbarschaften herfällt, sie zerstört. Nach wie vor begeistert mich der Song, speziell, als ich den Schluck Kaffe zu mir nehme. Begeisterung, gemischt mit einer gewissen Traurigkeit. Dann macht sich Zufriedenheit breit. Sie will genährt werden, Wenn der Kaffe alle ist, werde ich mich aufs Kissen setzen. Atmen.
Das Denk-Bild
„Nicht der Privatmann[particulier] mit gutem Willen und naturwüchsigem Denkvermögen, sondern ein Einzelner[singulier] voll bösen Willens, dem das Denken mißlingt, in der Natur ebenso wie im Begriff. Er alleine ist ohne Voraussetzungen. Er alleine beginnt wirklich und wiederholt wirklich. Und für ihn sind die subjektiven Voraussetzungen ebenso Vorurteile wie die objektiven, sind Eudoxus und Episemon ein und derselben Betrüger, dem man zu mißtrauen hat.“ (1)
Fest hängt es im Rahmen, oder besser – es ist mit hartnäckiger, wetterfester Farbe auf beständigen Beton gemalt. Unverrückbar, zementiert. Mit Mühe und Zeit bringen meine trägen Gedanken es in Bewegung. Eine leichte Verschiebung ist zu verspüren, kaum bemerkbar. Es scheint nach wie vor an der gleichen Stelle zu kleben; Sisyphos. Doch der war in wiederholender Bewegung. Der Kampf darum, alte, festgefahrene Bilder aus dem Kopf zu bekommen ist härter, als ich dachte. Wie viele Jahre schon lese ich Deleuze? …seit dem Studium. Das Rhizom als Metapher für die neuen Medien habe ich verinnerlicht. Bewegliche Konnektivität mit volatilen Knoten. Nichts ist fest. Mit der Ideologiekritik der „Post-Strukturalisten“, die keine sind, habe ich Rhizom gemacht. Doch immer wieder verfalle ich in die alten, platonistischen Schemata; kriecht das gefrorene „ich denke also BIN ich“ in meinen Kopf. Feste Objekten und Bilder haben sich über Jahrzehnte festgefräst. Das „Werden“, die „Unbeständigkeit“ die ich meine durch die Nietzsche Lektüre und Meditation verinnerlicht zu haben, werden vernachlässigt, unterdrückt, vergessen. Sie sind so schwer fassbar, nicht fest zu halten. Ein Illusion, es zu wünschen. Tief sind die Spurrillen des „Identitäts-Dekens“ in meine Denkwege eingekerbt. Schwere Wagen der westlichen Denktradition haben ihre Rillen durch Erziehung, Schule, Ausbildung und Ideologie-Bombardement fest eingegraben.
Eine Deterritorialisierung, ein Ausbrechen zu neuen Denkhorizonten muss immer aufs Neue geübt, trainiert werden. Über den Rand kommen, ausbrechen, bösen Willen üben. Umwertung aller Werte, ohne sich zu verlieren, ist Programm. Ewiger Ikonoklasmus.
(1) Deleuze, G. (1992) Differenz und Wiederholung. Fink, München S. 171
Weißes Intermezzo
Die zweite Nacht rieselt es nun, deckt alles zu. Selbst meinen Beitrag über Zufriedenheit. Zugeschneit, eingefroren; muss erst wieder auftauen. Es rieselt im Kopf. Sanft, langsam, entschleunigend. Doch es erscheint nur so, dass alles gedämpft ist. Schon gellen freudige Rufe und Schrei der Kinder um die Ecke. Fett plustert sich die Taube auf der Birke, während Schneemänner, noch runder als der Vogel, gebaut werden. Mal mit Ästen mit Burtonesquen Armen, ab und zu sogar mit einer Mohrrübe. Sie mag später als Futter für die Vögel dienen, die ohne Nest im Gebüsch kauern oder sich an Futterstellen tummeln. Selten ein Piepsen in der winterlichen Ruhe. Eine Drossel lässt sich auf dem zugeschneiten Telefonkabel nieder. Vor mir prasselt der von den Schwingungen gelöste Schnee nieder.
Ich bin froh um jede entspannte Sekunde, die mein Blick über die Landschaft schweifen darf. Wärme umschlingt mich von innen und außen, Deleuze erhitzt gar meinen Kopf. Sinn, der Problembegriff, Nachdenken über das Denken werden über viele Seiten diskutiert und definiert. Schneetreiben im Kopf, ab und zu eine Böe, die sicher Gewusstes erneut durcheinanderwirbelt, bis es sich setzt. Manches wird schmelzen, muss dann erneut erschlossen werden. Auf den nächsten Schauer warten. Genussvoll.
Zufriedenheit
„Alles spricht den Verzicht in das Selbe. Der Verzicht nimmt nicht, der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen. Der Zuspruch mach heimisch in einer langen Herkunft.“ (1)
Banal klingt das Wort in meinen Ohren. Hallt sanft nach. Begleitet vom Bild einer Katze, die zusammengerollt und fellgewärmt an einem kuscheligen Ort vor sich hindöst. Ihr Maul scheint leicht entspannt zu lächeln. Langsame, erste, zaghafte Bewegungen in den Pfoten; der Kopf hebt sich; ein herzhaftes Gähnen. Sie streckt ihren Körper in die Länge. Zufriedenheit. Ich habe oft das Gefühl, dass dieses Wort bei uns Menschen wenn, dann als Worthülse zirkuliert. Gerade um die Weihnachtszeit. Im Gerenne und Herumwimmeln, den hektischen Umtrieben im Namen der Stille ist nichts von ihr zu spüren. Alles erscheint als ein ausgelaugtes Hinterherhecheln auf der Suche nach der, durch blendende Plakate und Spots propagierten „Besinnlichkeit“. Sie scheint sich hinter buntem Geglitzer und Geklingel zu verstecken. Zufriedenheit.
Eine ruhige, „sinnliche“ Einkehr in sich selbst und die Gemeinschaft sind die Voraussetzungen dafür, im Frieden mit sich und der Welt sein zu können. Doch das verlorene, nach außen gerichtete Rasen, gibt keinen Raum, keine Zeit. Es materialisiert sich in bunten Haufen, genannt Geschenke. Sie harren im Gedrängel gekauft oder bestellt unter dem Weihnachtsbaum. Zwischen Kochtopf und Glühwein drehen sich einmal im Jahr viele Menschen um sich selbst wie durchgeknallte Kreisel. Sie strömen ungläubig in die Kirche, um dann von einer Völlerei zur nächsten zu hetzen. Selten ist „Besinnlichkeit“, „Frieden“ oder gar „Zufriedenheit“ zu spüren. Die erstrebte „Zufriedenheit“, mit Ruhe, tiefer, innerer Ruhe verbunden, ist kaum zu vernehmen. Wo sind Stillstand und angenehme Leere? Wu Wei…
Ein Zustand, der nur aufkommen kann, wenn die Grundbedürfnisse nach existentieller Wärme, Nahrung und Liebe erfüllt sind. Jeder Schritt über das nötige Maß des Genusses hinaus triggert statt Zufriedenheit Leiden, vertreibt den Frieden. Wie beim rumorenden Gedärm, dass durch zu viel und zu fettiges Essen einen unruhigen Schlaf hervorruft. Sicher, vollgefressen, dauergetrieben und überinformiert zu sein wird erlernt. Bilder der Völlerei und des Konsums bombardieren uns nicht nur durch die Werbung. Alles spricht zu uns: „das braucht man.“ Schon ab September kommen wir nicht an den sich uns aufdrängenden Weihnachtsartikeln, die jeden Weg im Supermarkt quasi versperren, vorbei. Es ist kaum möglich damit umzugehen (sie zu umgehen). Unzufrieden fühlt man sich wie eine an sich satte Maus beim Blick auf den verlockenden Käse. Nicht selten treib einen die Gier, begleitet vom reflexartigen Herdendenken in die Falle. Der Verstand sucht das Weite, verdrängt, baut fragile Begründungen aus, betrügt sich mit Ausreden. Umso schwerer fällt der Verzicht, wenn wir, entfernt von uns selbst, nicht gut drauf, unzufrieden sind. Wenn innerer Frieden durch Krisen, Überforderung durch die Glitzerwelt, Sparzwänge und andere medial vermittelte Ängste, von denen wir meinen sie entstehen nur in uns, wie das natürliche Hungergefühl, bedroht wird.
Schon meldet sich ein dumpfes Gefühl. Es suggeriert, dass Verzicht „ertragen“ werden muss, da er ja Leiden erzeugt. Ein Nachdenken oder gar verzichtendes Handeln wird schnell als lästig oder zu schmerzvoll, als die wirkliche Last empfunden. Kein Wunder, dass „Resilienz“, (das Aushalten, Ertragen) eines der aktuellen Modewörter ist. Wenn man auf Bestsellerlisten in den Bereichen Philosophie und Beratung schaut, stehen die Stoiker wie Marc Aurel (2) als deren prominentester Vertreter, weit oben. Doch all diese Ratgeber und Werke, Konsumprodukte und Konsumersatz zugleich, verstauben ungelesenes, totes Papier in den Regalen. Beiseitegelegt als Metapher für Verdrängung und Ablenkung. Der Stoa-Ratgeber unter dem Weihnachtsbaum ist demnach eine ebenso sinnlose, konsumierbare Kuriosität wie die nächste Fressattacke.
Es mag ja helfen, Tagebuch zu führen, wie Marc Aurel, um die Apathie, das große Ziel der Stoa zu erreichen; sich dadurch seiner Gier zu vergewissern, um diese im Zaum zu halten. Eine Bewegung hin zur Askese. Doch stellt diese zufrieden? Reicht es, heute ein bisschen weniger Wurst zu essen, dort auf ein Aperölchen zu verzichten? Um dann nach einer anstrengenden Runde Joggen am 2. Januar alle Vorsätze zu vergessen und die Laufschuhe sowie den Stoa-Ratgeber im Regal verschwinden zu lassen? Mit dem Gedanken, ich habe ja etwas getan? In dem Bewusstsein, sich selber betrogen zu haben? Schnell folgt der Frustschluck, das Frustshoppen oder das Frustessen. „Bedürfnisse“, die im rasenden Stillstand hektisch erfüllt werden müssen. Das Tagebuch verstaubt neben dem Ratgeber.
Epikurs Konzept der Ataraxie scheint mir da näher an dem Weg zu sein, der einen Pfad zur inneren Zufriedenheit weist. Nicht Selbstkasteiung und Selbstbetrug sind hier das Ziel, sondern Gelassenheit gegenüber dem Unbill des Lebens und der geistigen Verwirrungen, die sich aus ihnen ergeben. Letztere sind so unvermeidlich wie der Einbruch der Nacht. Zufriedenheit bedeutet, die Nacht zu akzeptieren, besser noch, bewusst wahrzunehmen. In dem Wissen, dass der nächste Morgen wunderbar dämmern wird – ein neuer Tag um sich in Gelassenheit zu üben, all den An-Sprüchen den Rücken zu kehren, und friedlich in sich selber zu ruhen.
(1) Heidegger, M. (2010) Der Feldweg. Klostermann, Frankfurt
(2) „Der Stoiker dagegen übt sich, Steine und Gewürm, Glassplitter und Skorpionen zu verschlucken und ohne Ekel zu sein; sein Magen soll endlich gleichgültig gegen Alles werden, was der Zufall des Daseins in ihn schüttet:…“ Nietzsche, F. (1889) Die fröhliche Wissenschaft 306 in In: Colli, G., Montinari, M. (1999) kritische Studienausgabe. DTV, München