Angstokraten

Ostern, und ja, mein letztes Semester stehen vor der Tür. Der März als April macht, was er will. Mal Sonnenschein und Wärme, mal trübe Wolken und Nieselregen. Ebenso sieht es in meinem Kopf aus. Vorfreude auf den Sommer, nette Diskurse mit den Studierenden; spazieren mit dem Blick auf knospende Blüten und Bäume, in der Sonne tanzen… Doch wie kalter, peitschender Regen schießen wirre Nachrichten durch die toten, digitalen Nachrichtenkanäle der Uni. Studierende sollen keine Chipkarten mehr bekommen. Somit können sie die Labore und Arbeitsräume nur mit „Gastkarten“ selbständig betreten. Ich fürchte dafür müssen viele Formular ausgefüllt und Unterschriften eingefordert wurden. Der Kopf schweift nicht mehr, die Gedanken erstarren. Sie werden weit hinter den kommenden Sommer katapultiert. Weg vom Moment der Vorfreude, weg aus dem Präsens, dem Jetzt. Hinein in den eiskalten Winter der Verwaltung.
Wieder einmal hat die bürokratisch verseuchte Hochschulleitung bewiesen, dass sie keine Ahnung vom Studium hat. Diesen wichtigen Begriff und entsprechendes Handel nicht versteht oder gar verstehen will. Es bestätig sich das Gefühl, dass sie nur aus ihrer mechanischen Perspektive voller Bedenkenträgerei auf die Welt blicken, ohne jegliche Praxis in der Lehre gehabt zu haben; ohne Feuer und Begeisterung fürs Lernen und Lehren. Sie starren blind auf ihr System aus Paragraphen und Ängsten. Gefesselt durch Stapel von Papieren, Tabellen, Geboten, Anweisungen und monetarischen „Zwängen“. Eine Ansammlung symbolischer Ansprüche, Anrufungen, die aus diesem selbstreferentiellen System erwachsen sind; groß „A“ würde Lacan sie benennen. Weg von der Realität meinen diese Personen, getrieben von ihrer angstbesessenen Seele, die „ideale“ Lösung gefunden zu haben, die ihnen ihr verzerrtes Selbstbild („Ideal-Ich“) als Herz der Hochschule vorgaukelt. Was eine kalte, tote Fratze.
Der Unterschied ist – ein Körper, der leben soll, benötigt ein bewegliches und schlagendes Herz, bewegt durch den Atem. Studium braucht Herzblut. Wille zum Wissen und Wille zum Lernen. Freiraum, um wachsen zu können. Offenheit, offene Türen. Die versteinerten Herzen, festgenagelt in ihrem falschen Selbstbild meinen irgend einen Wert zu verkörpern, wichtig zu sein. Doch permanent rühren sie den Beton, der in jede Lücke quillt, alle Türen, ja jede Spalte verschließt. Freie Bewegung wird verunmöglicht. Geblendet von der Illusion ihrer Notwendigkeit verfestigt sich ihr Zement einer illusionären Freiheit zwischen den Sätzen und Verordnungen, deren Gift sie in die Welt kotzen.
Klar, jedes angstbesetzte Wesen sehnt sich nach Halt. Einem Leit- oder Selbstbild, einen leeren Begriff an das es sich klammern kann. Es versucht sein Dasein, sein So-Sein und Handeln zu legitimieren. Diese Schreibtischtäter agieren aus verdrängter Angst. Ich vermute, sie fürchten, zu bemerken überflüssig zu sein. Entsprechend entscheiden sie weiter auf Kosten derjenigen, für die sie da sein sollten. Ist es an einer Hochschule nicht ihre Aufgabe, zum Beispiel freies Lernen zu ermöglichen? Offene (Denk-)Räume zu schaffen?
Wie schon Kafka es im „Prozess“ so schönbitter beschrieb – machen sie sich un(an)greifbar. Unfassbar aber grausam spürbar sind sie nur für sich da. Sie klagen ihre „Untertanen“ an, ohne, dass je klar wird, weswegen Anklage erhoben wurde. Warum wird den Studierenden durch diese Anklage der freie Zugang zu Räumen, die für die Studies, die Lehre da sind, unterbunden. Ich denke, die Antwort klingt wie folgt: „Wir vertrauen Euch nicht, Ihr dürft Euch nicht frei bewegen, weil wir Angst haben“. Anders gesprochen – sie handeln gegen ihren eigentlichen Auftrag, ohne es zu bemerken. Sie kämen nie auf die Idee, die Frage zu stellen, warum ihre Entscheidungen dazu führen, das Studium nicht mehr Studium sein darf. Warum die Freiheit Jahr für Jahr, Semester für Semester zunehmend aus der Lehre hinausgedrängt wird. Sie müssen den Inhalt „Studium“ verdrängen, ignorieren, gar bekämpfen. Bis nur noch Verwaltung, Verwaltete, genormte Lehrende und Studierende übrig bleiben. Dann fühlen sie sich sicher.
Vielen dieser Entscheider würde ich raten ihren Job zu kündigen und eine Therapie zu beginnen. Sie würden damit all die mitdenkenden, kreativen Kolleginnen und Kollegen sowie die Studierenden befreien. Die tollen Menschen in der studiumsnahen Verwaltung, die sich kollegial mit den Lehrenden für das Studium einsetzen. Die Lehrenden, die für die Studierenden da sind. Ach was, eine Therapie nutzt nichts mehr. Das ganze Netz aus Verwaltungs-Psychopathen muss auf den Prüfstand. Stellt Euch der Halluzination, in der Ihr meint der Nabel der Lehre zu sein! Erkennt, dass durch Papierberge, inhaltsleere Workshops und Beratungsschwachsinn keine Lehre praktiziert wird. Ihr habt keine Ahnung. Doch dazu seid Ihr zu feige. Ihr seid die Hasen, das Studium ist die Schlange, auf die ihr starrt. Eure Köpfe sind eckig. Euer Denken ist eingepfercht, unbeweglich, erstarrt.
Ich freue mich dennoch auf den Sommer, und speziell den Moment, wo ich viele von diesen angstbesessenen Wichtigtuern hinter mir lassen kann. Zum Glück erinnern sich immer wieder Menschen an Picabias tollen Ausspruch, dass der Kopf rund ist, damit das Denken seine Richtung ändern kann – und handeln danach. Betreten frei neue Räume…studieren.

Trauerweide

Beim täglichen Spaziergang frage ich mich, woher die Trauerweide ihren Namen bekommen hat. Strahlen ihre kleinen, frischen Blätter nicht schon früh gegen den grauen, verregneten Winterhimmel an? Rufen sie nicht in ihrem zarten Grün das Frühjahr herbei? Selbst durch den Nieselregen hindurch leuchten ihre filigran hängenden Ästchen mit den zarten Blättern wie Angelruten in Richtung des Gewässers.
Boten des schleichenden Wechsels, ein Ruf nach Sonne und Wärme, der sich alsbald erfüllen wird. Ich atme tief durch. Trotz der feuchten Luft schmecke ich das Voranschreiten, welches sich im Moment anschickt, die klamme Kühle des Winters zu vertreiben. Meine Mundwinkel verziehen sich zu einem sinnierenden Lächeln. Ich spüre die Steinchen auf dem Weg, wenn auch nur wage, während ich einen Schritt vor den anderen setze, ein Atemzug den nächsten ablöst. Wie die Jahreszeiten. Im jetzt. Es gibt nichts festzuhalten. In mir leben die Generationen, ich werde in den Folgenden aufgehen.

Was gibt es da zu betrauern?

Heckenfreiheit im Kopf

Heute Morgen erwärmt die karg glimmende Vorfrühlingssonne die frostige Luft. Mein Körper schwingt in sanften Bewegungen zu entspannten Rhythmen. Zwei dunkle Knöpfe über einer roten Brust äugen, aus der kargen Hecke heraus; verharrend und voller Neugierde in meine Richtung die Lage abscheckend. Das Rotkehlchen begrüßt mich, denke ich. Welch ein Wonnemoment. Was es denkt, empfindet, ist nicht zu erschließen. Dann setzt es seinen Weg in der Mitte der Hecke fort. Auf der Suche nach Futter? Einer Partner*In?
Der Kaffee dampft, die Gedanken fließen wie zaghafte Schleierwolken durch den eingeschränkten Horizont meines Bewusstseins. Wollte ich nicht über Freiheit schreiben? Ein sinnierendes „wozu“ füllt den schweifenden Geist. Es gibt so viele Freiheiten wie Moralen, so viele Grade von Zwängen und offene Horizonte. Die Natur, andere Wesen, die Macht des Körpers… Am engsten sind die, welche wir uns selber schaffen. Besser ausgedrückt, schaffen können? Schaffen wollen? Ja, da sind die Anderen, da ist die Welt. Wie das Rotkehlchen dieses oder jenes Körnchen pickt, diesen oder jenen Grashalm zum Nestbau sammelt, auf diesen oder jenen Ast springt, ist es mein Privileg mal so, mal anders zu handeln. Möglichkeiten und Limitationen zu suchen und zu finden, wahrzunehmen. Wie ein Vogel vermag ich es im Schutz der Hecke zu hüpfen – oder mich in die unendliche Weite der Lüfte aufzuschwingen. Freiheit ist Wahl aus den gegebenen, erkannten Möglichkeiten. Ein Plural, den ich in jeder Sekunde neu (er)finden muss. Nicht selten ist ein Abenteuer zu wagen, um den Horizont zu erweitern. Letztendlich finde ich meine Freiheit(en) nur in mir.
Das Rotkehlchen hat mir Zufriedenheit gegeben. Gleichmut bedeutet absolute Freiheit. Im Glück (Sukha) des Moments bedarf es keiner weiteren Gedanken. Keiner Philosophie über die Freiheit.