Driften

„Une ou plusieurs personnes se livrant à la dérive renoncent, pour une durée plus ou moins longue, aux raisons de se déplacer et d’agir qu’elles se connaissent généralement, aux relations, aux travaux et aux loisirs qui leur sont propres, pour se laisser aller aux sollicitations du terrain et des rencontres qui y correspondent“
(Eine oder mehrere abdriftende Personen verzichten für mehr oder weniger lange Zeit auf die Gründe für ihren Umzug und ihr Handeln, die sie im Allgemeinen kennen, auf Beziehungen, Arbeit und Hobbys, die für sie spezifisch sind, um die Aufforderungen des Feldes loszulassen und die Begegnungen, die ihm entsprechen.)
Debord, G. (1959) Théorie de la dérive (Internetquelle)

Das Wort „driften“ schreit danach genauer untersucht zu werden, nachdem ich mich auf meinem letzten Spaziergang habe treiben lassen. Einfach nur so voran. Zugleich „drifteten“ meine Gedanken. Zuerst zu den Situationisten, die das „driften“ als künstlerische Praxis, dem „dérive“ funden haben. Dabei ist die Übersetzung unscharf. Dies stammt vom lateinischen derivo ab. Hierzu erzählt das Schulwörterbuch, der „Kleine Stowasser“, dass es etwas mit „wegleiten“ zu tun hat – „de rivus“ – vom Fluss weg. Wir driften durch die Sprache, treiben durch Worte. Im reinen driften, Treiben ganz ohne Ziel. Eine schlaue Begriffsoperation von Herrn Debord. Ein Konzept gegen das geplante, teleologische Denken der Moderne mit ihren Regeln und Gesetzen, die oft wider jeglicher („natürlichen“) Natur operieren, sie gar vernichten, zerstören.
Nach Varela und Maturana entwickelt sich auch das Leben an sich ohne Ziel. Ohne Plan. Nicht-teleologisch. Es driftet, Stammbäume ergeben sich. Strukturelle Koppelungen beeinflussen die innere Entwicklung und die des Systems. Nichts lenkt und nichts steuert.
Was ein Konzept hinter diesem Wort. Was für eine Pool, um zu erkennen. Zu tun. Sich treiben lassen, aus sich heraus schöpfen…