Gesundheit

Da und dort schwatzen die Vögel, gurren, piepsen, pfeifen Melodien, flattern. Vom Bolzplatz das ballige „Plopp, Pong“; Rufe und Anweisungen. Dezent, – all dies gehört zur sonnigen Feiertagsruhe. Auf den Atem konzentriert, bin ich Teil von Welt. Leises Schlurfen im Gras. Erneute Ruhe. Wieder Schlurfen, eine Begrüßung, mit dunkelruhiger Stimme gesprochen. Zwei treffen sich neben mir, in der Frühsommersonne. Wunderbares Wetter.
Ich konzentriere mich auf den Atem. Dennoch, immer wieder schweben Gesprächsfetzen in meine Ohren. Es geht um Gesundheit. Untersuchungen, Screenings und Krankheiten im Umfeld. Ich atme tief ein, bleibe auf dem Atem, bei den Vögeln. Es lenkt mich ab. Bilder vom letzten Gespräch mit einem Freund kommen mir in den Kopf. Da ging es die erste viertel Stunde ebenfalls um dieses und jenes Zipperlein, nicht nur bei uns. Scheint am Alter zu liegen. Ich blicke verstohlen unter meiner Sonnenbrille hindurch zur Nebenbank. Ja, ein älteres Pärchen plauscht über Hautkrebsscreening, Vorsorge vor dem Urlaub und all diese Dinge. Zurück zum Atem. Wäre ich doch einer dieser Vögel, die die grüne Natur und den blauen Himmel mit ihrer wundersamen Atmosphäre tränken. Die Vögel erzählen von Revieren, PartnerInnen, Hunger und was weiß ich. Dann, irgendwann, fallen sie vom Ast und sind tot. So einfach, so gut. Ich finde den Atem wieder. Am Anfang war nichts, danach ist auch nichts.

Identität

„Da, der Baum, da, der Ahorn, wie er in seinem hellgrünen, zarten Frühlingskleid in der Sonne strahlt!“ Ruft mein Geist. Der Baum, mein Geist, die Sonne, der Frühling – Identitäten. Im Moment klar und eindeutig identifizierbar. Eine Sekunde später schiebt sich eine Wolke über die Sonne. Ein neuer Gedanke formiert sich aus den Strömen der Wort- und Bilderwolken im Kopf; wird klar, verpufft, formt sich neu. Trotz des Waberns erscheint es leicht und simpel zu philosophieren. In einem Zug die alltägliche, nutzbringende Verfallenheit zu erfahren und im Gleichen zu erkennen, dass nichts so ist, oder besser bleibt, wie wir so gerne annehmen.
Pulsierend breitet sich die Welt von mir, dem Subjekt aus. Der Singularität, die ich bin. Sie verbindet, verteilt, saugt auf; kommt, erkennt, vergeht. Mal klarer, mal eher unscharf, ahnend. Klare Worte, deren Bedeutung nie vollständig fassbar ist. Verbunden mit schwebenden Atmosphären, Stimmungen, die wie ein sanfter, sonniger oder kalter Nebel durch mich hindurchziehen. Ich betrachte das Foto. Ja, das war ich einmal. Im Kopf habe ich ein anderes Bild, als das, was im Spiegel auftaucht. Scharf und dennoch verschwommen, als wenn der heiße Wasserdampf auf dem reflektierenden Glas alle Konturen zu verwischen meint.
Identitäten sind Vergänglichkeiten und Strohhalme zugleich. Wir klammern uns an sie. Saugen aus ihnen unsere Existenz. Vergehen mit ihnen. Die Plastikstrohhalme brauchen dazu länger als mein Leben währen wird.
Ich bin im Beat. Ich bin pulsierender Rhythmus, schwebende Sphäre. Ganz da und doch nirgends.
Ich fasse das Buch, blättere, Gedanken werden aus Buchstaben, Zeilen, Worten aufgesogen. Ich gleite durch den Text. Meine Interpretation vermischt sich mit dem Fluss der Sätze. Später verstaubt das Buch, genauso wie die gelesenen Inhalte. Irgendetwas bleibt hängen, verwurstet sich mit meinem ich, verschiebt, verstärkt, vermindert meine Sichten auf die sich drehende Welt. Sie dreht sich um mich, ich drehe mich mit ihr. Was habe ich gerade gelesen? Wie hat sich der Beat angefühlt? Was war das für ein schöner Blick? Was war das für eine wundervolle Begegnung, Berührung? Was ist jetzt?
Ich schreibe, währenddessen löse ich mich auf. Worte formen sich im Kopf, fließen in den Text, verknoten sich, die parallele Idee – verflüchtigt. Wo wollte ich hin? Was ein imaginäres Ziel, ein Ziel zu haben. Was für eine Illusion, etwas Festes zu sein. Seid! Der schwere Bass von Massive Attack löst die Gedanken ab. Die Platte, der Text sind da, aber verstummen zugleich. Die wärmende Maisonne scheint. Anders als eben.

Begeisterung

Auf dem Plattenteller spielt „Perfect Coffee“ von Kae Tempest. Sanft schwebt der zuckerberieselte Milchschaum in meinem Becher, toppt den Kaffe. Ja, perfekt. Ein warmes Gefühl umschließt das Herz, welches sich nach der dynamisch-freudigen Bewegung langsam beruhigt. Zur Ruhe kommt, wie mein Kopf.… Ein warmer Schluck, fast heiß. Die Gedanken schweifen …zu den kahlen Bäumen, der harschigen, in die Tage gekommenen dünnen Schneedecke. Es ist kalt draußen. Die Meisen picken den ganzen Tag am bereitgestellten Futter. Selbst eine Amsel sitzt geplustert in der Hecke. Stippvisite des Rotkehlchens. Sie wärmen den Magen. Gegen die garstigen Außentemperaturen. Igelzeit bei -7 Grad. Der Himmel ist Grau, mein Bauch freut sich über die innere Gemütlichkeit.
Was ist der Unterschied zwischen Begeisterung und Zufriedenheit? Beides erfreut und scheint unbeständig, wie der sich verflüchtigende Schnee. Nur, dass die Begeisterung schneller verfließt. Zufriedenheit kann anhalten, langsam gemütlich, wohlfühlend durch den Körper treiben. Stimmung und Emotion, zwei miteinander spielende Zustände. Ewige Begeisterung wirkt auslaugend, fordert immer mehr, Konsum …sie verbraucht sich im Ereignis, im Spektakel, das eräugt und gefeiert wird. Bis es sich in kalter Alltagsluft auflöst. Es trägt nicht, wie dünnes Eis. Zufriedenheit sollte den Urgrund bilden. Sie ist gerne unbemerkt, schwebt unter der Begeisterung. Sie kommt und geht in Wellen, in immer neuen Kombinationen, die ihren Weg nach oben bahnen. Schön, wenn sie in ein ganzkörper-geistliges Gefühl münden. Permanentes Werden. „Perfect Coffe“, von Kate Tempest hat einen melancholischen Unterton. Ein trauriges Bild der Gentrifizierung, die mit ihren Coffe Shops über gewachsene Nachbarschaften herfällt, sie zerstört. Nach wie vor begeistert mich der Song, speziell, als ich den Schluck Kaffe zu mir nehme. Begeisterung, gemischt mit einer gewissen Traurigkeit. Dann macht sich Zufriedenheit breit. Sie will genährt werden, Wenn der Kaffe alle ist, werde ich mich aufs Kissen setzen. Atmen.

Aura


Mithin kommen unerwartete, kleine, verwunderliche Begegnungen langsam angeschlichen. Ich stehe auf dem Bürgersteig, warte. Sonne bestreicht warm mein Gesicht. Ich atme konzentriert ein und aus; bin bei mir. Aus dem Nichts taucht eine säuselnde, weibliche Stimme auf. Sie fragt, ob ich die Sonne genieße. Mein Blick schwenkt, sich langsam klärend. Ich nicke leicht. Die Aufmerksamkeit geht vom Atem auf die kleine rundliche Frau mit südländischem Antlitz über. Als meine Augen auf ihre treffen, schwebt die nächste Frage in mein Ohr: „Oder meditieren sie“. Mit sanftem Atem entgleitet ein, „beides“ meinem Mund. Sie schaut mich musternd aus ihren braunen Augen an: „Sie sehen zufrieden aus, ruhig. Nur ihre linke Seite ist etwas aus dem Gleichgewicht“. Ich lächele innerlich und äußerlich. „Ja, stimmt, da habe ich gestern eine Impfung bekommen, tut noch ganz gut weh.“ Jetzt ist der dumpfe Muskelschmerz im Oberarm wieder spürbar; selbst das matte, leicht fiebrige Gefühl kehrt zurück. Gürtelrosenimpfungen sind nicht ohne, aber ich gehe damit um.
Sie fragt: „Wissen sie was ich gerade mache?“. Ich schaue sie an, denke kurz nach. „Ja, ich denke sie lesen meine Aura.“ Ihr Blick, ihre Fragen mussten es suggeriert haben. Sie antwortet: „Die letzte 2 Jahre waren…belastend für Sie. Aber das nächste Jahr wird besser.“ Ich denke kurz nach. „Ja kann sein“; antworte ich. Nach kurzem Schweigen versucht sie mir eine Sitzung „für wenig Geld“ anzubieten. Ich bedanke mich freundlich und sie zieht weiter.
Auren sind nichts für mich… Mag sein, dass sie eine spezielle Wahrnehmung für diese oder andere Energieformen hat. Ich vermute eher, dass sie eine sehr gute Beobachterin ist. Mit entsprechender Übung sollte es nicht schwer sein aus Haltung, Blick und Gesichtsausdruck den inneren Zustand eines Menschen herauszulesen, deren Energie zu erkennen. Nicht umsonst sprechen wir von strahlenden Menschen oder gebückten Personen. Zudem bedarf es, zum Beispiel um Ki- zu erleben, zu spüren, meiner Erfahrung nach langjähriger Praxis. Nicht zu vergessen, dass laut alter, nicht nur indischer Tradition Meister, Gurus, Schamanen, Heiler und Medien kein Geld fordern. Ihre Gaben oder erworbenen Skills geben sie mit Freude an Mitglieder ihrer Community weiter, die sie unterstützt und ehrt. Ein wunderbares System, dass von der Geldwirtschaft des Kapitalismus korrumpiert wurde. Spiritualität, wie glaub ich, Aya Khema mal gesagt hat, reduziert sich nicht selten auf das Lesen eines „esotheric magazin“; oder halt die teure Sitzung, Kurse, Seminare, fadenscheinige Versprechen, die liefern ohne selber etwas zu tun. Ohne, dass Konzentration, Willenskraft und Aufmerksamkeit trainiert wird…im Markt der Eitelkeiten. Zu sich kommen, Austausch basiert auf Liebe, Freude, Vertrauen und Mitgefühl. Zu sich selber und der uns warm umschließenden Umwelt.
Alle Wesen sind eine Familie. Alles ist verbunden

Fest und grenzenlos

Ich bin kein Freund der Mathematik. Mein Gehirn scheint deren Konzepte in ihrer diskreten Erscheinungsweise nicht so locker anzunehmen. Es bewegt sich lieber im Raum des Ungefähren, des Unscharfen, des künstlerisch-spielerischen Philosophierens. Mit Freude lese ich Deleuzes und Guattaris Auslassungen. Selbst wenn von Abzissen und Mengenlehre die Rede ist, scheinen Denkpfade und spannende Aspekte auf. Diese Freunde im Wort helfen selbst bei der Diskussion „natürlicher Zahlen“. Diese Zahlzeichen spielen in meinem Leben kaum eine Rolle, außer ich muss etwas zählen oder bezahlen. Dennoch bringt die Diskurswolken dieser Φίλοι mir über mathematische Begriffe, gepaart mit der Bewegung, dem Werden, das Konzept der Grenzen näher: „Verzögerung heißt, eine Grenze im Chaos zu ziehen, die von allen Geschwindigkeiten unterschritten wird, so daß sie eine als Abszisse bestimmte Variable bildet, die man nicht überschreiten kann (etwa ein Maximum an Kontraktionen).“ (1)… Und so fort. Der Grenzwert. Die Grenze, ein Funktiv wie die Variable; im eingegrenzten Raum, den die Wissenschaft erzeugt. Arbiträr. Territorialisierung, Deterritorialisierung und Reterritorialisierung zwischen funktionalen Begriffen (Zahlen?) der Wissenschaft und beweglichen Begriffswolken der Philosophie, der wie alles eine handelnd-werdende Versammlung (Assemblage) darstellt. Erneut denke ich an ziehende Wolken. Ich denke Kunst und Spiel.
Ein fluides Denken schwebt in meinem Geist. Es greift nomadisierend nach Horizonten auf Plateaus. Deleuze und Guattari sprechen vom All-Einen (2). In meinem Kopf verbindet und verweben sich die Begriffe. Das All-Eine wird zum Brahman der Upanischaden (3), in das sich unser selbst (Atman) nach uralter Lesart dereinst eingeht; wir uns auflösen, entgrenzen werden. Über den leeren Raum schweife ich zu den Begriffsbrüdern Anatta und Anicca des Buddhismus. Alles ist im Werden, okzidental gesprochen „universell“. Jedoch ohne Fixpunkte, Transzendentalien. Begriffe, die sich in einem feinen Gespinst von All-Verbundenheit verknoten und zugleich wieder neu verbinden. Wir können sie als Variable, als mögliche Container nur kurz fassen (Grenzwerte), bis sie uns entgleiten. Ein wunderbares neues und zugleich uraltes Denken, dass immer wieder versucht, unser Klammern an feste Dinge (auch Zahlen) mit ihren scheinbar fassbaren Grenzen aufzulösen. Ein Denken, das erlebt, praktiziert werden möchte, um sich in der Leere zu zeigen. Heraklits πάντα ῥεῖ ! Das Yogi Siegel aus Mohenjo Daru! Atem, Prana und Ki, deren Begriffe so kraftspendend wie leer sind. Die Körper-Geist-Einheit muss sie gelebt, wir uns entgrenzt haben. Ohne deren Energie und ein kreisendes Ein und Aus stetigen Atemflusses ist kein Leben. Fließender Austausch.
Durch dieses Denken stellt sich alles fest geglaubtes, speziell in Bezug auf ein Festhalten (Besitz) in Frage. Denn wer besitzt schon mein Leben? Ich? Wo ist mein Trauma? Im unergründlichen Unbewussten? Woher kommen meine Gedanken? Von mir? Wo ist eine Wahrheit? Mal hier mal dort, mal fest, mal ein im Nebel ungreifbarer Schemen… Von Ast zu Ast schwingende Affen, die im Dickicht des Urwaldes davon gleiten, bis ihre letzten Rufe verhallt sind. Ziehende Wolken…

(1) Deleuze, G., Guattari, F. (1996) Was ist Philosophie? Suhrkamp (S. 136)

(2) „Als vorphilosophisch oder gar nicht-philosophisch jedenfalls setzt die Philosophie die Macht des All-Einen, und zwar als wandernde Wüste, die von Begriffen besiedelt wird.“ (ebenda S. 14)

(3) „Das Universum kommt aus dem Brahman hervor und wird zu Brahman zurückkehren. Wahrlich alles ist Brahman.“ Chandogya-Upanischad in Easwaran, E. (2008) die Upanischaden. Arkana, München (S. 243)

Sanft

Schwebend driftend, ohne Hast, voller Ruhe. Leicht, fast schwerelos, sanft sich drehend. Ein unmerklicher Hauch reicht. Das fedrige Gespinst torkelt vor meinem Gesicht. Ich atme; ein, dann aus. Wie ein flüchtiger Gedanke verweht das den Lungen entstömende Pneuma den Samen, der sich weder für eine Richtung, ein Oben oder Unten zu entscheiden vermag. Ein wager Hauch streicht von nirgendwoher durch die saftige ergrünende Vegetation. Strahlend blickt der Frühlingshimmel auf uns herab. Der Samen beschleunigt leicht, um dann seine Reise mal hier, mal dorthin fortzusetzen. Erneute Windstille. Langsam beginn das leichte, hellweiße Bällchen abzusteigen. Der sattfeuchten erde entgegen. Ein Lächeln steigt in mir auf. Eine tiefe Zufriedenheit, während mein schweifender Blick dem wolligen Punkt folgt.
Ich frage mich, was aus dem kleinen schwarzen Kern werden wird. Kann sein Grün sich dem Himmel entgegenstrecken? Schafft er es, inmitten all der Konkurrenz, die um uns herum tanzt, sein Ziel zu erreichen? Mit all den Myriaden taumelnden Wattebäuschchen, durchschwirrt von der hektischen Betriebsamkeit der Insekten, zieht er seines Weges. Langsam, schweigend, bedächtig. Wie auch ich. Verbunden mit der Welt in ihrem steten Werden auf immer gleichen Pfaden

Philos

„Es sind zwei Freunde, die sich im Denken üben, das Denken selbst verlangt, daß der Denker ein Freund ist, damit es sich in sich selbst teilen und ausüben kann. Das Denken selbst verlangt diese Aufteilung des Denkens unter Freunden. Das sind keine empirischen, psychologischen und gesellschaftlichen Bestimmungen mehr, noch weniger Abstraktionen, sondern Früsprecher, Kristalle oder Keime des Denkens.“ (1)

Ich schwirre zwischen Immanenzebenen, versuche dem transzendentalen Sog zu umgehen. Wie Wirbelstürme verfestigen sie das Denken und verlieren das Werden, die Vergänglichkeit, der wir uns stellen müssen. Wie schön Denkfreunde zu haben, die den Weg geleiten, anregen, motivieren. Spiegel, die in einer Falte des Plateaus die kurzen Sekunden einer sich zugleich auflösenden Wahrheit zeigen. Blitzlichter, die Begriffe schaffen und zerstäuben.
Mir deucht, ein altes, uraltes Wissen. Im monolithischen Westen vergessen, nicht geübt. Dabei ist es so einfach, so banal. Im Hin und Her des Spiels bliebt nie etwas so, wie es erscheint. Alles ist immer anders. Selbst im unendlich kleinen Moment. Die Allverbundenheit, das zeitlose All-Eine. In ihm ruht die Möglichkeit zur Gelassenheit. Dem Zulassen, sich darauf-ein-lassen. Eins werden, ohne sich zu verlieren. Ja, die Welt erscheint paradox. Sie ist in sich paradox. Wie in diesem Zustand zu leben möglich ist, haben schon die alten Chinesen oder Inder begriffen. Im nicht-denkenden Denken, jenseits jeglicher Begriffe. Die Vergänglichkeit der symbolisierten Gedanken betrachten und und im selben Moment loszulassen ist eine Kunst, die geübt werden möchte. Wie die Lücke zwischen den Perlen der Perlenkette, die es immer weiter auseinanderzuziehen gilt. Bis wir deterritorialisiert das Ewig-Eine Territorium des werdenden, seienden Scheins durchwabern. Sich selbst, den Denkfreunden und der Welt ein philos sein…

(1) Deleuze, D.; Guattari, F. (1996) Was ist Philosophie. Suhrkamp, Frankfurt a.M. S. 79

Teleologie

Heute habe ich mit den Krokussen geatmet. Zart sind ihre ersten Blüten, die sich zwischen den vertrockneten Überresten des letzten Herbsts, in der frischwürzigen Luft des Frühlings, den weichen Sonnenstrahlen entgegenstrecken. Jeder Aufbruch lässt uns nur zu gerne ein großes Ziel vermuten. Die feingefärbten, vergänglichen Blüten zeigen hingegen, dass jegliche Ziele Illusionen darstellen. Das Aufblühen von heute stellt das Welken von morgen dar. Genährt vom zersetzten Erblühen und vergangenem Verfall des letzten Jahres. Ein ewiges Werden und Vergehen, ein unablässiger Kreislauf. Nie werden wir wissen, wann, wie oder ob überhaupt etwas jemals endet.
Die Teleologie wiederum, das Denken in Zielen, ist trotz dieser simplen Erkenntnis unendlich mächtig. Er hat sich in die dunkle Erde, speziell das okzidentale Denken eingegraben wie die mächtigsten Wurzeln. Diese dunkel verdeckten Hölzer wuchern in unserem Geist, haben sich im scheinbar festen Mutterboden verankert. Wie ein Evangelium wird es uns modernen Menschen eingebläut. Es predigt davon, etwas zu werden (was bitte?), etwas zu sein (was bitte?). Es flüster davon, Dinge haben zu wollen, zu besitzen (wieso?), zu gewinnen oder zu den Gewinnenden zu gehören (warum?)…; kurzum immer weiter voranzustreben. In der Hoffnung ein mächtiger, ewigbeständiger Baum zu sein.
Wie tief diese Subjekt-Objekt-Ideologie unser Gehirn, unseren Geist durchdrungen und zersetzt hat, lässt sich unschwer in der Meditation erkennen. Es bedarf konzentrierter Anstrengung und Übung, den ein- und ausgehenden Atem in seinem vergänglichen Sein wahrnehmend zu genießen. Zudem fokussierte, unwillentliche Willenskraft, um den unendlichen Strom von zielgerichteten Gedanken sich verflüchtigen zu lassen. Gedanken, sie sich zumeist um zu lösende oder zu erreichende Dinge drehen. Seinen sie noch so klein, noch so groß. Mit ihren Bildern und Imperativen kommen und gehen die mit ihnen verbundenen Sorgen, Ängste, Wünsche, Hoffnungen.
Doch was ein Genuss, wenn der Geist in der Leere verweilen darf. Frei von allen Ansprüchen und Anrufungen, die uns täglich vorgaukeln, was wir alles Benötigen; wer wir sind. Bei der Freude, in der Betrachtung der Krokusse löse ich mich auf. Im Jetzt. Bis sich die Ziele erneut drohend melden. Es ist ein langer Weg, dessen Ende nie erreicht werden wird. Nicht in diesem, endlichen Leben, das alsbald vergehen wird.

Alleine, mit mir

Zum Sonnenaufgang hin verbinde ich mich mit den Elementen. Ich rieche die Luft, höre das Meer, spüre Wind, Stein und Sand. Kleine Fliegen verwechseln mich mit einem Haufen verwesenden Tangs und kitzeln. Sie helfen mir, mich in Konzentration und Willenskraft zu üben. Manchmal streife ich mir sanft über Arme und Beine, um die Horde für kurze Zeit zu vertreiben.
Mächtig und schwer stehen die Berge da. Tag für Tag, aber nicht für die Ewigkeit. Wie Kolosse, die aus den Tiefen des Meeres aufragen. Am Abend sind die schroffen, hinteren Gipfel wolkenumzogen. Trotz ihrer massiven Beständigkeit erscheinen sie wie schwebende Schatten, die sich mit dem nebeligen Firmament am Horizont vermischen. Himmel und Erde vereinigen sich mit der leicht kräuselnden See. Poseidon trifft Zeus, der in einer Höhle unweit von hier vor seinem Vater verborgen war.

Sanft senkt sich die Sonne genau zwischen den beiden stoischen Felsen von Nisi Paximadia in die Wolken herab. Das wunderbare Licht hebt das Eiland vor dem Horizont hervor. Wie in einem Schattenspiel. Es wird Herbst, die Schatten länger.
Auf mich geworfen sitze ich in der Taverne, nehme das friedliche Schauspiel in mir auf. Wohlgenährt von dem, was die Erde uns spendet. Die Gedanken sind leer. Ich bin alleine; bei mir; als Teil des Ganzen nicht einsam. Einsam sein, bedeutet mit sich sein. Mit sich selber sprechen können. Neben mir das junge Paar – schweigt sich an. Ein Mann telefoniert, mit laut gestelltem Handy. Das Meer löscht die blecherne Stimme aus. Für mich zu sein ist eine Qualität. Die Gedanken beruhigen sich, bekommen die Chance, sich der Weite der Natur aufzulösen. Wie durch eine sanfte Brise der Nebel werden sie, verbunden mit meinem Atem, bis hinter den Horizont verteilt.
Ich frage mich, ob das schweigende Paar gemeinsam einsam ist. Ob der Mann sinnlose Dinge in das quäkende Gerät geblubbert hat. Waren sie mit etwas verbunden? Mit jemandem? Mit sich selber? Ich spüre in mir die Liebsten, mit denen ich ohne Worte diesen herrlichen Moment teile. Sie sind wie mein Schatten: immer bei mir; geliebte Geister. Bald sehe ich Euch wieder und berichte.

Ende und Anfang

Die Kraft der See verbindet sich mit den Wolken, den beharrlichen Felsen und dem Leben spendenen Licht der Sonne. Ich bin – da.
War es vor drei Jahren eine leichte Gischt, die auf der Insel von der Freiheit kündigte, ist es heute ein warmer Sturm. Die brausenden Wellen fegen den Kopf frei. Zeit zeitigt sich, als wenn die Uhr auf der letzten Strecke kurz verharrt, um dann wie die rollenden Wellen auf ein unbestimmtes Ziel zuzulaufen. Als wenn ich ungezielt durch die Welt driften würde, deren Gischt, deren Nebel mal dichter, mal weniger dicht sind. Alles trifft sich in einer endlosen Ruhe.
Neue Rhythmen werden sich mit den Alten vermählen. Ohne die Fixpunkte, die mich im Arbeitsleben immer wieder auf den Rasterpunkten der Zeit, in fremdbestimmten Kalendern und zu sinnlosen Ereignissen zwangen. Ein eigener Rhythmus tut sich auf und tut dem müde-frischen Kopf gut. Driften ist aktiv, tätig sein. Sei es durch den sich leerenden Blick in die Weiten des Ozeans, die konzentrierte Fokussierung auf ein würdevolles, sinnstiftendes Gespräch, die Lektüre… oder die gefühlt sinnlose Tätigkeit, die nichts zu schaffen scheint. Wu Wei.