Nahrhafte Energie für Insekten, Mikroben, Würmer und Pilze. Langsam wird verdaut, zersetzt, dann von der feuchten Herbsterde aufgesogen. All die erdigen Düfte der welkenden Verwesung deuten im warmfeuchten Spätsommer auf das Vergehen hin. Ewiges neuschaffen, anders Werden. Unendliches verwandeln, transformieren. Ein Übergang, ein Dazwischen. Der Apfel macht Rhizom mit Myriaden von Organismen, dem Humus, der Luft, mir. Vernetztes Werden – und schon wieder Deterritorialisierung. Vielleicht überlebt ein Apfelkern. Dann wurzelt und entsprießt alsbald ein neuer Baum dem Boden. Genährt von den Zerfallsprodukten der Frucht.
Ich lese zu viel Deleuze. Frische Sätze und Gedanken drängen in meinen Kopf. Zugleich beschleicht mich das Gefühl, zu viel vergesse zu haben. Es fühlt sich an, als ob Wissen sich, wie das Apfel-Organismus-Erdeteil, langsam auflöst. Vergessen gehört zum ewigen Kreislauf des Werdens wie die Wiederholung, die ewige Wiederkehr – des Gleichen; nur in anderem, mutiertem Gewand (Nietzsche). Und noch ein Gedanke: In der Lektüre vergesse ich mich, verliere mich in Gedankengeflechten. Dann hier und dort eine Lücke. Ein Geistesblitz, der fordernd fragt: Was war das noch? Ist es mir entfallen (wie der verlorene Apfel)? Wie konnte mir das entgleiten? Hab ich doch schon zweimal gelesen! Beruhigt schreit ich zum Regal. Das exterritorialisierte Gedächtnis; schaue nach, blättere suche, finde – oder eben nicht. Ja, dort eine Notiz, ja, ich erinnere mich! Der exterritoriale Speicher verbindet sich mit dem Jetzt meines Ich. Lässt wie einen Sprössling im Frühjahr neues entstehen. Neue Verbindungen im Gleichen.
Doch manchmal will es nicht kommen, das Loch wabert im Netz der Assoziationen. Tief in mir spüre ich so etwas wie Ärger darüber, dass es für immer verschwunden scheint. Manchmal kann ich mich nicht einmal mehr an ein „wo“ oder an ein „wann“ erinnern. Nur eine Leere, eine Lücke. Doch es hilft nichts, dem Loch hinterherzulaufen. Freuen wir uns über den frischen Freiraum, in die Neues hineinwachsen kann. Meinetwegen nur die ruhende Leere voller Zufriedenheit. Schön ist sie, die vergehende Frucht…
Schlagwort: Beziehungen
Das All-Eine
Mein Kopf ist voller Ziele. Teleologisch, ausgerichtet. Immer auf dem Weg irgendwohin. Wie ein ewiger Lauf zu Dingen, die sich nebelverhangen an irgendeinem Horizont zeigen. Sie rufen wie die Sirenen des Odysseus nach Aufmerksamkeit und Erfüllung. Die Befreiung von diesem ewigen Ritt ist so bleiern, dass es schmerzt. Es bedarf konzentrierter Übung, um in die Lücke des Präsens zu finden, in den Moment einzutauchen, den Sprung vom Pferd im vollen Galopp zu praktizieren. Das Absteigen, die Rückkehr in die eigene Geschwindigkeit. Kaum spüre ich die Ruhe des Moments, zieht ein nächstes Ziel, die nächste Aufgabe, der nächste Gewinn meine Gedanken zurück in den Sattel. Eine mächtige, mechanische Fremd-Bewegung. Sie suggeriert Geschwindigkeit und Vorankommen. Starr wie eineine sich gnadenlos voranarbeitende Maschine. Felsmaschine. Eine Metapher für das westliche Denken. Mein Hirn ist von dieser Rationalität der Moderne infiziert, wie ein nackter Körper von garstigen Viren. Meine Gedanken gleichen diesem Mechanismus; zielgerichtet, funktional und technisch. Die Lernmaschine. Sie blendet das Verbundene aus.
Ein hierarchisches Baumdenken, wie Deleuze und Guattari in „1000 Plateaus“ und im Rhizom (1) formuliert haben. Keine Widersprüche duldend, den Worten und „Wahrheiten“ des und der internalisierten Herren und Planer blind gehorchend. Sie reproduzieren einen jahrhundertealten Prozess, der die ehemals offeneren, ganzheitlicheren Ansätze der menschlichen Kultur überschrieben und verbannt hat, wie ein allmächtiger, verinnerlichter Zensor. Gesetz und Inquisition. Sie dringen überall ein und machen in Stein gemeißelte Wahrheit. Pferdedynamik in Felsblöcke geschlagen. Denkmäler, in deren Stein jegliches dynamische Werden erstarrt ist. Errichtet auf einem festgegossenen Fundament, welches für die starre Aufteilung der Welt, deren Zergliederung und Bewertung steht. Ein Betonsockel, ein Betondeckel, der die meisten „indigenen“ Wurzeln (inklusive unsere eigenen) unter sich zerdrückt.
Sicherlich, Gliederung ist notwendig, um Welt zu verstehen, „zur Sprache zu bringen“, um zu erkennen, was nutzt, was schadet. Im gleichen Atemzug wird allerdings das Allumfassende, das „All-Eine“ verdrängt, überschrieben, ausgelöscht. Fokussiert wird auf das Objekt, das Objektive, Feste; die Ziele. Vergessen die Beziehung, das dazwischen, das alles verbindende sanfte Band. Unser verinnerlichtes Mechano-Felsdenken verdrängt selbst den Fakt, dass alle Grenzen sowohl in Sein als auch in der Sprache unscharf, arbiträr sind.
Wie schwer fällt es mir, als Teil dieses technischen Denkbaums, das alte Verstehen von Ganzheit zu finden, um es üben, verinnerlichen zu können. Da ist zum Beispiel das Konzept des unteilbaren „Brahman“ (Veden) oder das des „anatta“ (nicht-selbst, Buddhismus). Ich versuche es zu denken; zu spüren. Es bedarf permanenter praktischer Übung und Lektüre um das nicht Erkennbare, das nicht Aussprechbare, das All-eine zu erfassen. Zu entdecken. Lesen wir in den Upanischaden:
»„… in was ist nun der Raum eingeworben?“…
8 Da sagt er (Gargi):„dieses (in das der Raum eingeworben ist), Gargi, nennen die Kenner des brahman (d.h. die, die die Wahrheit zu erkennen und zu formulieren vermögen) das Unvergängliche. Es ist nicht grob, nicht fein; nicht kurz, nicht lang; blutlos, fettlos; schattenlos (also lichtlos), finsternislos; windlos, raumlos; ohne Haftung [an irgend etwas]: ohne Tastsinn, ohne Geruchssinn, ohne Geschmackssinn, ohne Gesichtssinn, ohne Gehörsinn; ohne Sprachfähigkeit, ohne Denkfähigkeit; ohne Wärme, ohne Atem, ohne Mund; ohne Name, ohne Geschlecht; nicht alternd, nicht sterbend; bodenlos, unsterblich; ohne Raum […], ohne Laut; nicht geöffnet, nicht geschlossen; nicht folgend, nicht vorangehen; nicht Außen, nicht Innen:
„nichts langt hin zu ihm, niemand langt hin zu ihm…“ […]
11 „wahrlich, Gargi, dieses Unvergänglich ist das unsichtbare Sehende, das unhörbar Hörende, das undenkbare Denkende, das unerkennbar Erkennende; nicht, gibt es ein anderes sehen, Tees, nicht, gibt es ein anderes hörend Tees, nicht, gibt es ein anderes, denkendes, nicht, gibt es ein anderes erkennendes.“
„wahrlich, Gargi, dieses unvergängliche ist das, in das der Raum verwoben ist.“« (2) – Ich möchte ergänzen: in das wir Menschen eingewoben sind, in welches wir uns am Ende unseres „Ich selbst Seins“ auflösen werden. Immanenz.
Schweifen wir aus den spirituellen Wurzeln der östlichen Weisheit in westliche Gefilde. Spinoza schreibt in seiner Ethik:„Folgesatz 2. Es folgt zweitens, daß Gott oder alle Attribute Gottes unveränderlich sind; denn, wenn sie in Rücksicht des Daseins verändert würden, müßten sie auch (nach dem vorigen Lehrsatz) in Rücksicht des Wesens verändert werden, d. h. (wie an sich klar), aus wahren zu falschen werden, was widersinnig ist.
Lehrsatz 21. Alles, was aus der absoluten Natur eines göttlichen Attributs folgt, mußte immer und unendlich da sein, oder ist vermöge dieses Attributes ewig und unendlich.“ Dann der Lehrsatz 25: „Die einzelnen Dinge sind nichts als Affektionen oder Modi der Attribute Gottes, durch welche die Attribute Gottes auf gewisse und bestimmte Weise ausgedrückt werden.“ (3)
Nicht fest und aus individuellen Felsen ist die Natur (bei Spinoza synonym mit „Gott“), die Welt, unser „Sein“. Somit kann es kein festes Ziel geben. Nur ineinanderfließende Zustände, Horizonte und Fluchtpunkte, die sich unendlich erweitern – „Werden“. Als Metapher bietet sich das Wasser an, welches von den Upanischaden bis hin zum buddhistischen Denken immer wieder als Bild herangezogen wird. Unser Sein ist wie das Salz, das wir im Wasser schmecken, jedoch nicht fühlen oder sehen können. Ebenso wenig ist uns bewusst, wie es uns durchdringt und durchläuft. Es ist vorhanden, allerdings schwer fassbar. Wir sind größtenteils Wasser. Wasser werden. Ich bin eine Welle, die aus einem Ozean aufsteigt, um wieder in ihm zu vergehen. Eine Zeit „da“ seiend, existent, um dann erneut im Ganzen zu verschwinden; einer der Aspekte des unendlich weit, über den Horizont reichenden Ozeanwassers. Alles ist eins und dennoch geteilt da. Nenne man es Welt, Natur, Gott oder wie auch immer. Ein Denken in Vielheiten, Verbindungen, Widersprüchen, Paradoxa (wie bei den Zen Koans) sollte geübt werden. Vielleicht hilft es, diesen und jenen Moment in sich selber genießen zu können. Auf der Welle zu treiben wie ein gefallenes Blatt. Als Teil der Welle. Welle sein. Feststellen, dass ich als Individuum nur im Jetzt vorhanden bin, als Aspekt des All-einen. In Raum und Zeit.
Gestern wie heute ein vom Konsum-Materialismus unerwünschtes Denken. Viele der christlichen Spiritualisten (auch Spinoza), die dieses All-eine dachten, wurde verfolgt oder mussten sich den Prozessen der Inquisition stellen. Lesen wir Meister Eckard, der schrieb: „Jederart Vermittlung ist Gott fremd. »Ich bin«, spricht Gott, »der Erste und der Letzte« (Geh. Offenb. 22, 13). Unterschiedenheit gibt es weder in der Natur Gottes noch in den Personen entsprechend der Einheit der Natur. Die göttliche Natur ist eins, und jede Person ist auch eins und ist dasselbe Eine, das die Natur ist.“ (4) Die Liste der Denker des „Unbegrenzten“, „Unbestimmten“ (τὸ ἄπειρον) wie es bei Anaximander genannt wird, könnte unendlich sein…
Dann denke ich an das „Taiji“, das „Dao“ ☯︎-Zeichen. Es vermag in seinen Kreisen und gewundenen Form das Unerkennbare und dennoch Vorhandene aus meiner Sicht am ehesten Dazustellen. Es vereint Getrenntes und trennt Vereintes. In einem.
„Dao, das ausgesprochen werden kann, ist nicht das eigentliche Dao. Ein Name (名 Ming), der sich dafür nennen lässt, ist nicht die eigentliche Bezeichnung. […] Ich kenne das Zeichen nicht, aber ich nenne es Dao.“ (5) Versuchen wir den ziellosen Weg in nicht handelndem Handeln zu gehen…
(1) vgl. Deleuze, G, Giattari, F. „Das Rhizom“ (Merve, Berlin) und (1000 Plateaus – Kapitalismus und Schizophrenie)
(2) Thieme, P. (2008) Upanishaden. Reclam, Stuttgart (S. 67/68)
(3) Spinoza, Baruch de. Ethik (Function). Kindle Edition.
(4) Internetquelle: http://www.eckhart.de/index.htm?edel.htm – sehr schön liest sich der Originaltext in mittelalterlichem Deutsch ;o)
(5) Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (210)
Die erste Zeile des Daodejing liest sich wie folgt: 道可道 Dao – kann, fahig zu – Dao ; wobei Dao mit „Weg, Prinzip, Lehrmethode, rechter Weg“ – aber auch „sprechen“ etc. übersetzbar ist. Das Zeichen besteht aus den Ideogrammen für Weg (in Bewegung gehen) und dem Kopf eines Kriegers: „Das Haupt in Bewegung; die Bewegung der Gedanken, welche mannigfaltig sind; durch das Leben reisen mit der Aufmerksamkeit für die Dualität der Einheit mit der Natur.“ (https://www.tao-te-king.org/1.htm)
In der Übersetzung von Victor von Strauss (1959) Manesse Verlag liest sich der erste Abschnitt folgendermaßen: „Tao, kann es ausgesprochen werden, ist nicht das ewige Tao. Der Name, kann er genannt werden, ist nicht der ewige Name.“
Mitte
Die Natur sprießt und entfaltet sich in alle Richtungen; auf den ersten Blick chaotisch. In ihrer asymmetrischen Harmonie kreist sie immer um eine sich in Bewegung befindliche Mitte. Wie ein Fluss fließt der Naturprozess endlos voran und bleibt dennoch er selber. Wie die Kuh, die büschelweise Gras ausreißt, zermalmt es verdaut. Später wird der Fladen die grünende Wiese düngen, frischgrünes Kraut, neues Futter wachsen lassen. Käfer zerfressen irgendwann ihren Leib, wie auch den alterskranken Baum, der langsam zerfällt und zur Nahrung für neues Sprießen wird. Wie jeder Körper.
Der Mensch hingegen… – hat seine Balance verloren. Im Kleinen wie im Großen. Die Welt – und damit ist die der Humanoiden gemeint – scheint ihr Gleichgewicht verloren zu haben. So raunt es alle Tage durch Medien und Köpfe. Kaum sind solche finsteren Gedanken gedacht, versanden sie im Rausch der betriebsamen Verdrängung. Nicht die Welt, die Natur sind aus dem Gleichgewicht – die Menschheit ist es. Die verblendeten und arroganten Affen sind die einzigen Wesen, die laut der chinesischen Philosophie ihre Mitte verlassen bzw. verloren haben – ihr Sein in der Natur. Ihr Sein in und mit sich selber: „Zong 中 – die Mitte – ist die große Wurzel aller Dinge unter dem Himmel; He 和 – die Harmonie – ist der Zielgerichtete Weg aller Dinge unter dem Himmel. Wenn Zong und He erreicht werden, so sind Himmel und Erde in Ordnung und alle Dinge gedeihen.“ (1) Wir Menschen scheinen blind für solche banalen Erkenntnisse. Aus der Mitte gefallen, vergessen wir das Einfachste – und Wichtigste. Es ist „zunächst die Aufforderung, die Dinge und Lagen richtig zu erkennen und zu durchschauen, und das brachte Shun 舜 wohl durch sein Nachfragen zustande, dann aber »dem Volk gegenüber« aus der Mitte her handeln, kann nur »sachgerechtes« Handeln ohne Rücksicht auf eigenen und fremden Vor- und Nachteilen sein.“ (2).
Wie maßlos ungleichgewichtig krakelen die Menschen unserer Zeit. Blubbern und Plappern über mannigfaltige Kanäle. Führen kleine Kriege in den Haushalten, auf den glatten Displays ihrer Smartphones, auf den Straßen – große zwischen Staaten. Sie haben ihre eigene Mitte verloren, ihren Ort, ihren Platz, ihren Frieden. Geist und Verstand werden mit Freude in den Trubel des Meinens geschleudert, der dunkler, wilder und hektischer daherkommt als jeder Hurrikan. Wo ist ihr inneres Gleichgewicht? Wir haben uns aus der Mitte in eine ungesunde, unharmonische Haltung gebracht. Die Konsequenz dieser Rückgratlosigkeit sind Unsicherheit, Angst und Hass.
Die Mitte suchen, Harmonie erstreben hat nichts mit Neutralität zu tun. Die Mitte ist nicht fest. Wie die Rosenblütenblätter, die sich chaotisch in blendender Schönheit entfalten, bevor sie herabfallen und vergehen. Permanent schwingt sich die Welt um ihre bewegte Mitte ein, wie ein im Wind wiegender Grashalm oder das unsichtbare Wanken des mächtigen Stamms einer Eiche. Selbst der massive Berg bewegt sich. Meist langsam, manchmal schnell, wie es jüngst in der Schweiz zu beobachten war. Neutral bedeutet nicht nur das Schwingen hin zur Harmonie. Es zeigt auf den Weg zu einem „in sich zufrieden sein“. Nur aus dieser Zufriedenheit im Inneren kann Frieden entstehen. Nur aus diesem inneren Frieden heraus können wir über wirklichen Frieden reden. Ich denke an das freundlich versunkene Lächeln von orange berobten Mönchen, die gelassenen Worte eines Meister Eckardts, eines Rumi oder Theresa von Avilas „Seelenburg“.
Ich spüre, wie Menschen aller Weltkulturen diese Erkenntnis auf so unterschiedliche Weise gedacht und gelebt haben. Das innere Gleichgewicht ist, wie das Körperliche, die Basis für einen festen, klaren Halt, für eine klare und kräftige Haltung. Nur diese mag vor den dunklen Gewittern der Ideologie schützen, die mit ihren verbrennenden Gedankenblitzen die Gehirne zerschmelzen. „Die ersten „-ismen“-Bezeichnungen wie etwa „Fanatismus“, „Materialismus“, „Spinozismus“ u.ä. sind in der Regel medizinischen Krankheitsbezeichnungen (vgl. Rheumatismus u.a.) nachgebildet und sollten krankhaften Überschwang, Exaltation und eben aus der Mittellage „verrücktes“ Denken zeigen.“ (3)
Strengen wir uns an, stabil und harmonisch nah an der Mitte zu kreisen, uns beweglich zu halten. In festem Stand. Die energetische Mitte des Körpers ist im fernöstlichen Denken das Herz.
(1) Kaiser Shun „Mitte und Maß“ zitiert nach Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (162)
(2) Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (160)
(3) Geldsetzer L. Han-ding, H. (1998) Grundlagen der chinesischen Philosophie. Reclam, Stuttgart (165)
Unscharfes Denken
Das die Sonne scheint, ist eine Wahrheit. Klar und hell fallen ihre Strahlen auf meinen Körper, die Welt, in die mein Auge schaut. Dann die Wolke, ein weicher Flaum, der sanft über das Antlitz des Lichtgestirns zieht, es verdeckt. Der erste Eindruck löst sich auf, wird obsolet. Ich sinniere. Die Wandlung, die Verdeckung geschieht nicht unmittelbar, entlang einer scharf gezogenen Grenze. Sanft und zart schoben sich die ersten, nebelig-fransigen, sich selbst verändernden Ausläufer über die Lichtspenderin. Bis das direkte Licht gänzlich verborgen zu sein scheint. Trotz der Verdeckung strahlt sie weiter. Erhellen ihre Reflexionen indirekt die Welt. Nur, sie ist, wie ich es empfinde, nun etwas graublauer, weniger strahlend. Erst wenn die Nacht sich in wunderrotverzaubertem Wolkenmuster langsam um uns legt, wird es dunkel werden. Die Sonne wird weiterziehen, so spricht der Eindruck. Doch wir Heutigen wissen, das es die Erde ist, die sich um sie dreht.
Egal, das Gestirn schleicht stetig über den Horizont, verdunkelt den einen Bereich, erleuchtet einen Anderen. An jedem Ort, der sich ihr zuwendet, wird sie erneut einen Tag voll Wärme und Licht spenden. Tage, die mal so, mal so lang sind. Immerfort strahlt sie, verbrennt sich selber, löst sich langsam auf. Langsam, sehr langsam. Das sagt die Ansicht der armen, kurzlebigen Würmchen auf diesem irdenen Ball in der unendlichen Weite des Universums. Wo sind die Grenzen? Die klaren, fest geglaubten Objekte, Zustände und Gedanken? Alles fließt. Jeglicher Glaube an feste, ewige Wahrheiten ist eine Illusion, die vom Werden aufgehoben wird. Dialektik in Aktion, Sein in beziehender Bewegung.
Ebenso verhält es sich mit allem fest und unumstößlich gedachten Meinungen. Selbst die der reinen Mathematik oder der berechnenden Physik lösen sich in unscharfen, trüben Seen auf, in die das Denken kaum vorzustoßen vermag. Ich habe keine Ahnung von Mathematik. Dennoch höre ich von den „ungelösten“ Problemen dieser Wissenschaft oder vom „Gödelschen Unvollständigkeitssatz“, nach dem gewisse Annahmen weder bewiesen noch widerlegt werden können. Genauso in der harten, faktischen Physik, die bei Heisenbergs „Unschärferelation“ ins Teilchenwolkenschwimmen gerät. Materie wird/ist Energie wird/ist Materie. Was nun? Wie die Sprache, die es in ihrem unendlichen Wabern dennoch vermag zwischen den Zeilen von Wahrheiten zu künden
Die Unschärfe, das Ungefähre ist der Kern der Möglichkeit, immer wieder anders zu denken. Weg von den alltäglichen „Feststellungen“ die wir treffen, Neues behaupten; zu Meinen. Die „doxa“ (δόξα)(1). Sie leiten uns in die Irre. Was bleibt ist das Denken der Unschärfe in der „Vergäglichkeit“ des „Werden“. Das Denken in Beziehungen zu Welt. Mit dem Blick, auf das „Dazwischen“, weg von den Objekten. Solches Denken schafft Verbindungen, öffnet Horizonte.
Wo fängt mein Körper an? Wo beginnt die Welt, von der ich meine, dass sie ihn umgibt? Wo ist meine Identität, die eben doch so anders war. Wieder fällt mir Nietzsches Dividuum (2) ein. Oder Rimbauds Violine (3). Zu oft behaupten Gedanken Beständigkeit. Eine Beständigkeit, die sich so langsam wandelt, dass sie, wie die Sonne, fest erscheinen. Genauso wie mein „Ich“. Dennoch, ein Blick in den Spiegel und das Fotoalbum genügt. Dieses „Ich“ war eben und gar erst vor Tagen ein gänzlich Anderes. Ganz zu schweigen von den Bildern, aus denen heraus mich ein kleiner Junge fröhlich angrinst. Wolkig-emotionale Erinnerungen verbinden sich mit dem Bild. Der Eindruck, das Gefühl ist kaum in Worte zu fassen. Jede Behauptung wäre zu fest, zu starr. Scharf und unscharf zugleich.
(1) vergl. Parmenides und das Höhlengleichnis von Platon. Zudem der Musenaufruf Hesiods zur Wahrheit.
(2) Nietzsche, F. (1878) Menschliches, Allzumenschliches; erster Band, zweites Hauptstück 57.
(3) „Ich ist ein anderer. Umso schlimmer für das Holz, wenn es sich als Geige wiederfindet, und Hohn über die Ahnungslosen, die über das rechten, wovon sie nicht das Geringste verstehen.“ (Rimbaud A. (2002) Sämtliche Dichtungen. dtv, Seherbriefe 369)
Geplapper
Langes Schweigen der Welt. Leises Schweigen des sanft säuselnden Windes, das verhaltene Gurgeln der Wellen. Ruhe. Langsam verstummt nach und nach das Geplapper im Kopf. Mal mehr mal weniger. Welch eine Wonne sind die Momente, in denen ein „nur-da“ vorherrscht. Sitzen bleiben, atmen. Ich brauche all dieses, aus der Tiefe des Bewusstseins hervorstoßendes, Gerede nicht. Es quillt aus unergründlichen Tiefen, wie selbst träges Wasser jede Lücke im Felsen nutzt um seinen Weg an die Oberfläche zu finden. Diese unendlich erscheinende Kette aneinander gereihter Satzfragment und Worte ist ein ewiger Quell der Ablenkung und Zerstreuung. All die Bilder, die den Geist im Innersten bewegen, all diese Nichtigkeiten, die für wichtig gehalten werden. Schweigt.
Dann, zurück in der Welt. All die Menschen. All das Geplapper von Außen. Es dringt nicht von innen herauf. Es dröhnt aus der laut tönenden Zivilisation herein. Ja, die Rede, das Gerede mag zu seiner Zeit einen Sinn haben. Sie machen in manchen Fällen auf momentan Gewichtiges aufmerksam. Doch wie schnell verschwindet jegliches Ereignis wieder im Vergessen. Sinnloses Gerede greift die Ruhe, die ich suche, unermüdlich an. Der unendliche Strom, der jeden Damm zu zernagen droht, jedes Ufer gierig zu verschlingen trachtet. Dies Geplapper, diese Banalitäten; leere Worte der Worte wegen. Oft aus Angst vor dem Schweigen. Ja, ich rede gerne. Unterhalte mich, um Gemeinschaft zu „unterhalten“. Es ist unzweifelhaft, dass Kommunikation Zusammenhalt stiftet. Doch muss sie immer so laut, so flach, so leer sein? Vermag sie nicht leicht tönend und konzentriert zu schweigen wie das sanft wellende Meer? Ein erfrischender Quell?
Tiefer Austausch ist kein Geplapper. Teilen ist kein Geplapper. Teilen ist der Sinn von Mit-Teilungen. Hier werden Bande gefestigt. Wie sanfte Netze, die sich um uns legen, generieren sie Verständnis, Nähe, Liebe. Oft ohne Worte. Schweigend dasitzen und sich verstehen. Im beieinander und füreinander da sein. Gerede generiert eine Illusion von Gemeinsamkeit.Oh, und da ist das tiefe Gespräch. Über Bedrohungen, Ängste, das Schöne, Glück und Träume. Es bewegt, erfrischt den Geist; seine abgründige Tiefe hält ihn am Leben. Am besten bedächtig, durchdacht und so klar formuliert wie ein spiegelnd-transparenter See. Viel zu selten habe ich das Gefühl, dass ein gutes Gespräch meinen Kopf mit sonniger Wärme füllt. Zu oft bedroht das Gerede die Ruhe. Wie brodelnde Lava, die zischend das Meer verdampft. Gute Geschichten hingegen fließen stetig und wiederkehrend. Sie verorten und stiften Identität. Momente, die zu Ewigkeiten werden.
Meistens greift mich, speziell in öffentlichen Räume Gerede um des Redens willen an. Wie eine Horde giftiger Affen. Ich muss leider zugestehen, dass diese hüpfenden, lauten, an der Seele zerrenden Tierchen einen Sinn zu haben scheinen. Nach dem Genuss von Alkohol zum Beispiel, auf der Party, bei Feiern und geselligem Beisammensein. Hier ist das Tiefe Gespräch nicht möglich. Hier geht es um den oberflächlichen Austausch von Alltäglichkeiten, das Loswerden von Bedrängendem. Im Sinne des „comic relief“, der Katharsis, der ekstatischen Reinigung des Geistes? Aber alles zu seiner Zeit. Geplapper, Spektakel und Event gehören zusammen, haben, wenn auch selten, das Potenzial zu Geschichten zu werden.
Es ist an mir, vertiefend und bedenkend mit Worten umzugehen. Sie sind die Schätze unseres Denkens. Sie wollen gepflegt werden wie ein Garten. Geplapper ist zu vermeiden. Selbst bei gemeinschaftlichen Zusammenkünften lieber nichts sagen. Die Lauten, die zum Frühstück am lautgestellten quäkenden Telefon über Durchfall reden – ignorieren: Das innere Schweigen trainieren. Zuhören lernen.
Ruhende Kontinuität
Ich lese bei Bregman, in seinem schönen, wohltuenden, positiven Buch über das „Gute“, folgendes Zitat. Es stammt aus einem Interview mit dem Gründer einer großen Firma, die in den Niederlanden die Pflege auf den Kopf zu stellen scheint: «Die Welt profitiert oft mehr von Kontinuität als von kontinuierlichen Veränderungen», sagt er. «Wir haben jetzt Veränderungsmanager, Change Agents und lauter solche Leute. Aber wenn ich mir die Pflege in den Bezirken ansehe, hat sich der Beruf in 30 Jahren kaum verändert. Man versucht, eine Beziehung zu jemandem in einer schwierigen Situation aufzubauen, das bleibt immer gleich. Natürlich kann man neue Erkenntnisse und Techniken anwenden, aber die Basis ist unverändert.» (1)
Diese Erkenntnis gilt nicht nur für die Pflege. Überall haben die stählernen und eiskalten Verwalter von Strukturen das Heft in die Hand genommen. Inhalte, Techniken und Nachdenken sind genauso wenig gefragt wie Langeweile, Ruhe oder Gelassenheit. In diesen liegt eine „Nicht“- Kontinuität – im Werden des Stillstands. Bedenken und handelndes Tun, wozu „nur da sein“ oder „füreinander da sein“ gehören sind zutiefst menschliche Eigenschaften. Mal wieder „Wu Wei“.
Dröhnend wie die Hämmer eines Hochofens brechen verordnete Reformen, über uns herein. Aktionismus, der in seiner Hitze mehr vernichtet als er schafft. Daher die Vorliebe der Change-Manger für Begriffe wie „Kompetenzfelder“ oder „Management“, denn diese sind so hohl wie die mechanischen Gehirne der Bürokratiemaschinen. Niemand scheint dies zu bemerken wollen.
Durch diesen Aktionismus einer hämmernden Maschine kommt es zu permanenten Kollateralschäden, wie die, dass „Erkenntnisse und Techniken“, also Inhalte nicht einmal mehr gesehen werden. Das Bestehende, dass sich im Werden aus sich selber ändert, denn nichts bleibt ewig gleich, wird unter Euphemismen zertrümmert und zerrüttet. Wie an meiner Hochschule. Laut wird dort zum Beispiel das Wort „Interdisziplinarität“ hohl in den Raum gebrüllt. Gleichzeitig werden langsam und kontinuierlich gewachsene interdisziplinäre Strukturen in ihre isolierten Kästchen zurücksortiert. Noch schlimmer, es werden Beziehungen zerstört und in ihrer Entwicklung behindert. Techniker und Designer, die sich über Jahre zusammenfanden, um inhaltsgesteuert zu arbeiten, werden in ihre althergebrachten Schubladen zurückgedrängt, oder drängen sich gar selber. Ich fürchte, sie werden in den Essen der Leitungen eingeäschert und zerschmolzen, bis ein langweiliger, disziplinärer Einheitsbrei übrig bleibt.
Denn Strukturen, in ihrer starren Raserei eisiger Bergstürze, sind Grenzen, die sie selber nicht wahrnehmen. Festzurren und Einkästeln im Namen der Beweglichkeit, der Kontinuität, die schon lange gestorben ist. Ohne zu bemerken, dass das Leben – lebt, wird, Beziehung ist. Das Leben überschreitet permanent Grenzen, sucht neue Horizonte. Wie der schweifende Blick in der ruhenden Leere. Der Blick, den keine menschengemachte Regel, keine Excel- Tabelle, kein Kompetenzfeld zu verbauen vermag; kein Management erlaubt.
Nur der sich im Horizont verlierende warmen Blick, manchmal durch etwas Glut der Wut angeheizt, vermag es die Eiseskälte der bürokratischen Systeme zu zerschmelzen; vermag es den kalten Stahl aus deren Herzen zu drängen, zu verflüssigen.
(1) Bregman, Rutger. Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit (S.304). Rowohlt E-Book. Kindle-Version.
Göttinnen
Ich bin froh, bei Nietzsche gelesen und auf meine Weise verstanden zu haben, dass es nicht nur einen Gott gibt, den die Menschen mordeten, sondern wir zu vielen Götter werden (sollten). Ja, ich kenne viele, die zu Göttinnen und Göttern wurden. Die alles Hochherrschaftliche und zugleich alle Götzen und deren Ebenbilder, den Menschen, überwunden haben. All diese mutigen, heldenhaften Wesen, die über sich herausgewachsen sind. Sie bewirkten auf der Erde, diesem wunderbaren Planeten Dinge, die ich nie zu bewirken vermögen glaube. Ihr Mut, ihre Leben, ihre Liebe für etwas Größeres, Allumfassendes und zugleich sowenig Greifbares sollen mein Leitbild sein. Als einsame Blumen in einer weiten Wiese überstrahlen sie jede Ödnis des profanen, materiellen Ackers, dessen trockenes Gras dennoch die Kraft des Wachstums in sich birgt.
Zufrieden damit ein grünendes Gänseblümchen, ein Göttchen zu sein, lasse meine Gedanken schweifen. Gesichter und Geschichten ziehen vorbei. „HeldInnen“ fallen mir ein, die voller Liebe für Menschlichkeit und Gemeinschaftlichkeit stritten. Für Frieden und Wärme. Emma Goldman zum Beispiel, die, wie eine Freundin es sagte, mit viel Kraft aus ihren Beziehungen und Zusammenhängen eine Vorkämpferin der Emanzipation der Menschen war. Deren Biografie ich verschlungen und mehrfach verschenkt habe. Oder der buddhistische Mönch Thích Quảng Đức, der sich, geschützt durch seine Brüder, selbst verbrannt, sein Leben für Friede und Freiheit gegeben hat (2). Das Bild seiner Tat kannte ich schon lange, es hängt an meiner Bürotür. Sein Namen wurde mir durch ein wunderbares Buch des unvergleichlichen Thích Nhất Hạnh bekannt. Ayya Khema, deren Vorträge vielen Menschen, mich eingeschlossen, einen Weg aus der Unwissenheit heraus gezeigt haben. All die MusikerInnen, wie Kae Tempest, die jenseits des Mainstreams eine Message haben und diese voll Wärme in die Welt ausstrahlen. Georg Orwell, der selbst mit der Waffe in der Hand gegen die düsteren Visionen seiner Bücher kämpfte. Einen Kampf, den er z.B. in „Mein Katalonien“ beschrieb. Dann ist da so manches Wort, so manche sanfte Umarmung, manche warme Handlung von FreundInnen. Im kleinen, profanen Alltag geäußert. Die Liste von GöttInnen und Göttern ist unendlich. Sie kann gerne mit illustren, ikonischen Namen wie Gandhi, Che, Timothy Leary, Teresa von Ávila und all den Menschen, die im kleinen vieles bewirken, aufgefüllt werden.
Keine dieser Personen war perfekt. Alle mussten einen Weg der Kompromisse gehen. Einige haben für ihre Visionen das Töten von Menschen zumindest in Kauf genommen. Um weiteres Leid zu verhindern, den Überlebenden einen Weg zu zeigen. Jenseits von Moral und Humanismus, jenseits von Gut und Böse.
Polemik gegen die Tabelle
Warum verachte ich die Tabelle? Diese Anhäufung von Kästen in ebenmäßiger Form, gradlinig wie die Reihen einer uniformierten Soldateska? Quadratisch, praktisch, auf keinen Fall gut. Warum ruft sie in mir so einen tiefsitzenden Ekel hervor?
Liegt es an meinem künstlerischen Geist? Ein Geist der die Dynamik des Kreises, der geschwungenen Linie, des Bruches, der Störung vorzieht. Der – im Sinne Picabias – die Erkenntnis, dass der „Kopf rund ist, damit das Denken die Richtung ändern kann“ schon früh verinnerlicht hat? Liegt es an der Grundform der Tabelle, dem Quadrat? Ja, das Quadrat ist fest, steht starr im Raum. Wie Malewich malerisch feststellte. ohne Anfang und Ende, unendlich tief und dennoch weit ausgreifend. Doch selbst sein Pinselstrich vermochte keine einhundert Prozent exakte, berechenbare Linie zu malen. Sein Quadrat ist so unscharf wie die Behauptung des von Doesburg in seinem Pamphlet „Mecano“ (4,5 1922), das Quadrat zu verstehen.
Das abstrakte Quadrat, als Basis jeder Tabelle ist absolut berechenbar, exakt, fest-gestellt. Eine Hoffnung auf allumfassende Kontrolle. Der Kreis hingegen, die gebogene Linie, beinhaltet die Unberechenbarkeit der Infinitesimalzahl π. Nie genau ermittelbar. Immer dem Schwingen des Ungenauen ausgesetzt, der Annäherung. Nie zur Ruhe kommend, immer im Werden. Das Quadrat hingegen behauptet die Festigkeit eines Betonblocks. Es ist eingebunkertes Denken. Es fordert die Logik der Ideologien, bis hinein die in der Kunst der Konstruktivisten, die eine ewig bestehende, utopischen Weltwahrheit suchten. Heraus kamen die toten Wohnblocks, in denen die Menschen wie Hühner in den Legebatterien eingepfercht werden. Nutzenoptimierung für die Sklaven des Marktes. Hinter der erhofften Befreiung verbarg sich die tote Logik der Effizienz, der kapitalistischen Berechenbarkeit.
Eben der Effizienz, die ihren Höhepunkt im Siegeszug der digitalen Systemen erlangen sollte. Darum lieben Verwaltungen Tabellen. Excel Tabellen. Sie schützen die SchreibtischtäterInnen davor Menschen zu sehen, das Leben zu spüren. Das Leben, das immer unscharf ist, wird verdrängt, wie hinter die anonymen, gleichförmigen Türen der Betongettos. Darum sind Quadrat und Liste die geborenen Freunde der Erstarrung, der Unbeweglichkeit, des Todes. Was ist eine aus Excel generierte Statistik gegenüber dem Geruch, der Dynamik, dem Wuseln, den huschenden Bildern des Lebens? Alle die auf den eckigen Plastiktasten der Tastaturen tippenden, in die rechteckigen Monitoren starrenden VerwalterInnen und Planenden sind durch die Tabellen von ebendiesem Leben abgeschirmt. Für sie ist die Welt ein Zoo, der durch die zahlengefüllten Spalten und Zeilen auch sie schon lange weggesperrt hat. In einen Raum, ein Cubicle, eine glatte, glänzende Ecke des Großraumbüros, der Gefängniszelle des täglichen Molochs. Fernab von den Menschen, die als Nummer über den Bildschirm flackern. Wie die Tage ihres gekästelten Kalenders leer verstreichen.
Das Quadrat dominiert das teleologische westliche Denken. Hier wurde die Welt schon früh als Taxinomie klassifiziert. In der Hoffnung, alles und jeden zu erfassen, einzusortieren, zu ordnen. Tote Holzkästen voller festgenadelter Insekten. Die Menschen bemerken die unsichtbaren Nadeln der Tabellenkalkulationen, die sie selber durchdringen erst, wenn sie die genau bemaßte Grenze des Quadrats, diese tödliche Linie, überwinden wollen. Wenn sie bemerken, dass kein Leben in eine Zelle passt; wenn sie selber durchs Raster fallen.
Das Quadrat normt, schert über einen Kamm. Das Quadrat generiert Langeweile und Papierberge, die nichts aussagen. Doch wie stolz sind die Verwalter des klinischen Todes auf ihrer Ergebnisse, diese ausgehöhlten, leblosen Datenberge, die sie produzieren? Mit ihren Zahlen und abgegrenzten, eindimensionalen Wissen quälen und martern sie das Leben. All die BeraterInnen, BürokratInnnen, Politiker*Innen… Besserwissenden. In ihrem Versuch, alles in einen Kasten mit der dazu gehörigen Formel zu zwängen, berechenbar zu machen, alles, was nicht hinein passt, zu entsorgen. Jedes atmende Dazwischen wird ausgegrenzt. Es existiert nicht.
Ist das Quadrat nur eine Metapher? Eine Metapher, die schon früh in den Köpfen unserer Vorväter herumspukte? Der Kulminationspunkt der aristotelischen Kategorien, die Kant bis hinein in unser Moralverständnis gestopft hat? Egal, die Tabelle mit ihren Formeln ist allgegenwärtig. Die digitalen Kalkulatoren, die nur in ihrer Zelle denken können, die PCs mit ihren eckigen Prozessoren, haben den Prozess verstärkt. Man schaue nur, wie gefangen die Menschen vom Blick auf ihre kleinen, leuchtenden mobilen Quadrate sind, die sie immer bei sich führen müssen. Zwanghaft. Auf deren Bildschirmen es summt und tanzt, piepst und quiekt. „Alles so schön bunt hier“, sang Nina Hagen. Doch dieses „Bunte“ erscheint mir ebenso blutleer und farblos wie die „grauen Männer“ bei Momo. Man kann Quadrate anstreichen wie Mondrian. Man kann sie sogar genießen. Doch kein Pinselstrich war so perfekt wie die Pixel eines Monitors.
Ich fordere die Löschung aller Tabellenkalkulationen, die Sprengung der Linien des Quadrats, die explosive Macht der Unschärfe, des Unberechenbaren, des Ungenauen. Zerfallende Grenzen, die offen sind. Deleuze und Guattari folgend müssen wir Fluchtpunkte und Horizonte eröffnen. Stürmende Wellen, die selbst die Grenzen des Kreises sprengen, das Chaos. Denn der Kreis in seiner Unberechenbarkeit ist nie „fertig“. Eine Forderung nach Beweglichkeit. Denn nur in der Bewegung gelingt ein „Werden“. Lieber beim Experiment vergehen als in der quadratischen Zelle zu verrecken, langsam zu verwesen, den berechenbaren Zahlentod zu sterben. Ist es zu spät?
Freundschaft – immer wieder
„Will man einen Freund haben, so muß man auch für ihn Krieg führen wollen: und um Krieg zu führen, muß man Feind sein können.
Man soll in seinem Freunde noch den Feind ehren. Kannst du an deinen Freund dicht herantreten, ohne zu ihm überzutreten?
In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben. Du sollst ihm am nächsten mit dem Herzen sein, wenn du ihm widerstrebst.“ (1)
Ich huschte über die flüchtigen Buchstaben auf dem matt glimmenden Bildschirm. Zuerst scannend, dem ansich belanglosen Medium entsprechend. Unvermittelt drängten sich die unscharfen Buchstaben, als sie sich zu Wörter und Sätzen formten, ihren Sinn extrahierten, klar in mein Bewusstsein. Der Text griff zu, er ergriff mich. Als würden die Lettern in Form eines stählernen Stempels auf meinen Kopf geknallt werden. Sich wörtlich einprägen. Mein Herz zog sich zusammen, vibrierenden Schauern durchwanderen es. Schwere, Traurigkeit breitete sich aus. Mitfühlend setzte sich mein Geist in Bewegung, Ein Bekannter postete in den belanglosen Weiten der sozialen Medien, auf Facebook, dass ihm die Freunde ausgegangen seien. Durch zu viele Umzüge, dem Fokus auf Job und Kinder. Ein Hilferuf in die Leere der Nicht-Community, in der alle mit allen und allem in Beliebigkeit verbunden, „befreundet“ scheinen. Offentsichtlich hatte er seinen Ort verloren, auch wenn er in der Familie eine gefunden hatte.
Tags darauf, in der warmen Sonne, zu gluckernden Beats tanzend, kam dieses schwere Thema rund um Freundschschaft abermals auf. Nicht wie der warme Nebel, der aus der umrankten DJ Box des Südpols wabert. Nein, wie kalter Herbstdunst, der sich als eisiges Gespinst schnürend, kalt, erstickend um die Eingeweide legt.
Hier ist ebenso Rede davon, dass uns immer weniger Freunde umgeben, viele in die wärmende Höhle der Familie verschwanden, vom Job absorbiert werden. Abermals spüre ich den Schmerz, vernehme den Trauer in der Stimme. Ich kann es nachvollziehen, auch ich trauere um jede versandete Freundschaft. Unsere Worte kreisen um das Thema wie die Beats, die in immer neuen Varianten wiederkehren.
Sicher, Familie war und ist für viele der Ankerpunkt des Lebens. Heute ist es nicht mehr die Großfamilie von der wir behütend und zugleich einengend umgeben sind. Sie war der Ort, an dem die Menschen immer jemanden hatten, der oder die für einen da war; Konflikte löst. Der Ort an dem man eine feste, wärmende Schulter vorfand, jemanden zum reden hatte. Trotz der Enge der Sippe waren dort immer Menschen die Freiräume schaffen. Wie die Großmutter oder -vater, die auf die Kinder aufpassen um Zeit für sich und Andere zu generieren. Mit allen Vor- und Nachteilen.
Der große Unterschied zum Freundeskreis, ist jedoch: Die Sippe sucht man sich nicht aus. Freunde schon. Oder besser, sie suchen einen.
Heute müssen wir zumeist den Kreis der Menschen, die uns eng, nicht einengend umgeben und durchs Leben begleiten, eine wärmende Höhle generieren, finden, hegen und pflegen. Eine nicht selten anstrengende Aufgabe. Freunde wollen ausgebrütet werden wie ein frisch gelegtes Ei. Mit Geduld, Liebe und Aufopferung. Nur dann kann Leben im Nest entstehen, das nicht nur den einen Geruch hat, der jeder Sippe anhaftet. Nein, dort vermischen sich viele unterschiedlichsten Düfte mit mannigfaltigen Noten. Sie durchdringen und überlagern sich; wechselnd, je nach Saison und Stimmung. Riechen mal besser mal schlechter. Ich schnüffele in die Weite der allverbundenen Welt, vor mich hin sinnierend.
Wie schön von Euch, meine Freundinnen und Freunde, denke ich, das Ihr immer noch da seid; meine Weggefährten. Euch, mit denen ich gestritten und gelitten habe. Manche gingen verloren, neue kamen. Kaum einen von Euch kenne ich weniger als 10 Jahre, manche einige Jahrzehnte. Seit jungen, suchenden Tagen, folgten wir unseren Wegen, begleiteten uns – mal mehr mal weniger. Mal eng und hitzig debattierend, mal wärmend oder gar in Distanz. Die, die geblieben sind, füllen das Herz mit Liebe zur Welt, der großen Freundin. Sie sind – neben der Familie – der Sinn des Lebens.
Ich wünsche allen, die das Gefühl keine FreundInnnen zu haben bedrückt, dass sie zumindest sich selber FreundIn sind. Ein erster Schritt, auf dem Abenteuer neue Freund*Innen zu finden, aus Menschen, denen man begegnet, welche zu formen. Freundschaft braucht Zeit, Liebe und Geduld. Somit sage ich zu den Meinen.: „Ich finde es toll, Euch aushalten zu dürfen. Daher haltet mich bitte aus – und in Euren Armen, wenn ich Euer bedarf. Meine Arme sind offen.“
1) Nietzsche, F. (1883) Also sprach Zarathustra, vom Freunde
Schon wieder Glück – εὐδαιμονία
Die Sonne strahlt über dem Raureif. Der hellblaue Himmel ruft strahlend den Frühling. Die weißlich, kristallin überzogenen Pflanzen zeugen von der nach wie vor vorherrschenden kalten Frische des Winters. In der Wärme, mit Blick in die Natur, lese ich einen wundervoll wärmenden Artikel. Er erzählt vom Glück und Beziehungen.
Eine über Jahrzehnte laufend Studie mit tausenden von Menschen, die teilnahmen, bestätigt etwas so banales, dass ich freudig aufschreien möchte. Am glücklichsten werden die Menschen, die möglichst warme Beziehungen pflegen. Die kalten Dinge, die wir horten, die Waren und Besitztümer, Geldberge und stinkenden Autos spielen nur eine untergeordnete Rolle. All dieser „wertvolle“ Popanz mag sich glitzernd über ein Leben legen, hier und dort Bequemlichkeit und Wärme versprechen. Doch er ist belanglos, solange wir nicht frieren, der Bauch zur Genüge gefüllt ist und ein warmer Blick das Herz sanft umspielt.
Dinge, die über diese Grundbedürfnisse hinausgehen, von den geldgierigen, kalten Mündern der Werbung in Superlativen groß geredet werden, können keine warmen Beziehungen ersetzen. Schon garnicht die Beziehung zu uns selber, die zu üben ist. Wer kann anderen Gutes spenden oder mit ihnen Glück erleben, wenn die Person nicht in sich ruht. Mit sich zu“frieden“ oder besser im Frieden ist? Die Beziehung zu mir, ist die erste Beziehung.
Glück – ein eudaimonisches Axiom schon seit Aristoteles – bezieht sich nicht nur auf uns selbst, wie so oft gedacht wird. Es hat immer etwas mit gemeinsamer Aktivität und Handeln zu tun. Rechtes und gutes Handeln, nach bestem Wissen und Gewissen. Voller vertrauen. Oder schlicht gesagt: Wer für sich selber Wärme empfindet, kann diese geben. Wer Wärme empfängt, dem wird warm ums Herz. Wie simpel klingen die drei Wote: Füreinander da sein. Warm handeln, liebe- und vertrauensvoll handeln. In ihrer Umarmung streichelt mich die wonnigen Strahlen der Sonne. Jeder Raureif im Herzen schmilzt. Der strahlende Kreis der Frühlingssonne vertreibt die Kälte. Wie schön. Da. Dasein.
Mit Freude lese ich, dass der Leiter der Studie Zen Meister ist. Kein Wunder, dass seine Augen angefüllt von Liebe sind. Was für ein Glück für ihn und uns.