Gesundheit

Da und dort schwatzen die Vögel, gurren, piepsen, pfeifen Melodien, flattern. Vom Bolzplatz das ballige „Plopp, Pong“; Rufe und Anweisungen. Dezent, – all dies gehört zur sonnigen Feiertagsruhe. Auf den Atem konzentriert, bin ich Teil von Welt. Leises Schlurfen im Gras. Erneute Ruhe. Wieder Schlurfen, eine Begrüßung, mit dunkelruhiger Stimme gesprochen. Zwei treffen sich neben mir, in der Frühsommersonne. Wunderbares Wetter.
Ich konzentriere mich auf den Atem. Dennoch, immer wieder schweben Gesprächsfetzen in meine Ohren. Es geht um Gesundheit. Untersuchungen, Screenings und Krankheiten im Umfeld. Ich atme tief ein, bleibe auf dem Atem, bei den Vögeln. Es lenkt mich ab. Bilder vom letzten Gespräch mit einem Freund kommen mir in den Kopf. Da ging es die erste viertel Stunde ebenfalls um dieses und jenes Zipperlein, nicht nur bei uns. Scheint am Alter zu liegen. Ich blicke verstohlen unter meiner Sonnenbrille hindurch zur Nebenbank. Ja, ein älteres Pärchen plauscht über Hautkrebsscreening, Vorsorge vor dem Urlaub und all diese Dinge. Zurück zum Atem. Wäre ich doch einer dieser Vögel, die die grüne Natur und den blauen Himmel mit ihrer wundersamen Atmosphäre tränken. Die Vögel erzählen von Revieren, PartnerInnen, Hunger und was weiß ich. Dann, irgendwann, fallen sie vom Ast und sind tot. So einfach, so gut. Ich finde den Atem wieder. Am Anfang war nichts, danach ist auch nichts.

Identität

„Da, der Baum, da, der Ahorn, wie er in seinem hellgrünen, zarten Frühlingskleid in der Sonne strahlt!“ Ruft mein Geist. Der Baum, mein Geist, die Sonne, der Frühling – Identitäten. Im Moment klar und eindeutig identifizierbar. Eine Sekunde später schiebt sich eine Wolke über die Sonne. Ein neuer Gedanke formiert sich aus den Strömen der Wort- und Bilderwolken im Kopf; wird klar, verpufft, formt sich neu. Trotz des Waberns erscheint es leicht und simpel zu philosophieren. In einem Zug die alltägliche, nutzbringende Verfallenheit zu erfahren und im Gleichen zu erkennen, dass nichts so ist, oder besser bleibt, wie wir so gerne annehmen.
Pulsierend breitet sich die Welt von mir, dem Subjekt aus. Der Singularität, die ich bin. Sie verbindet, verteilt, saugt auf; kommt, erkennt, vergeht. Mal klarer, mal eher unscharf, ahnend. Klare Worte, deren Bedeutung nie vollständig fassbar ist. Verbunden mit schwebenden Atmosphären, Stimmungen, die wie ein sanfter, sonniger oder kalter Nebel durch mich hindurchziehen. Ich betrachte das Foto. Ja, das war ich einmal. Im Kopf habe ich ein anderes Bild, als das, was im Spiegel auftaucht. Scharf und dennoch verschwommen, als wenn der heiße Wasserdampf auf dem reflektierenden Glas alle Konturen zu verwischen meint.
Identitäten sind Vergänglichkeiten und Strohhalme zugleich. Wir klammern uns an sie. Saugen aus ihnen unsere Existenz. Vergehen mit ihnen. Die Plastikstrohhalme brauchen dazu länger als mein Leben währen wird.
Ich bin im Beat. Ich bin pulsierender Rhythmus, schwebende Sphäre. Ganz da und doch nirgends.
Ich fasse das Buch, blättere, Gedanken werden aus Buchstaben, Zeilen, Worten aufgesogen. Ich gleite durch den Text. Meine Interpretation vermischt sich mit dem Fluss der Sätze. Später verstaubt das Buch, genauso wie die gelesenen Inhalte. Irgendetwas bleibt hängen, verwurstet sich mit meinem ich, verschiebt, verstärkt, vermindert meine Sichten auf die sich drehende Welt. Sie dreht sich um mich, ich drehe mich mit ihr. Was habe ich gerade gelesen? Wie hat sich der Beat angefühlt? Was war das für ein schöner Blick? Was war das für eine wundervolle Begegnung, Berührung? Was ist jetzt?
Ich schreibe, währenddessen löse ich mich auf. Worte formen sich im Kopf, fließen in den Text, verknoten sich, die parallele Idee – verflüchtigt. Wo wollte ich hin? Was ein imaginäres Ziel, ein Ziel zu haben. Was für eine Illusion, etwas Festes zu sein. Seid! Der schwere Bass von Massive Attack löst die Gedanken ab. Die Platte, der Text sind da, aber verstummen zugleich. Die wärmende Maisonne scheint. Anders als eben.