Ich lese bei Bregman, in seinem schönen, wohltuenden, positiven Buch über das „Gute“, folgendes Zitat. Es stammt aus einem Interview mit dem Gründer einer großen Firma, die in den Niederlanden die Pflege auf den Kopf zu stellen scheint: «Die Welt profitiert oft mehr von Kontinuität als von kontinuierlichen Veränderungen», sagt er. «Wir haben jetzt Veränderungsmanager, Change Agents und lauter solche Leute. Aber wenn ich mir die Pflege in den Bezirken ansehe, hat sich der Beruf in 30 Jahren kaum verändert. Man versucht, eine Beziehung zu jemandem in einer schwierigen Situation aufzubauen, das bleibt immer gleich. Natürlich kann man neue Erkenntnisse und Techniken anwenden, aber die Basis ist unverändert.» (1)
Diese Erkenntnis gilt nicht nur für die Pflege. Überall haben die stählernen und eiskalten Verwalter von Strukturen das Heft in die Hand genommen. Inhalte, Techniken und Nachdenken sind genauso wenig gefragt wie Langeweile, Ruhe oder Gelassenheit. In diesen liegt eine „Nicht“- Kontinuität – im Werden des Stillstands. Bedenken und handelndes Tun, wozu „nur da sein“ oder „füreinander da sein“ gehören sind zutiefst menschliche Eigenschaften. Mal wieder „Wu Wei“.
Dröhnend wie die Hämmer eines Hochofens brechen verordnete Reformen, über uns herein. Aktionismus, der in seiner Hitze mehr vernichtet als er schafft. Daher die Vorliebe der Change-Manger für Begriffe wie „Kompetenzfelder“ oder „Management“, denn diese sind so hohl wie die mechanischen Gehirne der Bürokratiemaschinen. Niemand scheint dies zu bemerken wollen.
Durch diesen Aktionismus einer hämmernden Maschine kommt es zu permanenten Kollateralschäden, wie die, dass „Erkenntnisse und Techniken“, also Inhalte nicht einmal mehr gesehen werden. Das Bestehende, dass sich im Werden aus sich selber ändert, denn nichts bleibt ewig gleich, wird unter Euphemismen zertrümmert und zerrüttet. Wie an meiner Hochschule. Laut wird dort zum Beispiel das Wort „Interdisziplinarität“ hohl in den Raum gebrüllt. Gleichzeitig werden langsam und kontinuierlich gewachsene interdisziplinäre Strukturen in ihre isolierten Kästchen zurücksortiert. Noch schlimmer, es werden Beziehungen zerstört und in ihrer Entwicklung behindert. Techniker und Designer, die sich über Jahre zusammenfanden, um inhaltsgesteuert zu arbeiten, werden in ihre althergebrachten Schubladen zurückgedrängt, oder drängen sich gar selber. Ich fürchte, sie werden in den Essen der Leitungen eingeäschert und zerschmolzen, bis ein langweiliger, disziplinärer Einheitsbrei übrig bleibt.
Denn Strukturen, in ihrer starren Raserei eisiger Bergstürze, sind Grenzen, die sie selber nicht wahrnehmen. Festzurren und Einkästeln im Namen der Beweglichkeit, der Kontinuität, die schon lange gestorben ist. Ohne zu bemerken, dass das Leben – lebt, wird, Beziehung ist. Das Leben überschreitet permanent Grenzen, sucht neue Horizonte. Wie der schweifende Blick in der ruhenden Leere. Der Blick, den keine menschengemachte Regel, keine Excel- Tabelle, kein Kompetenzfeld zu verbauen vermag; kein Management erlaubt.
Nur der sich im Horizont verlierende warmen Blick, manchmal durch etwas Glut der Wut angeheizt, vermag es die Eiseskälte der bürokratischen Systeme zu zerschmelzen; vermag es den kalten Stahl aus deren Herzen zu drängen, zu verflüssigen.
(1) Bregman, Rutger. Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit (S.304). Rowohlt E-Book. Kindle-Version.